Der deutsche Bauernkrieg PDF Drucken E-Mail

 

„Lasset euer Schwert nit kalt werden“

Der deutsche Bauernkrieg und die politische Rolle der Religion

In Salzburg wird gerne die Sage von den „Stierwaschern“ erzĂ€hlt. Doch hinter dieser lustigen Geschichte verbergen sich historische Ereignisse, welche sich nicht auf das Salzburger Land beschrĂ€nkten, sondern im Zusammenhang mit gesellschaftlichen UmwĂ€lzungen in ganz Deutschland und Mitteleuropa standen. Im Jahr 1525 eroberte ein Heer aufstĂ€ndischer Bauern zahlreiche Schlösser und Burgen ihrer Ausbeuter im ganzen Land Salzburg, bis sie auch in der Hauptstadt ankamen. Der regierende Erzbischof MatthĂ€us Lang zog sich auf die Festung zurĂŒck, die von den AufstĂ€ndischen belagert wurde. Erst den Truppen des „SchwĂ€bischen Bundes“ gelang es, den Bauernkrieg zu ersticken. Die VerĂ€nderungen der sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Stellung der Bauern, die Beschneidung der Gemeinderechte und vor allem die stĂ€ndig steigenden Abgaben hatten am Ende des Mittelalters immer wieder AufstĂ€nde ausgelöst. GrĂ¶ĂŸeren Umfang erhielt die Bewegung im Anschluss an den großen deutschen Bauernkrieg, sie erfasste Tirol, Salzburg, Teile der Steiermark, Niederösterreichs, Oberösterreichs und KĂ€rnten. Als FĂŒhrer des Salzburger und Tiroler Bauernkrieges trat der SĂŒdtiroler Michael Gaismaier als einziger BauernfĂŒhrer in Österreich, der strategische politische Ziele verfolgte, in Erscheinung. Er wurde 1532 in Padua von bezahlten Mördern erstochen.

Der Aufstand der Bauern

Jede Nation und jede Zeit hat ihre Revolutionen. Im vierzehnten und fĂŒnfzehnten Jahrhundert kam es in ganz Deutschland zu gewaltsamen AufstĂ€nden der Bauernschaft. In dieser Zeit hatte die deutsche Industrie einen bedeutenden Aufschwung genommen. HandelstĂ€dte wie die HansestĂ€dte im Norden sowie NĂŒrnberg und Augsburg im SĂŒden waren Mittelpunkte eines fĂŒr jene Zeit ansehnlichen Reichtums und Luxus. Doch die Zivilisation in Deutschland existierte nur in einzelnen Zentren der Industrie und des Handels. Dazwischen lagen weit abgelegen und vom Verkehr ausgeschlossen zahlreiche kleine StĂ€dte, die ungestört in den Lebensbedingungen des spĂ€ten Mittelalters dahinvegetierten. Auf dem Land kam nur der Adel in BerĂŒhrung mit den neuen BedĂŒrfnissen, die Masse der Bauern kam nie ĂŒber den lokalen Horizont heraus. Wie kam es dann, dass Menschen in den verschiedensten Teilen Deutschlands, die weitgehend ohne Verbindung waren, sich zusammenschlossen, um gegen die bestehenden VerhĂ€ltnisse zu rebellieren?

Eine ErklĂ€rung ist in der geknechteten Situation der Bauern zu finden. Auf dem Bauer lastete der ganze Schichtenbau der Gesellschaft: FĂŒrsten, Beamte, Adel, Klerus und BĂŒrger. Der hohe Adel und die FĂŒrsten machten Krieg und Frieden auf eigene Faust, hielten stehende Heere und schrieben Steuern aus. Das GeldbedĂŒrfnis stieg mit den wachsenden Kosten und die Steuern wurden immer erdrĂŒckender. WĂ€hrend die StĂ€dte durch ihre Privilegien geschĂŒtzt waren, fiel die ganze Wucht der Steuerlast auf den Bauern. War er Leibeigener, war er seinem Herrn auf Gnade und Ungnade zur VerfĂŒgung gestellt, war er Höriger, musste er den grĂ¶ĂŸten Teil seiner Zeit auf den GĂŒtern des Herrn arbeiten, von dem, was er in den wenigen freien Stunden erwarb, musste er Zehenten, Zins, Kriegsteuer, Landessteuer und Reichssteuer bezahlen. Fischerei und Jagd gehörten dem Herrn, die Gemeindeweiden und WĂ€lder wurden den Bauern gewaltsam weggenommen.

