Nepal: Gespräch mit Krishna Poudel PDF Drucken E-Mail

 

Nepals steiniger Weg in die Zukunft

Von Krishna Poudel

Der Geograph Krishna Poudel verbringt für ein Post-Doc Studium neun Monate an der Universität Salzburg. Jeden Morgen, bevor er mit der Arbeit beginnt, liest er erwartungsvoll im Internet die Nachrichten aus seiner Heimat. Krishna erzählt über die Geschichte Nepals, über die neuesten Entwicklungen in seinem Land und über seine Hoffnungen für die Zukunft der Menschen Nepals.

Woher stammen die Probleme Nepals?

Die Probleme meines Landes sind aus seiner historischen Entwicklung zu erklären. Nepal war zwar niemals britische Kolonie, stand aber unter britischem Einfluss. Bis 1951 war das Land komplett abgeschlossen, keine Fremder durfte das Land bereisen - mit Ausnahme von ein paar britischen Kolonialbeamten. Das Land wurde vom König und einigen Feudalherren beherrscht, das einfache Volk hatte keinen Zugang zu Bildung, keine Möglichkeit, lesen und schreiben zu lernen. Beflügelt von der Unabhängigkeit Indiens, entfachte sich auch in Nepal eine demokratische Bewegung, so dass der König 1951 gezwungen war, das Land zu öffnen. Die ersten ausländischen Besucher, die das Land bereisten, kamen mit Expeditionen, die die Berge des Himalaya erkundeten. 1960 wurde ein Mehrparteiensystem eingeführt. Doch die Führer der Parteien entstammten allesamt der Klasse der Feudalherren, und die ungebildeten Massen verstanden nicht, wie das System funktionierte. Für die arme Bevölkerung änderte sich deshalb nicht viel. Nach nur zwei Jahren schaffte der König das Parlament wieder ab und übernahm die diktatorische Alleinmacht. Ein paar Jahre später wurde dann von König Mahendra das "Panchayat"-System eingeführt, das durch eine dörfliche Selbstverwaltung lokaler Räte gekennzeichnet war, aber keine politische Parteien zuließ. An der Spitze der Macht stand bis 1990 der König, und die ihm nahe stehenden Leute profitierten von diesem System. Kritik war nicht erlaubt, wer seine Stimmer erhob, wurde ins Gefängnis geworfen. Dieses System hatte aber den Vorteil, dass es strenge Kontrollen gab und niemand illegales Geld in die Tasche stecken konnte. Vor allem die Gebildeten forderten immer vehementer die Einführung einer parlamentarischen Demokratie. 1990 zwang ein einmonatiger Volksaufstand den König, die Bildung einer Interims-Regierung zuzulassen und eine neue Verfassung zu schreiben. In dieser neuen Regierung gab es verschiedene Parteien, demokratische und kommunistische. Doch der Premierminister hatte de facto nicht viel Macht, deshalb blieben die meisten unzufrieden. Weiterhin wurden Kritiker mundtot gemacht und ins Gefängnis verbannt. Aus diesem Grund entschlossen sich die Kommunisten, in den Untergrund zu gehen und sich in die Berge zurückzuziehen.

Wann hat der Kampf begonnen?

Da die Regierung von Chaos, Streitereien und Korruption geprägt war, war die Bevölkerung mit ihr sehr unzufrieden. 1996 stellten die Kommunisten einen Forderungskatalog mit 40 Punkten. Diese betrafen im Wesentlichen die sozialen und ökonomischen Rechte der Frauen, der unterdrückten Kasten und Nationalitäten. Als sich die Regierung weigerte, auf die geforderten Reformen einzugehen, begannen die Maoisten einen Guerrillakrieg, der sich auf die ländlichen Bergregionen konzentrierte, wo sie viel Zulauf hatten, weil die Menschen dort besonders unter Armut und Unterentwicklung zu leiden haben. Als der König schließlich das Parlament auflöste, standen sich die Maoisten und der König mit seiner Armee in der Auseinandersetzung direkt gegenüber. Nach vielen Jahren und langwierigen Kämpfen gelang es den Maoisten, die dominierende Kraft in den meisten Teilen des Landes zu werden. Schließlich bildeten sie mit den anderen demokratischen Parteien eine Anti-König-Koalition. Nach 90 Tagen landesweiter Streiks und Demonstrationen sah sich der König schließlich gezwungen, am 11. Mai 2006 das Parlament wieder einzusetzen. Im November 2006 schloss dieses Parlament einen Friedensvertrag mit den Maoisten, und am 1. April 2007 konnte das neue Parlament mit seiner Arbeit beginnen. Von den 330 Sitzen erhielten die Maoisten 70, die zum allergrößten Teil von Frauen und Angehörigen aus den unterdrückten Bevölkerungsschichten gestellt werden.

