Drei Geschichten von Dienstmädchen PDF Drucken E-Mail


Drei Geschichten
von Dienstmädchen


Als Hausmädchen in den Golfstaaten
- eine Fluchtgeschichte

Die Notwendigkeit, die Familie zu unterstützen, Flucht vor einer Zwangsheirat oder die Hoffnung auf ein eigenes Einkommen, es gibt viele Gründe, die junge Frauen aus armen Ländern veranlassen, ihr Glück in den durch den Ölreichtum zu Wohlstand gekommenen arabischen Staaten zu suchen. Doch die Hoffnung auf ein bisschen Eigenständigkeit erfüllt sich für die wenigsten. S., die zehn Jahre lang als Hausmädchen in den Golfstaaten gearbeitet hatte, erzählt: "Als Dienstmädchen hast du dort überhaupt keine Freiheit. Es gab so viel Arbeit, dass ich meistens um vier Uhr in der Früh aufstehen und manchmal bis zwei Uhr in der Nacht arbeiten musste, ohne jemals einen freien Tag zu haben. Oft war ich so müde, dass ich beim Bügeln einschlief. Die Kinder habe ich rund um die Uhr versorgt, in der Nacht schlief ich bei ihnen. Ich kann mich nicht erinnern, dass während der ganzen Jahre, wo ich bei dieser Familie war, die Frau ihr Baby einmal in den Armen gehalten hat".

Auch K. hatte die Hoffnung, den Problemen in ihrer Heimat Äthiopien zu entfliehen und durch ein eigenes Einkommen ein bisschen Unabhängigkeit zu erlangen. Deshalb suchte sie ein Büro auf, das ArbeiterInnen in die Golfstaaten vermittelt. Dort wurde ihr erklärt, dass sie einen Zweijahresvertrag abschließen müsse. Da sie nicht genug Geld hatte, um die Vermittlungsgebühr zu bezahlen, wurde ihr erklärt, dass ihr diese Gebühr vom Lohn abgezogen würde. Dann musste sie ein Kopftuch aufsetzen, wurde fotografiert und ihre Daten in einer Kartei aufgenommen. Bald darauf wurde die Reise organisiert. Zuerst arbeitete K. ein paar Monate auf einer Baustelle, wo sie Steine schleppen musste. Als sie sich dabei verletzte, wurde sie als Hausmädchen in eine Familie geschickt.

"Es war die Hölle. Ich musste 18 bis 20 Stunden am Tag arbeiten: putzen, Wäsche waschen, Essen kochen, die Kinder zur Schule bringen und mit ihnen zum Spielplatz gehen. Wenn etwas passierte, wurde immer mir die Schuld gegeben. Wenn sich ein Kind beim Spielen verletzte, wurde ich geschlagen. Die Frau war außerdem eifersüchtig auf mich, weil ihr Mann mich ständig anstarrte. Dabei habe ich nicht einmal gewagt, dem Mann ins Gesicht zu sehen, und blickte auf den Boden, wenn er mit mir sprach. Trotzdem war sie wütend auf mich und schleuderte oft Schuhe und oder andere Gegenstände auf mich. Manchmal versuchte ich mich hinter den Kindern zu verstecken, um mich vor ihren Angriffen zu schützen. Wenn ich nicht mit den Kindern unterwegs war, wurde ich im Haus eingesperrt. Ich hatte überhaupt keinen Kontakt zur Außenwelt oder zu Landsleuten, nicht einmal telefonieren durfte ich. Ich habe eine kleine Tochter zurückgelassen und wollte zu Hause anrufen, um zu erfahren, wie es ihr geht. Doch das haben sie mir nicht erlaubt. Sie sagten: 'Das hier sind jetzt die Kinder, um die du dich kümmern musst'. Geld habe ich während der ganzen Zeit überhaupt nie gesehen".

