Das Gefängnis und seine Funktionen PDF Drucken E-Mail

Das Gefängnis und seine Funktionen

von Thomas Meyer-Falk

„Hier war eine besondere Welt, die keiner einzigen anderen glich; hier gab es besondere Gesetze, besondere Tracht, besondere Sitten und Bräuche. Es war ein Totenhaus lebend Begrabener, darinnen ein Leben war wie sonst nirgendwo; und auch die Menschen waren hier anders.“
(aus: „Aus einem Totenhause“ von F. Dostojewski)

Gefängnisse sind im Grunde eine recht neue Erfindung, erst zwei Jahrhunderte gibt es in Europa die Tradition, Menschen ihrer Freiheit zum Zwecke des Strafens zu berauben. Viele Menschen würden, spontan befragt, sicherlich sagen, dass Gefängnisse notwendig sind, denn Räuber, Kindermörder, Sittenstrolche und Diebe gehören bestraft, weggeschlossen, eingesperrt, aus der Gesell­schaft ausgeschlossen. Aber was ist die tiefere Funktion eines Gefängnisses? Meiner Ansicht nach haben – auch und gerade in heutiger Zeit – Gefängnisse ganz unter­schiedliche Aufgaben und im folgenden möchte ich mich mit drei Kernbereichen beschäftigen: mit der psycho­logischen, mit der wirtschaftlichen und der politischen Funktion von „Zuchthäusern“:

Psychologische Funktion von Gefängnissen

Die BürgerInnen leben heute im 21. Jahrhundert in einer hochkomplexen, globalisierten Welt, sie sind unzähligen Kontrollen und Gesetzen ausgeliefert und um so mehr greift das Gefühl der Unsicherheit um sich. Der Druck zur Konformität, d.h. der Prozess der Angleichung des eigenen Verhaltens an die herrschenden Ansichten der Gesellschaft, lastet schwerer auf den Menschen, Indivi­dualisten haben es zunehmend schwerer, und hier dient das Gefängnis gleich in mehrfacher Hinsicht zur Stabili­sierung einer Gesellschaft (wobei es letztlich nur eine scheinbare Stabilität ist, doch dazu mehr gegen Ende des Beitrags):

Projektionsfläche: In psychologischem Zusammenhang verstehen wir unter einer Projektion das Übertragen von eigenen Gefühlen, Wünschen, Vorstellungen auf Andere, es ist ein Abwehrmechanismus. Gerade weil ein Gefängnis hinter hohen Mauern und Stacheldraht dem Blick verborgen ist, eignet es sich hervorragend für Projektionen, man weidet sich an der Verbrechensberichterstattung in den Medien, verurteilt die VerbrecherInnen vehement, um auf diese Weise inneren Druck abzubauen und die eigenen Wün­sche, aus dem gesellschaftlichen Korsett auszubrechen, zu kanalisieren. Die eigenen „asozialen“ Persönlichkeits­anteile werden projiziert auf die Gefangenen (vgl. die doch recht auffällige Dämonisierung bestimmter Verbre­chen einerseits – z.B. Sexualmorde an Kindern – andrer­seits das oftmals respektvolle Augenzwinkern gegenüber gewieften Wirtschaftsstraftätern).

Angstreduktion: Das oben erwähnten Gefühl der Unsicherheit kann durch den Bau von Gefängnissen reduziert werden, denn den Menschen wird dadurch verdeutlicht, dass „der Staat“ das Böse im Griff hat, hart bestraft und „das Böse“ verwahrt wird in den Anstalten. Dem ein oder anderen der Leser­schaft wird auffallen, dass dies ein recht simples Argu­ment zu sein scheint, der dahinterstehende psychologi­sche Prozess ist jedoch nachweisbar. Wer bereit ist über die eigenen – diffusen Ängste zu reflektieren, wird fest­stellen, dass es sich nur um eine subjektive Angstreduk­tion handelt und das sogenannte Böse durch den Bau von Gefängnissen selbstverständlich nicht beseitigt wird.

Wirtschaftliche Funktion von Gefängnissen: Der gesamte Sicherheitssektor boomt seit Jahrzehnten, besonders die USA sind dabei – negatives – Vorbild. Dort sind Hunderte von Gefängnissen privatisiert worden, und Gewinnmaximierung bei gleichzeitiger Senkung der Kosten bestimmen den gesamten Strafvollzug. Auch in Großbritannien gibt es schon von Wirtschafts­unter­nehmen betriebene Haftanstalten. In manchen Regionen sind Gefängnisse der größte „Arbeitgeber“, sie bieten Wachpersonal, Psychologen und Juristen Lohn und Brot, zugleich werden die Insassen zur Arbeit gezwungen. Die Gefangenen gehen folglich nicht nur ihrer Freiheit verlustig, sie müssen auch noch ihre Arbeitskraft ausbeu­ten lassen um so zur Profitsteigerung beizutragen. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass Gefängnisse nur die „Endstation“ eines langen Prozesses sind, der große wirtschaftliche Bedeutung hat.

