Hunger in Somalia PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Warsame aus Somalia

„Wenn ein Kamel an Hunger und Durst stirbt,
können die Menschen nicht überleben“

 

TT: In den Nachrichten wird von der Hungersnot in Somalia berichtet und es wird zu Spenden aufgerufen. Warum ist die Situation in Somalia so schlimm?

Warsame: Trockenheit ist in dieser Region nicht ungewöhnlich, aber was die Auswirkungen so schlimm macht, ist, dass es heute Krieg und Dürre gleichzeitig gibt. Wenn es früher eine Dürre gab, versuchten die Menschen rechtzeitig an Orte zu wandern, wo es Weidegründe für ihre Tiere gab. Wenn das nicht möglich war, gab es staatliche Hilfe. Heute gibt es keine handlungsfähige Regierung, die die Menschen unterstützt. Heute sind fast alle Gruppen bewaffnet und Munition ist billiger und leichter zu bekommen als Getreide. Ein somalisches Sprichwort lautet „Nabad iyo Caano“,  wir brauchen Frieden und Nahrung.  Die Menschen können sich nicht gleichzeitig den Waffen und dem Hunger schützen. Diese Kombination von Gewalt und Hunger ist tödlich, die Flucht ist ihre einzige Chance, weiter zu leben.

TT: Es gab schon früher Trockenheit und Hungersnöte in der Region. Wie waren die Auswirkungen damals?

Warsame:. In den 1970er Jahren gab es eine schlimme Dürre in mehreren Teilen des Landes, die als „Abaar dabadeer“ (Dürre mit dem langen Schwanz) bezeichnet wurde. Die Dürre hat glücklicherweise nicht zu einer Hungerskatastrophe geführt, weil es eine funktionierende Regierung gab, die schnell Maßnahmen getroffen hat, um den Menschen zu helfen. Menschen aus dem Norden und Zentralsomalia wurden in die südlichen Teile des Landes gebracht, die fruchtbarer sind und nicht von der Dürre betroffen waren. Dort wurden sie unterstützt, ein neues Leben anzufangen. Die Nomaden können sich zwar nicht schnell mit einem Leben als Ackerbauern anfreunden und viele sind später wieder in den Norden zurückgekehrt, aber immerhin hatte man die Menschen vor dem Hunger gerettet.

Auch als es 1984 eine Dürre am Horn von Afrika gab, gab es in Somalia keinen Hunger. Damals hungerte die Bevölkerung in Äthiopien, weil die dortige Militärregierung in einen Bürgerkrieg verstrickt war. Und die letzte Hungersnot, die es in Somalia 1992 gegeben hat, war nicht durch eine Dürre verursacht, sondern durch die tödliche Politik rivalisierender Clanchefs.

TT: Wie ist die politische Situation heute?

Warsame: Ich glaube, es gibt fast niemanden, der die jetzige somalische Politik analysieren kann. Es hat eine Diktatur gegeben und die wurde von der Bevölkerung gestürzt, weil sie schwach geworden war. Den Bürgerkrieg haben die Menschen hinter sich gebracht, weil die Stämme müde geworden sind. Aber Al Shabaab wird nicht müde, denn sie bekommen Waffen und finanzielle Unterstützung aus dem Ausland. Noch schlimmer ist, dass sie auch Nachschub an Kämpfkräften bekommen. Sie haben britische, amerikanische und arabische Kämpfer, die in Somalia kämpfen, ist das nicht verrückt? Auf der anderen Seite gibt es eine Übergangsregierung, die abhängig von ausländischer Hilfe ist, und weder in der Lage ist, zu regieren, noch Al Shabaab zu bekämpfen. Trotzdem bekommt sie internationale Anerkennung und ist gleichzeitig Auftraggeber für afrikanische Nachbarländer, die ihre Soldaten nach Mogadischu schicken, angeblich zur Stabilisierung. Von ihr können wir nur erwarten, dass sie zurücktritt, bevor die Gewalt weiter eskaliert. 

TT: Können wir Al Shabaab als Terroristen bezeichnen?

