Die „Pädagogik der Unterdrückten“ von Paulo Freire PDF Drucken E-Mail


Eine Welt schaffen, in der es

leichter sein wird, zu lieben

Aufklärung, Emanzipation, Bildung, für diese Themen hält sich der Norden zuständig und glaubt, sie den „Unterentwickelten“ aus dem Süden beibringen zu müssen. Dass uns jedoch auch der „Süden“ entscheidende Dinge zu sagen hat, beweist der brasilianische Pädagoge Paulo Freire. Nicht dass dies seine Absicht gewesen wäre, denn sein Interesse galt nicht der westlichen Kultur, sondern den Unterentwickelten, den Notleidenden, den Hungernden in den Ländern des Südens und deren Befreiung von der „weißen“ Vorherrschaft.

Der 1921 in bürgerlichen Verhältnissen geborene Paulo Freire hat die Auswirkungen des Hungers am eigenen Leib erfahren, als seine Familie durch die Weltwirtschaftskrise 1929 alles verlor. Bereits im Alter von elf Jahren entschied er, sein Leben dem Kampf gegen Armut, Ausbeutung und Unterdrückung zu widmen. Er wurde Rechtsanwalt, doch bald entdeckte er, dass das Recht, das er studiert hatte, das Recht der Besitzenden war. Er gab seinen Beruf auf und wurde Lehrer, Professor für Geschichte, Philosophie und Pädagogik.

Seine Ideen entwickelte Paulo Freire durch seine Erfahrungen mit Alphabetisierungskampagnen beim ländlichen Proletariat und Slumbewohnern. Dort wurde Freire mit dem Scheitern der importierten Bildungsmodelle konfrontiert: Die unterdrückten Massen schienen lernunfähig und gehemmt. Was war die Ursache für ihre Apathie?

Die Kultur des Schweigens

In der Schule wird die Sprache des Volkes systematisch unterdrückt und durch die Kunstsprache der „Gebildeten“ verdrängt. So bleibt Erfahrung sprachlos und Sprache sinnlos. Mit der Sprache aber fehlt den Unterdrückten die einzige unüberwindliche Waffe. Nach sorgfältiger Analyse des Schüler-Lehrer-Verhältnisses kommt Freire zum Schluss, dass im herrschenden Bildungssystem der Schüler als „Behälter“ betrachtet wird, der vom Lehrer „gefüllt“ werden muss.

Wenn der Schüler gefüttert und mit den Wörtern, Vorstellungen, Urteilen und Vorurteilen des Erziehers bzw. des Systems, dem er dient, aufgefüllt wird, ist das Ergebnis Entfremdung. Selbst wenn liberale oder sogar revolutionäre Ideen eingefüttert werden, ist der Erziehungsvorgang ein Vorgang der Fremdbestimmung.

Wenn sich die Menschen aber unfähig fühlen, selbst zu handeln, sind sie frustriert und leiden. Wie können sie ihre Ohnmacht abschütteln? Ein Weg besteht in der Identifizierung mit charismatischen Führern. Dadurch bekommt der Unterdrückte das Gefühl, selbst aktiv und effektiv zu sein. Das ermöglicht den herrschenden Eliten jedoch, noch mehr Herrschaft und Unterdrückung im Namen der Freiheit, der Ordnung und des sozialen Friedens (das heißt des Friedens der Eliten) auszuüben.

Furcht vor der Freiheit

Durch ständige Gewalt, Ungerechtigkeit und Ausbeutung haben die Unterdrückten den Mythos der Herrschenden verinnerlicht: den Mythos von der Liebe und dem Großmut der Eliten, den Mythos, dass die herrschenden Eliten die Entwicklung des Volkes fördern, den Mythos, dass der Aufstand eine Sünde gegen Gott ist, den Mythos vom Privateigentum als Grundlage persönlicher und menschlicher Entwicklung, den Mythos vom Fleiß der Unterdrücker und der Faulheit und Unehrlichkeit der Unterdrückten und schließlich den Mythos der eigenen Unterlegenheit. Damit haben die Unterdrückten die Richtlinien ihrer Unterdrücker akzeptiert.