„Und wie ĂŒber das Eigentum, so schaltete der Herr willkĂŒrlich ĂŒber die Person des Bauern, ĂŒber die seiner Frau und seiner Tochter. Er hatte das Recht der ersten Nacht. Er warf ihn in den Turm, wenn es ihm beliebte. 
 Wer sollte ihn schĂŒtzen? In den Gerichten saßen Barone, Pfaffen, Patrizier oder Juristen, die wohl wussten, wofĂŒr sie bezahlt wurden. Alle offiziellen StĂ€nde des Reichs lebten ja von der Aussaugung der Bauern“
(Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg).

Die Bauern litten unter diesem furchtbaren Druck, dennoch waren sie schwer zum Aufstand zu bringen. Ihre Zersplitterung erschwerte jede gemeinsame Übereinkunft, die lange Gewohnheit der von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzten Unterwerfung und die Entwöhnung vom Gebrauch der Waffen trugen dazu bei, die Bauern ruhig zu halten. Eine Einheit konnte sich erst mit der allgemeinen Verbreitung revolutionĂ€rer religiös-politischer Ideen der Reformation herausbilden.

Martin Luther und Thomas MĂŒnzer

Vor allem zwei religiöse FĂŒhrer spielten entscheidende Rollen in diesem Kampf und wurden zu ReprĂ€sentanten unterschiedlicher Gesellschaftsklassen. Der erste war Martin Luther, ein Rebell, der die MissstĂ€nde und die Korruption der katholischen Kirche anprangerte. Bald gelang es ihm mit seinen Ideen, das BĂŒrgertum und Teile des Adels an sich zu ziehen, denen der Nepotismus und die Oligarchie einiger weniger Familien ein Dorn im Auge waren, und die ihren Anteil an der gesetzgebenden Gewalt forderten. Sie hatten nur darauf gewartet, um sich gegen die AbhĂ€ngigkeit von Rom und die katholische Hierarchie zu erheben, und sich durch die Konfiskation des Kirchengutes zu bereichern. So flaute Luthers revolutionĂ€rer Feuereifer bald ab und er predigte die friedliche Entwicklung und den passiven Widerstand. Mit seiner Übersetzung der Bibel hatte er dem Volk jedoch ein mĂ€chtiges Werkzeug in die HĂ€nde gegeben.

Sein Gegenspieler wurde Thomas MĂŒnzer, ein RevolutionĂ€r, der sich an die Spitze der Ausgebeuteten und Geknechteten stellte. Thomas MĂŒnzer war ein wild-fanatischer Asket, einer, den wir heute als Fundamentalisten bezeichnen wĂŒrden. Sein asketisch-strenger Lebenswandel war dem Volk, das ohnehin keinen Luxus kannte, nicht fremd, und er sprach eine prophetische Sprache, die einzige, die vom Volk zu jener Zeit verstanden wurde. Sein Programm forderte die ZurĂŒckfĂŒhrung der Kirche auf ihren Ursprung und die Beseitigung aller Institutionen, die mit dieser urchristlichen Kirche in Widerspruch standen. MĂŒnzer nahm die Bibel beim Wort und predigte, dass alle Menschen vor Gott gleich seien. Die eigentliche Offenbarung sei aber die Vernunft, eine Offenbarung, die zu allen Zeiten und bei allen Völkern existiert habe und noch existiere. FĂŒr ihn war Christus ein Mensch, ein Prophet und Lehrer, und unter dem Reich Gottes verstand er einen Gesellschaftszustand, in dem keine Klassenunterschiede, kein Privateigentum und keine den Gesellschaftsmitgliedern gegenĂŒber fremde Staatsgewalt bestĂŒnden. Jeder solle des andern Bruder sein, sein Brot mit seiner HĂ€nde Arbeit gewinnen und keiner mehr haben als der Andere.