Warsame: Die Gruppe ist zweifellos eine terroristische Vereinigung und steht in Verbindung mit Al Qaida. Beweis dafür sind ihre Kämpfer, die aus ganzer Welt gekommen sind. Aber nicht alle, die für sie kämpfen, kämpfen freiwillig, denn sie entführen Jugendliche, bedrohen sie, unterziehen sie einer Gehirrwäsche oder nutzen ihre Not aus und versprechen ihnen Geld. Von jugendlichen Flüchtlingen, die es geschafft haben, der Gewalt in Somalia zu entkommen, wurde mir erzählt, dass man sie sogar zwingen wollte, Mitglieder ihrer eigenen Familie zu ermorden. Ich bin sicher, dass ein Großteil der somalischen jungen Leute versuchen würde, von Al Shabaab zu fliehen, wenn es eine Möglichkeit gäbe. Sie sind keine Terroristen und wissen, dass sie durch ein Bombattentat nicht ins Paradies kommen!  

TT: Hat die Dürre auch ökologische Gründe?

Warsame: Wenn man hier in Österreich einen Baum fällt, muss an der gleicher Stelle ein Baum angepflanzt werden. Aber in Somalia wissen die Menschen nicht, ob sie morgen noch am Leben sind, daher denkt man nicht an morgen, sondern nur an heute. Man weiß, dass diese Einstellung kurzsichtig ist, denn ein somalisches Sprichwort sagt: „Pflanze einen Baum, auch wenn du morgen stirbst“, aber man tut das Gegenteil, weil die Bedürfnisse so groß sind. Die Abholzung ist eine Ursache für die Ausbreitung der Wüste. Die Menschen brauchen das Holz nicht nur um zu kochen, sondern es wird auch Holzkohle für den Export auf die arabische Halbinsel erzeugt. Genau so verschwenderisch gehen sie mit ihren Viehherden um, auch die Überweidung ist ein ökologisches Problem. Riesige Mengen an Vieh werden von Somalia nach Arabien exportiert, weil die Nachfrage so groß ist. Wenn Somalia einmal das Glück hat, eine richtige Regierung zu bekommen, dann wird es eine ihrer großen Herausforderungen sein, Lösungen für die ökologischen Probleme zu finden.

TT: Nachrichten von Somalia handeln meist von Krieg, Piraten, Hunger… Wie war deine Jugendzeit in Somalia?

Warsame: In meiner Kindheit waren Kriege und Gewalt etwas Fernes, man hörte davon aus Südafrika oder Palästina. Dann kam der Krieg zwischen Äthiopien und Somalia. Schließlich ist der Krieg noch näher gerückt und hat sich in einen Bürgerkrieg verwandelt. Wenn ich heute die Bilder der Flüchtlinge sehe, die am Ende ihrer Kräfte nach Kenia fliehen, fällt es mir schwer, das zu glauben und hinzunehmen. Ich vergesse die schöne Zeit, die ich in meiner Jugendzeit in Mogadischu erlebt habe.  

In meiner Kindheit habe ich persönlich nie Not gelitten. Es hat auch arme Menschen gegeben, die nicht viel hatten. Aber an so eine schlimme Not kann ich nicht erinnern. Wenn irgendwo eine Dürre war, haben die Menschen haben sich gegenseitig geholfen, wenn das nicht reichte, gab organisierte die Regierung Unterstützung. Damals war Mogadischu eine lebendige Stadt, es gab öffentliche Schulen, Krankenhäuser, Universitäten, Straßen, Theater, jetzt gibt es das alles nicht mehr. Heute gibt es nur mehr  Privatschulen und Privatuniversitäten, wo man Schulgeld bezahlen muss. Damals gab es Fabriken, wo Baumwolle, Zucker, Gemüse und Obst, die auf den Plantagen angebaut wurden, verarbeitetet wurden. Ich finde es schade, dass junge Menschen, die im Krieg aufgewachsen sind, nicht wissen, wie es früher war.

