Oktoberrevolution und Österreich: PDF Drucken E-Mail

Im Aufwind der Oktoberrevolution

Der Arbeiteraufstand 1918 und das Ende der Habsburger-Monarchie

„Für die imperialistischen Bourgeoisien der Großmächte ist es zuzeiten notwendig,
Absatzgebiete in Schlachtfelder zu verwandeln, damit aus diesen wieder
Absatzgebiete werden.“
Karl Kraus

Revolutionen haben die Geschichte entscheidend geprägt. Wir leben in einem Zeitalter der Revolutionen, das mit den frühbürgerlichen deutschen Bauernkriegen begonnen hat. Der Preußenkönig Friedrich II hat einmal bei einem Parademanöver seiner Truppen seinem General, der die Exaktheit der Bewegungen der Soldaten bewunderte, die Antwort gegeben: „Nicht dies, sondern dass die Kerle uns nicht totschießen, ist das Merkwürdigste“. Das Rätsel ist also nicht, warum Revolutionen ausbrechen, sondern warum Menschen generationenlang Ausbeutung und Unterdrückung ertragen. Die meisten Aufstände und Revolten in der Vergangenheit sind gescheitert, und die meisten Revolutionen auf halbem Weg stehen geblieben. Nur in den seltensten Fällen haben die Revolutionäre ihren Gegnern eine vernichtende Niederlage bereitet, wie es 1789 in Frankreich und 1917 in Russland geschah. Die russische Revolution war eine sozialistische Revolution. Mit dem Ersten Welt­krieg hatten die imperialistischen Großmächte die Menschheit in eine noch nie da gewesene Katastrophe gestürzt. Es war ein Krieg im Interesse der nach Expansion gierenden ökonomischen Eliten, der gegen die Interessen der Volksmassen gerichtet war. Die Oktoberrevolution war ein Versuch, diesen Teufelskreis von Ausbeutung, Imperialismus und Krieg zu durchbrechen und die Ursachen dafür endgültig aus der Welt zu schaffen. Deshalb blieb ihre Wirkung nicht nur auf Russland be­schränkt.

Die erste russische Revolution 1905

Schon die erste Revolution des Jahres 1905 hatte auf Österreich eine stärkere Wirkung ausgeübt als auf andere europäische Länder, weil die Situation im Zarenreich der in der Habsburgermonarchie ähnelte. Beide waren Vielvölkerstaaten, in denen die herrschende Nation politische und ökonomische Privilegien hatte und die nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen der anderen Völker unterdrückte. In beiden Ländern behaupteten sich zudem hartnäckig überkommene feudale Strukturen und der obrigkeitsstaatliche Charakter des Regimes war besonders ausgeprägt. Die Revolution von 1905 in Russland löste eine Massenbewegung der Arbeiter in Österreich aus, die damals die Einführung des allgemeinen Wahlrechts erzwang.

Die Feburarrevolution 1917

Noch stärker war die Wirkung der zweiten russischen Revolution im Februar (März) 1917, in der die Zarenherrschaft gestürzt wurde. Der erste Weltkrieg hatte die Gegensätze im Habsburgerreich verstärkt. Die Mehrheit der Menschen litt an einem katastrophalem Lebensmittelmangel, der Teuerung und politischer Unterdrückung sowie Repression und schonungsloser Ausbeutung in den Betrieben. Doch die Führung der sozialdemokratischen Partei betrieb eine Politik des „Burgfriedens“, das hieß: Zusammenarbeit mit der herrschenden Klasse für die Dauer des Krieges. Angesichts des Hungers und der Kriegsmüdigkeit brachen aber trotzdem schon bald Proteste aus. Vor allem die Frauen und Jugendlichen, die aus Männermangel in die Rüstungsfabriken geholt wurden, radikalisierten sich schnell. Nach dem Hungerwinter 1916/17 kam es zu einer ersten großen Streikwelle. Die Nachricht vom Sturz des Zaren in Russland ließ die Arbeiterklasse in Österreich aufhorchen, die den Krieg bereits gründlich zu hassen gelernt hatte. Zeigte das russische Beispiel ihnen doch, dass es auch unter einem diktatorischen Regime möglich war, demokratische Freiheiten zu erkämpfen, wenn man sich auf die eigene Kraft besann. Die Parolen „Gebt uns den Frieden oder wir legen die Arbeit nieder!“ oder „Wir müssen mit unseren Herrschenden russisch reden!“ wurden unter den Arbeitern populär. Während die herrschende Klasse seit Jahrhunderten alle Mittel zur Niederhaltung der unter­drückten Klassen in der Hand hatte, war das Proletariat nicht nur eine ökonomisch ausgebeutete, sondern auch eine erniedrigte und geistig benachteiligte Klasse gewesen. Damit war es mit der Februarrevolution vorbei. Die kaiserliche Regierung sah sich gezwungen, eine Reihe von Zugeständnissen zu machen: das österreichische Parlament wurde wieder einberufen, eine Amnestie für politische Häftlinge verkündet, man gestand den Arbeitern „Beschwerdekommissionen“, Lohnerhöhungen und soziale Verbesserungen (Mieterschutz, Erhöhung des Krankengeldes) zu.

