Somalische Mädchen, bindet eure Röcke fest PDF Drucken E-Mail

Somalische Mädchen, bindet eure Röcke fest…

Die Dichtung somalischer Frauen im Unabhängigkeitskampf

von Zainab Mohamed Jama (übersetzt aus dem Englischen und gekürzt)


Foto Nicola Prisca

"Die Flugzeuge mit ihrem ohrenbetäubendem Lärm
und die explodierenden Waffen
Die Nationen (die sie erzeugten) erreichten das nur durch Härte.
Dessen müssen auch wir uns bewusst sein.
Die Männer sterben vor Erschöpfung, kommen nicht mehr nach Hause
und arbeiten die ganze Nacht für unseren Sieg.
Wir haben uns entschlossen, an ihrer Seite zu stehen.
Darum, somalische Mädchen, bindet eure Röcke fest.
Wir dürfen uns nicht spalten und von den Verrätern verkaufen lassen.
Solange wir unser Ziel nicht erreicht haben, dürfen wir nicht rasten." 

(Halimo Godane)

Heute gilt Somalia als ein Land voll hungernder Kinder und bewaffneter Banden. Doch Jahrhunderte lang war dieses Land am Horn von Afrika wegen seiner reichen Tradition der Dichtkunst als die „Nation der Poeten“ bekannt.

Ich möchte in diesem Aufsatz die Dichtung einer Gruppe von somalischen Frauen behandeln, die im "Unabhängigkeitskampf in Somalia zwischen 1940 und 1950 aktiv waren. Die Poesie, die hier besprochen wird, ist nicht sehr bekannt in Somalia, wie es im Allgemeinen der Fall ist mit der Dichtung von Frauen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Somalias besteht aus Frauen. Trotzdem findet ihre Dichtung, die sich mit politischen Themen wie Clan-Politik, nationaler Unabhängigkeitskampf, Regierungspolitik und Bürgerkrieg beschäftigt, keine weite Verbreitung.

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Der erste und wichtigste ist das Fehlen von weiblichen Vortragenden in der somalischen Gesellschaft. Es gibt keine spezielle Klasse von Dichtern und Vortragenden in der somalischen Kultur. Üblicherweise hat ein Dichter oder Vortragender einen anderen Beruf um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber während männliche Vortragende, die Gedichte ihrer Lieblingsdichter vortragen, diese auswendig lernen und vor Publikum vortragen, gibt es keine Frauen, die eine ähnliche Rolle haben. Das ist nicht deshalb, weil Frauen weniger an diesem Beruf wären, sondern weil die somalische Kultur den Frauen eine große Zahl von Verboten auferlegt. Männer reisen frei umher und diese Freiheit der Bewegung, besonders in nomadischen Gebieten, ist eng verbunden mit der Weise, wie die Dichtung verbreitet wird. Aber in der somalischen Tradition ist die Reisefreiheit von Frauen viel eingeschränkter als die der Männer. Wenn eine Frau in ein anderes Gebiet als das ihrer Familie oder der Familie ihres Mannes reist, muss sie gute Gründe haben.

Obwohl Frauen über Generationen Gedichte, die Politik und andere ernsthafte Themen zum Inhalt hatten, gedichtet haben, war ihre Dichtung immer durch einen Faktor streng eingegrenzt: Der Widerwille oder die ausgesprochene Verweigerung der Männer ihre Dichtung vorzutragen. Deshalb ist die Dichtung von Frauen selten über den Kreis ihrer engsten FreundInnen oder Verwandten hinaus bekannt geworden und ihre Werke nicht so lang in Erinnerung geblieben als die ihrer männlichen Zeitgenossen. Trotzdem kennen wir die Namen berühmter Dichterinnen aus der Vergangenheit, wie die legendäre Königin Arrawelo, Muheeya Ali, die Frau des berühmten Poeten Ali Duuh und eine der Töchter von Sayid Mohamed Abdulle Hassan, alias Mad Mullah.

