Darwin's Nigthmare PDF Drucken E-Mail

Darwin's Nigthmare:

Wer ist der größte Räuber?

Das gefräßige Monster

Ich bin dem Monster innerhalb kurzer Zeit zweimal begegnet, allerdings erschien mir es in wehrloser Form, als saftiges Filet im K√ľhlregal. Das erste Mal beim Spar, das zweite Mal in einem portugiesischen Supermarkt. Fischfilets aus Afrika in einem vom Fischreichtum des Atlantiks gesegneten Land? Nein, diese Filets k√∂nnte ich nicht genie√üen, die Bissen w√ľrden mir im Hals stecken bleiben. Der Anblick der Fischfilets bringt die Bilder des Films Darwin's Nightmare wieder in mein Bewusstsein: Bilder von ausgebeuteten ArbeiterInnen, von Stra√üenkindern, von Frauen, die in die Prostitution getrieben und von AIDS dahingerafft wurden. Dies alles sind die Auswirkungen des weltumspannenden Systems, welches von den Herrschenden "freier Handel", "freie Marktwirtschaft" oder "Globalisierung" genannt wird. Was diese harmlos klingenden W√∂rter f√ľr die betroffenen Menschen bedeuten, zeigt der Film des Tirolers Hubert Sauper auf.

Die Katastrophe begann mit einem kleinen wissenschaftlichen Experiment irgendwann in den sechziger Jahren, als im Viktoria-See in Ostafrika, dem größten tropischen See der Erde, eine fremde Fischart ausgesetzt wurde: Der Nilbarsch, ein gefräßiges Raubtier, das doppelt so groß wie ein Mensch und bis zu 200 kg schwer wird, hat es innerhalb von drei Jahrzehnten geschafft, fast den gesamten Bestand der ehemals 400 Fischarten auszurotten. Mit dem Effekt, dass aufgrund des explodierenden Algenwachstums der Sauerstoffspiegel drastisch sank, weil die kleinen Fischarten, die sich von den Algen ernährten, plötzlich spurlos verschwunden waren. Ist der Nilbarsch der Übeltäter in dieser Geschichte? Am Ende wird auch er ersticken und 14.000 Jahre Evolution zu einem traurigen Ende bringen.

Fette Filets f√ľr Europa, Abf√§lle f√ľr die Einheimischen

Weil es so einen √úberfluss dieses fetten Fisches gibt, werden seine Filets in die ganze Welt exportiert. In der Fischfabrik in Mwanza am Viktoria-See, Tansania, bereiten die Arbeiter die Fischfilets vor, die ausnahmslos f√ľr den Export bestimmt sind. Der Besitzer, Mr. Diamond, erkl√§rt stolz: "Die Fischindustrie hat Jobs f√ľr viele Menschen an der K√ľste des Sees geschaffen, die Menschen in der Region sind total abh√§ngig von der Fischindustrie." Diamond erz√§hlt weiter, dass viele Unternehmer Kredite von der Weltbank bekommen haben. Die n√§chste Szene zeigt eine Slumgegend am Stadtrand von Mwanza. "Life tastes good", erkl√§rt eine gro√üe Coca-Cola-Werbetafel, w√§hrend Lastwagen Fischabf√§lle abladen. Die Menschen hier, zumeist Frauen, h√§ngen die Fischskelette auf Stangen und Leinen zum Trocknen in der Sonne auf, w√§hrend kleine Jungen sich mit Kranichen und Fliegen um die Fischabf√§lle streiten. Eine alte ein√§ugige Frau klagt, dass die giftigen D√§mpfe Blutarmut, Erblindung und Lungenprobleme bei den Menschen hervorrufen, die hier leben und arbeiten. Eine andere Frau meint, es w√§re doch besser hier, als in dem Dorf, aus dem sie gekommen war, hier k√∂nnte sie zumindest etwas verdienen. Dann schweigt sie, offensichtlich aus Angst vor ihrem Arbeitgeber.

"Wir verkaufen unser Land"

W√§hrenddessen sitzt eine Delegation von EU-Kommissaren um den runden Tisch in einem Konferenzsaal. Ein Delegierter gratuliert den politischen Vertretern Tansanias zu der hohen Qualit√§t des Fisches und zu den hygienischen den EU-Standards entsprechenden Bedingungen bei der Verpackung. Die Fischexporte aus dem Viktoriasee machen 25 Prozent der Exporterl√∂se des Landes aus. Wir sehen auch eine internationale √Ėkologie-Konferenz, mit ranghohen Vertretern aus Kapital und Politik. Ein Film wird vorgef√ľhrt √ľber die sch√§dlichen Auswirkungen, die der Nilbarsch verursacht hat. Doch ein ehrw√ľrdiger Minister ist nicht erfreut √ľber diesen Film. Er sagt: "Wir d√ľrfen nicht immer alles so negativ sehen. Nicht der ganze See ist verschmutzt und durch Algen verseucht, man muss doch auch die positiven Seiten der Fischindustrie sehen. Wir sind doch nur zu einem Zweck hier, damit wir unser Land verkaufen k√∂nnen, unseren See und unseren Fisch. ... !" Ohne Scham offenbart dieser Politiker vor der Kamera, dass er und seinesgleichen bereit sind, ihr Land an den H√∂chstbieter zu verscherbeln.

