USA: Die Attica Rebellion PDF Drucken E-Mail

Die Attica Rebellion

„
 weil es besser war, als wie ein Tier zu leben“

Am 9 September 1971 ĂŒbernahmen ca. 1200 Gefangene der Attica-Haftanstalt, eines der berĂŒchtigtsten GefĂ€ngnisse in den USA, die Kontrolle ĂŒber die HĂ€lfte der Anstalt, nahmen 38 WĂ€chter als Geiseln und erklĂ€rten:

„Wir sind Menschen. Wir wollen nicht geschlagen und wie Tiere behandelt werden.“

Vier Tage lang kontrollierten die „Attica Brothers“ den D-Block mit dem Ziel, die Menschen draußen auf das brutale System aufmerksam zu machen. Die Attica Rebellion war der bestorganisierteste GefĂ€ngnisaufstand in der Geschichte der USA, und wurde von den Menschen weltweit als gerechtfertigte Antwort auf die unmenschlichen GefĂ€ngnisbedingungen gesehen.

Die Rebellion

Monatelang hatten die „Attica Brothers“ versucht, mit der GefĂ€ngnisleitung ĂŒber eine Liste von dringlichen Forderungen zu verhandeln. Das fĂŒr seine unmenschliche Behandlung der HĂ€ftlinge bekannte Attica GefĂ€ngnis im Staat New York wurde ursprĂŒnglich fĂŒr 1600 Gefangene gebaut. 1971 waren aber mehr als 2000 Menschen in diesem GefĂ€ngnis - 54 Prozent waren schwarz, 9 Prozent Puertoricaner und 37 weiß. 14 bis 16 Stunden pro Tag in ihre Zellen gesperrt und bei einer Bezahlung von 20 Cents bis 1 $ pro Tag fĂŒr ihre Arbeit, durften die MĂ€nner nur einmal in der Woche duschen und bekamen nur eine Seife und eine Rolle Toilettenpapier im Monat. Die Post wurde zensuriert, der Zugang zu Literatur war stark eingeschrĂ€nkt und Besucher wurden schikaniert, wenn sie ĂŒberhaupt hinein gelassen wurden. Schwarze und Puertoricaner waren den rassistischen Beschimpfungen der GefĂ€ngniswĂ€rter ausgesetzt. Es gab keine Ausbildungsmöglichkeiten, Verpflegung und medizinische Versorgung waren miserabel.

In dieser Zeit war die Bewegung fĂŒr die Rechte der Gefangenen stark, und viele der Insassen hatten bereits Erfahrung in der „Black Liberation“ und der Anti-Kriegs-Bewegung gesammelt. Attica Brother Akil Al-Jundi beschrieb die Situation: „Viele der Gefangenen hatten sich durch ernsthaftes Studium aufgebaut, um nach ihrer Freilassung fĂŒr ihre Gemeinden zu arbeiten. Es gab eine Organisation, die Attica Liberation Front, die alle Gefangenen reprĂ€sentierte. Die Vertreter wurden von uns gewĂ€hlt." Im Mai 1971 ĂŒberreichte die Attica Liberation Front ihr Manifest mit den Forderungen der Gefangenen Russel G. Oswald, dem Leiter der Anstalt. Doch dieser hatte nicht einmal die Höflichkeit, direkt zu antworteten, und schickte eine Botschaft auf Tonband, die besagte, dass die Reformen Zeit benötigen wĂŒrden.

Der Auslöser fĂŒr den Aufstand war, als am 21. August 1971 der schwarze RevolutionĂ€r George Jackson kaltblĂŒtig im California State Prison ermordet wurde. Als die Nachricht sich von Zelle zu Zelle verbreitete, entstand der Plan, das ganze GefĂ€ngnis in einem Protest zu vereinigen. Am nĂ€chsten Morgen beim FrĂŒhstĂŒck, stellten sich die Gefangenen in zwei Reihen auf, mit jeweils einem Schwarzen an der Spitze. In der Halle herrschte Totenstille, die Gefangenen trugen schwarze Armbinden und machten einen Hungerstreik.

Am Morgen des 9. September brach die Rebellion aus. „Wir kehrten vom Speisesaal zurĂŒck. Die Spannung war explosiv. Als ein WĂ€chter jemanden aus der Reihe zog, schnappten wir ihn und danach noch ein paar andere. Wir stellten sie an die Mauer und nahmen ihnen die KnĂŒppel weg. Diejenigen mit FĂŒhrungstalent begannen die Dinge zu organisieren. Überall wurden Posten aufgestellt, wir ĂŒbernahmen die WerkstĂ€tten und befreiten die Gefangenen in Einzelhaft. Wir machten Löcher in die WĂ€nde um den Zugang zu anderen Abteilungen zu bekommen. Wir nahmen die Geiseln und steckten sie in Zellen. Manche von uns waren WĂ€chter, andere organisierten das Essen. Jeder hatte eine Aufgabe. In Attica kommt man an einen Punkt, an dem man nicht mehr an die Konsequenzen denkt. Hier drinnen waren wir ohnehin so gut wie tot.“

Botschaft an die Welt

„BrĂŒder! Die Welt hört uns! Die Welt sieht unseren Kampf! Seht die Leute (das Beobachtungsteam), die aus dem ganzen Land, hierher kommen um aus erster Hand unseren Kampf gegen die rassistische UnterdrĂŒckung und BrutalitĂ€t zu beobachten. Wir werden es ihnen zeigen, damit sie der Welt erzĂ€hlen können, was hinter diesen Mauern vorgeht", sagte Brother Herb bei einem Besuch des Beobachtungsteams.

