Zum 8. März 2007 PDF Drucken E-Mail

Ein Tag der Solidarität

mit allen kämpfenden Frauen der Welt

 Wenn wir zusammen gehn,
geht mit uns ein schöner Tag,
durch all die dunklen Küchen,
und wo grau ein Werkshof lag,
beginnt plötzlich die Sonne
uns're arme Welt zu kosen,
und jeder hört uns singen
"Brot und Rosen!"

Lied aus dem Jahr 1912, entstanden bei einem Streik von 14.000 TextilarbeiterInnen gegen Hungerlöhne und Kinderarbeit in Lawrence, USA. "Brot und Rosen!" wurde zum Motto der amerikanischen Frauenbewegung.

Der 8. März ist der Internationale Frauentag. Doch was wird an diesem Tag gefeiert? Handelt es sich um einen Tag der Arbeiterin, um einen Tag des Kampfes für die Frauenrechte, oder nur um eine Art Muttertagsersatz? Was wird am 8. März eigentlich gefeiert und woran wird erinnert?

Die Geschichte des Internationalen Frauentags ist ein Stück Geschichte des Kampfes für soziale und politische Gerechtigkeit. Um die Jahrhundertwende arbeiteten Tausende Frauen in den Textilfabriken der New Yorker Lower East Side, die meisten von ihnen Einwanderinnen aus Russland, Italien und Polen, viele von ihnen noch im Teenager-Alter. Sie mussten 15 Stunden pro Tag arbeiten und wurden pro fertig gestelltes Stück bezahlt, das Arbeitsmaterial mussten sie aus eigener Tasche bezahlen. Im Jahr 1908 begannen die Arbeiterinnen verschiedener Textilfabriken Protestmärsche und Streiks gegen die unmenschliche Ausbeutung zu organisieren. Sie forderten höhere Löhne sowie ein Ende des unbarmherzigen Arbeitstempos und der unerbittlichen Akkordvorgaben.

Im Jahr 1908 traten die Arbeiterinnen der Triangle Textilfabrik in den Streik. Die Frauen wurden vom Fabrikbesitzer und den Aufsehern in der Fabrik eingesperrt. In der Fabrik brach dann aus ungeklärten Gründen ein Brand aus, der diese gänzlich zerstörte. Nur wenigen der Arbeiterinnen gelang die Flucht, 129 von ih­nen starben qualvoll in den Flammen. Im selben Jahr demonstrierten weitere Textil- und Tabakarbeiterinnen, 1909 streikten in Manhattan 20.000 Näherinnen. Obwohl Tausende verhaftet wurden, gaben die Unternehmer nach einem zwei­monatigen Streik schließlich ihren Forderungen nach. 1909 riefen die nordameri­kanischen Sozialistinnen das erste Mal einen speziellen Frauenkampftag aus.

In Europa beschloss die II. Sozialistische Internationale auf Initiative von Clara Zetkin am 27. August 1910 in Kopenhagen die Einführung eines jährlichen Internationalen Frauentages für die Interessen der Frauen gegen die mehrfache Ausbeutung und Unterdrückung. Themen waren die Gleichberechtigung der Frau, der Achtstundenarbeitstag, gleicher Lohn bei gleicher Arbeitsleistung, ausreichender Mutter- und Kinderschutz, das Wahl- und Stimmrecht der Frauen sowie der Kampf gegen den imperialistischen Krieg. Der erste internationale Frauentag in Europa fand am 19. März 1911 statt. Millionen von Frauen beteiligten sich. Die Wahl dieses Datums sollte den revolutionären Charakter des Frauentags unterstreichen, weil der 18. März der Gedenktag für die Gefallenen in Berlin während der Revolution 1848 war und auch die Pariser Commune im Monat März begonnen hatte (18. März bis 28. Mai 1871). Danach wurde der internationale Frauentag an wechselnden Daten zwischen Ende Februar und Ende April begangen, bis 1921 der 8. März festgelegt wurde. Damit sollte auch an den großen Textilarbeiterinnen-Streik in Petersburg erinnert werden, der am 8. März 1917 stattfand und den Beginn der „Februarrevolution“ auslöste. Dieses Datum sollte von nun an Bedeutung für den Kampf aller ausgebeuteten und unterdrückten Frauen auf der ganzen Welt bekommen. 1945 wurde der 8. März von den Widerstandskämpferinnen im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gefeiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in den sich als sozialistisch bezeichnenden Ländern staatliche Aufmärsche und Feiern zum 8. März organisiert, um auf die Errungenschaften für die Frauen hinzuweisen, während der Internationale Frauentag im Westen zusehends dem gesellschaftlichen Frieden und dem ökonomischen Aufschwung geopfert wurde. Der 8. März wurde immer mehr von einem Kampftag für die Interessen der Frauen zu einem allgemeinen Festtag für die Frau. Erst im Zuge der Entwicklung der neuen Frauenbewegung in den 1980er Jahren gewann der Tag wieder größere Bedeutung. Die Frauen nutzen ihn, um auf die Un­gleichbehandlung zwischen Männern und Frauen hinzuweisen. Der 8. März wurde zu einem Tag der Frauensolidarität unter Frauen aller Schichten und politischen Ausrichtungen, während die ursprüngliche sozialistische Tradition, die den Kampf gegen die kapitalistischen Strukturen und jegliche Art von Ausbeutung beinhaltet, zusehends verwässert wurde. Die Kontroverse zwischen einem klassenkämpferischen Frauenkampf und einem bürgerlich-feministischen Kampf, der den Geschlechterwiderspruch ins Zentrum stellt, zieht sich durch die ganze Geschichte der Frauenbewegung.

Auch heute werden Millionen Frauen auf dieser Welt schamlos ausgebeutet, als Fabriksarbeiterinnen in den Sweatshops und Maquilladoras, als Dienstmädchen oder Prostituierte. Jeden Tag sind überall auf der Welt Frauen und Mädchen Diskriminierung, sexueller Belästigung, Vergewaltigung und Demütigungen ausgesetzt, werden ihrer Freiheit beraubt und wie eine Ware verkauft. Für viele Frauen ist der 8. März ein Kampftag geblieben, und sie riskieren von der Polizei verprügelt und verhaftet zu werden, wenn sie an einer Kundgebung zum Internationalen Frauentag teilnehmen. Es gilt, grausame frauenfeindliche Bräuche wie Genitalverstümmelung, Zwangsheirat, Kinderhochzeiten, Ehrenmorde, Mitgiftmorde oder die Abtreibung weiblicher Föten zu bekämpfen. Frauen brauchen ein Klima, das ihnen ermöglicht, in Würde und mit Möglichkeiten aufzuwachsen, ökonomische Unabhängigkeit zu erlangen und ihre Lebensentscheidungen eigenständig zu treffen. Ob „Internationaler Frauentag“ oder „Tag der Arbeiterin“, der 8. März bietet jedes Jahr aufs Neue zahlreiche Gründe zu feiern, zu fordern, zu erinnern und zu demonstrieren.

erschienen in: Talktogether Nr. 19/2007