Zur√ľck in Mr. Diamonds B√ľro. "Es kommen harte Zeiten", klagt er, das √úberangebot habe den Markt ruiniert. Vor kurzem noch wurden t√§glich 500 Tonnen Nilbarschfilets ausgeflogen. Wie viele Menschen damit ern√§hrt werden k√∂nnten? Er wei√ü es nicht ... Es sind zwei Millionen, erfahren wir durch eine Einschaltung. Im B√ľro liegt eine Zeitung, in deren Schlagzeilen vor einer Hungersnot gewarnt wird. Hunger in einem Land, das fr√ľher aufgrund seines ‚Äěafrikanischen Sozialismus‚Äú Vorbild und Hoffnungstr√§ger f√ľr viele andere afrikanische Staaten war? Doch auch Tansania, das in der Vergangenheit durch seine Landwirtschaft f√ľr seine Bev√∂lkerung immer ausreichend Nahrung erzeugt hat, ist in die F√§nge der globalen Marktwirtschaft und des imperialistischen Systems geraten. Billige Getreideimporte haben der einheimischen Landwirtschaft den Boden unter den F√ľ√üen weggezogen und das Land von Nahrungsmittellieferungen aus dem Ausland abh√§ngig gemacht. Diese Entwicklung hat die Bauern von ihrem Land getrieben und gezwungen, das schnelle Geld zu suchen, z.B. in der Fischindustrie um den Viktoriasee. Dazu kam noch, dass der IWF den afrikanischen Staaten Agrarsubventionen verbot, w√§hrend die Preise f√ľr den importierten Reis stetig ansteigen, was ihn f√ľr die Armen bald unerschwinglich machte. Seither ist Tansania bei Ernteausf√§llen immer wieder mit Hungersn√∂ten konfrontiert.

Trauben f√ľr europ√§ische Kinder - Waffen f√ľr afrikanische Kinder

An den Ufern des gr√∂√üten tropischen Sees der Welt landen jeden Abend riesige Frachtflugzeuge, um am n√§chsten Morgen wieder in die Industriel√§nder des Nordens zu starten, beladen mit hunderten Tonnen frischer Fischfilets. Manche der Flugzeug aus dem Norden landen jedoch nicht in Mwanza, sie fliegen weiter in Richtung Kongo, mit einer anderen Ladung an Bord: Waffen. Der Regisseuer Hubert Sauper hat sich den meist aus Russland und der Ukraine stammenden Piloten der Cargoflugzeuge angeschlossen, ohne die er sich nicht in der Gegend fortbewegen h√§tte k√∂nnen. Schon nach wenigen Bieren und Wodkas erz√§hlten sie ihm, dass sie nicht nur humanit√§re Hilfsg√ľter in die Kriegsgebiete liefern, sondern auch alles, was der Krieg braucht, Bomben, Minen, Kalashnikovs, Munition. Ein Pilot berichtet, wie er mit einer Ladung Waffen in das vom Krieg verw√ľstete Angola flog, um anschlie√üend in S√ľdafrika Trauben f√ľr Europa zu laden. "Die Kinder in Afrika bekommen Waffen zu Weihnachten, die Kinder in Europa Trauben", sagt er bitter, und nach einer kurzen Pause meint er nachdenklich, er w√ľnschte, alle Kinder der Welt k√∂nnten gl√ľcklich sein.

