Nepal: Kinder in Nepal PDF Drucken E-Mail

Wie sieht ihre Zukunft aus?


‚ÄěNepal: Todesopfer unter den Kindern. Zwei Tausend nepalesische Kinder wurden zu Waisen, 4000 vertrieben und 168 get√∂tet seitdem der maoistische Aufstand 1996 begann, berichtet eine Menschenrechtsorganisation in Kathmandu.‚Äú Zehntausenden w√ľrde der Zugang zur Schule verweigert und Kinder w√ľrden in die Volksarmee rekrutiert werden. (New York Times). So und √§hnlich berichten Zeitungen √ľber den revolution√§ren Kampf in Nepal. Alle Todesopfer, egal von welcher Seite sie verursacht wurden, werden den Rebellen zugeschrieben. Sicher haben viele Kinder ihre Eltern verloren, die get√∂tet oder ins Gef√§ngnis gesteckt wurden. Es stimmt auch, dass Schulen wegen der Unruhen geschlossen werden mussten, doch in den von den Freiheitsk√§mpferInnen kontrollierten Gebieten, die inzwischen einen gro√üen Teil des Landes ausmachen, wurden auch neue Schulen er√∂ffnet.

Der Kampf gegen die nepalesische Regierung begann 1996. Er ist im Land entstanden, ohne Einmischung oder Unterst√ľtzung von ausl√§ndischen M√§chten. Aber von der nepalesischen Regierung werden die Freiheitsk√§mpferInnen als ‚ÄěTerroristen‚Äú bezeichnet. Im ‚Äěweltweiten Kampf gegen den Terrorismus‚Äú sind auch sie zur Zielscheibe geworden, und zahlreiche L√§nder, vor allem Indien, Gro√übritannien und die USA, unterst√ľtzen die nepalesische Regierung mit Geld und Waffenlieferungen. Doch wenn man √ľber Kinderrechte spricht, sollte man die Situation der Kinder in Nepal betrachten.

In dem halb vom Feudalismus und Kapitalismus gepr√§gten System des Himalaya-Staates leben Millionen Kinder in bitterster Armut und grausamer Knechtschaft. 32.000 Kinder arbeiten in Steinbr√ľchen. Fast die H√§lfte dieser Kinder leidet unter Husten, R√ľckenschmerzen, Fieber, Gelenks- und Muskelschmerzen und fast alle erleiden Unf√§lle und Verletzungen beim Bearbeiten und Verladen der Steinbl√∂cke. Ein Zeitungsartikel berichtete √ľber einen 13-j√§hrigen Jungen, der am Morgen zur Schule und anschlie√üend zum Steinbruch geht, um Steine zu klopfen. Er verdient 20 bis 30 Rupien (ca. 50 Cent) pro Tag. Dieses Geld wird von seiner Familie ben√∂tigt um zu √ľberleben. Eine Studie der Tribhuvan Universit√§t in Kathmandu berichtete, dass 27% der Kinder in Nepal ‚Äď das sind ca. 2,6 Millionen ‚Äď als Kinderarbeiter arbeiten und 60% dieser Kinder sind im Alter zwischen 6 und 14 Jahren. Fast eine Million Kinder arbeiten als Leibeigene eines Gro√ügrundbesitzers ohne Bezahlung.

Die extreme Armut ist verantwortlich f√ľr die Leiden der Kinder. Es wird gesch√§tzt, dass 50% der Kinder unterern√§hrt sind und keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser und zu Gesundheitsversorgung haben. Kinder in Nepal sterben h√§ufig an einer Krankheit, wegen der ein europ√§isches Kind blo√ü ein paar Tage von der Schule zu Hause bleibt. Eine Grippewelle in Rolpa in Westnepal hat 400 Todesopfer gekostet. Da au√üerdem wegen der Privatisierung des Bildungssystems eine Ausbildung sehr teuer geworden ist, schicken viele Eltern ihre Kinder, beson¬≠ders die M√§dchen, nicht zur Schule. Am Land sind 40% der Menschen Analphabeten.

