Geschichte der Underground Railroad PDF Drucken E-Mail


Der gefÀhrliche Weg in die Freiheit

„Seit ich denken kann ist kein Tag vergangen,
an dem ich nicht von der Freiheit getrĂ€umt habe.“

Anthony Bingey, Sklave

„Ich fĂŒhrte sie durch die WĂ€lder meistens in der Nacht. Buben als MĂ€dchen und MĂ€dchen als Buben gekleidet; zu Fuß, auf dem Pferd, im Wagen versteckt unter Heu, in alten Möbeln, in Schachteln, auf Booten, Flossen oder BaumstĂ€mmen.“

Calvin Fairbanks, weißer Minister, der aufgrund seiner AktivitĂ€ten 14 Jahre lang im GefĂ€ngnis verbingen musste

Seit den ersten Tagen, an denen gefangene Afrikaner als Sklaven nach Nordamerika gebracht worden waren, gab es mutige MĂ€nner und Frauen, die sich weigerten, SchlĂ€ge, Vergewaltigung, Ungerechtigkeit und Zwangsarbeit zu akzeptieren. Viele von ihnen flohen in die tiefen WĂ€lder, von denen die Farmen der Siedler umgeben waren. Allein zwischen 1732 und 1790 wurden 7846 entflohene Sklaven mit Steckbriefen gesucht, das ist wahrscheinlich nur ein kleiner Prozentsatz der GeflĂŒchteten. Die Sklavenbesitzer versuchten mit allen Mitteln, die Flucht zu verhindern. Sie verboten Sklaven das Lesen oder ĂŒber die Geographie des Landes zu lernen. Sie verbreiteten GerĂŒchte, dass die eingeborenen Indianer Afrikaner essen wĂŒrden und erzĂ€hlten ihnen, dass FlĂŒsse wie der Ohio Tausende Meilen breit und nicht zu ĂŒberqueren seien. Entflohene und gefangene Sklaven wurden zudem auf grausame Weise bestraft. Ihre FĂŒĂŸe wurden abgehackt und auf Gesicht oder HĂ€nden wurde ihnen der Buchstabe „R“ (fĂŒr runaway) tĂ€towiert. Als Strafe wurden sie weit weg verkauft, damit sie ihr Wissen nicht weitergeben konnten.

Kurzum, eine Flucht war extrem gefĂ€hrlich und das Überleben nach einer Flucht bitter hart. Die Sklaven besaßen fast nichts und befanden sich in einer feindlichen Umwelt. Manche Sklaven kehrten sogar nach einer Zeit in den WĂ€ldern wieder zurĂŒck zu ihren Besitzern. Doch viele fanden den Weg in die legendĂ€ren „Maroon“ Gemeinden, die von entflohenen Sklaven in den Bergen und SĂŒmpfen gegrĂŒndet worden waren, andere siedelten sich stĂ€ndig in Indianerdörfern an. Andere flĂŒchteten ĂŒber die Grenze in das von Seminolen kontrollierte Florida, auf die Bahamas, nach Mexiko oder Kanada. Es gab auch bewaffnete AufstĂ€nde wie die Massenflucht 1856 in Texas, wo 200 Sklaven flohen und bei der mexikanischen Bevölkerung UnterstĂŒtzung fanden.

„Underground Railroad“

Da die Sklavenbesitzer der herrschenden Klasse der USA angehörten, wurden auch die Gesetze fĂŒr sie geschrieben. Jede Hilfe zur Flucht wurde streng bestraft. Die Existenz dieser Gesetze zeigt aber, dass die Sklaven von Anfang an bei ihrer Flucht UnterstĂŒtzung bekommen hatten. Mit der Zeit hatte sich ein illegales, organisiertes Netzwerk gebildet, um den Sklaven bei der Flucht zu helfen. Es wurde „Underground Railroad“ genannt. Das RĂŒck­grad dieser Bewegung waren die Sklaven selbst, die ihren Kampf um Freiheit nie aufgaben und an die TĂŒren von befreiten Schwarzen oder weißen Sklavereigegner_innen klopften. Daraus bildete sich eine Gruppe entschlossener KĂ€mpfer, die ihr Leben der Sklavenbefreiung widmeten. Zwei entflohene Sklaven, Elizah Anderson und John Mason, halfen dabei ĂŒber 2000 Sklaven zu retten. Mason wurde gefangen und wieder in die Sklaverei verkauft, doch er floh wieder, um seine Arbeit fortzusetzen.