Seit 1988 gibt es Kriege in Somalia, doch die konnten die Menschen überstehen, weil sie die Hoffnung hatten, wer überlebt, würde eines Tages ein besseres Leben führen können. Als ich das Land verlassen habe, haben mächtige Stämme um die Macht gekämpft. Damals fragte man: Von welchem Stamm bist du? Heute fragt man: Hast du gebetet? Warum trägst du keinen Bart? Man mischt sich in deine intimsten Angelegenheiten, es gibt keine persönliche Freiheit mehr. Das ist eine Denkweise, die den Menschen keine Möglichkeit lässt, eine Stunde Freude zu haben, und das raubt ihnen die Kraft, die harte Situation zu ertragen.

TT: Gibt es außer Dürre und Krieg noch andere Ursachen für den Hunger?

Warsame: Wenn mir eine Übertreibung erlaubt ist, würde ich es eine Intrige nennen, nämlich, dass man Menschen durch sogenannte Hilfe abhängig macht. Ich kann mich an eine Zeit in Somalia erinnern, wo es zwei Saisonen hintereinander nicht geregnet hatte und die Menschen nichts anbauen konnten. Es herrschte Nahrungsmittelknappheit aber keine Hungersnot. Nach acht Monaten hat es dann endlich geregnet und die Menschen haben sich beeilt, Mais, Hirse und andere Feldfrüchte anzubauen. Genau zu diesem Zeitpunkt begann die amerikanische Regierung, gelben Mais von Flugzeugen abzuwerfen. Mit diesen Maislieferungen wurde den einheimischen Bauern der Markt abgegraben und jeder Ansporn genommen. So eine Art von Hilfe leitet die Menschen auf einen falschen Weg, nämlich in die Abhängigkeit und führt sie auf einen Irrweg.

Jetzt werden Spenden gesammelt. Natürlich ist Akuthilfe nötig, damit die Menschen überleben, sie sollte aber nicht nur auf jetzt ausgerichtet sein. Die Menschen haben ihre Tiere verloren, sie sind jetzt Flüchtlinge. Man sollte fragen, was die Menschen brauchen, damit sie auch in Zukunft überleben können. Eines der größten Probleme ist der Wassermangel. Früher haben die Menschen Brunnen selbst gebaut, heute ist das nicht mehr möglich, vielleicht weil der Grundwasserspiegel gesunken ist, oder weil das traditionelle Wissen durch die Abhängigkeit von außen verloren gegangen ist.

Wenn man den Menschen in Somalia wirklich helfen möchte, müsste man zu allererst die Waffenlieferungen nach Somalia stoppen. Wenn es vor der Kolonialisierung in Somalia einen Krieg oder Konflikt gegeben hat, ist es um drei Dinge gegangen: Um Weidegründe, um den Zugang zu Wasser oder um Viehdiebstahl. Es hat vielleicht Verletzte aber selten Tote gegeben. Aber damals hat es keine Einmischung von außen gegeben, und die Menschen hatten ihre eigenen Methoden, ihre Konflikte zu regeln. Es gab den Xeerbeg, ein Rat, dessen Aufgabe es war, eine Lösung zu finden, mit der alle leben konnten, um zukünftige Konflikte zu vermeiden. Aber die Waffen von heute können gleichzeitig Hunderte töten. Auf den Xeerbeeg hört man nicht mehr, stattdessen wird von außen diktiert, von Leuten, die die Regeln der nomadischen Gesellschaft nicht kennen.  

Das wichtigste im Augenblick ist, Al Shabaab zu entwaffnen und zu isolieren, und den Menschen, andere Möglichen zu verschaffen, um zu überleben. Elman Ahmed, Starlin Arush und Abdulkadir Yahya waren Helden der somalischen Friedensbewegung und ein Vorbild für viele Jugendliche. Elman Ahmed hat nach dem Freitagsgebet Flugblätter verteilt, auf denen stand: „Lass der Gewehr, nimm den Kugelschreiber“. Diese mutigen Menschen haben Schulen und Werkstätten gegründet, um den jungen Menschen eine Ausbildung zu geben und sie von den Waffen wegzubringen. Wer von seinem Wissen und aus eigener Kraft überleben kann, ist nicht abhängig von der Clanpolitik. Leider standen sie jenen im Weg, die am Krieg profitieren, und haben mit ihrem Leben bezahlt. Aber wir müssen Risiken eingehen, wenn wir unser Land und uns selbst nicht aufgeben wollen. Wir müssen dem Hass und der Resignation, die wir nicht nur in Somalia, sondern auch in Afghanistan, Irak oder in Norwegen gesehen haben, etwas entgegensetzen. Die Erde ist groß genug für uns alle. Wir müssen nicht alle Freunde sein, aber uns akzeptieren und respektieren. Freiheit und Gerechtigkeit sind für alle möglich, denn unseren Planet ist reich.

