Mikrokredite: Wer wenig hat, zahlt mehr PDF Drucken E-Mail

 

Mikrokredite: Wer wenig hat, zahlt mehr

Mikrokredite wurden lange als Weg aus der Armut angesehen und als Strategie der Entwicklungszusammenarbeit propagiert. Doch seit dem Zusammenbruch der Mikro­finanzindustrie in Indien wachsen die Zweifel. Können Mikrokredite die Lebenssituation der Menschen verbessern, oder treiben sie die Armen in neue Schuldenspiralen?

Kenia: Miriam, eine junge Frau, erhĂ€lt einen Mikrokredit und kauft sich damit eine Kuh. Heute ist sie eine erfolgreiche Unternehmerin und verkauft Milch und Joghurt in Flaschen. Eine wunderbare Erfolgsstory. „Mehr als eine Milliarde Menschen leben in Armut. Mikrokredite können ihnen helfen, eine stabile Lebensgrundlage aufzubauen“, heißt es auf der Homepage von Oikocredit-Austria, einer internationalen Genossenschaft, die Mikro- und Projektkredite in Afrika, Lateinamerika, Asien und Osteuropa finanziert und damit einen Beitrag zur weltweiten ArmutsbekĂ€mpfung leisten will. Das erforderliche Kapital stammt aus Einlagen von Privatpersonen und Organisationen vorwiegend aus Westeuropa und Nordamerika, deren soziales Engagement mit zwei Prozent Dividende pro Jahr belohnt wird. Geht diese MilchmĂ€dchenrechnung auf?

Indien: Die BĂ€uerin Rajitha, Mutter von zwei Kindern suchte ihren Mann, der am Abend nicht von der Feldarbeit zurĂŒckgekehrt war. Sie fand ihn tot an einem Baum hĂ€ngend. Der Grund: Überschuldung. Rajitha und ihr Mann hatten sich Geld von einer bĂ€uerlichen Selbsthilfegruppe geliehen, um einen Brunnen fĂŒr das Feld zu graben und ein Haus zu bauen. Doch die Ernte schlug fehl. Die nĂ€chsten Jahre waren ein Albtraum. Ihre Einnahmen reichten nicht aus, um die Schulden zurĂŒckzubezahlen, und sie mussten sich neues Geld von Freunden, Verwandten und Geldverleihern borgen, so dass die Schulden stĂ€ndig anstiegen. Schließlich kam ein Mikrofinanz-Agent und bot ihnen einen Kredit ĂŒber 10.000 Rupien (220 Dollar) an. Sie schlossen sich mit anderen DorfbewohnerInnen, die ebenfalls Kredite aufnahmen, in einer Gruppe zusammen. Doch nun wurden Rajitha und ihr Mann von den anderen Mitgliedern der Gruppe verfolgt, wenn sie ihre Schulden nicht rechtzeitig bezahlten. „Sie folgten uns, wenn wir ins GeschĂ€ft einkaufen gingen, sie folgten uns auf das Feld und beschimpften uns in der Öffentlichkeit. Die anderen GlĂ€ubiger begannen ebenfalls, uns zu jagen. Wir schĂ€mten uns, wir waren in großen Schwierigkeiten. Mein Mann und ich stritten jeden Tag und beschuldigten uns gegenseitig.“ Nach dem Tod ihres Mannes verließ Rajitha mit ihren zwei Kindern das Dorf, um bei ihrem Vater zu leben. „Ich bin jetzt abhĂ€ngig von meinen Eltern. Ich kann nicht an meine Zukunft denken.“ Sie weint.

Ein anderes Beispiel in Indien: Fatima Mohamed lieh sich Geld, um ein Teehaus zu eröffnen. Doch das Teehaus brachte nicht genug ein, denn die Leute im Dorf haben alle zu wenig Geld, um viel zu konsumieren. Schließlich fand sie sich in einer endlosen Schuldenspirale gefangen. „Ich nahm einen Mikrokredit, doch der reichte nicht aus. Dann nahm ich einen zweiten, um den ersten zurĂŒckzuzahlen, danach einen dritten 
 Innerhalb von ein paar Jahren nahm ich fĂŒnf Kredite auf.“ Sie war kurz davor, sich selbst anzuzĂŒnden, ihre Familie konnte sie im letzten Moment davon abhalten. (1)

