Tourismus und Revolution in Nepal PDF Drucken E-Mail

Rote Fahnen auf dem Dach der Welt

Tourismus im Kriegsgebiet? Eine ungewöhnliche Vorstellung. Nicht im Himalaya-Land Nepal. Obwohl dort seit acht Jahren ein Volkskrieg gegen den König und die feudale Unterdrückung geführt wird, gilt Nepal als sicheres Reiseland für Touristen.

Während wir von den Medien täglich mit Meldungen über blutige Gewalt überflutet werden, findet dort von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt eine andere Art von Krieg statt. Die Ziele sind die Abschaffung der Monarchie, soziale Gerechtigkeit, eine radikale Landreform sowie die Errichtung einer direkt vom Volk getragenen Demokratie. Der Hauptteil Nepals ist steiniges Gebirgsland, wo ein Großteil der bäuerlichen Bevölkerung trotz harter Arbeit auf kleinen Terrassenfeldern nie genug zum Essen hat. Im Süden, entlang der indischen Grenze, liegt die fruchtbare Tiefebene mit den Ländereien feudaler Großgrundbesitzer, die von PachtbäuerInnen und besitzlosen LandarbeiterInnen bestellt werden. Die Einführung einer parlamentarischen Demokratie 1990 konnte die Probleme der verarmten Bevölkerung nicht lösen, und die Kluft zwischen Reich und Arm hat sich sogar noch vergrößert. Deshalb fanden die Ansichten der „Maobadi“, wie die Revolutionäre in Nepal genannt werden, großen Anklang bei der armen Bevölkerung und der Jugend. Bald konnte die Bewegung im ganzen Land Fuß fassen.

Am 13. Februar 1996 nahm eine revolutionäre Volksarmee unter der Führung der Kommunistischen Partei Nepals den bewaffneten Kampf auf. Nach dem Vorbild von Maos „Langem Marsch“ in China geht der Kampf von den ländlichen Gebie­ten aus mit dem Ziel, befreite Zonen zu schaffen. Heute wird bereits ein großer Teil der Distrikte von gewählten dörflichen Volkskomitees selbstver­waltet. <>König Birendra hatte sich lange ge­weigert, die Armee gegen die Maoisten ins Feld zu schicken. Doch nach der Ermordung der königlichen Familie im Juni 2001, brach sein Nachfolger König Gyanendra mit der Politik seines Bruders. Er rief den nationalen Notstand aus und mobilisierte die Armee, die mit aller Brutalität gegen die Aufständischen vorging. Als das Parlament im Frühjahr 2002 eine Verlängerung des Ausnahmezustands ablehnte, wurde es kurzerhand vom Premierminister Deuba aufgelöst, welcher seinerseits im Oktober 2002 vom König entlassen wurde. So wurde das demokratische System außer Kraft gesetzt und alle Macht liegt beim König und der Armee. Da es der Regierung gelungen war, den Kampf gegen die Revolutionäre im Rahmen des „internationalen Kampfes gegen den Terrorismus“ zu positionieren, konnte die Royal Nepali Army zudem durch ausländische Waffenlieferungen stark aufrüsten.

Die Strategie der „Maobadi“ ging nun weg von Massenangriffen und verschob sich auf kleinere gezielte Aktionen. Der Kampf ist langwierig, doch die Revolutionäre sind entschlossen, zu siegen. Undweil dafür der Rückhalt der Bevölkerung unerlässlich ist, wird versucht die Zahl der Opfer gering zu halten. Schließlich ist ein Polizist, der auf Gnade hoffen kann, leichter bereit, überzulaufen. Auch die internationale Sympathie spielt eine Rolle, und man will vermeiden, dass ausländische Besucher zu Schaden kommen. Angesprochen auf Menschenrechtsverletzungen beteuerte der Sprecher der Kommunistischen Partei Baburam Bhattarai in einem Interview im Juli 2002, es sei für ihn unvorstellbar, „dass disziplinierte und hoch motivierte Kader solche verwerflichen Verbrechen begehen“.

Nicht immer zu unterscheiden ist zwischen „Maobadi“ und „Kalibadi“ (= Nepali: die dunkle Hälfte des Mondes), „Trittbrettfahrern“, die die allgemeine Verunsicherung nutzen, um im Namen der Maoisten kriminelle Taten zu begehen oder mit ihnen verwechselt werden. Wenn es auch in diesem Krieg unschuldige Opfer gibt, sind sich die meisten Beobachter – auch jene, die nicht mit den Maoisten sympathisieren – doch über die positiven Auswirkungen der Rebellion einig. Sie brachte soziale Veränderungen und nahm den Leuten die Lähmung gegenüber der Obrigkeit. Die Menschen wurden politisiert und die Landbevölkerung, vor allem die Frauen, bekamen bisher unbekannte Möglichkeiten, sich an politischen Aktivitäten und Entscheidungen zu beteiligen.