Dazu kommt noch, dass Hausmädchen oft von den Männern belästigt oder vergewaltigt werden, erzählt S.: "Manche Hausmädchen sind auch getötet worden. Ich kannte eine Frau, der von ihrem Arbeitgeber, das Angebot gemacht wurde, dass er ihr eine Wohnung mieten würde, damit er sie abends besuchen könne. Sie war mit diesem Vorschlag einverstanden. Doch eines Tages wurde sie tot aufgefunden, aus dem Fenster geworfen. Niemand hat sich darum gekümmert. Die Polizei hat weder ihre Familie verständigt, noch versucht, den Fall aufzuklären und den Täter zu ermitteln. Ich lebte in ständiger Angst, aber was sollte ich tun? Nach Hause zurückkehren konnte ich ja nicht!" S. meint: "Ich hätte mir vorher niemals vorstellen können, dass das Leben dort so schlecht sein würde. Wenn du Glück hast und zu einer netten Familie kommst, dann ist es vielleicht erträglich. Aber wenn nicht, wirst du wie eine Sklavin behandelt". "Vor allem, wenn du schwarz bist, zählst du nichts. Immer sagten sie, ich hätte Aids", ergänzt K..

Die Flucht aus diesem Gefängnis gelang K., als die arabische Familie nach Europa auf Urlaub fuhr und sie mitnahm. "Während die Familie mit den Kindern ausging, wurde ich mit dem Baby den ganzen Tag im Hotelzimmer eingesperrt, nicht mal etwas zum Essen hat man mir dagelassen. Doch eines Nachts, als die ganze Familie schlief, wagte ich die Flucht. Es war schrecklich, ich war in einem fremden Land, wo ich weder jemanden kannte, noch die Sprache verstand. Obwohl ich nicht weiß, ob ich hier bleiben und meine Tochter zu mir holen kann, bin ich froh, dass ich die Chance wahrgenommen habe. Eine Freundin, die auch aus meinem Land stammt, sagte zu mir: 'Du musst jetzt nicht mehr mit gesenktem Blick umherlaufen, du kannst aufrecht gehen und den Leuten in die Augen schauen'. Erst jetzt habe ich gelernt, mich wie ein Mensch zu fühlen".

* * * * *

Zusammen mit mehreren arabischen Familien, die sie mitgenommen hatten, damit sie deren Kinder im Urlaub versorgen, kamen die beiden Frauen nach Bad Gastein. Sie hatten sich nie zuvor gesehen, sprachen aber dieselbe Sprache. Heimlich trafen sie sich, um ihre Flucht zu planen. Eines Nachts ergab sich die Gelegenheit. Zu Fuß und nur mit einem Plastiksack mit den notwendigsten persönlichen Dingen liefen sie bei strömenden Regen hinaus in die Freiheit. Sie wussten nicht einmal, in welchem Land sie sich befanden. Sie suchten um Asyl an, doch ihre Anträge wurden abgelehnt. Beide Frauen mussten viele Jahre warten und hart darum kämpfen, in Österreich bleiben zu dürfen.

 


Das Leben eines Hausmädchens in Calcutta

Auf meiner letzten Indienreise lernte ich Kiran kennen. Sie arbeitet in der Wohnung eines Bekannten als Dienstmädchen, der dort mit seiner alten kränklichen Mutter lebt. Ich war von ihrem aufgeschlossenen Wesen sofort angezogen. Kiran ist eine lebensfreudige junge Frau, die sich gerne mit den Bandmitgliedern unterhält, die sich in der Wohnung zur Probe treffen. Das ärgert jedoch die alte vom Leben enttäuschte Mutter, die keine Gelegenheit auslässt, mit Kiran zu nörgeln und zu schimpfen. Als sie eines Tages in der Küche mit einem Stein Gewürze zermalte und Chutney zubereitete, setzte ich mich zu ihr. Ich freute mich, dass Kiran ein bisschen Englisch gelernt hatte, das ermöglichte uns, uns zu unterhalten. Eine Europäerin, die als Gast in die Wohnung kommt und sich in die Küche zum Dienstmädchen setzt, ist für indische Verhältnisse sehr ungewöhnlich und rief nicht wenig Erstaunen hervor. Später zeigte sie mir stolz ihren Kasten, wo sie Saris in allen Farben und ein paar Musikkassetten aufbewahrte, ihren ganzen Besitz. Eines Tages lud sie mich ein, sie in das Dorf in Westbengalen, aus dem sie stammt, zu begleiten. Mit großer Freude sagte ich zu.