Die Attica Brothers bildeten ein FĂŒhrungsteam und ein Verhandlungskomitee, das sich aus Schwarzen, Latinos und Weißen zusammensetzte. Überhaupt herrschte eine unzerbrechliche Einigkeit zwischen den Gefangenen verschiedener NationalitĂ€ten. Sie waren bestens organisiert und diszipliniert. Obwohl sie unter den sadistischen GefĂ€ngniswĂ€rtern gelitten hatten, behandelten sie die Geiseln gut, gaben ihnen gute Quartiere, gutes Essen und beschĂŒtzten sie durch WĂ€chter. Eine an die Öffentlichkeit gerichtete ErklĂ€rung wurde abgegeben: „Die GefĂ€ngnisinstitutionen dienen nicht dem amerikanischen Volk, sondern nur denen, die die Menschen versklaven und ausbeuten wollen“. Sie forderten eine generelle Amnestie, den Transport in ein „nicht-imperialistisches“ Land und Verhandlungen durch ein Beobachtungsteam, dem der radikale Anwalt William Kunstler, Mitglieder der Black Panther Partei, der Young Lords sowie liberale und schwarze Journalisten angehörten.

Der Geist von Attika strahlte die nĂ€chsten vier Tag von den WĂ€nden des D-Blocks. Einer der Attica Brothers, Herbert X. Blyden erklĂ€rte: „Wir stehen hier fĂŒr alle unterdrĂŒckten Menschen auf der Welt. Wir werden nicht aufgeben, wir werden ihnen den Weg zeigen“. Andere gaben SolidaritĂ€tserklĂ€rungen ab fĂŒr die Menschen auf der ganzen Welt, die gegen den Imperialismus kĂ€mpfen, besonders fĂŒr das vietnamesische Volk. Die Attica Brothers erklĂ€rten auch ihre SolidaritĂ€t mit den Native Americans in Wounded Knee: „Auch wenn die Yankee Imperialisten ein Blutbad vorbereiten, werden sie es nicht schaffen, den Kampf der Völker zu ertrĂ€nken“. Diese Botschaften erreichten und inspirierten viele Menschen auf der ganzen Welt und gaben ihnen einen Vorgeschmack, wie es sein könnte, wenn sie den UnterdrĂŒckern die Macht entreißen wĂŒrden.

Artur Eve vom Beobachtungskomitee erzĂ€hlte: „Es war unglaublich interessant. Sie hatten ein ausgeklĂŒgeltes Kommunikationssystem errichtet. Einige waren fĂŒr die Sicherheit verantwortlich, andere fĂŒr die MĂŒllentsorgung, andere fĂŒr die Verpflegung, andere wiederum ĂŒbernahmen die Pflege von Erkrankten. Es war eine Gemeinschaft innerhalb einer Gemeinde. Es hat mich tief beeindruckt, wie sie sagten, das ist unser zu Hause, und wir werden es uns so lebenswert wie möglich machen. Es herrschte eine erstaunliche Disziplin."

Das Massaker

Sehr schnell stoppte der Staat die Verhandlungen und bereitete sich vor, den Aufstand niederzuschlagen. Er war nicht mehr bereit, dieses Symbol des Widerstands zu tolerieren, und fĂŒrchtete den Effekt, den er fĂŒr Millionen außerhalb der GefĂ€ngnismauern von Attica haben wĂŒrde. Er antwortete mit nackter Waffengewalt. Am 13. September nahmen dann mit TrĂ€nengas, Gewehren und Maschinenpistolen ausgerĂŒstete Truppen unter dem Befehl von Gouverneur Rockefeller Attica ein. Nachdem die Schießerei vorbei war, waren zehn Geiseln und 29 Gefangene tot. Die GefĂ€ngnisleitung behauptete, dass die Geiseln von den Gefangenen getötet worden wĂ€ren. Aber die Untersuchungen ergaben, dass alle an Schussverletzungen gestorben waren. Keiner der Gefangenen hatte eine Schusswaffe. Einer der Gefangenen berichtete: „Sie kamen mit ihren Gewehren und schossen auf alles, das sich bewegte. Sie gingen von Zelle zu Zelle mit ihren Maschinenpistolen und beschossen die Betten. Sie schauten nicht, ob jemand da war, sie schossen einfach drauf los. Ihr Ziel war zu töten, nicht Fragen zu stellen. Sie hatten panische Angst, das sah man in ihren Gesichtern“.

Attica Brother Rahim schrieb spĂ€ter: „Nach dem Aufstand waren viele von uns gestorben oder verletzt worden. Aber niemand bereute, was wir getan hatten. Und bei der nĂ€chsten Gelegenheit hĂ€tten wir es wieder getan. Weil es besser war, als wie ein Tier zu leben." Der Geist von Attica lebt weiter. Er brennt in den Herzen derer, die vom Tag trĂ€umen, an dem sich die Menschen von der UnterdrĂŒckung befreien werden.

erschienen in: Talktogether Nr. 5/2003