In diesem Jahrhundert hat eine Gruppe von Dichterinnen breite Anerkennung gefunden. Dabei handelt es sich um eine Gruppe somalischer Frauen, die Mitglieder der Somali Youth League (S.Y.L.) während der 1940er und 1950er Jahre waren. Die S.Y.L. war aktiv beteiligt am Kampf für die nationale Unabhängigkeit im Süden von Somalia, der von Italien kolonialisiert war. In den 1940er Jahren traten viele Frauen - mit dem gleichen Enthusiasmus wie ihre männlichen Kollegen - der nationalistischen Bewegung sowohl im Norden als auch im Süden der somalischen Territorien bei. Sie nahmen nicht nur am Kampf für die Befreiung teil, sondern auch an der Dichtkunst mit dem Thema des Nationalismus. Diese Frauen nützten die Gelegenheit bei öffentlichen Versammlungen und Demonstrationen, die von der Unabhängigkeitsbewegung organisiert wurden, ihre Dichtung vor männlichem oder gemischtem Publikum vorzutragen zu können. Ich traf eine Gruppe von S.Y.L. Dichterinnen in Mogadischu und nahm auf Tonband auf, was sie von ihrer Dichtung in Erinnerung hatten - diese Frauen trugen ihre Dichtung mündlich vor und waren alle Analphabetinnen.

Es gibt vier verschiedene Stile in der klassischen somalischen Dichtung, welche angepasst sind die bedeutenden Inhalte auszudrücken: Gabay, Geeraar, Jifto - von Männern rezitiert - und Buraanbur - von Frauen auf andere Weise vorgetragen. Sowohl Buraanbur als auch die männlichen Formen der klassischen Dichtung folgen der strengen Regeln des Stabreims. Die Zeilen beginnen mit demselben Konsonanten oder Vokal, und kein Ersatz durch einen ähnlichen Klang ist erlaubt. Diese strenge Regel zieht sich durch das ganze Gedicht. Zusätzlich zur klassischen Dichtung gibt es die "leichte" Balwo Poesie, die charakterisiert ist durch kurze Zeilen und lebendige Rhythmen und durch Instrumentalmusik, Händeklatschen oder Chor begleitet wird. Die Balwo Form war während des Unabhängigkeitskampfes sehr populär und wurde durch das neue somalische Radioprogramm gesendet.

Die Inhalte ihrer Dichtung entsprangen ihren ungewohnten Aktivitäten im Unabhängigkeitskampf. Der Stil ihrer Dichtung war abhängig von der Zeit, die sie für die Dichtung hatten, der Länge des Gedichts und vor allem vom Anlass. Veranstaltungen wie öffentliche Versammlungen erforderten den Buraanbur, da sie den Dichterinnen die Gelegenheit, ihre Werke öffentlich vorzutragen, gaben. In Alltagssituationen, die mehr Dialog und Kommunikation verlangten, wurde der Balwo Stil, kurze prägnante Gedichte mit zwei oder drei Zeilen vorgezogen, um die Botschaft zu überbringen. Wenn die Zeit knapp war, wurden die Gedichte auch improvisiert. Die Themen umfassten Ermutigung für den Kampf, Freude über Siege und Trauer über den Verlust von GenossInnen und FreundInnen, sowie Verfluchtung der Feinde.

Aus der Gruppe der S.Y.L. Frauen traf ich: Halimo Godane, Halimo Shiil, Barni Warsame and Timiro Ukash. Ich nahm ihre Gedichte auf Tonband auf und übersetzte sie, ein paar werde ich als Beispiele zitieren. Ihre Gedichte wurden in Versammlungen vorgetragen und dienten manchmal dazu, weniger mutige Frauen zu überzeugen. Halmo Shiil zum Beispiel wurde von einer Freundin, die ihre Beteiligung am Unabhängigkeitskampf als gefährlich betrachtete, gewarnt: "Sei vorsichtig. Wenn du stirbst, hinterlässt du nicht einmal ein Kind". Halimo machte ein kurzes Buraanbur Gedicht um der Freundin zu antworten. (Anmerkung: Das somalische Alphabet wird wie das lateinische ausgesprochen, außer dem "c", das wie ein kurzes "a" und dem "x", das wie "ch" ausgesprochen wird).

Aniga geeri iyo nololi way ii gudboonyihiin.
[Für mich ist Leben und Tod das gleiche]

Go’aan baan gaadhnay isticmaarka inaan gubnaa,
[Wir sind entschlossen, die Kolonialisten zu vertreiben]

Guhaad iyo ciil nin qaba ayaa wax gaysan jiray,
[Wer zornig ist, hat einen Grund zu kämpfen]

Sharduu naga guuro gaashaanka waa lahayn
[So lang sie nicht gehen, werden wir gewappnet sein]

In diesem kurzen Gedicht wollte Halimo ihrer Freundin schnell ihre Gefühle über den Kampf mitteilen, dass er so wichtig für sie war, dass es ihr nichts ausmachte, wenn sie dafür sterben müsste. Die Frauen mussten oft auch die Beschimpfung von anderen Frauen ertragen, die nicht mit ihren Aktivitäten einverstanden waren. Zu einer anderen Gelegenheit, als Halimo Shiil mit einer Genossin in ländlichen Gebieten herumreiste um andere zu überzeugen, der S.Y.L. beizutreten, fragte sie eine der Frauen, die sie trafen: "Wie können wir über Unabhängigkeit reden, wenn wir nicht einmal Fabriken bauen können". Darauf antworteten sie mit diesem Buraanbur:

"Unser Land hat alles: Steine, Bäume und fruchtbaren Boden.
In unserem Land wachsen Kokosnüsse und Mais.
Wir können unsere Dhafaruur-Früchte selbst in Flaschen einfüllen
einen Namen geben und in einem Geschäft verkaufen lassen."

