Kongo: Patrice Lumuma PDF Drucken E-Mail

 Patrice Lumumba, 1925-1961

Der Juli 1960 war fĂŒr Millionen Menschen ein hoffnungsvoller Augenblick im weltweiten Kampf gegen den Kolonialismus. Die belgischen Kolonialisten, von denen die Menschen im Kongo so furchtbar gequĂ€lt und ausgebeutet worden waren, sahen sich gezwungen, dieses große und an BodenschĂ€tzen reiche Land zu verlassen. Die Republik Kongo war geboren und einer ihrer FĂŒhrer war der feurige, junge antikolonialistische Politiker namens Patrice Lumumba. Der belgische König Baudouin I kam nach Leopoldville um den Kongo persönlich fĂŒr unabhĂ€ngig zu erklĂ€ren. Eine gegenseitige Huldigung von Kolonialisten und Kolonialisierten wurde erwartet, um eine Beziehung zu festigen, die sich nicht viel von der vergangenen unterschied. Doch Lumumba, der neue Premierminister, nahm das Mikrophon und sprach ĂŒber das Radio zum kongolesischen Volk:

„Es war unser Schicksal, 80 Jahre lang unter einem Kolonialregime zu leben. Unsere Wunden sind zu frisch und zu schmerzvoll, um sie aus unserem GedĂ€chtnis zu verbannen. Wir wurden zu aufreibender Arbeit gezwungen, fĂŒr die wir Löhne bekamen, die uns nicht ermöglichten unseren Hunger zu stillen, anstĂ€ndig zu wohnen, zu kleiden oder unsere Kinder fĂŒrsorglich aufzuziehen. Als „Neger“ haben wir Witze, Beschimpfungen und DemĂŒtigungen ertragen mĂŒssen ... Unser Land wurde beschlagnahmt im Namen von Gesetzen, in denen nur die Macht als Recht anerkannt wird. Diese Gesetze waren nicht gleich fĂŒr Weiße und Schwarze, fĂŒr die einen waren sie entgegenkommend, fĂŒr die anderen grausam und unmenschlich. Die fĂŒr ihre politischen oder religiösen Überzeugungen verurteilt wurden, mussten entsetzliche Leiden ertragen, in ihrem eigenen Land verbannt war ihr Schicksal grausamer als der Tod. In unseren StĂ€dten gab es großartige HĂ€user fĂŒr die Weißen und schĂ€bige HĂŒtten fĂŒr die Schwarzen; Schwarze wurden der Eintritt in die Kinos, Restaurants und KaufhĂ€user der Weißen verwehrt; Schwarze mussten im Laderaum reisen zu den FĂŒĂŸen der Weißen in ihren Luxuskabinen. Wer könnte je die Massaker vergessen, in denen so viele unserer BrĂŒder und Schwestern starben? Oder die Zellen in die die gesteckt wurden, die sich weigerten, sich diesem Regime der UnterdrĂŒckung und Ausbeutung zu unterwerfen? All das mussten wir ertragen. ... Aber nun haben uns eure gewĂ€hlten Vertreter das Recht gegeben, unser geliebtes Land zu regieren. Wir, deren Körper und unseren Seelen durch die koloniale UnterdrĂŒckung gelitten haben, wir sagen euch nun laut, dass dies nun zu Ende ist. Die Republik Kongo wurde ausgerufen und das Land ist nun in den HĂ€nden seiner Kinder“.

Die Worte ĂŒber die Vergangenheit waren wahr, aber Lumumba’s Worte ĂŒber die Zukunft leider ein Irrtum. Das Land war nicht in den HĂ€nden „seiner eigenen Kinder“. Hinter der Fassade einer formalen UnabhĂ€ngigkeit, hatten belgische Offiziere noch immer die Kontrolle ĂŒber die kongolesische Armee und die Bergwerksgesellschaften ĂŒber den Reichtum des Landes und den korrupten Verwaltungsapparat. Geheimagenten des CIA, des belgischen Geheimdienste und andere MĂ€chte arbeiteten Tag und Nacht daran, die Macht auf Dauer in die HĂ€nde solcher Leuten zu transferieren, die fĂŒr die Interessen der Imperialisten arbeiten. Zwei Hundert Tage nach seinem Amtsantritt wurde Patrice Lumumba von den Agenten des Imperialismus ermordet. Das war ein herzzerreißender Augenblick und eine bittere Erfahrung fĂŒr alle unterdrĂŒckten und fortschrittlichen Menschen. Heute, 42 Jahre spĂ€ter, sind die afrikanischen LĂ€nder zwar unabhĂ€ngig, aber die Menschen warten noch immer auf Befreiung. Heute ist der Kongo gespalten durch verschiedene Kriegsparteien, die von rivalisierenden MĂ€chten unterstĂŒtzt und gegeneinander aufgehetzt werden.

König Leopolds Revier

Der Kongo donnert in den Atlantischen Ozean nach einer Reise von Zentralafrika ĂŒber Tausende Meilen durch RegenwĂ€lder, Savannen und die LĂ€nder von 200 Völkern. Im Jahr 1885, nach 300 Jahren europĂ€ischen Sklavenhandel an der atlantischen KĂŒste, nahm der belgische König Leopold II das große Becken des Kongos in seinen persönlichen Besitz. Seine AnsprĂŒche wurden anerkannt von der berĂŒchtigten Berliner Konferenz 1886, wo sich die europĂ€ischen KolonialmĂ€chte den afrikanischen Kontinent aufteilten. König Leopold installierte in dem Land, das 80 mal grĂ¶ĂŸer als das kleine Kolonialland Belgien war, ein Netzwerk von MilitĂ€rposten und Sklavenarbeitslagern. Die BrutalitĂ€t, die gegen die Afrikaner in diesen Lagern ausgeĂŒbt wurde, gehören zu den grausamsten und schrecklichsten der ĂŒberlieferten Geschichte. Mit Gummi, Holz und Palmöl, die aus dem Regenwald gesaugt wurden, bereicherten sich belgische und amerikanische Kapitalisten, unter ihnen Guggenheim und Rockefeller. In nur 20 Jahren dieser mörderischen Operationen sank die Bevölkerung des Kongo von 25 auf 15 Millionen Menschen.