Zudem ist bei den Menschen eine Furcht vor der Freiheit zu beobachten. Freiheit bedeutet nämlich, Risiken einzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Freiheit wird nicht geschenkt, sondern kann nur im Kampf errungen werden. Diese Aufgabe kann nicht durch Großmut von den Herrschenden gewährt werden, sondern muss von den Unterdrückten selbst und von denen kommen, die in echter Solidarität mit ihnen leben. Deshalb kann die Pädagogik Freires niemals für die Unterdrückten, sondern nur mit ihnen gestaltet werden. Im Kampf um ihre Befreiung müssen die Unterdrückten ihr eigenes Vorbild sein.

„Der Radikale, der der menschlichen Befreiung verpflichtet ist, fürchtet sich nicht davor, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, ihr zuzuhören, sie enthüllt zu sehen. Er fürchtet sich nicht davor, dem Volk zu begegnen oder in den Dialog mit ihm einzutreten.“

Selbsterniedrigung ist ein anderes Merkmal der Unterdrückten. Solange die Unterdrückten gespalten sind, zögern sie, Widerstand zu leisten, es fehlt ihnen jedes Selbstvertrauen. Sie haben so oft gehört, dass sie unfähig und zu nichts nutze sind, dass sie schließlich von ihrer eigenen Unfähigkeit überzeugt sind. Freire machte nicht selten die Erfahrung, dass die Landarbeiter, die bei den Bildungsprojekten lebhaft über ein Thema diskutierten, plötzlich innehielten und sagten: „Entschuldige, wir sollten ja eigentlich still sein und dich reden lassen, Du bist der, der das Wissen hat, wir wissen nichts.“ Sobald sich die Lebenssituation änderte, änderte sich aber auch diese Einstellung rasch. So hörte Freire einen Führer der Landarbeiter einer Produktionseinheit in einem chilenischen Landreform-Experiment sagen: „Man hat immer gesagt, wir seien unproduktiv, weil wir faul und trunksüchtig seien. Lauter Lügen! Jetzt sind wir als Menschen respektiert, und da werden wir jedem zeigen, dass wir niemals Trunkenbolde oder Faulpelze waren. Wir waren ausgebeutet!“

Der Weg zur Revolution

Sein Konzept der befreienden Pädagogik sah Freire nie als Ersatz für eine reale Veränderung der Wirklichkeit und einer Abschaffung der Ursachen für die Unterdrückung an. Freire war von der Notwendigkeit des Kampfes überzeugt. Während die Gewalt der Unterdrücker die Unterdrückten daran hindere, Menschen zu sein, sei die Antwort der Unterdrückten auf diese Gewalt im Wunsch begründet, ihr Recht auf Menschsein zu verwirklichen. So seien es nur die Unterdrückten, die durch ihre Selbstbefreiung auch ihre Unterdrücker befreien können. Gewalt und Terror gehen seiner Meinung nach niemals von den Unterdrückten aus, sondern von denen, die ausbeuten, unterdrücken, die andere nicht als Personen anerkennen. Im Vorgang der Rebellion durch die Unterdrückten sieht Freire eine Geste der Liebe. Weil Liebe ein Akt des Mutes und nicht der Furcht ist, bedeutet sie Verpflichtung gegenüber anderen.

Sein konkretes Ziel war die Revolution in Lateinamerika. Der Kontinent könne sich nur aus seiner ausweglosen Lage befreien, wenn es gelinge, die wirtschaftliche und politische Fremdherrschaft nicht nur der „Ersten Welt“, sondern auch der feudalen Landbesitzer und der postkolonialen Bourgeoisie abzuschütteln. Doch die Geschichte des Kontinents ist geprägt von fehlgeschlagenen Rebellionen und Volksaufständen, von revolutionären Aktionen ohne Massenbasis und einer unendlichen Reihe von Militärputschen. Freire kommt zum Schluss, dass eine befreiende Pädagogik die revolutionäre Veränderung begleiten muss, um die Revolution am Leben zu erhalten, und plädiert für eine „Kulturrevolution“, eine Kultur, die durch die Revolution neu geschaffen wird.