„Das sag ich euch, wollt ihr nit um Gottes Willen leiden, so mĂŒĂŸt ihr des Teufels Marterer sein. Darum huet euch, seid nit also verzagt, nachlĂ€ssig, schmeichelt nit langer den verkehrten Fantasten, den gottlosen Bösewichtern, fanget an und streitet den Streit des Herren! Es ist hoch Zeit, haltet eure BrĂŒder alle darzu, daß sie gottlichs Gezeugnis nicht verspotten, sunst mĂŒssen sie alle verderben. Das ganze deutsche, französisch und welsch Land ist bewegt. Der Meister will Spiel machen, die Böswichter mĂŒssen dran. Zu Fulda sind in der Osterwoche vier Stiftkirchen verwuestet. Die Bauern im Kleegau und Hegau, Schwarzwald sind auf, dreimal tausend stark, und wird der Hauf je lĂ€nger je grĂ¶ĂŸer. Allein ist das mein Sorg, daß die narrischen Menschen sich verwilligen in einen falschen Vertrag, darum, daß sie den Schaden nach nit erkennen.“
(Thomas MĂŒnzer, MĂŒhlhausen im Jahre 1525)

WĂ€hrend das Volk dieses neue Evangelium mit Freuden aufnahm, hatte Luther fĂŒr die aufstĂ€ndischen Bauern kein VerstĂ€ndnis. „Man soll sie zerschmeißen, wĂŒrgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muss“, schrie er wĂŒtend. Luther setzte nun die Bibel, einst die Grundlage fĂŒr seine eigene Rebellion, als Mittel zur Niederhaltung der aufrĂŒhrerischen Bauern ein. Aus seiner Interpretation von Bibelzitaten stellte er einen Freibrief fĂŒr die von Gott eingesetzte Obrigkeit zusammen, wie es nicht einmal der katholischen Kirche und den Verfechtern der absoluten Monarchie eingefallen war. Eine Gleichheit der Menschen dĂŒrfe es nur im Paradies geben, auf Erden hĂ€tten die Geknechteten die Herrschaft zu akzeptieren, selbst wenn sie ungerecht sei. Selbst die Leibeigenschaft versuchte er mithilfe der Bibel zu sanktionieren. Die Rebellion der Bauern wurde von den Herrschenden blutig niedergeschlagen und Thomas MĂŒnzer am 15. Mai 1525 gefangen genommen, in der Wasserburg Heldrungen gefoltert und am 27. Mai in MĂŒhlhausen enthauptet.

 

Kann uns diese Geschichte aus lĂ€ngst vergangener Zeit heute noch etwas sagen? Wehrt sich nicht auch noch heute wie damals das BĂŒrgertum mit allen Mitteln, wenn es sich in seiner Freiheit, GeschĂ€fte zu machen eingeschrĂ€nkt fĂŒhlt, predigt aber Gewaltlosigkeit fĂŒr die Ausgebeuteten und UnterdrĂŒckten? Und wie viele einstige Rebellen haben wir erlebt, die sich, sobald sie am Futtertrog der Macht mitnaschen durften, zu den eifrigsten Verteidigern der bestehenden Ordnung wandelten? Und selbst heute noch, in unserer anscheinend so „aufgeklĂ€rten“ Zeit, wird die Religion fĂŒr politische Ziele eingesetzt, man könnte auch sagen, missbraucht.

Die Religionen sind wie ein orientalischer Bazar, hat die PalĂ€stinenserin Viola Raheb einmal gesagt, man findet dort, wonach man sucht. Von den Herrschenden meist eingesetzt, um das Volk ruhig zu halten, haben sie aber im Lauf der Geschichte den Völkern auch immer wieder Kraft und Impulse fĂŒr den Kampf um seine Befreiung geliefert. Oft wird gesagt, die Welt sei heute ein globales Dorf geworden. Könnte man die Auseinandersetzung zwischen den ausgebeuteten Bauern und dem wirtschaftlich und politisch herrschenden BĂŒrgertum nicht auch mit dem Konflikt zwischen den Eliten der IndustrielĂ€nder und den bĂ€uerlichen Massen der Dritten Welt vergleichen? Die Religionen werden in diesem Konflikt von verschiedenen KrĂ€ften zur Verteidigung ihrer Machtinteressen eingesetzt. Einerseits werden Einheimische gegen die EinwanderInnen, andrerseits die Völker der Welt gegeneinander ausgespielt. Doch Spaltung hilft den UnterdrĂŒckten nicht, sich zu befreien. Nicht durch starre Ideologien, sondern nur durch Einigkeit, Organisation und SolidaritĂ€t können sie StĂ€rke erlangen. Deshalb wĂ€re es ein Fortschritt und eine Befreiung fĂŒr die Menschheit, wenn die Religion als eine persönliche Angelegen.

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erschienen in: Talktogether Nr. 19/2007