Laut Berichten von UNICEF werden au√üerdem jedes Jahr 5000-7000 nepalesische M√§dchen an indische Bordelle verkauft. Die h√∂chsten Preise werden f√ľr M√§dchen zwischen 11 und 14 Jahren bezahlt. Insgesamt befinden sich zwischen 100.000 bis 150.000 nepalesische M√§dchen unter 16 Jahren in indischen Bordellen, rund 20% von ihnen sind bereits mit AIDS infiziert. Da in Bombay ein Gro√üteil der Prostituierten HIV-positiv ist, stieg dort die Nachfrage nach ungef√§hrlichen Jungfrauen enorm an. Die extreme Not und das geringe Bildungsniveau werden von den M√§dchenh√§ndlern ausge¬≠n√ľtzt. Manche Eltern sind auf Grund ihres sozialen Elends bereit, ihre T√∂chter zu verkaufen. Andere werden ent¬≠f√ľhrt oder mit dem Versprechen auf einen Job in die Filmmetropole gelockt.

Das Ziel der Revolution ist nicht nur die Beseitigung des feudalen Gesellschaftssystems der Monarchie, sondern auch die Errichtung einer auf basisdemokratische Organisation ge¬≠st√ľtzten Volksdemokratie. Im Programm der Partei stehen nicht Reformen, sondern eine radikale Umwandlung der gesell¬≠schaftlichen Strukturen, eine radikale Agrarreform und das Ende der Diskriminierung von Frauen, den Minderheiten und den unteren Kasten. Bei der armen Bev√∂lkerung, besonders in den l√§ndlichen Gebieten, fanden diese Ansichten bemerkenswerten Anklang. Das ist verst√§ndlich, denn die Menschen leben in bedr√ľckender Knechtschaft und die Polizei steckt mit den Grundbesitzern unter einer Decke. √úberall wo die Rebellen Fu√ü fassten, wurde dieses Unrechts¬≠system in k√ľrzester Zeit abgeschafft. Die Land¬≠frage ist dabei die zentrale Frage. In den befreiten Zonen wurde das Land, das sich Gro√ü¬≠grundbesitzer, Geldverlei¬≠her, korrupte Politiker und anderer Betr√ľger ange¬≠eignet hatten, beschlag¬≠nahmt und armen Bauern √ľbergeben.

‚ÄěIch h√∂rte die Geschichte eines Mannes, der 50 Jahre lang als Leibeigener gearbeitet hatte. Er wurde mit 9 Jahren von seiner Familie entf√ľhrt und f√ľr 20 Kilo Hirse verkauft. Die Partei f√ľhrte 100 Leute zu dem Grundbesitzer und hielt eine Versammlung um die Ausbeutung durch die Grundbesitzer anzuprangern. Die Menschen forderten, dass der Grundbesitzer entweder den Lohn f√ľr 50 Jahre Arbeit bezahlen solle oder ihm einen Anteil von seinem Grundbesitz zu geben. Der Grundbesetzer stimmte daraufhin zu, ¬†0.8 Hektar Land herzugeben und 400.000 Rupien zu bezahlen.‚Äú Li Onesto

Teilweise wurde auch damit begonnen, kollektive Anbau¬≠methoden auszuprobieren - Bauern teilen sich Ger√§te und Tiere und helfen sich gegenseitig bei der Arbeit. Davon profitieren vor allem die armen B√§uerInnen. Die Dorfbev√∂lkerung w√§hlte ihre eigenen Gemeinder√§te. Pl√∂tzlich hatten die Menschen Mitspra¬≠cherecht, erlebten Selbstbestimmung und eine bis dahin unbekannte Freiheit und Gerechtigkeit. Wie in jedem Krieg gibt es Opfer und Grausamkeit; auch unschuldige Menschen werden get√∂tet. Sind daran die Men¬≠schen schuld, die sich gegen grausame Unterdr√ľckung und Armut wehren, oder die Regie¬≠rung, die mit aller Gewalt f√ľr die Aufrechterhaltung dieses ungerechten Systems Krieg gegen die Bewe¬≠gung f√ľhrt? Kann man den berechtigten Kampf der Menschen f√ľr Demokratie und gleiche Chancen als ‚ÄěTerroris¬≠mus‚Äú be¬≠zeichnen? Darf den Menschen das Recht verweigert werden, √ľber ihre Zukunft und die Zukunft der Kinder selbst zu entscheiden?

Quellen:
Li Onesto: Dispatches form People’s War in Nepal,
Revolutionary Worker www.rwor.org;  
UNICEF/Austria.

erschienen in: Talktogether Nr. 5/2003