Gespräch mit Geeta aus Uganda PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Geeta aus Uganda

TT: Wenn du heute an die Zeit in Afrika denkst, welche Erinnerungen hast du?

Geeta: Meine Erinnerungen haben mit Familie und Geborgenheit zu tun. Für mich bedeutet Afrika Heimat. Ich habe eine wunderschöne und sorgenfreie Kindheit in Afrika erlebt. Die Familie war da, und das war das Schönste für mich. Als Kind habe ich das alles als Selbstverständlichkeit betrachtet. Wir waren in unserem Stadtviertel eine Community aus Afrikanern, Europäern und Menschen indischer Abstammung, und wir fühlten keine Unterschiede. Doch das endete ganz plötzlich, als Idi Amin durch einen Militärputsch an die Macht kam.

TT: Warum musste die indischstämmige Bevölkerung das Land verlassen?

Geeta: Das ging eindeutig von Idi Amin aus. Er war der Meinung, dass das Vermögen der indischen Leute, die zum Großteil Geschäftsleute waren, den Afrikanern gehöre. Die indische Bevölkerung in Uganda umfasste damals ca. 80.000 Menschen. Idi Amin hat uns 90 Tage Zeit gegeben, um das Land zu verlassen. Die Soldaten haben während dieser Zeit schon die Häuser besetzt, sie haben schon in unseren Häusern gewohnt. Wenn jemand ihre Anweisungen nicht befolgte, wurde er von den Soldaten geschlagen oder auf der Stelle umgebracht. Das haben wir als Kinder alles mitbekommen.

Bei der Ausreise wurden wir kontrolliert. Wir durften nichts mitnehmen. Deshalb besitze ich heute weder eine Geburtsurkunde, noch Schulzeugnisse oder Fotos von meiner Kindheit. Wir durften nur Kleider für einmal zum Wechseln einpacken. Wir haben mit angesehen, wie ein Sikh, der Schmuck in seinem Turban versteckt hatte, auf der Stelle umgebracht wurde.

TT: Weckt das das nicht Erinnerungen an die Enteignungen durch die Nationalsozialisten?

Geeta: Ja, genau, das war ähnlich... Auf jeden Fall entschloss sich mein Vater, uns Kinder und meine Mutter nach Indien zu schicken, während er versuchen wollte, noch etwas von unserem Besitz zu retten. Wir sind von Mombasa mit dem Schiff nach Indien gefahren. In Indien waren wir bei der Schwester meiner Mutter untergebracht. Wir haben dann drei Jahre in Indien gelebt.

TT: Welches Geschäft habt ihr in Uganda gehabt?

Geeta: Mein Vater war Mechaniker, er hatte eine Autoverkaufs- und Reparaturwerkstatt. Sein Bruder, mein Onkel, restaurierte Oldtimer und hatte ein Taxiunternehmen. Viele Inder hatten Fabriken oder Lebensmittelgeschäfte.

TT: Wie sind die Leute von Indien nach Afrika gekommen?

Geeta: Mein Ururgroßvater war Ingenieur. Während der Kolonialzeit benötigten die Briten für den Ausbau des Eisenbahnnetzes Fachkräfte, die haben sie aus Indien geholt. Die meisten sind dann in Afrika geblieben, weil sie dort ein gutes Leben hatten. Wir waren bereits die vierte Generation. Deshalb sehe ich mich als Afrikanerin und sehe Afrika als meine Heimat an.

TT: Das klingt so, also ob du nach deiner Zeit in Afrika nicht mehr das Gefühl von Heimat gehabt hast…

Geeta: Als ich Afrika verlassen musste, war ich von heute auf morgen heimatlos. Ich habe auch nirgendwo mehr dieses Gefühl gehabt, zu Hause zu sein. Meine Vorfahren sind zwar aus Indien, aber Indien war nie meine Heimat. Als wir nach Indien gekommen sind, fühlte ich mich entwurzelt. Die Umgebung, die Menschen, alles war für mich fremd.

TT: Ihr wurdet von Idi Amin von Uganda vertrieben, weil ihr seiner Ansicht nach mehr hattet als die AfrikanerInnen. Würdest du das als Afrikanerin heute auch so sehen?