Kirans Heimatdorf liegt sehr abgelegen, die Fahrt mit Bus, Jeep, und Fahrradgefährt dauert fast den ganzen Tag. Das Leben im Dorf wirkt naturverbunden und auf den ersten Blick romantisch. Kirans Eltern leben mit Kirans Bruder, seiner Frau Putul und ihren zwei Kindern in einem Haus. Kirans Bruder ist nicht da, er arbeitet in einer Fabrik, die weit entfernt ist, er kommt nur am Sonntag nach Hause. Kiran hat ein paar Fische und kleine Geschenke mitgebracht. Putul ist mehrere Stunden mit der Zubereitung des Essens beschäftigt und Kiran hilft ihr dabei. Putul lacht viel, man merkt, dass sie glücklich ist, eine gleichaltrige Frau bei sich zu haben, mit der sie sich unterhalten kann. Zu unseren Ehren gibt es ein Essen mit mehreren Gängen.

Am nächsten Tag wollen wir zu Kirans Schwester fahren, die mit ihrer Familie in einem anderen Dorf lebt. Wieder liegt eine lange Fahrt vor uns. Während der Reise erzählt mir Kiran ihre Lebensgeschichte. Als junges Mädchen war sie verheiratet worden. Sie war fast noch ein Kind, als sie ihr Elternhaus verlassen und zur Familie ihres Mannes ziehen musste. Der Mann schlug sie, die Schwiegermutter unterdrückte und be­schimpfte sie. Weil sie die Situation nicht er­tragen konnte, lief sie weg. Doch als sie zu ihrer Familie heim­kehrte, erwartete sie kein herzlicher Emp­fang, sondern sie wurde als Schande und un­nütze Esserin angese­hen. Es verging kein Tag ohne Vorwürfe. Doch Kiran gab nicht auf. Sie hatte einen Cousin, der in der Stadt arbeitete, und be­schloss, zu ihm zu fahren und ihn zu bitten, eine Stelle für sie zu finden. So kam sie nach Kalkutta und wurde Dienstmädchen.

Inzwischen ist es dunkel geworden und wir sind im Dorf von Kirans Schwester angekommen. Hell leuchten die Sterne als wir über ein Feld zum Haus gehen, man hört die Grillen zirpen und in der Ferne leises Trommeln. Beleuchtung oder elektrischen Strom gibt es hier nirgends. Doch das Gefühl der Romantik verblasst zusehends, als wir ankommen, zu erdrückend sind hier Armut und Isolation zu spüren. Trotzdem versucht die Familie ihr Bestes zu geben, um uns ein gutes Essen zu bereiten. Ich erfahre, dass der nächste Brunnen mit sauberem Trinkwasser eine Stunde entfernt ist. Im Haus leben Kirans Schwester, ihr Mann, zwei Söhne zwischen 10 und 12 Jahren, eine kleine Tochter und ein etwa einjähriger Junge, der ständig schreit. Der Mann arbeitet in einer Ziegelfabrik, nur einer der beiden Söhne darf zur Schule gehen, der andere muss mit seinem Vater mitarbeiten. Vor dem Einschlafen erzählt mir Kiran, dass es auch noch eine 15 jährige Tochter gibt, die vor kurzem verheiratet wurde. Kiran hat alles versucht, die Schwester und ihren Mann von ihrem Beschluss abzubringen, damit dem Mädchen nicht dasselbe Schicksal zuteil wird, wie sie es erleiden musste. Doch die Mühe war vergeblich, zu stark waren die Zwänge von Tradition und finanzieller Abhängigkeit.

Ich bewundere Kiran für ihren Mut, ihr Schicksal nicht hingenommen und einen Ausweg gesucht zu haben. Sie hatte einigermaßen Glück, zu einer Familie zu kommen, die ihr ein bisschen Freiheit ermöglicht. Mit den 500 Rupien, die sie im Monat bekommt, kann sie sich kein eigenes Zimmer leisten und muss an ihrem Arbeitsplatz auch schlafen. Überhaupt ist es in Indien undenkbar für eine junge Frau, allein zu leben. Doch trotz der oft erniedrigenden Situation als Dienstmädchen hat sie ihren Stolz bewahrt und tritt selbstbewusst für ihre Interessen ein. In ihrem Dorf und von ihrer Familie wird sie jetzt als selbstbewusste Frau aus der Stadt respektiert. Vor kurzem hat sie einen Apotheker kennengelernt, er ist an einer Heirat interessiert. Doch Kiran will abwarten und denn Mann erst einmal kennenlernen. Kiran hat die Unterdrückung erkannt, durch ihre Erfahrungen gelernt und ein wenig Unabhängigkeit erlangt. Kirans Geschichte hat mir die Unterdrückung der Frauen auf dieser Welt schmerzlich spüren lassen und mir deutlich ins Bewusstsein gerufen, wie wichtig es für uns Frauen ist, unsere Entscheidungen treffen und unser Schicksal selbst bestimmen zu können, aber auch, dass uns die Möglichkeiten nicht in den Schoß fallen, sondern dass wir sie selbst schaffen und dafür kämpfen müssen.


