Soziale Marktwirtschaft - Teil 2 PDF Drucken E-Mail


Soziale Marktwirtschaft oder
sozialistische Planung?

Heute leben wir in einer Welt, in der die Leben der Menschen durch blinde √∂konomische Kr√§fte regiert werden. Durch einen B√∂rsenkrach kann das Leben von Millionen von Menschen buchst√§blich √ľber Nacht beeinflusst werden. Doch wie kann man erreichen, dass die Wirtschaft und die Gesellschaftsstruktur nicht mehr etwas von den Individuen Getrenntes und Fremdbestimmtes sind, sondern etwas, an deren Gestaltung die Menschen bewusst teilhaben?

Vorrang der Politik

Ich m√∂chte Entwicklungen vorstellen, die im revolution√§ren China stattgefunden haben. Das soll nicht bedeuten, dass ein System zur Nachahmung empfohlen werden soll. Aber die Beispiele k√∂nnen dazu dienen, die unterschiedliche Richtung und die verschiedenen Priorit√§ten einer kapitalistischen bzw. sozialistischen Planung zu veranschaulichen und aufzuzeigen. Es muss gesagt werden, dass der Weg zum Sozialismus in China kein geradliniger war und die revolution√§re Periode Chinas gekennzeichnet war von Debatten, Richtungsk√§mpfen und der Suche nach neuen L√∂sungen. Nicht alle Experimente waren erfolgreich, doch sie haben uns wertvolle Inspiration geliefert gezeigt, dass eine Entwicklung hin zu einer gerechteren Gesellschaftsstruktur m√∂glich ist. Erst mit dem Putsch von Deng Xiaoping wurde diese Periode beendet und der Kapitalismus in China schrittweise wieder eingef√ľhrt.

Nicht Wachstum, Erfolg, Effizienz, Produktionssteigerung und Gewinn sollten die eigentlichen Ziele einer sozialistischen Planung sein, sondern die Entwicklung einer neuen Gesellschaft. Die Frage lautet: ‚ÄěWelche Art von Wachstum und zu welchem Zweck?‚Äú In einer sozialistischen Gesellschaft m√ľssen die unsichtbaren Gesetze des Marktes durch die sichtbaren H√§nde der Politik ersetzt werden. Nat√ľrlich kann nicht verleugnet werden, dass auch eine sozialistische Planung den Kosten von Material, Arbeitskraft und Finanzierbarkeit Rechnung tragen muss, aber diese m√ľssen den h√∂heren Zielen, das Elend und die Un¬≠gleichheit, die Kluft zwischen reich und arm, die Unterdr√ľckung der Frauen und die Diskriminierung ganzer Nationalit√§ten zu beseitigen, untergeordnet sein.

F√ľr die chinesischen Revolution√§re bedeutete eine sozialistische Entwicklung au√üerdem die Aufhebung zwischen den Gegens√§tzen von Industrie und Landwirtschaft, Stadt und Land und zwischen k√∂rperlicher und geistiger Arbeit. Dieses Ziel ist nur durch die Beteiligung der arbeitenden Menschen in allen Ebenen der Entscheidung zu erreichen. Bauern und Arbeiter m√ľssen auch am Management, der technischen Entwicklung und der Verwaltung beteiligt werden: Der Vorrang der Politik bedeutet, dass nicht Experten, Computer, Regulierungen oder Quoten und schon gar nicht Profit die Wirtschaft steuern, sondern dass Wirtschaft und Entwicklung den Interessen und Bed√ľrfnissen der Menschen dienen muss.

Beispiel: Als entschieden wurde, Industrie in weniger entwickelten Regionen aufzubauen, geschah das nicht der Effi¬≠zienz wegen, sondern um die Unterschiede und Ungleichheiten zwischen den Regionen zu beseitigen. Aber nat√ľrlich wurden Anstrengungen gemacht, diese Fabriken effizient zu f√ľhren. Kapita¬≠listische Effizienz dagegen basiert auf der maximalen Ausbeutung der Arbeitskraft.

Eine neue Art der Raumplanung

Als Beispiel f√ľr diese neue Art der Planung m√∂chte ich hier die Ansiedelung von Arbeiterfamilien in der Erd√∂lregion Taching anf√ľhren. Vor der Erschlie√üung der √Ėlfelder von Taching befanden sich in der Gegend nur die Weidegr√ľnde der Hirten. Zehntausende Menschen sollten hier wohnen und arbeiten. Obwohl es zahlreiche Dokumentationen gibt, ist das Projekt von Taching heute kaum bekannt.

