Gespräch mit Sirag Al Issa aus Syrien PDF Drucken E-Mail


Gespräch mit Sirag Al Issa aus Syrien


„Der Befehl lautete, einfach in die Menge zu schießen, damit es so aussieht, dass die Gewalt von den Demonstranten ausgeht. Dabei wurde ich von den Befehlshabern beobachtet, die aus sicherer Entfernung mit Ferngläsern die Demonstration beobachteten.“

Talktogether: Du hast dich an Talktogether gewendet. Was möchtest du uns mitteilen?

Sirag: Ich bin gerade aus Syrien geflohen und möchte euch erzählen, warum ich geflüchtet bin, was ich als Polizist in Syrien erlebt habe und mit welchen Problemen ich konfrontiert war. Ich möchte, dass die Öffentlichkeit erfährt, was in Syrien passiert.

Talktogether: Was waren deine Aufgaben als Polizist?

Sirag: Ich arbeitete als Grenzpolizist an der Grenze zur Türkei, meine Aufgabe war es, die Pässe zu kontrollieren. Üblicherweise dauerte der Dienst 24 Stunden, dann durfte ich nach Hause gehen. Seitdem der Aufstand in Syrien begonnen hat, wurde ich nach dem Ende meiner Schicht zu den Demonstrationen geschickt und zwar in mein Dorf, wo meine Leute wohnen. Ich musste Zivilkleidung und tragen und meine Waffe verstecken, damit mich die Leute nicht als Polizist erkennen und in die erste Reihe der Demonstranten gehen.

Talktogether: Was musstest du bei diesen Demonstrationen tun? Was haben sie dir aufgetragen?

Sirag: Ich sollte mich unter die Demonstranten mischen und sie beobachten, dann sollte ich berichten, welche Personen ich gesehen habe. Doch es wurde noch schlimmer. Sie befahlen mir, mich mit einer Waffe in die Menge zu schmuggeln und Menschen zu erschießen. In Syrien gilt das System, dass du als Polizist den Befehlen gehorchen musst, sonst bist du geliefert.

Talktogether: Waren es bestimmte Leute, die du erschießen solltest?

Sirag: Nein, der Befehl lautete, einfach in die Menge zu schießen, damit es so aussieht, also ob die Gewalt von den Demonstranten ausgehe. Dabei wurde ich von den Befehlshabern beobachtet, die aus sicherer Entfernung mit Ferngläsern die Demonstration beobachteten. Sie passten genau auf, was ich tat, wenn es keine Leichen gab, bekamst du Probleme. Ich konnte aber nicht auf diese Menschen schießen, denn ich sah es als meine Aufgabe an, die Menschen zu schützen und nicht sie wahllos zu töten.

Talktogether: Was passiert, wenn jemand diese Befehle nicht ausführt?

Sirag: Das bedeutet üblicherweise das Todesurteil. Ich hatte einen Kollegen, mit dem ich zusammen gearbeitet habe. Er hat es abgelehnt, auf die Demonstranten zu schießen. Er hat das nicht offen vor dem Offizier gesagt, sondern einfach den Befehl nicht ausgeführt. Sie haben ihn ermordet.

Talktogether: Wie bist du damit umgegangen?

Sirag: Wie ich schon gesagt habe, habe ich versucht zu vermeiden, Menschen zu erschießen. Danach haben sie mir die Polizeimarke abgenommen. Weil sie Kollegen, die verweigert hatten, getötet haben, war mir bewusst, dass sie auch mich umbringen würden. Ein Kollege hatte mich gewarnt, dass ich in größter Gefahr sei, und deshalb bin ich geflohen und habe das Land verlassen.

Talktogether: Wer sind die Gegner des Regimes?

Sirag: In den Fernsehnachrichten wird immer behauptet, dass die Aufständischen Terroristen seien. Wenn Autos aus dem Ausland kommen, zündet man sie an und sagt: Schaut her, das sind Terroristen! Das ist aber nicht wahr, die Demonstranten kommen aus allen Teilen der Bevölkerung. Inzwischen ist die Mehrheit der Bevölkerung für einen Sturz des Regimes von Bashar. Wenn nur eine Minderheit gegen die Regierung wäre, wäre das Problem nicht eskaliert und das Regime hätte schon längst eine Lösung gefunden.

Talktogether: Warum sind die Menschen gegen die Regierung von Assad?

Sirag: Bashar ist ein Diktator, genau wie es sein Vater war. Der Hauptgrund aber, warum die Menschen heute so unzufrieden mit der Regierung sind, ist, dass es keine Arbeit gibt und das Leben so teuer geworden ist. Dazu kommt auch, dass das Regime die Völker spaltet. Diese Spannungen zwischen der Regierung und der Bevölkerung und die schlechte Lebenssituation sind die Gründe des Widerstandes. Zum Beispiel sind die Preise von Benzin und Lebensmitteln sind stark angestiegen. Eine anständige Arbeit bekommen heute nur mehr die, die gute Beziehungen mit dem Umfeld der Machthaber haben.

Talktogether: Warum gab es nicht so große Aufstände in der Regierungszeit von Hafiz Al Assad?