Gespräch mit Peter Schatzl über Tourismus in Nepal 

Der Geograph und Bergsteiger Peter Schatzl hat für seine Doktorarbeit die Auswirkungen des Tourismus bei organisierten Trekkingreisen untersucht und das Land 2002 und 2003 besucht. Talk Together sprach mit ihm über seine Eindrücke.  

Talk Together: Seit wann hast du Interesse an Nepal?

 

Peter: Meine besondere Liebe galt schon immer dem Hochgebirge. Auslöser für mein Interesse am Himalaya war eine Exkursion in das Naturreservat Gangotri, im Gahrwal Himal in Indien. Was mich faszinierte, war das scheinbare „Chaos“, das überall herrscht, und die Andersartigkeit der Kultur.

 

Talk Together: Ist es nur die Andersartigkeit, die dich inter­essiert oder hast du auch Gemeinsamkeiten entdeckt?

 Peter: Ich habe viele Ähnlichkeiten zwischen der bäuerlichen Kultur der Himalaya-Völker und der Kultur in den österrei­chischen Alpen entdeckt. Man bezieht doch alles Fremde, alles was man erlebt, auf das, was man kennt und sieht nie wirklich objektiv, sondern immer im Bezug zur eigenen Sozialisation.

Talk Together: Welche Erfahrungen hast du durch das Reisen gemacht?

Peter: Durch das Reisen lernt man, nicht alles so eng zu sehen, und dass daheim nicht der Fokus der Welt, nicht die ganze Wahrheit ist. Diese Einstellung wird durch die Erfah­rung, Neues zu sehen und zu erleben, aufgelockert.

 

Talk Together: Wie oft und wann warst du in Nepal? Was hast du dort gemacht?

 

Peter: Ich war viermal in Südasien, einmal in Indien, einmal in Pakistan und zweimal in Nepal. In Nepal arbeitete ich mit den NGOs ECCA und ÖkoHimal zusammen. ECCA (Environmental Camps for Conservation Awareness) arbeitet mit Kindern, um sie zu mehr Umweltbewusstsein zu erziehen, denn es ist oft und vor allem die lokale Bevölkerung, die mit ihren Müll nicht umgehen kann. Kinder sind offener und zugänglicher als Erwachsene und sie können als Vermittler und Meinungsbildner für das restliche Dorf fungieren. ÖkoHimal ist eine Orga­nisation mit Sitz in Salzburg und Kathmandu. Ihr erstes Projekt war der Know-How Transfer und die Finanzierung eines kleinen Wasserkraftwerks in einer abgelegenen Region, das schließlich von der Dorfbevölkerung selbst gebaut wurde. Des weiteren fördert ÖkoHimal Dorfgemeinschaftsprojekte, die das Ziel haben, den Lebensstandard zu erhöhen, vor allem was die Hygiene, Wasserversorgung und Gesundheit betrifft. Außerdem initiiert ÖkoHimal Ökotourismus-Projekte. Die Idee ist, dass die lokalen Gemeinschaften am Tourismus profitieren sollen, z.B. durch den Bau und das Betreiben von Unterkünften, oder qualifizierte Service- und Führungstätigkeiten. In Ländern wie Nepal ist es ja meist so, dass die Touristen alles in der Hauptstadt buchen und die Dorfbevölkerung von den Touristen nichts hat, außer vielleicht den Müll, den sie hinterlassen. Aber Tourismus sollte immer nur ein Nebenerwerb sein und niemals Haupteinnahmequelle werden.

 

Talk Together: Welches sind die größten Probleme, mit denen die Bevölkerung in Nepal konfrontiert ist?

 

Peter: Das sind vor allem die Armut, mangelnde Gesund­heitsvorsorge bzw. Versorgung und mangelnde Ausbildungsmöglichkeiten, unzureichen­der Zugang zu Trinkwasser, die Unterdrückung der Frau. In den Gebirgsregionen Nepals ist die Rolle der Frau zwar bedeutender als in anderen Gegenden Südasiens, dafür ist die Arbeitsbelastung enorm: zur Haus- und Feldarbeit sowie der Kinderbetreuung kommt noch, dass die Frauen oft von weit her Wasser und Brennholz holen müssen. Ein Problem für die Dorfbevölkerungen stellen auch Schutz­gebiete dar, die die Leute von der Nutzung von Ressourcen ausschließen. Wenn zum Beispiel Nationalparks zu einseitig auf Konservation und Tourismus setzen, extern kon­trolliert werden und von der Bevölkerung nicht akzeptiert werden. In der Regel fließen sämtliche Einnahmen ab und die Bevölkerung besorgt sich ihre Ressourcen, zum Beispiel Feuerholz, illegal oder von außerhalb.