Haussklavinnen in Österreich zu Beginn des
20. Jahrhunderts

„Ihre Arbeitszeit ist unbeschränkt und kein Gesetz bestimmt, wie viele Stunden im Tag ihre Arbeit dauern darf. Von 6 Uhr früh bis 12 Uhr nachts gehen die verschiedensten Arbeiten durch ihre Hände. Die Mädchen für alles in den Familien, wo Kinder sind, kommen oft den ganzen Tag nicht dazu, ordentlich aufzuatmen, Frühstückkochen, Kleiderputzen, Einkaufen, Zimmerbürsten, Geschirrwaschen, dann mit den Kindern spazieren gehen, das Abendessen richten, wieder Geschirrwaschen, nebenbei oft noch Wäsche waschen, zum mindesten aber bügeln, das ist das Tageswerk eines Dienstmädchens, wo es nur eines im Hause gibt. Wie oft aber bleibt für das Mädchen nicht genug übrig, um sich satt zu essen! Denn viele Dienstgeberinnen sind so einsichtslos, dass sie alles, was gekocht wird, auf den Tisch bringen lassen und das Dienstmädchen bekommt dann das, was auf den Schüsseln bleibt und gar oft von den Tellern zurückgegeben wurde Da ist nun so eine „gnädige“ Frau, die reich genug ist, sich einige Dienstmädchen halten zu können. Nie ist der Ernst des Lebens an sie herangekommen. Immer ist sie bedient worden, so dass sie in dem Glauben groß geworden ist, Dienstboten seien eigens dazu erschaffen, den Reichen das Leben angenehm zu machen. Die „Gnädige“ liegt am Sofa, sie sitzt am Klavier oder plaudert im Salon. Bis in die späte Nacht sind oft Gäste im Haus, die Mädchen haben die Plage und kommen lange nach Mitternacht zu Bette. Die Dame schläft sich am Morgen aus, oft bis zur Mittagszeit, die Mädchen müssen wie sonst ihrer täglichen Arbeit obliegen. Wie oft aber sind viele Damen noch obendrein roh und brutal! Dieselben Lippen, die eben noch den Gästen das holdselige Lächeln gezeigt haben, gebrauchen dem Mädchen gegenüber Beschimpfungen, wie sie niedriger nicht erdacht werden könnten. Es gibt aber auch Damen, die sich nicht scheuen, das ihren Unwillen erregende Mädchen zu schlagen oder ihm irgendeinen Gegenstand and den Kopf zu werfen...“

schrieb die sozialdemokratische Arbeiterführerin Adelheid Popp 1912 in der Broschüre "Haussklavinnen“, eine Enthüllung über die Lage der Hausmädchen, die große Aufregung erregte. Adelheid Popp machte vor allem die reaktionären gesetzlichen Bestimmungen für die katastrophale Lage der Hausangestellten verantwortlich, die zusätzlich zur grenzenlosen Ausbeutung und den täglichen Entwürdigungen auch häufig sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren. Im Gegensatz zu den Fabrikarbeiterinnen waren die Dienstmädchen aber isoliert und konnten sich daher nur sehr schwer organisieren.

Während die Arbeiterbewegung in Europa viel erreicht hat und die rechtliche und soziale Situation der Frauen heute nicht mehr mit damals vergleichbar ist, bleibt für viele junge Frauen und Mädchen aus den armen Ländern des Südens die Arbeit als Hoffnungen bei einer Familie in der Stadt eine der wenigen Möglichkeiten, drückender Armut und Abhängigkeit zu entfliehen. Jedes Jahr werden Zehntausende junge Frauen aus Ostafrika, Süd- und Südostasien als Dienstmädchen in Länder wie Dubai, Kuwait, Saudi Arabien, Bahrain, Libanon, Hongkong, Malaysia oder Singapur geschickt. An diesem Menschenhandel verdienen vor allem die Vermittler und Agenten, während viele junge Frauen ohne einen Dollar zurückkommen.

erschienen in: Talktogether Nr. 19/2007