Afrika: 50 Jahre Unabhängigkeit PDF Drucken E-Mail

 50 Jahre Unabhängigkeit

und kein Grund zu feiern?

Heuer feierte Ghana den 50. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Am 6. März 1957 führte Kwame Nkrumah, ein radikaler Verfechter des Panafrikanismus, Ghana als erstes schwarzafrikanisches Land in die Unabhängigkeit. In den darauf folgenden Jahren folgten zahlreiche andere Länder seinem Beispiel. 1960 erreichte der Prozess der Entkolonialisierung seinen Höhepunkt mit der Gründung von 17 neuen Staaten. Auf der afrikanischen Völkerkonferenz in Tunis 1960 zeigte sich eine euphorische Stimmung: "Nie zuvor in der Geschichte erfüllte ein so leidenschaftlicher Freiheitsdrang die großen Massenbewegungen, die die Bastionen der imperialistischen Herrschaft niederreißen. Dieser Sturm der Befreiung, der durch Afrika weht, ist kein gewöhnlicher Wind. Er ist ein rasender Orkan, gegen den die alte Ordnung machtlos ist. Die stolzen Millionen in Afrika haben es satt, länger Holzhacker und Wasserträger zu sein, sie lehnen sich auf gegen den falschen Glauben, dass die Vorsehung einen Teil der Menschheit dazu bestimmt habe, dem anderen als Knecht zu dienen". Doch haben die AfrikanerInnen heute einen Grund zu feiern?

Wenn wir heute auf den afrikanischen Kontinent blicken, sehen wir an vielen Orten Armut, Hunger, wirtschaftlichen Verfall, Krankheiten und eine Hoffnungslosigkeit, die viele junge Menschen dazu treibt, ihre Heimat zu verlassen. Und das, obwohl der afrikanische Kontinent über unermessliche natürliche Reichtümer verfügt: riesige Tropenwälder, mächtige Ströme und Flüsse, gigantische Seen, fruchtbare Graslände sowie Bodenschätze wie Öl, Gold und Diamanten. Die Armut der Menschen in Afrika wird oft auf ihre Unterentwicklung zurückgeführt. Dabei kann der Kontinent auf eine reiche und stolze Geschichte zurückblicken: An den Ufern des Nils entwickelte sich eine der frühesten menschlichen Zivilisationen, in Äthiopien die älteste christliche Kultur der Welt und in Timbuktu eine der ältesten islamischen Universitäten, wertvolle Kunstschätze zeugen vom Reichtum westafrikanischer Königreiche. Doch der Reichtum hat dem Kontinent und seiner BewohnerInnen keinen Wohlstand, sondern Unglück gebracht. Bis heute sind die Wunden nicht verheilt, die Sklavenhandel und Kolonialisierung hinterlassen haben.

Die Kolonialzeit

Die Vorgeschichte der Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents reicht mit ersten portugiesischen Handelsniederlassungen in das 15. Jahrhundert zurück. Aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs und der industriellen Revolution kam es im 19. Jahrhundert in Europa zu einem kaum mehr zu befriedigenden Bedarf an Roh­stoffen, deshalb stritten sich die europäischen Kolonialmächte um die Aufteilung der letzten uneroberten Flecken der Erde. Auf der berüchtigten Berliner Afrikakonferenz 1885 wurde die Beute aufgeteilt. Um 1900 war Afrika - mit Ausnahme von Äthiopien, das sich 1896 erfolgreich gegen italienische Eroberungsversuche zur Wehr setzte, und Liberia, das zu einem Zufluchtsort befreiter amerikanischer Sklaven geworden war - vollständig kolonialisiert. Ein halbes Jahrhundert später nach dem Ende des zweiten Weltkrieges waren die europäischen Kolonialmächte so geschwächt, dass sie sich den nationalen Befreiungsbewegungen nur mehr schwer widersetzen konnten. Das Kolonialsystem brach zusammen und nach und nach wurde in 50 asiatischen und afrikanischen Ländern die Unabhängigkeit erklärt.

Wie sieht die Zukunft Afrikas aus?