Geeta: Nein. Idi Amin hat den Neid bewusst geschürt. Unser Hausarzt war Afrikaner. In unserer Werkstätte waren afrikanische Arbeiter beschäftigt. Es gab verschiedene Menschen, ärmere und wohlhabendere, aber das hatte nicht mit der Hautfarbe zu tun. Sicher, in unserem Viertel lebten eher wohlhabende Menschen, aber sie waren unterschiedlicher Herkunft, europäischer, afrikanischer oder indischer.

TT: Wurden nur Menschen indischer Herkunft vertrieben oder auch andere Ausländer?

Geeta: Nein, es wurden nur Menschen aus Indien oder Pakistan vertrieben. Die Engländer und Holländer durften dort bleiben. Die Inder waren Unternehmer und Geschäftsleute, während die Europäer eher als Juristen oder im Militär tätig waren.

TT: Wie war die Reise nach Indien? Wie war eure Ankunft in Indien?

Geeta: Die Reise mit dem Schiff habe ich lustig gefunden, weil mir der Ernst der Situation damals noch nicht bewusst war. Sie hat zehn oder elf Tage gedauert. Es waren viele Kinder auf dem Schiff und wir durften den ganzen Tag spielen, es gab Essen und Filme. Die Ankunft in Indien dagegen war für mich zuerst ein Schock. Wir wurden von den Geschwistern meiner Mutter im damaligen Bombay (heute Mumbai) abgeholt. Wir mussten zu zwölft – wir waren ja elf Kinder – in einem Raum leben. Wir haben auf Matratzen auf dem Boden geschlafen, im selben Raum war unsere Küche… alles in einem Raum, das war ich nicht gewohnt. Dazu kam, dass wir uns um meinen Vater sorgten, wir wussten nicht, ob er noch lebte und ob es ihm gut ging. Wir wussten nicht, wie das Leben weiter gehen sollte. Meine Mutter konnte mit elf Kindern nicht arbeiten.

TT: Wie bist du nach all dem in Österreich gelandet?

Geeta: Wir haben dann erfahren, dass mein Vater in Österreich ist und dass es ihm gut geht. Er wollte zuerst die Situation erkunden, bevor er uns nachholte. Nach drei Jahren, es war im März 1976, sind wir dann nach Österreich geflogen. Das war der zweite Schock. Vom Flughafen fuhren wir gleich ins Flüchtlingslager. Wir waren heimatlose Flüchtlinge und haben uns ausgeliefert gefühlt. Wir haben zwar ein schönes Haus bekommen, sie haben extra eine Krankenstation für uns frei gemacht, weil wir eine so große Familie waren, und wurden auch sehr gut behandelt. Doch wenn wir hinaus oder hinein wollten, mussten wir einen Ausweis herzeigen. Wir haben Essensmarken bekommen, damit wir Essen holen durften. Wir fühlten uns wie Verbrecher in einem Gefängnis, wir empfanden diese Situation als erniedrigend.

TT: Wie viele Menschen lebten damals im Flüchtlingslager Traiskirchen?

Geeta: Es waren ca. 100 Personen, die meisten davon waren wie wir indische und pakistanische Familien, die aus Uganda geflohen waren, unsere Nachbarfamilie kam aus Libyen, es war eine Mutter mit sechs Kindern, deren Mann in Libyen umgebracht worden war, dann gab es auch eine Familie aus Rumänien und zwei aus Polen.

TT: Wie ist dein Vater nach Österreich gekommen? Hat er schon in Österreich Asyl gehabt, als ihr angekommen seid?

Geeta: Sie haben ihn einfach in ein Flugzeug gesetzt, das in Wien gelandet ist. Wir galten als Heimatlose und haben sofort Asyl bekommen, ein Asylverfahren oder Befragungen gab es nicht. Mein Vater bekam eine Stelle bei der Firma Semperit. Wir lebten noch im Flüchtlingslager, konnten aber selbst kochen und ein selbständiges Leben führen, da haben wir uns viel besser gefühlt. Ich bin in die Hauptschule gegangen. Ich habe meinen Hauptschulabschluss aber nicht fertig gemacht, weil meine Mutter an Krebs erkrankte und nach Indien zurück wollte. Mein Vater und meine Geschwister wollten alle nicht nach Indien, deshalb ich sie nach Indien begleitet, da war ich gerade 16-einhalb Jahre alt. Wir sind zwei Jahre in Indien geblieben und ich habe dort den Schulabschluss gemacht. Als es ein bisschen besser ging, sind wir wieder nach Österreich zurück.