Halimo Shiil und ihre Genossinnen versuchten zu sagen: "Wir haben die Ressourcen, die Technologie werden wir selbst entwickeln können, wir müssen es nur versuchen". Halimo Godane komponierte ein Gedicht mit ähnlichem Inhalt um Somalis zu ermutigen und an ihren Patriotimus zu appellieren. Hier ein Beispiel:

"Unser Land ist voll Silber und natürlichem Gas
doch unser Reichtum wird von den Verrätern
mit ihren Lastwagen weggebracht.
Oh Somalis beeilt euch, bevor sie uns alles wegnehmen!
Unser Land ist voll Silber und natürlichem Gas,
doch unser Reichtum wird von den Verrätern
mit ihren Lastwagen weggebracht.
Uns bleibt nichts.
Unser Land wird begraben mit Gold Diamanten
und Perlen gibt es im Überfluss wie Bäume.
Bevor sie uns alles wegnehmen, beeilt euch Somalis!"

Die Kommission der Alliierten hatte die Situation in Südsomalia studiert und verfasste einen Bericht. Es gab Gerüchte, dass die UN-Kommission empfehlen würde, Südsomalia, nach der Niederlage Italiens im Zweiten Weltkriegs von einer britischen Militärverwaltung regiert, den Italienern als Sachwalter wieder zurückzugeben. Halimo Godane und Barni Warsame komponierten ein Buraanbur-Duett über die Kollaborateure, die für die Kolonialisten arbeiteten und speziell ihre Vertreter in der UNO. Dieses Gedicht hat einen einzigartigen Charakter: Es ist aus mehreren Themen zusammengesetzt. Einmal preisen die Poetinnen die S.Y.L. und ihrer Erfolge, danach überschütten sie ihre Feinde mit Schimpf und Schande. Das eindrucksvollste dieses Buraanburs ist die Kraft der Verfluchung. Verfluchung - oder "kuhan" wie es in Somali heißt - ist in der Dichtung eine machtvolle Waffe, vor allem wenn sie von den Unterdrückten verwendet wird. In diesem Gedicht verfluchen die Dichterinnen die, die mit den Italienern kollaborieren und ihre Brüder und Schwestern verrieten. Die folgenden Zeilen sind aus diesem Gedicht:

Halimo: "Mögen die, die mit den Italienern kollaborieren niemals den Himmel sehen Möge Gott ihnen niemals das Gesicht des Propheten zeigen, Möge ihr ganzer Körper mit Krankheit befallen werden"

Barni: "Kaaha, Tochter Mohameds, diese Feiglinge Es ist Tatsache, dass sie vor Panik zitterten als Gott sie schuf, Und es ist Tatsache, dass sie von ihren Stühlen (bei der UNO) weggetragen werden müssen, Die Neidischen, die dort hingingen um uns zu schaden, haben sich (mit den Italienern) verheiratet und müssen sie ruhig bleiben. Sie sollten sich immer schämen, wenn man sich ihnen persönlich nähert. Wir beten, dass sie für all ihre Missetaten bezahlen müssen."

Gefängnis war ein anderes Thema der Gedichte. Viele Frauen, die ich traf, hatten Erfahrung mit Gefängnis, körperlicher und psychischer Folter und anderen Erniedrigungen. Timiro Ukash war unter der großen Zahl von S.Y.L. Mitgliedern, die in Kismayo 1952 verhaftet wurden. Sie hatten an einer nicht genehmigten Demonstration gegen die Rückgabe von Südsomalia an die Italiener teilgenommen. Nachdem sie ohne Gerichtsverfahren 13 Monate eingesperrt waren, wurden einige von ihnen zu lebenslänglicher Haft verurteilt, andere bekamen Gefängnisstrafen zwischen 3 und 24 Jahren. Timiro verbrachte einige Jahre im Hochsicherheitsgefängnis in Kismayo. Sie war schwanger als sie verhaftet wurde und war eine von mehreren Frauen, die ihre Kinder im Gefängnis zu Welt brachten.