Am Beginn des 21. Jahrhunderts stellt sich die Frage, was die Unabhängigkeit den AfrikanerInnen gebracht hat. Europäische Truppen sind in vielen ihrer ehemaligen Kolonien weiterhin präsent und bestimmen über die Verteilung der Reichtümer, die wirtschaftliche Produktion ist in vielen afrikanischen Ländern sogar zurückgegangen. Kaum einem afrikanischen Staat ist es gelungen, eine eigenständige Industrie aufzubauen, die meisten sind weiterhin vom Rohstoffexport abhängig und damit in der Abhängigkeit ihrer ehemaligen Ausbeuter verblieben, die den Weltmarkt und die Rohstoffpreise kontrollieren. Es ist aber nicht so, dass es die Staaten nicht versucht hätten. Es gab genug Regierungen, die ehrgeizige Pläne hatten, eine eigene Industrie aufzubauen und durch großzügige Kreditangebote in die Schuldenfalle gelockt wurden. Durch die weltweite Überproduktion und den damit verbundenen Rohstoffpreisverfall scheiterten ihre Projekte. Die Staaten konnten ihre Schulden nicht zurückzahlen, durch die Zinsen vervielfachten sich diese auch noch und die Staaten gerieten in den Würgegriff der internationalen Finanzinstitutionen und wurden von diesen zu so genannten Strukturanpassungsprogrammen gezwungen. Die damit verbundene Kürzung der öffentlichen Ausgaben für Bildung, Gesundheit und Sozialleistungen hat dazu geführt, dass die öffentliche Versorgung zusammenbrach und immer größere Teile der Bevölkerung im Elend versanken.

Zahllose wohlmeinende Menschen und Organisationen sind heute damit beschäftigt, Spendengelder zu sammeln, um den notleidenden Menschen in den ärmsten Ländern der Welt zu helfen. Große Events werden organisiert, wie das von Herbert Grönemeyer organisierte Konzert anlässlich des G8 Gipfels, um die Staatschefs der reichsten Staaten der Erde dazu zu bewegen, mehr Entwicklungshilfegelder in Afrika zu investieren. Doch wird den AfrikanerInnen damit wirklich geholfen, oder wird die Abhängigkeit damit weiter zementiert? Die Menschen in Afrika werden nur dann frei und gleichberechtigt sein, wenn sie sich aus der tödlichen Spirale von Unterentwicklung und Fremdbestimmung befreien können. Die Menschen müssen erkennen, dass die imperialistischen Mächte soziale und nationale Widersprüche benützen, um eine Einigung der afrikanischen Völker zu verhindern. Um eine wirkliche Unabhängigkeit zu erlangen, ist es immer noch notwendig, eine eigene Produktion, gegenseitige Handelsbeziehungen und eine Zusammenarbeit der afrikanischen Völker unabhängig von den imperialistischen Mächten aufzubauen, genau so, wie es sich schon die Verfechter des Panafrikanismus vorgestellt haben.


Kongo: Verhängnisvoller Reichtum

Kein Beispiel ist bezeichneter für die Grausamkeit der Ausbeutung und Plünderung des afrikanischen Kontinents wie die blutige Geschichte des Kongo. die bis heute kein Ende gefunden hat. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts stand der riesige und von unermesslichen Reichtümern gesegnete Staat im Brennpunkt kolonialer Interessen. Mit Gummi, Holz und Palmöl bereicherten sich belgische und amerikanische Kapitalisten wie Guggenheim und Rockefeller. Um die nach der Erfindung des Gummireifens ständig steigende Nachfrage zu befriedigen, wurde der Kongo in ein riesiges Arbeitslager verwandelt und die Bevölkerung gezwungen, riesige Mengen an Kautschuk zu sammeln. Die Schiffe verließen den Kongo voll beladen mit Kautschuk und Elfenbein und kehrten zurück mit Waffen.

Anfang des 20. Jahrhunderts änderte sich die Situation, als man begann, die reichen Kupferfelder der südlichen Provinz Katanga und die Diamantenfelder von Kasai auszubeuten. Während des Zweiten Weltkriegs lieferten die Bodenschätze des Kongo den Imperialisten wichtige Rohstoffe für ihre Waffen, einschließlich des Urans für die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki. Durch die Kriegsproduktion vermehrte sich aber im Kongo die Arbeiterklasse und die Hauptstadt Leopoldville wuchs auf das Zehnfache zu einer Großstadt mit 300.000 Einwohnern an. Diese Menschen, die nicht mehr isoliert voneinander lebten, begannen sich zu bilden und zu organisieren. Zu den europäischen Ideen, die von ihnen übernommen wurden, gehörten auch Nationalismus und Demokratie. Damit wurde die Basis für die Unabhängigkeitsbewegung geschaffen. 