Politische Funktion von Gefängnissen: Eng verzahnt mit der wirtschaftlichen Funktion ist auch die politische Funktion, denn es dürfte einsichtig sein, dass angesichts der Milliarden-Umsätze im Sicherheits­bereich, generiert von einer handvoll Großkonzernen, damit auch politische Macht einhergeht. Aber dies ist nur ein Teilaspekt. Viel wichtiger ist, dass Gefängnisse Disziplinierungsmaschinen sind (vgl. hier Foucault „Überwachen und Strafen“) zur Disziplinierung der Menschen, d.h. sowohl der Insassen wie der Bevölkerung. Nun könnten wiederum Menschen, auf der Straße befragt, die Auffassung äußern, dass dies doch hervorragend sei! So wie die Eltern das unartige Kind strafen, so müsste auch der Staat die Täter strafen und potenzielle TäterInnen abschrecken. Über die Sinnhaftigkeit jeglicher Strafen soll hier nicht weiter ausgeführt werden, da dies ein ande­res Thema wäre, aber eine solche oberflächliche Betrachtungsweise verkennt, dass wohl alle Strafvoll­zugssysteme, ob nun in Europa, USA oder sonst wo, dergestalt ausgebaut sind, dass die „Deliquenz“, d.h. Straffälligkeit produzieren und nicht etwa eindämmen. Der Kreislauf der Deliquenz ist also nicht nur das uner­wünschte Nebenprodukt eines Gefängisses, das beim Bessern der Insassen versagt hat. Hohe Verbrechensraten geben den Regierungen nämlich ideale Möglichkeiten, den repressiven Staatsapparat auszubauen und elemen­tarste Grundrechte zu beschneiden. Lediglich die einfa­chen Opfer von Raub, Diebstahl etc. haben ein Interesse an einer Reduzierung solcher Delikte, nicht aber der Staat an sich, er müsste einen spontanen Aufstand fürchten, würde er die Rechte der Bürger und Bürgerinnen ohne spektakuläre Einzelfälle (aktueller Kindesmord, spekta­kulärer Raub, o.ä.) zu beschneiden versuchen, ganz abge­sehen von den volkswirtschaftlichen Folgen, ginge die Zahl der Straftaten zurück (siehe oben).

Ich sitze zur Zeit selbst in Haft und man wird mir viel­leicht vorwerfen, die Opfer außer acht gelassen haben, die Opfer, die doch ein Recht auf Vergeltung und Schuldausgleich hätten. Einschlägige kritische Unter­suchungen belegen, dass Opfern in der Regel mit dem Strafprozess und dem Wegschließen der Täter nicht gedient ist, sie wollen eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Verursacher ihres Leids, sie wollen ihm mit­teilen, was er/sie in ihnen ausgelöst hat, welche Ängste sie ausgestanden haben oder noch immer ausstehen.

Trotz meiner Kritik plädiere ich zumindest zur Zeit nicht für eine völlige Abschaffung von Gefängnissen, sondern für eine Veränderung der Zustände. Mit dieser Ansicht stehe ich vielfach in politisch linken Zusammenhängen wie ein Außenseiter da, jedoch erkenne ich an – gerade weil ich die Erfahrung aus der Sicht eines Insassen besitze – dass es beispielsweise Sexualtäter gibt, vor denen man die Außenwelt schützen muss. Gefängnisse bieten aber im Grunde der Gesellschaft keinerlei wirkliche Sicherheit, sondern der Bevölkerung wird selbige nur vorgegaukelt. Nicht der Handtaschendieb oder der Junkie oder der Ladendieb sind eine Gefahr für die Freiheit und Selbstbestimmung der Menschheit, sondern die kapitalistisch-imperialistischen Strukturen und deren Vertreter in Politik, Wirtschaft und Militär. Nur, indem der Bevölkerung vorgespiegelt wird, dass die Gefahr von Kleinkriminellen ausgehe, gelingt es, die Solidarität zwischen den ArbeiterInnen, Angestellten und „Arbeitslosen“ zu zerstören und ihre Ängste und Wut auf „Verbrecher“ und damit auch auf Gefangene zu richten. Und diese Entsolidarisierung ist seitens der politischen und wirtschaftlichen Eliten gewollt, denn sie hilft deren Machtanspruch zu festigen. Wofür ich plädiere ist das Aufbrechen der allzu einfachen und populistischen Denk- und Argumentationsstrukturen, wie sie seitens der Mono­polpresse, wie auch der PolitikerInnen praktiziert werden, wonach nämlich Gefängnisse angeblich einerseits ein mehr an Sicherheit bedeuten sollen, sowie andrerseits neben dem Strafzweck keinerlei Absichten verfolgt würden.

Im Rahmen dieses Beitrags konnte notwendigerweise vieles nur angedeutet werden, so wäre beispielsweise auch zu fragen, was überhaupt Kriminalität ist, denn wie Berlusconi in Italien exemplarisch vorführt, hängt es von den Strafgesetzen ab, was letztlich bestraft wird und was nicht (Berlusconis parlamentarische Mehrheit nahm bis dato bestimmte Bilanzstraftaten aus dem Strafrecht heraus, in der Folgezeit mussten deshalb gegen ihn geführte Verfahren eingestellt werden). Und auch die BewohnerInnen der Gefängnisse, nämlich die Gefange­nen, kamen in diesem Artikel mehr indirekt vor, aber in den hier vorgestellten politischen, wirtschaftlichen und psychologischen Zusammenhängen kommt diesen tat­sächlich nur eine Objektfunktion zu – und das spüren sie (zumindest latent) auch stets. Gerade die hier behandelte Thematik vermittelt den Eindruck, als bewegten wir uns zurück in ein Zeitalter vor der Aufklärung gelegen.

 


www.freedom-for-thomas.de/

erschienen in: Talktogether Nr. 5/2003