TT: Viele Menschen in Somalia überleben nur, weil sie monatlich Geld von ihren Verwandten im Ausland geschickt bekommen. Macht das die Menschen nicht auch abhängig?

Warsame: Ja, diese Abhängigkeit gehört zu den Hauptproblemen. Die meisten schicken nur Geld an ihre Familien, damit sie überleben, aber manche unterstützen auch Kriegsparten oder finanzieren sogar Al Shabaab. Ihnen ist egal, was in Somalia passiert, weil sie ja nicht dort leben. Andere wiederum sind total passiv. Heute werden in Somalia viele Moscheen gebaut, dort gibt es immer fließendes Wasser. Die Menschen haben aber kein Trinkwasser und müssen in die Moschee gehen, um Wasser zu holen. Damit will man die Leute anlocken, ich glaube aber nicht, dass so etwas im Sinne des Islam ist.

Was Somalia wirklich braucht sind Schulen und Werkstätten, um junge Menschen in handwerklichen und technischen Fertigkeiten oder in Buchhaltung auszubilden, aber auch politische Bildung und zivilgesellschaftliche Institutionen, die stabiler sind als irgendeine Regierung. Es gibt viele Leute, die Ideen und Erfahrungen sammeln, um in Somalia etwas aufzubauen In diese Menschen setze ich meine Hoffnung. Am meisten könnte man für Somalia tun, wenn man diese Menschen unterstützt, damit sie ihr Know How und ihre Erfahrung umsetzen können. Es gibt z.B. eine Gruppe von Studenten, die Schule und Brunnen bauen lassen. Somalia ist nicht so arm, dass die Menschen Hunger und Not leiden müssen. Der Mangel von Bildung, Wissen und Selbstbewusstsein sind die primären Probleme, warum  in Somalia und in ganz Afrika Armut herrscht. Solange die afrikanischen Ressourcen abgezogen werden und die Technik und das Wissen fehlen, sie selbst zu verarbeiten, ist kein Ausweg in Sicht und Afrika wird abhängig von den Industrieländern bleiben.

TT: Viele Leute würden gerne für die Hungernden spenden? Was kannst du ihnen raten?

Warsame: Vor allen sage ich als Somali, ich möchte diesen Menschen für ihre Hilfsbereitschaft danken und hoffe, dass die Spenden die notleidenden Menschen erreichen. Spenden sollten aber nicht dazu da sein, um das Gewissen zu beruhigen. Man braucht die Armen, um für sich selbst einen Platz im Himmel reservieren. Hier sehe ich eine Parallele zwischen der christlichen und der islamischen Gesellschaft. Im Ramadan schlachtet man eine Ziege und verteilt das Fleisch an die Armen, danach kümmert man sich nicht mehr um sie. Sinnvolle Hilfe sollte nachhaltig und zukunftorientiert sein.

Die Menschen, die heute im Lager auf Essen warten, haben ein eigenständiges Leben geführt. Es ist erniedrigend, von fremder Hilfe abhängig zu sein. Deshalb sollte man im Hinterkopf behalten, was man für die Menschen tun kann, damit sie eine Zukunft haben und nicht in fünf Jahren wieder auf der Flucht sein müssen. Meine Freunde und ich planen auch eine Aktion und wollen versuchen, Wasserbrunnen zu bauen und nützliche Werkzeuge zu finden, damit wir den Menschen eine langfristig Perspektive bieten können.   

 erschienen in Talktogether Nr. 37/2011