Als die ersten Ar¬≠beiter und Techniker 1959 ankamen, gab es in der Gegend nur die Lehmh√ľtten der Hirten. Mit der Hilfe der Hirten begannen die Pioniere Lehmh√§user zu bauen. Lehmh√§user haben den Vorteil, im Winter warm und im Sommer k√ľhl zu sein. Viele dachten, diese H√§user w√§ren nur provisorisch und konnten sich nicht vorstellen, des die Elite der chinesischen Arbeiter und Ingenieure in Lehm¬≠h√ľtten wie Schafhirten leben sollten. Sie schlugen vor, eine gro√üe Stadt zu bauen, in der sich die Wohnungen und Dienstleistungen konzentrieren.

Doch die Bev√∂lkerung von Taching hatte eine starke Abnei¬≠gung gegen dieses Gro√üprojekt, das √ľber einen Radius von √ľber 20 km verstreut angelegt werden sollte, denn die √Ėlquellen lagen weit auseinander. Eine gro√üe zentrale Stadt h√§tte f√ľr die Arbeiter lange Wege bedeutet und die Kluft zwischen der Stadtbev√∂lkerung und den Bauern und Hirten verst√§rkt. Au√üerdem, was sollten die Arbeiter und ihre Familien essen? Sicher nicht das √Ėl.

Deshalb wurde der Bau einer gro√üen Stadt verworfen. Stattdessen wurde ein Architektur-Komitee bestehend aus Architekten, Arbeitern, Technikern, Schafhirten, Bauern und Hausfrauen gebildet. Dieses Komitee begann mit einer Untersuchung. Alle Bewohner wurden befragt, wie ihre W√ľnsche und Vorstellungen auss√§hen. Das Komitee arbei¬≠tete eng mit den Bauern zusammen, um die Vor- und Nach¬≠teile der Lehmbauweise zu ergr√ľnden. Man einigte sich auf eine neue verbesserte Form der Lehm¬≠bauweise. Zwischen 1962 und 1966 wurde dann eine Million Quadrat¬≠kilometer mit dieser Methode bebaut, es entstanden Wohnh√§user, Kin¬≠derkrippen, medizinische Zentren, Gesch√§fte, Kinos und √∂ffentliche Geb√§ude. Lediglich die Raffinerie, das zentrale Krankenhaus und das √Ėl-Forschungs-Institut wurden auf konventionelle Weise mit Stahlbeton gebaut.

Auf Wunsch der Frauen wurden die H√§user f√ľr mehrere Familien zusammengelegt und so geplant, dass es f√ľr jede Familie private Wohnungen aber auch gemeinschaftliche R√§ume f√ľr alle gab. Die Leute bestanden auf ein attraktives √Ąu√üeres der H√§user. So wurden der untere Teil der Au√üen¬≠w√§nde dunkelbraun und der obere ocker gestrichen. Die T√ľren, Fenster und D√§cher wurden mit bunten Farben bemalt. Die Wohnh√§user wurden dezentral angeordnet. Da die Bauweise simpel, das Baumaterial kostenlos war und die Menschen selbst am Bau der H√§user arbeiteten, musste niemand Miete zahlen. Durch die √Ėlf√∂rderung gab es genug Gas womit die H√§user kostenlos beheizt wurden.

Die Frauen hatten einen gro√üen Anteil an der Planung. Auf ihre Initiative wurden Gem√ľseg√§rten und Getreide¬≠felder, Schulen und Kinderg√§rten, Volkskantinen und Dienst¬≠lei¬≠stungszentren f√ľr Hausarbeiten, eine dezentrale Gesund¬≠heitsversorgung sowie kleine Werkst√§tten f√ľr die Erzeugung von Konsumg√ľtern in Eigeninitiative errichtet.

Wer kann sich heute in unserer westlichen, so entwickelten und ‚Äědemokratischen‚Äú Gesellschaft vorstellen, dass Archi¬≠tekten und Manager gemeinsam mit Hausfrauen oder Flie√ü¬≠bandarbeiterInnen den Bau von Wohnsiedlungen oder Be¬≠trieben planen? Welche M√∂glich¬≠keiten zur Mitbestim¬≠mung haben wir, wenn es um den Bau von Gro√üprojekten, die Errichtung von Handymasten oder den Transitverkehr geht? Welchen Einfluss haben denn die Werkt√§tigen, die Bewoh¬≠ner einer Region oder die Konsumenten darauf, ob ein Be¬≠trieb errichtet, stillge¬≠legt oder privatisiert wird, oder welche Produkte erzeugt werden? Wird auf unsere Bed√ľrfnisse, auf die Gesundheit und Sicherheit unse¬≠rer Kinder R√ľcksicht genommen, wenn es darum geht, Profite zu erzielen?


