Naher Osten: Israelische Piloten verweigern PDF Drucken E-Mail

Israelische Piloten verweigern:

Menschliche Moral gegen militärische Pflicht! 

Am 25. September schickte eine Gruppe von 27 Kampfpiloten einen Brief an den Chef der Luftwaffe, in dem sie ihre Weigerung erklärten, an Operationen gegen palästinensische Siedlungsgebiete teilzunehmen.

“Wir Veteranen und aktive Piloten, die dem Staat Israel jedes Jahr viele Wochen lang gedient haben und noch immer dienen, leisten Widerstand gegen illegale und unmoralische Befehle, die von Israel in den besetzten Territorien ausgeführt werden. Wir wurden erzogen, den Staat Israel zu lieben und für ihn zu kämpfen, weigern uns an Angriffen der Luftwaffe auf von Zivilisten bewohnte Zentren teilzunehmen“.

Sein Land zu verteidigen ist Pflicht, aber wie können wir wissen ob wir das Richtige tun oder nicht? Wenn der General brüllt und sagt „20 Vogel müssen fliegen und ein Dorf und seine Bewohner vernichten, weil unser Feind dort lebt“. Da gibt es nur eines und zwar dem Befehl zu folgen. Die Vögel fliegen und führen den Befehl aus und kehren zurück. Der General fragt: „Seid Ihr alle wieder da? Kein Verlust, schön, das war alles“. Aber für die Piloten war es anderes, es war fast wie eine Übung, wie ein Spaziergang. Niemand hat sich gegen sie gewehrt. Da stellt sich die Frage: Brauchen wir zwanzig Kampfflugzeuge, um unbewaffnete Menschen, Kinder und Frauen zu töten?

Die Piloten sind bereit ihr Land zu verteidigen, wie ihre Kollegen in allen Ländern der Welt. Aber, ihnen ist klar geworden, dass sie nicht bewaffnete Terroristen mit den Bomben erwischen, sondern wehrlose Kinder, Frauen, und ältere Menschen vernichten, die nicht flüchten können. So etwas schadet dem Ruf des Landes und gefährdet auch die Sicherheit der eigenen Bevölkerung. Wenn jeder, der die Macht dazu hat, tötet und niemand den Mut hat, unmoralische Befehle zu verweigern, verlieren wir unser Mitgefühl. Doch die Piloten zeigten menschliche Moral und haben mit diesem couragierten Schritt eine Botschaft der Menschlichkeit an die israelischen Soldaten, Politiker und alle Menschen in der Region gerichtet. Wir hoffen, dass diese Botschaft auch von vielen Menschen in Palästina gehört wird und sie ermutigt, auch gegen die zu protestieren, die Gewalt und Blutvergießen schüren und auf Märkten, in Restaurants, in Schulen und öffentlichen Verkehrsmittel Bomben legen und unschuldige Zivilpersonen ermorden.


Auszüge aus einem Interview mit dem pen­sionierten Oberst der israelischen Luftwaffe Dr. Yigal Shohat:

„Ich stehe auf der Seite des Staates Israel, der Verteidigung seiner Sicherheit und seiner Grenzen und auch gegen den Terrorismus, der Israel bedroht. Dafür ist eine Armee nötig. Aber andrerseits kann ich nicht die kontinuierliche Besetzung akzeptieren. Eine Generation von Soldaten nach der anderen, die dieser Politik der Besetzung dient, gibt den wechselnden Regierungen die Macht, die palästinensischen Siedlungsgebiete weiter zu besetzen und die Bevölkerung zu unterdrücken. Diesen Widerspruch, in dem ich mich befinde, habe ich dadurch zu lösen versucht, dass ich statt den Militärdienst generell zu verweigern, nur Einsätze in den besetzten Gebieten verweigert habe.

Ich weiß, dass das darin auch Scheinheiligkeit liegt. Ein Soldat, der in der Zentrale auf dem Schreibtisch sitzt und Verwaltungstätigkeiten ausführt, kann mehr Schaden anrichten als ein Soldat auf den Checkpoints in den besetzten Gebieten. Trotzdem denke ich, dass eine Verweigerung in den besetzten Gebieten eine schärfere politische und moralische Botschaft hat. Damit drückt man aus, dass man sein Land beschützen und für es kämpfen will, aber nicht bereit ist, andere Nationen zu unterdrücken und damit einen negativen Effekt auf die Sicher­heit der Menschen im Staat Israel auszulösen.

(…) Ich bin aber nicht naiv. Ich weiß, dass jeder Pilot, der sich ein oder zwei mal weigert, Nablus oder Ramallah zu bombardieren, bald seine Karriere beendet haben wird, und es ist in der Tat eine Karriere. Zu Fliegen ist mehr als nur Militär­dienst zu leisten, es ist eine Lebensweise und ein Beruf.

(…) Ich denke, dass sich F-16 Piloten weigern sollten, palästinensische Siedlungen zu bombardieren. Sie sollten sich vorstellen, welche Auswirkungen so ein Angriff auf die Stadt, in der sie leben, haben würde. Stellen Sie sich vor, Arafat würde beschließen, Kampfflugzeuge nach Tel Aviv zu schicken um das Polizei-Hauptquartier zu zerstören. Stellen sie sich vor, er hätte auch die Flugzeuge dafür und würde sich entscheiden, Sharon zu vertreiben. Würden wir Bombardierun­gen  in der Mitte einer Stadt als legitimes Mittel der Kriegsfüh­rung akzeptieren? Kaum, da schon ein Angriff auf einen Außenposten im Gaza Streifen in Israel als „Terrorismus“ betrachtet wird.

Ich kann mir vorstellen, wie Ramallah ausgesehen haben muss, als eine F-16 das Polizei Hauptquartier bombardiert hatte. Ich denke dabei nicht einmal an die Menschen, die getötet wurden – Köche aus Gaza wohl eher als Kämpfer. Ich spreche von Bombardierungen in eine dicht bewohnte Stadt. Ich denke an die Menschen auf den Straßen, die durch Raketen aus Heli­koptern getötet wurden. So etwas kann nicht als „Kollateral­schaden“ bezeichnet werden, man kann nicht behaupten, man hätte nicht geplant, Zivilpersonen zu töten. Selbst wenn die Bomben präzise ausgerichtet sind. Das ist eine gezielte Tötung von Zivilpersonen. Ein Kriegsverbrechen. (…) Das Ziel ist nicht wichtig genug, um so einen Preis zu bezahlen. Vor allem weil die Sache ungerecht ist. Und meiner Ansicht nach ist dieser Krieg nicht legitim, so wie die fortdauernde Besetzung nicht legitim ist.“

erschienen in: Talktogether Nr. 6/2003