Krise der Mikrofinanzindustrie in Indien

Frauenselbsthilfegruppen wurden ursprĂŒnglich gegrĂŒndet, um gemeinsam ein bisschen Kapital anzusparen und gĂŒnstige Kredite von staatlichen Banken zu bekommen. Doch dieses GeschĂ€ft wurde von Mikrofinanzunternehmen ĂŒbernommen, die schneller höhere Kredite anbieten. Diese werden von den Banken bevorzugt, weil sie Schulden konsequenter eintreiben. In Indien haben 30 Millionen Familien Kredite aufgenommen. Die Mikrofinanzindustrie wuchs in atemberaubendem Tempo. Doch innerhalb von ein paar Monaten Ă€nderte sich die Situation. Die meisten Kreditnehmer hatten wenig Erfahrung darin, ein Unternehmen zu fĂŒhren. Viele, die die Raten und die hohen Zinsen nicht bezahlen konnten, begingen aus Verzweiflung und Scham Selbstmord. 2010 war die Mikrofinanzindustrie mit einer Krise konfrontiert. Immer mehr Schuldner weigerten sich, das Geld zurĂŒckzuzahlen, und die Banken wollten kein Geld mehr in diese Unternehmen investieren. Es sind schlechte Schulden, die niemand haben will, das Geld kann nicht in die Wirtschaft investiert werden und blockiert so das Wachstum.

Ein zentrales Argument fĂŒr Mikrokredite ist, dass damit ein Zugang zu Krediten fĂŒr Menschen geschaffen wird, die keinen Zugang zu normalen Bankkrediten haben. Es ist eine Tatsache, dass es fĂŒr die Menschen in vielen Regionen der Welt unglaublich schwierig ist, an Geld zu kommen. Andererseits ist es aufgrund der weltweiten Überproduktion – im Vergleich zur Kaufkraft – immer weniger profitabel geworden, Geld in der Produktion anzulegen. Deshalb wandert immer mehr Kapital in den Finanzsektor. Mit den Mikrokrediten wurde eine neue KundInnenschicht fĂŒr das Finanzkapital entdeckt, nĂ€mlich die Armen dieser Welt.

Demokratisierung des Kreditwesens oder ideologisches Projekt?

Mikrokredite entsprechen dem neoliberalen Konzept, die Lösung von Problemen auf Individuen zu verlagern. Staatliche Maßnahmen zur ArmutsbekĂ€mpfung, wie Subventionen auf Grundnahrungsmittel, wurden auf Druck von IWF und Weltbank abgeschafft. BemĂŒhungen, Importe aus dem Ausland zurĂŒckzudrĂ€ngen und Produkte in den LĂ€ndern selbst herzustellen, sind aufgrund verstĂ€rkter internationaler Konkurrenz gescheitert. Gleichzeitig setzte eine intensive Propaganda fĂŒr Mikrokredite ein. Die Verleihung des Nobelpreises an deren Erfinder Mohammed Yunus entspricht dieser Logik. Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2005 der Mikrofinanzierung gewidmet.

Vergeben werden diese Mikrokredite meist von NGOs, die ihr Geld wiederum von Banken erhalten. FĂŒr AnlegerInnen in den reichen Teilen der Welt, die ihr Geld nicht in die RĂŒstungs- oder Atomindustrie stecken wollen, ist es ein verlockendes Angebot, ihr Geld in solche Organisationen zu investieren. Noch dazu ist das Risiko gering, weil bei Mikrokrediten die RĂŒckzahlungsrate bei ĂŒber 90 Prozent liegt. Die Armen zahlen gut. Diese Sicherheit gilt auch als Werbefaktor fĂŒr lĂ€ngerfristige Geldanlagen. Auch in der Entwicklungszusammenarbeit ging man weg von staatlicher Hilfe und propagierte Mikrokredite. So schrieb Elisabeth Schmid von der Austrian Development Agency (2): „Anders als noch vor einigen Jahren gilt Mikrofinanzierung heute nicht mehr als WohltĂ€tigkeit. Die Institutionen mĂŒssen zumindest kostendeckend arbeiten, um nachhaltig zu wirken.“

Sind Mikrokredite ein geeignetes Mittel zur ArmutsbekĂ€mpfung oder geht es dabei vor allem um die Rendite? Verfechter des Mikrokreditmodells argumentieren, dass eine verantwortungslose Vergabe von oft mehreren Mikrokrediten, ohne zu prĂŒfen, ob der Kreditnehmer diese jemals zurĂŒckzahlen können wird, sowie mangelnde Beratung und Betreuung die Probleme verursacht hĂ€tten, Mikrokredite prinzipiell aber eine gute Sache seien. Es sei eine ethische Pflicht von Mikrofinanzorganisationen, genau zu prĂŒfen, ob eine Kreditvergabe erfolgversprechend ist. Ein großer Teil der ErtrĂ€ge wĂŒrde fĂŒr Beratung und technische Hilfeleistung verwendet, sagt GĂŒnter Lenhart von Oikocredit, dafĂŒr wĂŒrden Anlegern nur zwei Prozent Rendite bezahlt.