Der Juli 1960 war für Millionen Menschen ein hoffnungsvoller Augenblick. Die belgischen Kolonialisten, die die kongolesische Bevölkerung so schrecklich gequält und ausgebeutet hatten, mussten das riesige und an Bodenschätzen reiche Land verlassen. Patrice Lumumba, ein junger feuriger Politiker aus der Antikolonialbewegung, wurde zum Hoffnungsträger für die Menschen im Kongo. Am Tag der Unabhängigkeit nahm er das Mikrophon und sprach:

"Es war unser Schicksal, 80 Jahre lang unter einem Kolonialregime zu leben. Unsere Wunden sind zu frisch und zu schmerzvoll, um sie aus unserem Gedächtnis zu verbannen. Wir wurden zu aufreibender Arbeit gezwungen, für die wir Löhne bekamen, die uns nicht ermöglichten, unseren Hunger zu stillen, anständig zu wohnen, uns zu kleiden oder unsere Kinder fürsorglich aufzuziehen. Als "Neger" haben wir Witze, Beschimpfungen und Demütigungen ertragen müssen. Unser Land wurde beschlagnahmt im Namen von Gesetzen, in denen nur die Macht als Recht anerkannt wird... Aber nun haben uns eure gewählten Vertreter das Recht gegeben, unser geliebtes Land zu regieren. Wir, deren Körper und Seelen durch die koloniale Unterdrückung gelitten haben, wir sagen euch laut, das dies nun zu Ende ist. Die Republik Kongo wurde ausgerufen und das Land ist in den Händen seiner Kinder".

Lumumbas Worte über die Vergan-genheit waren wahr, seine Worte über die Zukunft jedoch ein Irrtum. Das Land war nicht in den Händen seiner Kinder. Hinter der Fassade der Unabhängigkeit hatten belgische Offiziere noch immer die Kontrolle über die Armee und die Bergwerksgesellschaften über den Reichtum des Landes. Die Geheimdienste arbeiteten Tag und Nacht daran, die Macht in die Hände solcher Leute zu transferieren, die für die Interessen der Imperialisten arbeiteten. Die Imperialisten erkannten schnell, dass Lumumba eine Gefahr für ihre Pläne darstellte und mobilisierten Kräfte, um Spaltung und Chaos hervorzurufen und Lumumba zu isolieren. Nur zweihundert Tage nach seinem Amtsantritt wurde Lumumba durch eine Intrige verhaftet und ermordet. Lumumba war erst 35 Jahre alt, als er starb und nur wenige Monate im Amt gewesen. Sein Tod erfüllte Millionen von freiheitsliebenden Menschen auf der ganzen Welt mit Trauer. Jahrzehnte lang regierte daraufhin der grausame Diktator Mobutu mit Unterstützung des Westens und beutete das Land gnadenlos aus.

Die Versuche, nach dem Sturz Mobutus Mitte der 1990er Jahre das Land aus der Knebelung durch die Großmächte zu befreien, wurden in einem blutigen Krieg erstickt, der maßgeblich von westlichen Konzernen und Regierungen gefördert und finanziert wurde. Dieser Krieg war mit bis zu vier Millionen Toten einer der blutigsten seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Mit der Machtergreifung Joseph Kabilas haben die alten europäischen Kolonialmächte und die USA wieder direkten Einfluss auf den Kongo gewonnen. Große französische, belgische, deutsche und US-Unternehmen bedienen sich hemmungslos an den gewaltigen Bodenschätzen des Landes wie Kupfer, Kobalt, Erdöl, Uran, Germanium, Gold, Diamanten und Edelhölzer. Millionen Dollars verlassen täglich das Land und hinterlassen Tausende Tote jedes Jahr. In den letzten Jahren hat vor allem der Abbau des Minerals Coltan, das für die Produktion von PCs und Mobiltelefonen benötigt wird, für Firmen wie Sony, Motorola, Nokia und Ericson riesige Gewinne gebracht. Große Teile der Bevölkerung leben in bitterster Armut und das öffentliche Gesundheits- und Bildungssystem liegen brach, während sich die Elite durch die Verschleuderung der Reichtümer des Landes maßlos bereichert - fast wie in Kolonialzeiten.

erschienen in: Talktogether Nr. 21/2007