Sirag: Aus drei Gründen gab es nicht so großen Widerstand wie heute: Erstens: Unter Hafiz Al Assad hat sich niemand getraut, seine Meinung kundzutun, weil jeder wusste, dass er jeden Widerstand mit einem Massaker vernichten würde, und dafür gibt es auch genug Beispiele. Zweitens: Damals war die Unzufriedenheit nicht so groß wie heute, weil die wirtschaftliche Lage der Menschen besser war. Die Leute hatten Arbeit und das Leben war billiger. Drittens damals hatte es auch keine Bedeutung, welcher Volksgruppe du angehörst, es gab nur die Ba`ath Partei, und der Partei gegenüber hatte man loyal zu sein. Die Bevölkerung wurde bespitzelt, so dass keiner seinem eigenen Bruder vertrauen konnte und jeder Widerstand bereits im Keim erstickt werden konnte. So funktionierte das 30-jährige System des Diktators.

Talktogether: Gibt es bestimmte Parteien und Oppositionsgruppen, die den Widerstand anführen?

Sirag: Nachdem politisch Parteien immer verboten waren, war es nicht möglich, eine organisierte Opposition zu formieren. Die Protestbewegung hat sich spontan gebildet. Der Aufstand kam für mich sehr überraschend. Ich erinnere mich, wie es angefangen hat. Ich wollte auf den Markt gehen, um Gemüse zu kaufen, plötzlich machten alle Geschäfte zu und die Leute gingen auf die Demo. Die Probleme sind zu groß geworden und deshalb hatte die Bevölkerung die Angst verloren. Ja, so einen Widerstand kann man nicht planen. Genug ist genug, sagen die Leute und gehen auf die Demonstration.

Talktogether: Was denkst du über eine Unterstützung durch das Ausland? Hältst du eine Intervention wie in Libyen für sinnvoll?

Sirag: Die Bevölkerung hat kein Vertrauen in die Nato. Alle sehen, was in Syrien seit Monaten passiert und alle haben tatenlos zugesehen. Vielleicht sähe die Situation anders aus, wenn Syrien Öl hätte wie Libyen. Die syrische Bevölkerung rechnet nicht damit, dass die Nato einschreiten wird, weil diese ihre guten Beziehungen mit Russland und China nicht aufs Spiel setzen will. Russland und China haben sehr intensive Handelsbeziehungen mit Syrien und haben Angst, diese Vormachtstellung zu verlieren. Außerdem haben die Nato-Länder jetzt selbst genug Probleme mit der Wirtschaftskrise.

Talktogether: Wie geht es weiter, wenn Bashar gestürzt wird? Könnte es zu einer Destabiliserung des Landes oder sogar zu einem Bürgerkrieg kommen?

Sirag: Ich hoffe nicht, dass ein Bürgerkrieg ausbricht, ich denke, die Situation kann nur besser werden. Die Realität kann ich aber auch nicht ignorieren. Durch den Aufstand ist es zu einer Spaltung der Bevölkerung gekommen, denn die Demonstrationen finden vor allem in bestimmten Teilen des Landes und in bestimmten Städten wie Homs statt. In dieser Stadt gibt es in einem Stadtviertel Massaker, in einem anderen nicht. Der größte Teil der Bevölkerung ist gegen das Regime, aber der Widerstand fokussiert sich auf bestimmte Gebiete und das spaltet die Bevölkerung. Wenn Bashar stürzt, können wir einen Bürgerkrieg nicht ausschließen. Ich hoffe aber nicht, dass es dazu kommt, denn wir haben bereits genug Schlimmes durchgemacht.

Talktogether: Am Anfang waren die Proteste friedlich. Heute sind immer mehr Waffen im Spiel. Woher kommen die Waffen?

Sirag: Der Großteil der Waffen stammt von Polizisten und Soldaten, die übergelaufen sind. Es gibt aber auch einen Waffenschmuggel an den Grenzen, vor allem aus Libanon aber auch aus der Türkei. Diese Waffen kommen von Schwarzmarkt-Händlern, denn weder die libanesische noch die türkische Regierung wollen es sich offen mit Al Bashar anlegen.

Talktogether: Welche Hoffnungen hast du für die Zukunft?

Sirag: Ich mache mir vor allem Sorgen um meine Familie. Sie haben weder Telefon noch Strom, so dass ich sie nicht anrufen kann und nicht weiß, wie es ihnen geht. Deshalb hoffe ich, dass ich in Österreich so schnell wie möglich Asyl bekomme, damit ich meiner Familie helfen kann. Ich hoffe auch, dass der Krieg bald vorbei ist und die Regierung mit der Bombardierung der Bevölkerung aufhört. Ich hoffe, dass dazu keine ausländischen Kriegflugzeuge benötigt werden. Denn in Syrien gib es genug Waffen und noch mehr Waffen können wir nicht brauchen.

Übersetzung: Noor Abdelnasser

(Anm. d. Redation: Sirag hat inzwischen Asyl bekommen und seine Frau und seine kleine Tochter nach Salzburg holen können.)

erschienen in Talktogether Nr. 39/2012