Die Bilder einer von AIDS getroffenen Frau, die schon zu schwach ist, aufzustehen, gehen mir nicht aus dem Sinn. Nachbarn und Verwandte helfen ihr, sich aufzusetzen, und f√ľttern sie. Die Menschen starren verloren und teilnahmslos in die Kamera. Anschlie√üend singen junge Menschen, bei einem Begr√§bnis eines AIDS-Opfers ein Trauerlied. Welche Sch√∂nheit inmitten all der Trauer und Hoffnungslosigkeit! Nicht alle Menschen, die auf der Suche nach einer Einkommensm√∂glichkeit zum Viktoriasee str√∂men, finden einen Job. Prostitution ist weit verbreitet, ebenso HIV und AIDS. Viele Frauen haben ihren Mann verloren. Wegen der vielen Krokodile ist es ein sehr gef√§hrlicher Job, die riesigen Fische aus dem See zu ziehen. Die Frauen haben nichts anderes zu verkaufen als ihren K√∂rper. Es ist ein t√∂dlicher Kreislauf. "In der Vergangenheit‚ÄĚ, erz√§hlt M'Kono, ein ehemaliger Lehrer und B√ľrgermeister eines Dorfes, "rauften sich die Europ√§er um das Land in Afrika, heute gieren sie nach den Rohstoffen". Es herrsche das Recht des St√§rkeren, und das seien eben die Europ√§er, denn sie besitzen das Geld, sie beherrschen den IWF, die Weltbank und den Welthandel. "Sie sind es, die vom Handel und sogar von den Hilfslieferungen profitieren: Es ist das Gesetz des Dschungels.‚Äú

Der traurige Anblick der Klebstoff schn√ľffelnden Stra√üenkinder, die ihre Kindheit verloren haben, wird nur von den zynischen Bemerkungen des W√§chters der Fischfabrik, √ľbertroffen. Er erz√§hlt, wie sein Vorg√§nger von Dieben in St√ľcke geschlagen worden war. Obwohl er nicht mehr als einen Dollar pro Tag f√ľr seine Dienste erh√§lt, sei er bereit, jeden Einbrecher sofort zu erschie√üen, informiert er uns ruhig mit einem L√§cheln im Gesicht. Viele Menschen hoffen auf Krieg, erz√§hlt er, denn die Armee zahle gute Geh√§lter. "Ich f√ľrchte mich nicht vor dem Krieg!" f√ľgt er hinzu.

Hintergrund:

Die Idee zum Film war 1997 entstanden, w√§hrend Sauper an einem Film √ľber die ruandischen Fl√ľchtlinge arbeitete: "Eines Tages sah ich zwei gigantische Frachtflugzeuge auf dem kleinen Flugfeld von Mwanza, die beide bis zum Rand voll mit Lebensmitteln waren. Das eine war mit 50 Tonnen gelber Erbsen aus Amerika beladen, welche die Fl√ľchtlinge in den UN Lagern ern√§hren sollten. Der zweite Flieger hob in Richtung Europa ab, mit einem schweren Bauch voller frischer Fischfilets. Dieselben Fl√ľchtlinge, die am Tag gelbe Erbsen gef√ľttert bekamen, wurden in den tropischen N√§chten mit Maschinengewehrsalven niedergeschossen, zehntausende Menschen waren pl√∂tzlich nicht mehr da. In den Morgenstunden filmte meine zitternde Kamera die zerst√∂rten Lager und K√∂rper", erfahren wir auf der Homepage des preisgekr√∂nten Films.

"Darwin's Nightmare könnte ich in Sierra Leone erzählen, nur wäre der Fisch ein
Diamant, in Honduras eine Banane und in Angola, Nigeria oder Irak schwarzes √Ėl."

"Mit Darwin's Nightmare versuchte ich, die seltsame 'success story' eines Fisches und den kurzfristigen Boom um dieses erfolgreiche Tier in eine ironische und be√§ngstigende Allegorie zu verwandeln, welche die Neue Weltordnung reflektiert. Es ist zum Beispiel unglaublich aber wahr, dass, wo immer in einer relativ armen Gegend ein wertvoller Rohstoff entdeckt wird, die Menschen im Umfeld des neuen Reichtums elendig zugrunde gehen ... Verwunderlich ist, dass die beteiligten Akteure eines m√∂rderischen Systems keine h√§sslichen Gesichter haben, und meistens sogar keine schlechten Absichten. Die Beteiligten sind wir, ihr und ich. Einige von uns machen 'nur ihren Job', und sie fliegen z.B. einen Jumbo von A nach B, der mit Napalm beladen ist. Einige wollen einfach von nichts etwas wissen, andere k√§mpfen um das nackte √úberleben", sagt Sauper, "Darwin's Nightmare k√∂nnte ich in Sierra Leone erz√§hlen, nur w√§re der Fisch ein Diamant, in Honduras eine Banane und in Angola, Nigeria oder Irak schwarzes √Ėl. Es macht mich krank, diese sich wiederholende Geschichte immer wieder zu h√∂ren und zu sehen."

Quelle: www.darwinsnightmare.com Normal 0 21 false false false DE X-NONE X-NONE MicrosoftInternetExplorer4

erschienen in: Talktogether Nr. 18/2006