Die kleinen, bitter armen Gemeinden der befreiten Schwarzen bildeten die Basis fĂŒr die Underground Railroad. Und mit der Zeit bekam dieses Netzwerk immer mehr UnterstĂŒtzung von den radikalen Gegnern der Sklaverei unter den Weißen. Unter ihnen gab es verschiedene politische Ansichten. Manche glaubten, die Sklavenbesitzer durch moralische Überredung oder durch das Angebot von GeldbetrĂ€gen zur Freilassung der Sklaven bewegen zu können. Doch ein anderer Teil von ihnen war von der Notwendigkeit von konkreten Handlungen ĂŒberzeugt. Und diese weißen UnterstĂŒtzer spielten eine unersetzliche Rolle in der Bewegung, da sich weiße Menschen viel freier bewegen konnten und meist auch mehr finanzielle Mittel zur VerfĂŒgung hatten. In vielen Teilen der USA arbeiteten weiße AktivistInnen eng mit den schwarzen Gemeinden zusammen. In North Elba, New York z.B. verbĂŒndete sich die Familie des WollhĂ€ndlers John Brown mit einer schwarzen Gemeinde namens Timbuktu. Gemeinsam halfen sie den Sklaven ĂŒber die Berge nach Kanada zu fliehen.

In der Bewegung gab es verschiedene Aufgaben, manche waren Kundschafter und FĂŒhrer, die Kontakt mit den Sklaven hielten. Sie stellten Verkleidung, Landkarten und Informationen zur VerfĂŒgung und begleiteten sie oft persönlich auf der Flucht. Andere AktivistInnen betreuten die „Bahnhöfe“, wo sich die FlĂŒchtenden verstecken und ausruhen konnten und mit Essen und Medizin versorgt wurden. Die QuĂ€kerfamilie von Levi und Catherine Coffin in Newport, Indiana war ein herausragendes Beispiel dieser frĂŒhen „Bahnhofsvorsteher“. Levi Coffin war ein Bankier, der ein großes gerĂ€umiges Haus besaß, das zum Grand Central, zum Hauptbahnhof der „Railroad“ wurde. In 20 Jahren wurden dort 2000 Men­schen mit Unterkunft, Essen, Medizin und Kleidung versorgt.

Im frĂŒhen 19. Jahrhundert war die Antisklaverei-Bewe­gung noch sehr klein, sie fand ihren RĂŒckhalt vor allem in den kleinen Gemeinden von freien Schwarzen und bei den pazifistischen QuĂ€kern. In diesen Tagen war es sehr gefĂ€hrlich, Sklaven zu helfen. Sklaven wurden als Besitz betrachtet und wer ihnen bei der Flucht half, wurde wie ein Pferdedieb behandelt und bestraft. Die HĂ€user der Aktivist_innen wurden angezĂŒndet, viele wurden ins GefĂ€ngnis gesteckt oder von Sklavenbesitzern erschossen. Unter diesen Bedingungen musste die „Underground Railroad“ Bewe­gung geheim handeln und sich schĂŒtzen. Die Beteiligten wurden nur mit Spitznamen angeredet. Die Organisatoren wurden als „Schaffner“ bezeichnet, die Sklaven als „Passagiere“ oder „GepĂ€ck“, die sicheren HĂ€user „Bahnhöfe“, die Hauptquartiere hießen „Hauptbahnhof“ und die Fluchtrouten „Schienen“. Die Nordstaaten und Kanada waren „das Ziel“. Frauen nĂ€hten Quilts (Steppdecken) mit heimlichen Wegweisern und Zeichen, die sie auf WĂ€scheleinen hĂ€ngten, damit die Sklaven den richtigen Weg fanden. Auch die Lieder der Schwarzen enthielten Codes, so wurden die Sklavenbesitzer als „Pharao“, der Ohio-Fluss als „Jordan“ und Kanada als das „gelobte Land“ bezeichnet.