Das ist eines ihrer Gedichte:

"Sie können den Krieg beginnen, uns einsperren,
und uns mit Feuer verbrennen, Männer und Frauen erschießen. 
Die paar von uns, die übrig bleiben, werden die Unabhängigkeit erkämpfen.
Dahabo, Tochter von Musa, meine Zellengenossin, verzweifle nicht. 
Sie können uns knechten und wie Dreck behandeln,
und weise Männer wie Hujuirs behandeln
solange bis wir die Unabhängigkeit,
für die wir kämpfen, erreicht haben."

Während diese Ereignisse im Süden stattfanden, gab es auch im Norden, das ein britisches Protektorat war, Frauen, die am Unabhängigkeitskampf teilnahmen. Eine war Fadumo Hersi Abbane, Mitglied der Somali National Society (S.N.S.). Auch Fadumo spricht über die Gefängnisse, um den Somalis Mut zu machen, da sie selbst einige Male eingesperrt war:

"Bei Gott, wir haben keine Angst
Weil wir das Gefängnis gewohnt sind.
Da gibt es eine Decke, um sich zuzudecken
Und eine andere, um sie als Kissen zu verwenden
Zwei Garnituren Kleider, um sich zu kleiden
ein Bad, um sich zu waschen,
einen Hof um herumzugehen
genug warmen Tee und eine Hirsemahlzeit
um den Bauch zu füllen."

Fadumo dichtete Duzende von Gedichten im männlichen Stil und trug sie vor männlichem Publikum vor. Doch ihre Dichtung bekam trotzdem nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient hätte, weil sie von einer Frau war. Einerseits war sie Opfer der Weigerung der Männer, die Gedichte einer Frau vorzutragen, andererseits brach sie in ihren öffentlichen Vorträgen das Tabu, das Frauen bestraft, die nicht nach den vorgeschriebenen Verhaltensregeln für Frauen entsprechen. Fadumo und die Gruppe der S.Y.L. Dichterinnen, die in diesem Bericht zitiert werden, so wie viele andere, deren Namen nicht erwähnt wurden, haben viele persönliche Opfer aufgebracht. Somalia ist ein vom Islam geprägtes Land, und von den Frauen wird erwartet, dass sie zu Hause bleiben und sich um ihren Mann und ihre Kinder kümmern. Traditionellerweise werden Frauen nur für eine Sache ausgebildet, für die Rolle einer Ehefrau. Eine Frau, die sich dieser Rolle widersetzt, riskiert von der Gesellschaft verachtet zu werden. Diejenigen, die sich entschlossen, der Unabhängigkeitsbewegung anzuschließen, wurden von ihren Familien, Freunden und der Öffentlichkeit streng kritisiert. Einige der verheirateten Frauen, die sich der Befreiungsbewegung anschlossen, wurden deswegen geschieden. Die unverheirateten mussten mit dem Stigma leben, "leichte Frauen" zu sein, manche wurden sogar von ihren Eltern enterbt. Viele von ihnen heirateten nie, kein Bräutigam warb um ihre Hand. Fadumo Hersi Abbane heiratete erst viel später in ihrem Leben, als sie schon zu alt war, um Kinder zu bekommen, und einen Mann, der viel jünger war als sie, denn ein Mann ihrer Generation würde sich das nicht gewagt haben.

Die Dichtung der Frauen wurde auch nach der Unabhängigkeit und der Vereinigung Nord- und Südsomalias fortgeführt. Ich habe nur mündlich überlieferte Dichtung diskutiert, denn die somalische Schrift wurde erst 1972 eingeführt. Seit damals haben viele Forscher versucht, Sammlungen von mündlichen Dichtungen aufzuschreiben, auch Frauenlieder wie Arbeitslieder und Wiegenlieder für Kinder, aber wenige haben versucht, Frauendichtung, die öffentliche Themen behandelt, aufzuzeichnen. Es scheint, als wären die Sammler mehr Interesse gehabt an den Gedichten, die der traditionellen Rolle der Frau entsprechen. Die schriftliche Überlieferung hat die Dichtung und ihre Verbreitung aber nicht wesentlich beeinflusst, da sie auch heute noch hauptsächlich mündlich verbreitet wird, da eine große Zahl der Somalis Nomaden sind. In den ländlichen Gebieten, aber auch in den Städten können immer noch große Teile der Bevölkerung nicht lesen und schreiben.

Originalartikel: http://journal.oraltradition.org/files/articles/9i/8_jama.pdf

erschienen in: Talktogether Nr. 5/2003