Nach meiner Rückkehr nach Österreich habe ich im Flüchtlingslager meinen späteren Mann kennengelernt, der dort als Polizist arbeitete. Ich habe mich in ihn verliebt. Wir haben uns heimlich getroffen, meine Eltern durften nichts davon wissen. Wie es in Indien üblich ist, war ich nämlich schon einem Mann versprochen, den ich aber nicht kannte.

TT: Damals war es offenbar leichter, Asyl zu bekommen… Bist du dann weiter zur Schule gegangen?

Geeta: Nein, weil ich schon 18 Jahre alt war, durfte ich nicht mehr in die Schule und sollte mir einen Beruf suchen. Ich wusste nicht, was tun. Eigentlich hätte ich gerne studiert, aber der Hauptschulabschluss war zu wenig. Ich wollte auch nicht mit 18 Jahren noch eine Lehre beginnen. Ich habe dann bei Philipps in einer Fabrik gearbeitet, wo wir Teile für Radios und Fernseher zusammenbaut haben. Dann bin ich schwanger geworden, habe geheiratet und bin zu meinem Mann gezogen.

TT: Wie begann diese neue Phase in deinem Leben? Wie wurdest du von der Bevölkerung aufgenommen?

Geeta: Das war ganz unterschiedlich. Ein Teil der Leute hat mich akzeptiert, andere nicht. Manche waren sehr freundlich und neugierig, sie haben mich gefragt: „Wo kommst du her? Aus Indien? Indien muss doch schön sein!“ Wenn ich ihnen erzählte, dass ich aus Afrika komme aber Inderin sei, konnten sie das nicht verstehen. Die Kollegen meines Mannes haben mich alle akzeptiert. Aber mein Sohn hat in der Schule viele Probleme gehabt, er ist so dunkel wie ich. Er hat darunter sehr gelitten.

TT: Wenn du damals mit heute vergleichst, was hat sich geändert?

Geeta: Es hat sich vieles verschlechtert, würde ich sagen. Damals durften zumindest die Männer alle sofort arbeiten. Wir durften trotzdem eine gewisse Zeit noch im Flüchtlingslager bleiben. Als meine Mutter im Krankenhaus war, hatte er zufällig gehört, wie jemand gesagt hat: „Es ist kein Malheur, wenn eine Asylantin stirbt.“ Deshalb hat er sich, nachdem meine Mutter gestorben war, entschlossen, nach England zu ziehen. Es war nicht schwer, in ein anderes Land zu ziehen, man musste nur einen Antrag stellen, und das ging dann relativ schnell. Meine Geschwister gingen mit ihm und ich bin allein in Österreich geblieben.

TT: Fühlst du dich in Österreich zu Hause?

Geeta: Nein, ich muss sagen, dass ich vor allem hier in Salzburg sehr negative Erfahrungen mit Rassismus gemacht habe und immer als Ausländerin angesehen werde. Begonnen hat es mit der Wohnungssuche. Oft habe ich gehört: „Wir vermieten nicht an Ausländer!“ Es ist auch schwierig für mich, in der Kosmetikbranche eine Arbeit zu finden, deshalb gehe ich meistens auf Saison. Man redet mich respektlos mit „Du“ an. Wenn ich in ein Geschäft gehe, werde ich kontrolliert. In einer Arbeitsstelle hat mich der Chef verdächtigt, dass ich ihn bestehlen würde. Wenn ich zu meinem Auto gehe, bleiben Leute stehen und beobachten, was ich tue, ich habe sogar erlebt, dass sie mich fotografieren. Das tut weh.

TT: Bald ist der 8. März, der Internationale Frauentag. Heute leben in Österreich viele Frauen aus Afrika und Asien. Was würdest du diesen Frauen empfehlen?

Geeta: …sich bloß nie unterkriegen lassen, das ist das Wichtigste. Auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt, nicht aufgeben! Man sollte sich Ziele setzen und diese verfolgen, versuchen seinen Weg zu gehen und seine Ideen zu verwirklichen. Man sollte sich nicht verstecken, sondern die Sprache lernen, unter die Leute gehen, sich Informationen holen und Menschen suchen, die einen unterstützen.


erschienen in Talktogether Nr. 39/2012