Ein Sturm braut sich zusammen

Im Laufe des 19. Jahrhunderts Ă€nderte sich die Situation der Sklaven. Große Baumwollplantagen entstanden in Alabama und Mississippi, um den Bedarf fĂŒr die sich entwickelnden kapitalistischen Textilfabriken in England und Neuengland zu decken. Zwischen 1790 und 1860 ist die Zahl der Sklaven von einer halben Million auf vier Millionen angestiegen, und ihre Lebensbedingungen verschlechterten sich dramatisch. Viele wurden von den kleinen Familienfarmen verkauft an Baumwoll- und Zuckerplantagen, wo sie sich oft zu Tode arbeiten mussten. Der Apparat zur UnterdrĂŒckung der Sklaven wurde vergrĂ¶ĂŸert. Die Sklavenbesitzer bezahlten Privatarmeen, um die Sklaven zu bewachen. Durch die Ausbreitung der Siedlungen und die ZurĂŒckdrĂ€ngung der Urbevölkerung gab es kaum mehr sichere PlĂ€tze, wohin die Sklaven fliehen konnten. Die „Underground Railroad“ wurde mehr gebraucht als je zuvor. Zur selben Zeit fand aber auch die Antisklavereibewegung immer mehr AnhĂ€nger und Sympathisan­ten. UniversitĂ€ten wie Antioch und Oberlin wurden Zentren des Widerstands gegen die Sklaverei, und radikale Zeitungen wie William Lloyd Garrison’s „Liberator“ und Frederick Douglass’ „Northern Star“ wurden auf den Straßen verkauft. Und obwohl die Railroad-Bewegungnoch immer noch illegal war und verfolgt wurde, hatte sie immer mehr Einfluss auf die öffentliche Meinung. Nach SchĂ€tzungen verhalf sie pro Jahr 1000 Sklaven zur Flucht nach Kanada.

Ein Frau, die Moses genannt wurde

Eine der herausragendsten Figuren in der Geschichte der „Underground Railroad“ war die Kundschafterin Harriet Tubman. Sie wurde als Sklavin in Maryland geboren. Als Landarbeiterin lernte sie, Holz zu fĂ€llen, StĂ€mme zu spalten, sich lautlos durch den Wald zu bewegen und wie man Nahrung und Medizin unter Pflanzen, Wurzeln und KrĂ€utern findet - Dinge die spĂ€ter auf ihren neunzehn Fahrten in den SĂŒden und zurĂŒck lebenswichtig waren. Sie ließ ihren Ehemann und ihre BrĂŒder zurĂŒck, die nicht wagten, mit ihr zu fliehen, und ging den Weg in die Freiheit allein. Sie kam an nach ihren Worten „als Fremde in ein fremdes Land“. Sofort schloss sie sich der „Underground Railroad“ Bewegung an und verhalf Hunderten MĂ€nnern, Frauen und Kindern zu fliehen. Sie kannte Pflanzen, um schreiende SĂ€uglinge zu beruhigen, und trug immer eine geladene Pistole bei sich - fĂŒr die Feinde, aber auch um die Disziplin zu wahren.

Harriet behauptete stolz von sich: „Ich habe niemals einen einzigen Passagier verloren!“ Die Sklavenbesitzer boten 40.000 $ fĂŒr ihre Ergreifung - lebendig oder tot. Sklaven waren jedoch manchmal enttĂ€uscht, wenn sie ihr begegneten, da sie sehr klein war und unauffĂ€llig aussah, was aber fĂŒr ihre Arbeit nur von Vorteil war. Frederick Douglass, der berĂŒhmte Aktivist fĂŒr die Sklavenbefreiung, ehrte Harriet mit den Worten: „Das meiste, was ich getan habe, war in der Öffentlichkeit, und ich habe viel Ermutigung bekommen. Aber was du getan hast, wurde nur von den zitternden und Ă€ngstlichen Sklaven gesehen. Die Sterne am nĂ€chtlichen Himmel waren die Zeugen deiner Freiheitsliebe und deines Heldenmutes.“

Offener Widerstand

1850 fĂŒhrte der US Kongress einen tödlichen Angriff auf die Anti-Sklaverei Bewegung und die befreiten Schwarzen aus: das neue FlĂŒchtlingsgesetz. Dieses Gesetz befahl den BĂŒrgern und den Behörden, entflohene Sklaven einzufangen und zurĂŒckzubringen. Dieses Gesetz galt sogar in den Nordstaaten, wo die Sklaverei verboten war. Die Schwarzen hatten dabei keine Möglichkeit, Einspruch zu erheben. Das ermöglichte SklavenjĂ€gern sogar freie Schwarze in den Nordstaaten zu fangen und in die Sklaverei zu verkaufen. Das versprach große Profite und es entwickelte sich ein neuer Sklavenhandel. Die Schwarzen verstanden die Gefahr, denn in Pittsburgh waren alle schwarzen Kellner buchstĂ€blich ĂŒber Nacht verschwunden.