Bildung ist immer politisch

Bildung als Praxis der Herrschaft stimuliert die Leichtgläubigkeit der Schüler. Doch eine revolutionäre Gesellschaft darf ihre Methoden nicht von einer unterdrückerischen Gesellschaft übernehmen. Befreiende Erziehungsarbeit besteht in Aktionen der Erkenntnis, nicht in der Übermittlung von Informationen. Ohne selbst zu forschen, können Menschen nicht wahrhaft menschlich sein, denn Wissen entsteht nur durch Erfindung und Neuerfindung. Erziehung ist nach Freire „niemals neutral, entweder ist sie ein Instrument zur Befreiung des Menschen, oder sie ist ein Instrument seiner Domestizierung, seiner Abrichtung für die Unterdrückung“. Es gelte die Entfremdung zu überwinden, um die gestohlene Menschlichkeit wiederzugewinnen. Die Alternative nennt Freire „Consientização“ (Bewusstmachung): nicht das Fressen fremden Wissens, sondern die Wahrnehmung der eigenen Lebenssituation als Problem und die Lösung dieses Problems in Reflexion und Aktion. Das Ziel ist die Begegnung von Schüler und Lehrer im Dialog, denn ohne Dialog gibt es keine Kommunikation, und ohne Kommunikation kann es keine wahre Bildung geben.

Die Revolution kennt keine Abkürzung

In der Konsequenz bedeutet das, dass Befreiung nur mit dem Volk, aber niemals für das Volk gelingen kann. Eine Befreiung, bei der das Volk nur Objekt, Zuschauer oder Mitläufer wäre, liefe nur auf einen Herrschaftswechsel hinaus. Doch Befreiung bedeutet nicht, die Pole zu vertauschen, die Rolle des Unterdrückers einzunehmen und selbst ein Tyrann zu werden. Das Bewusstsein des Unterdrückten ist ein entfremdetes Bewusstsein. Wenn die kranke Mischung aus Liebe und Hass gegen den Herren nicht aufgehoben wird, bleibt die Befreiung äußerlich, die Unterwerfbarkeit des Menschen wird die politische und soziale Revolution überleben, und die Herren werden in den Sklaven auferstehen.

Revolutionäre Führer, die meist aus der Oberschicht stammen, sind leicht versucht, die Massen zu manipulieren, um den Weg zur Revolution abzukürzen. Doch so überleben im revolutionären Prozess vorrevolutionäre Bewusstseinsstrukturen und Herrschaftstechniken. Die Anwendung von unterdrückerischen Praktiken führt notwendigerweise zur Bürokratisierung der Revolution und somit zu ihrer Selbstzerstörung. Deshalb lehnt Freire die Agitation ab, sie soll durch den Dialog ersetzt werden.

„Bei jeder Arbeit, die für die Massen geleistet wird, muss man von den Bedürfnissen der Massen ausgehen und nicht von irgendwelchen persönlichen Wünschen, und seien diese auch noch so wohlmeinend. (…) Es gibt zwei Prinzipien. Das eine lautet: man muss von den realen Bedürfnissen der Massen ausgehen, nicht aber von solchen, die wir uns einbilden. Das andere: die Massen müssen es selbst wünschen, der Entschluss muss von den Massen selbst gefasst werden, nicht aber von uns an ihrer Statt.“
(Mao Tsetung, 1969)

Wie können wir diese Welt, in der es leichter fällt, zu lieben, erreichen? Heute scheinen die Mächte, die die Erde als ihren Besitz und die Menschen als seelenlose Dinge betrachten, die Welt zu umschlingen. Doch ihre Macht ist nicht grenzenlos. Kühne Denker wie Paulo Freire liefern uns wertvolle Inspiration im Kampf für unsere Befreiung, und haben durch ihre Experimente die Möglichkeit einer Gesellschaft ohne Unterdrückung bewiesen. Wir können es uns nicht leisten zu resignieren. Denn bei den gewaltsamen Zerfallserscheinungen, die wir heute beobachten, könnte es sich um die Geburtswehen für eine neue Welt handeln. Es liegt an uns, ob wir den Weg in die Zukunft den Unterdrückern überlassen, oder sie selbst gestalten.

erschienen in: Talktogether Nr. 19/2007