Eine neue Wirtschaftsweise schaffen

In einer sozialistischen Gesellschaft sind die Produk¬≠tions¬≠mittel, d.h. Maschinen, Fabriken usw. nicht l√§nger im Privateigentum einer Minder¬≠heit der Gesellschaft sondern stehen unter der kollek¬≠tiven Kontrolle der Gesellschaft. Die wirtschaft¬≠lichen Ressourcen werden nicht mehr verwendet um Profite zu erzielen, sondern um die Grundbed√ľrfnisse der Mehrheit der Menschheit zu befriedigen. Der verzwei¬≠felte Kampf der Individuen ums √úberleben muss √ľberwun¬≠den werden, damit sich die Energie und Kreativit√§t der Menschen entfalten und Pro¬≠bleme gemein¬≠sam gel√∂st werden k√∂nnen. In solch einem Prozess ist es m√∂g¬≠lich, dass sich die Mensch¬≠heit in einer Weise ver√§ndert, die unter den heutigen Bedingungen unvor¬≠stellbar ist. Um eine effektive Planung durchf√ľhren zu k√∂nnen, muss es aber eine √úbereinstimmung in der Gesell¬≠schaft geben. Aber wie kann diese erreicht werden? Ein Verwal¬≠tungs¬≠system, dass ein System durch Vorschriften und Verord¬≠nungen aufrecht zu erhalten sucht, wird nicht nur extrem b√ľrokratisch, sondern kann zudem auch nicht funk¬≠tionieren. Nur eine Ver√§nde¬≠rung des Bewusstseins der Men¬≠schen kann zum Ziel f√ľhren. Es muss eine Umwelt geschaffen werden, in der die Menschen in Entschei¬≠dungs¬≠prozesse auf allen Ebenen eingebunden sind und sich ein kollektives Verantwor¬≠tungsgef√ľhl ent¬≠wickeln kann. Es stellt sich nicht nur die Frage ‚ÄěWelche Art von Ver√§n¬≠derung wird ge¬≠plant‚Äú sondern auch ‚Äúf√ľr wen und f√ľr was ist sie von Nut¬≠zen?‚Äú

Statt ‚ÄěProfit √ľber allem‚Äú ‚Äď ‚Äědem Volk dienen‚Äú

Nicht die wirtschaftliche Entwicklung selbst ist vorrangig, sondern diese muss den politischen und sozialen Zielen unter¬≠geordnet sein. Wirtschaftlicher Wachstum muss den Bed√ľrfnissen der arbeitenden Menschen und der gesell¬≠schaftliche Reichtum und Konsum, Gleichheit und Gerech¬≠tigkeit dienen. Jede wirtschaftliche Ver√§nderung muss von einer Ver√§nderung im Denken und Ver¬≠stehen begleitet werden, damit die arbeitenden Menschen die Herren √ľber die Technologie sind und nicht um¬≠gekehrt. Dazu m√ľssen die Menschen begreifen, was poli¬≠tisch notwen¬≠dig ist und das ganze System verstehen: das Gesetz der √Ėko¬≠nomie, sein Ziel und seine Wider¬≠spr√ľ¬≠che, damit sie selbst zu Akteuren werden k√∂nnen statt nur "Material" (= Humanressource) zu sein.

Die √úberwindung der Konsumgesellschaft

Manche schla¬≠gen vor, die Fabriken sollten von unabh√§ngigen Gruppen kontrolliert werden. Doch wenn die Fabriken ‚Äď auch wenn sie autonom von den¬† Arbeiter_innen verwaltet werden ‚Äď mitein¬≠ander handeln, sind sie wieder den kapitalistischen Gesetzen des Marktes unterworfen und treten gegeneinander in Kon¬≠kurrenz. Nur wenn es ein klares gemeinsames soziales Ziel gibt, ist es m√∂glich, dass sich die Gesellschaft in eine Rich¬≠tung bewegt. Es geht nicht darum was Planer oder Planungsagenturen tun, sondern darum, neue Wege zu entwickeln, damit die Gesellschaft bewusst die Produktion steuern kann. Eine sozialistische Planung, die diesen Namen auch verdient, muss den Bed√ľrf¬≠nissen der Menschen entsprechen und ihnen Macht geben

Quellen:
Raymond Lotta ‚ÄúSocialist Planning or Market Socialism‚ÄĚ
Claudie Broyelle: ‚ÄúWomen‚Äôs liberation in China‚ÄĚ 1974

erschienen in: Talktogether Nr. 5/2003