Doch die Bewegung antwortete mit neuen mutigen Stra­tegien. In vielen StĂ€dten wurden militante Organisationen gebildet, um sich gegen die SklavenjĂ€ger zu wehren. Und die Bewegung gewann immer mehr AnhĂ€nger, die geschockt waren zu sehen, wie schwarze Menschen auf der Straße gefangen und in die Sklaverei verkauft wurden. In Troy, N.Y., leitete Harriet Tubman persönlich eine militante Aktion, an der Tausende schwarze und weiße Menschen beteiligt waren, um den entflohenen Sklaven Charles Nalle aus einem GerichtsgebĂ€ude zu befreien. Und in Boston waren 22 MilitĂ€reinheiten notwenig, um Anthony Burns zurĂŒck in die Sklaverei zu bringen.

Viele begannen ĂŒber radikale Lösungen nachzudenken. Ein Bostoner Aktivist, der Pfarrer Higginson, der beim Kampf zur Befreiung von Anthony Burns verwundet worden war, sagte: „So wie ich erzogen worden war, war wohl so eine Erfahrung nötig, um den Geist zu einer revolutionĂ€ren Haltung zu erziehen“. Nach seinen Worten war es fĂŒr ihn „ein befremdenden GefĂŒhl, plötzlich außerhalb der Institutionen zu stehen“, sich verstecken und seine Absichten verbergen zu mĂŒssen und „zu erkennen, dass Gesetz und Ordnung, Polizei und MilitĂ€r auf der falschen Seite stehen, zu sehen, dass ein guter BĂŒrger sein schlecht und eine schlechter BĂŒrger zu sein eine Pflicht war“.

Unter manchen Gegnern der Sklaverei entstand die Diskussion, einen bewaffneten Krieg gegen die Sklaverei zu fĂŒhren. John Brown z.B. hatte die Idee, eine Guerrillaarmee bestehend aus Sklaven in den sĂŒdlichen Appala­chen zu etablieren. Diese sollten dann zu den Plantagen strömen, um die Sklaven dort zu befreien und in die Armee aufzunehmen. Seiner Ansicht nach wĂŒrde der „Underground Rail“ dann in beide Richtungen fahren, um die Armee mit Nachschub zu versorgen. Brown und seine UnterstĂŒtzer studierten die erfolgreiche Sklaven­revolution in Haiti und den spanischen Guerrillakrieg gegen Napoleon. Harriet Tubman unterstĂŒtzte seinen Plan mit Enthusiasmus. Im JĂ€nner 1858 hatte John Brown eine ausgedehnte Unterredung mit Frederick Douglass, in der eine Verfassung fĂŒr einen befreiten Staat fĂŒr Schwarze geschrieben wurde. Doch John Brown und 22 seiner Mitstreiter wurden 1859 von der Armee gefangen, als sie ein Waffenlager ĂŒberfielen. Brown wurde wegen Landesverrats zum Tod durch HĂ€ngen verurteilt und hingerichtet.

Die AktivistInnen der „Underground Railroad“ spielten auch eine bedeutende Rolle im BĂŒrgerkrieg, der 1861 ausbrach und sich zu einem Krieg fĂŒr die Befreiung der Sklaven entwickelte. Harriet Tubman arbeitete als Scout fĂŒr die Unionsarmee und fĂŒhrte zahlreiche gefĂ€hrliche Missionen an. In einer Expedition fĂŒhrte sie schwarze und weiße Truppen zu einem Überfall auf eine Plantage an und befreite 750 Sklaven. Bis heute genießt sie den Ruf, die einzige Frau zu sein, die in einem Krieg Truppen anfĂŒhrte.

erschienen in: Talktogether Nr. 6/2003