Welche Bedrohungen gibt es für eine friedliche Entwicklung?

Im südlichen Teil des Landes, im Tiefland an der Grenze zu Indien, gibt es eine Bewegung, die eine Abspaltung dieser Region zum Ziel hat. Dieser Teil des Landes ist sehr stark von Indien beeinflusst, denn die Grenze zwischen Nepal und Indien ist offen, niemand benötigt einen Pass oder ein Visum, um sie zu überqueren. Der an Nepal angrenzende Bundesstaat Bihar ist einer der rückständigsten und korruptesten von ganz Indien, die Bevölkerung in dieser Region wird von feudalen Großgrundbesitzern unterdrückt und ausgebeutet. Es herrscht das Dacoit-System, das heißt, die Feudalherren setzen bewaffnete Räuberbanden ein, um die Bevölkerung zu terrorisieren und ihre Macht durchzusetzen. Diese Leute fürchten natürlich, in einem neuen Nepal ihre Macht zu verlieren, deshalb forderten sie zuerst die Autonomie, und seit dem Antriff der neuen Regierung die Seperation.

Die zweite Bedrohung für eine friedliche Entwicklung kommt von außen, vor allem von Indien und den USA, die zurzeit gerade sehr enge Beziehungen pflegen. Nepal ist wegen seiner geopolitischen Lage zwischen China und Indien für die Großmächte von Bedeutung. Für die USA stehen die Maoisten in Nepal noch immer auf der Terrorliste, und der US-Botschafter hat sein Missfallen bekundet, dass Angehörige der maoistischen Partei dem nepalesischen Parlament angehören. Ich finde die Haltung der USA sehr bedauerlich. Warum verfolgen sie immer nur ihre eigenen Interessen? Warum versuchen sie nicht, die Dinge mit den Augen der armen Bevölkerung zu betrachten? Ich muss sagen, dass die Maoisten zum Glück sehr bedachtsam vorgehen und die Bedrohungen immer im Auge behalten. In den zehn Jahren des Kampfes sind ca. 13.000 Menschen getötet worden. Natürlich ist es immer beklagenswert, wenn Menschen getötet werden, wenn ich allerdings die Opferzahlen mit anderen Kriegsregionen wie im Irak, in Afghanistan, im Sudan oder auch im Nordosten Indiens vergleiche, ist das eine sehr niedrige Zahl von Opfern. Das beweist, dass die Maoisten immer versucht haben, die Bevölkerung zu schützen.

Welche Rolle spielt der Tourismus für Nepals Wirtschaft?

Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Nepals. Auch während der Kriegsjahre könnten Touristen das Land ohne Gefahr besuchen, ich habe nie gehört, dass ein Tourist zu Schaden gekommen wäre. Aber natürlich ist die Zahl während der vergangenen Jahre zurückgegangen. Umso erfreulicher ist es, dass heuer die Zahlen von ausländischen Touristen deutlich angestiegen sind. In der Vergangenheit hat die lokale Bevölkerung nicht viel durch den Tourismus profitiert, weil die Expeditionen in den Städten gebucht wurden und die Leute ihre ganze Verpflegung mit Trägern mitgeführt hatten. Aber jetzt gibt es mehr, vor allem junge Leute, die Englisch sprechen, so hat sich der Kontakt zwischen den Einheimischen und den Touristen verbessert. Es wurden außerdem neue Konzepte entwickelt, die der ländlichen Bevölkerung ermöglichen, vom Tourismus zu profitieren, indem sie lokale Produkte anbieten, die sie selbst hergestellt haben.

Was erhoffst du für die Zukunft deines Landes?

Letzten Freitag las ich in der Zeitung, dass einen ganzen Tag lang kein einziges Verbrechen und kein Unfall gemeldet worden ist. Diese Meldung kommt einer Sensation gleich, wenn man bedenkt, dass es in den vergangenen Jahren oft Tage gab, an denen hundert oder mehr Leute getötet wurden. Das zeigt, wie sehr sich die Lage verbessert hat. Was die Menschen in Nepal jetzt am dringendsten brauchen, sind Frieden und Entwicklung. Während des langwierigen Krieges wurde viel Infrastruktur zerstört, jetzt wo Frieden herrscht, kann endlich mit der Aufbau- und Wiederaufbauarbeit begonnen werden. Das Verdienst der Maoisten sehe ich vor allem darin, dass sie das politische Bewusstsein bei der armen, unterdrückten Bevölkerung und das Empowerment der kleinen armen Dorfgemeinden gefördert haben. Natürlich gibt es noch unzählige Probleme, aber die sind mit gutem Willen, gemeinsamer Anstrengung und dem Ziel einer besseren Zukunft vor Augen lösbar.

erschienen in: Talktogether Nr. 20/2007