Die Oktoberrevolution

Am größten war jedoch die Wirkung der dritten russischen Revolution, der sozialistischen Oktoberrevolution. Denn sie hat gezeigt, dass es der Arbeiterklasse möglich war, die Macht zu erobern. Und sie hat demonstriert, dass die Sowjets, die Arbeiter- und Soldatenräte, nicht nur für mehr Rechte und Mitbestimmung kämpfen, sondern auch politische Macht tragen können. Aber vor allem weil die Revolution die Losung „Frieden“ auf ihren Fahnen trug, konnte sie die Sympathie der österreichischen Werktätigen gewinnen. Die Begeisterung der österreichischen Arbeiter über den Sieg ihrer russischen Genossen kannte keine Grenzen und gab ihnen neues Selbstbewusstsein. Weil die Sozialdemokraten aber nach wie vor die kaiserliche Regierung unterstützten, stieg die Unruhe in Österreich von Tag zu Tag.

Der Jännerstreik in Österreich 1918

Am 14. Jänner 1918 kam es zur Explosion. Aufgrund einer 50%igen Kürzung der Mehlration legte in Wiener Neustadt die Belegschaft der Daimler-Motorenwerke die Arbeit nieder. Binnen weniger Tage breitete sich der Streik auf alle Industriegebiete in ganz Österreich aus. Nach russischem Vorbild wurde eine überbetriebliche Streikleitung gewählt und damit hatte die Arbeiterrätebewegung in Österreich begonnen. Am 19. Jänner befanden sich in der gesamten Habsburgermonarchie (einschließlich Krakau, Brünn, Mährisch Ostrau, Triest und Ungarn) 750.000 Arbeiter im Ausstand. Dieser Jännerstreik war nicht nur die bedeutendste revolutionäre Streikaktion in der Geschichte der Arbeiterbewegung Österreichs, er war auch ein durch und durch politischer Streik, ein Streik für den Frieden und ein Höhepunkt der sozialen und politischen Konfrontation zwischen den herrschenden Klassen und den Volksmassen. Doch der Parteiführung der Sozialdemokraten gelang es, die Streikbewegung zu brechen und sie auf Kompromissergebnisse zu begrenzen. Die Basis reagierte auf diesen Verrat mit wütenden Protesten, Karl Renner wurde sogar in Wiener Neustadt von Streikposten festgenommen.

Das Ende der Habsburger-Monarchie

Der Regierung war zwar gelungen, mit Hilfe der Sozialdemokraten die Arbeiter unter Kontrolle zu halten, doch die Oktoberrevolution hatte auch in den Streitkräften Österreich-Ungarns Widerhall gefunden. Die Soldaten an der Ostfront weigerten sich weiter zu kämpfen und verbrüderten sich mit ihren russischen Kameraden. Im Februar kam es zum Aufstand der Matrosen in Cattaro, dessen Ziele von den Prinzipien der Oktoberrevolution beeinflusst waren (Frieden ohne Annexionen, Erklärung des Selbstbestimmungsrechts der Völker bis zum Recht auf Bildung eigener unabhängiger Staaten). Im April gab es wieder Streiks in Bruck und Graz, im Juni in Wien. Im Mai kam es zu Meutereien in der Armee. Im November wurden Soldatenräte gegründet. Österreich-Ungarn verlor den Krieg und die Monarchie zerfiel unter dem Druck der Unabhängigkeitsbestrebungen der Nationen und Völker. Die Geschichte hat uns gezeigt, dass Revolutionen die notwendigen und unvermeidlichen Folgen bestimmter Gesellschaftsstrukturen sind, die in den ökonomischen Verhältnissen vor allem in den Eigentumsverhältnissen wurzeln. Revolutionen sind Vorgänge, durch die grundlegende Widersprüche gelöst und der Übergang zu höhe­ren Gesellschaftsformen bewirkt werden können, wenn auch zu manchen Zeiten die Herrschenden glauben, fest im Sattel zu sitzen. Der revolutionäre Aufschwung in Österreich war das Ergebnis der Zuspitzung aller Widersprüche im Inneren des Landes, die unabhängig vom Wunsch oder Willen einzelner Personen oder Parteien erfolgte. Die bereits vorhandene Krise wurde durch die sozialistische Oktoberrevolution noch verstärkt. Durch ihren Einfluss wurden 1919 in Ungarn und München Räterepubliken ausgerufen.

Ohne der Angst vor dem russischen Revolutionsbeispiel hätte sich die herrschende Klasse Österreichs wohl nicht zu so weitreichenden Zugeständnissen zwingen lassen und wären die wesentlichen politischen und sozialen Errungenschaften nicht möglich gewesen, die da wären: die Ausrufung der Republik, eine Erweiterung der demokratischen Rechte, der 8-Stunden-Arbeitstag, das Frauenwahlrecht, das Betriebsrätegesetz, die Gründung der Arbeiterkam­mern und schließlich die Bildung der ersten für die ArbeiterInnen wirksamen Sozialversicherungen.

Nach dem Referat von Hans Hautmann: Die Oktoberrevolution und Österreich (Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 4/1997) auf dem Symposium der Alfred Klahr Gesellschaft „80 Jahre Oktoberrevolution“, 8. November 1997 (zusammengefasst).

erschienen in: Talktogether Nr. 5/2003