 

Talk Together: Seit 1996 findet in Nepal ein bewaffneter Befreiungskampf statt. Inzwischen sind große Teile des Landes von den Guerilleros kontrolliert. Hast du bei deinen Aufenthalten davon etwas mitbekommen?

Peter: Persönlich habe ich keine Kämpfe erlebt. In Kathmandu gab es kleinere Tumulte, man las dann in der Zeitung von Verletzten. Aber das findet meist nur in klei­nem Ausmaß statt, als Besucher bekommt man davon nicht allzu viel mit.

Talk Together: Ist es für Touristen zur Zeit möglich, unge­hin­dert das Land zu bereisen?

 

Peter: Ja, im März 2002 richtete der stellvertretenden Parteivor­sitzenden Baburam Bhattarai einen offenen  Brief an die Touristen, worin die Maoisten Nepals ausländische Touristen einladen, das Land zu bereisen und an den Veränderungen Anteil zu nehmen. Es wird aber davor gewarnt, regierungstreue Einrichtungen zu besuchen, weil sonst die Gefahr besteht, dass man zwischen die Fronten gerät. Bisher ist meines Wissens noch kein Tourist zu Schaden gekommen. Ich habe gehört, dass Reisende manchmal bei Straßensperren oder am Trek zu „Spenden“ aufgefordert werden. Die Touristen bezahlen meist widerspruchslos, da es sich um (für sie) nicht allzu große Summen handelt. Manchmal kann es zu Verzögerungen kommen, sonst habe ich aber von keinen Problemen gehört.

 

Talk Together: Wie sieht es mit den NGOs aus?

 

Peter: Zahlreiche der Projekte und die lokale Infrastruktur wurden arg in Mitleidenschaft gezogen, vor allem jene unter amerikanischer Federführung oder die in irgendeiner Weise den König involviert haben. Diese wurden aufgefordert, das Land zu verlassen. Aber hier gibt es eine klare Unterscheidung. NGOs, wie ÖkoHimal, die mit der lokalen Bevölkerung arbeiten, können weitermachen. Aber auch hier kommt es zu Verzögerungen mancher Projekte, weil man die Entwicklung abwartet.

 

Talk Together: Wie groß ist das Gebiet, das von den Revolutionären heute kontrolliert wird?

 

Peter: Ausgangspunkt und Zentrum ist der Westen des Landes, wo es kaum Tourismus gibt. Aber die Maoisten sind inzwischen fast überall und haben ihren Einfluss auf alle Teile des Landes ausgedehnt – bis in den Osten und in die Hügelregionen an der Grenze zu Indien. Hauptsächlich sind sie aber im Hinterland aktiv, die Hauptorte sind noch nicht unter ihrer Kontrolle. In Kathmandu gibt es häufig Demonstrationen und Bandhs (Generalstreiks, an denen alle Geschäfte geschlossen bleiben) und man sieht das Militär aufmarschieren. Anfang Septem­ber haben die Guerillas Kathmandu eingekreist und eine Blockade ausgerufen. Das Militär hat eine totale Ausgangssperre über die Stadt verhängt, die nur für einige Stunden am Tag gelockert wurde. Die Belagerung war zwar nur eine rhetorische, aber die Händler trauten sich nicht mehr in die Stadt, der Nachschub stockte, deshalb war eine Zeit lang die Versorgung der Stadtbevölkerung gefährdet. Mitte September wurde die Ausgangssperre wieder aufhoben.

 

Talk Together: Was rätst du Touristen, die nach Nepal reisen wollen?

 

Peter: Nepal ist nach wie vor ein beliebtes Reiseland und für Bergsteiger ein Paradies. Wichtig ist, dass man gut vorbereitet ist. Sonst kann es passieren, dass man nicht nur körperlich, sondern auch psychisch und kulturell überfordert ist. Man sollte sich für eine solche Reise genügend Zeit nehmen und sich bewusst sein, dass nicht immer alles planmäßig verläuft. Wenn man nur zwei Wochen Zeit hat, entgeht einem vieles. Man sollte sich die Zeit nehmen, mal nur irgendwo zu sitzen, zu genießen und das Treiben zu beobachten oder sich auf Gespräche mit den Menschen einzulassen. Das waren für mich immer die schönsten Erlebnisse einer Reise. Wichtig ist auch, die Menschen und ihre Kultur zu respektieren und sie nicht nur als Fotoobjekte zu betrachten. Je besser man sich vorbereitet, umso mehr bringt man mit - an sprachlichen Fähigkeiten, an kulturellem Vorverständnis, an Fragen, die man stellen möchte - und umso mehr kann man dann auch für sich mit nach Hause nehmen von der Reise.

erschienen in: Talktogether Nr. 10/2004