Ein weiteres Argument ist, dass mit Mikrokrediten Frauen gefördert werden. Wenn sie selbstĂ€ndig ein Unternehmen grĂŒnden und damit ihre Familie ernĂ€hren könnten, wachse ihr Selbstbewusstsein und ihre Rolle in der Familie und Dorfgemeinschaft werde gestĂ€rkt. Interessanterweise sind Frauen HauptempfĂ€ngerinnen und teilweise sogar ausschließliche EmpfĂ€ngerinnen dieser Mikrokredite. Ob bei den Geldgebern die soziale StĂ€rkung der Frauen im Vordergrund steht oder ihre grĂ¶ĂŸere Bereitschaft, mehr zu arbeiten und auf vieles zu verzichten, um den Kredit zurĂŒckzahlen zu können, bleibt zu hinterfragen.

Nun könnte man einwenden, dass Mikrokredite trotzdem eine Chance fĂŒr die Armen bedeuten, sich ein besseres Leben aufzubauen, und dass es zahlreiche erfolgreiche Projekte gibt. Doch Mikrokredite haben sehr hohe Zinsen, zwischen 20 bis 30 Prozent. Das ist zwar niedriger als bei Geldverleihern, aber weitaus höher als bei staatlichen Banken. Selbsthilfegruppen fordern deshalb den direkten Zugang zum staatlichen Kreditsystem. Besitzlose Slumbewohner oder Slumbewohnerinnen haben ohnehin keine Chance auf einen Mikrokredit, weil sie ĂŒber keinerlei Sicherheiten verfĂŒgen und somit nicht als „kreditwĂŒrdig“ gelten.

Venezuela: Hier geht man anders mit MikrokreditnehmerInnen um. Zum Großteil werden Kooperativen gefördert, die Zinsen sind staatlich subventioniert und es ist mit diesen Maßnahmen gelungen, ArbeitsplĂ€tze zu schaffen. Zudem sind Kooperativen in Venezuela in einer Organisation zusammengeschlossen und können auf bereits 44 Jahre Selbstverwaltung zurĂŒckblicken. Aber auch Kooperativen sind den Gesetzen des Marktes ausgeliefert und stehen in Konkurrenz zueinander, wobei hier die EigentĂŒmerInnen das volle Risiko tragen. Das heißt jedoch auch, dass hier kein Mindestlohn, keine Sozialversicherung und kein Arbeitszeitgesetz gelten. So gibt es bereits Unternehmen, die Arbeiten an Kooperativen auslagern, um Kosten zu sparen.

Schließlich bleibt die Frage, ob es sinnvoll ist, Menschen dazu zu ermutigen, ein GeschĂ€ft in einem Dorf aufzumachen, in dem alle arm sind. Wer sollte in diesem Shop einkaufen? Zu viele Produkte auf kleinem Raum drĂŒcken zudem die Preise. Auch wenn es erfolgreiche Beispiele gibt, tragen laut einer US-Studie (3) Mikrokredite insgesamt wenig zum wirtschaftlichen Wachstum in EntwicklungslĂ€ndern bei. Das Geld fließe vor allem in den Konsum und trage bestenfalls zum Erhalt einer von Kleinstunternehmen geprĂ€gten Subsistenzwirtschaft bei. Im Gegenteil verursache die Verschuldung durch Mikrokredite noch mehr Landflucht und den Verlust der Lebensgrundlage vieler KleinbĂ€uerInnen.

In Ägypten waren Mikrokredite sogar einer der Auslöser fĂŒr die Revolution, weil dort die Polizei die Rolle der Schuldeneintreiber erfĂŒllte, was zur allgemeinen Empörung ĂŒber die PolizeibrutalitĂ€t beitrug. Strukturelle Ursachen fĂŒr die Armut wie knappe Wasserressourcen, Umweltzerstörung und ungerechte Handelsbedingungen können eben nicht individuell gelöst werden.


(1) Aljazeera: Microfinance – Banking in Dept: http://youtu.be/xwoAv2xPGrM
(2) FrauensolidaritÀt Nr. 4/2005
(3) Cato Institute: http://www.scribd.com/fullscreen/13673519

Links:
Hammler, Katharina 2011: Mikrokredite - eine kritische empirische Bestandsaufnahme, ÖFSE Studie:
www.oefse.at/Downloads/publikationen/Mikrokredite_BP6.pdf
Wichterich, Christa: Das GeschĂ€ft mit der Armut. BlĂ€tter fĂŒr deutsche und internationale Politik, 7/2012 http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2011/maerz/mikrokredite-das-geschaeft-mit-der-armut

erschienen in Talktogether Nr. 40/2012