Nachdem in der Bevölkerung Revolten ausgebrochen waren, Ă€nderte Belgien ihre Regierungsform und nahm 1908 die direkte Kontrolle ĂŒber diese wertvolle Kolonie. WĂ€hrend der nĂ€chsten Dekaden gab es große VerĂ€nderungen, als die Kolonialisten begannen, die reichen Kupferfelder in der isolierten sĂŒdlichen Provinz Katanga und die Diamantenfelder von Kasai auszubeuten. WĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs lieferten die BodenschĂ€tze des Kongos den Imperialisten wichtige Rohstoffe fĂŒr ihre Waffen (einschließlich Titan und 65 % der Weltvorkommen von Kobalt). Auch das Uran fĂŒr die Atombomben, die ĂŒber Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden stammte aus dem Kongo. Durch die Produktion fĂŒr den Krieg vermehrte sich die Arbeiterklasse im Kongo und die Hauptstadt Leopoldville wuchs auf das Zehnfache zu einer Großstadt mit 300.000 EinwohnerInnen.

Der Kampf gegen den Kolonialismus

Der Zweite Weltkrieg hatte die traditionellen KolonialmĂ€chte geschwĂ€cht. Ein Sturm breitete sich ĂŒber ganz Asien, Afrika und Lateinamerika aus. In 50 asiatischen und afrikanischen LĂ€nder wurde die UnabhĂ€ngigkeit erklĂ€rt. Die Imperialisten konnten das Feuer der nationalen Befreiung nicht stoppen und das alte Kolonialsystem brach zusammen. Im Kongo war die Situation fĂŒr die BefreiungskĂ€mpfer durch die extreme UnterdrĂŒckung besonders schwer. Die Macht war in den HĂ€nden der belgischen Siedler, die den Befehl ĂŒber Armee und Polizei und Regierung und Wirtschaft in den HĂ€nden hatten. Mit wenigen Ausnahmen wurde der kongolesischen Bevölkerung eine höhere Ausbildung als die Grundschule verboten und die belgischen Kolonialisten verfolgten die Taktik „teile und herrsche“, indem sie Feindschaften zwischen Völkern und Regionen anstachelten.

An der Spitze der UnabhĂ€ngigkeitsbewegung stand die Kongolesische Nationale Bewegung (MNC), die von Patrice Lumumba angefĂŒhrt wurde, einem jungen Aktivsten aus der Region von Stanleyville (heute Kisangani). Die Kolonialregierung antwortete auf den Kampf fĂŒr einen vereinigten und freien Kongo mit Repression: Lumumba und seine Genossen verbrachten lange Zeit in belgischen GefĂ€ngnissen. 1959 entschied Belgien, die formelle UnabhĂ€ngigkeit möglichst schnell zu verleihen, damit sie – nach Vorbild der Briten in Indien und der Franzosen in Westafrika - eine Regierung nach ihrer Wahl einsetzen könnten. Dabei wurde Belgien von den USA unterstĂŒtzt, die ihre eigenen PlĂ€ne fĂŒr den Kongo hatten. Der MNC plante, die Wahlen, die von den Belgiern organisiert wurden, auszunĂŒtzen, um die Kontrolle ĂŒber den Kolonialapparat, das MilitĂ€r und die Polizei zu ĂŒbernehmen. Die reichen Naturressourcen sollte dem kongolesischen Volk dienen, damit es einen gleichberechtigten Platz unter den Nationen der Welt bekomme. Um ein Anwachsen der StĂ€rke des MNC zu verhindern, beeilten sich die Belgier mit der GewĂ€hrung der UnabhĂ€ngigkeit. Im Juli 1960 ĂŒber nahm eine neue unabhĂ€ngige Regierung die Regierung ĂŒber den Kongo. Der MNC hatte die Stimmenmehrheit und Lumumba wurde Premierminister.

Die tödliche Intrige

Der MNC hatte auf einen friedlichen Übergang der Macht gehofft und dabei versĂ€umt, eine eigene Volksarmee zu bilden. Das sollte sich als verhĂ€ngnisvoller Fehler erweisen. Die Imperialisten erkannten schnell, dass Lumumba eine Gefahr fĂŒr ihre PlĂ€ne darstellte und mobilisierten KrĂ€fte, um Spaltung und Chaos hervorzurufen und Lumumba zu isolieren. Lumumba hatte zwar die UnterstĂŒtzung des Volkes, aber Armee und Minengesellschaften waren noch in den HĂ€nden der Kolonialisten. Als die belgischen BĂŒrokraten ihre BĂŒros verließen, nahmen sie buchstĂ€blich alles mit - alle Akten und Berichte, sogar die Telefone – um die neue Regierung zu sabotieren. In der Armee brachen Revolten aus, die schwarzen Soldaten verweigerten die Befehle ihrer weißen Vorgesetzten, und die weißen Offiziere weigerten sich, die Befehle der Regierung auszufĂŒhren. AuslĂ€ndische Geheimdienste, besonders der CIA, arbeitete intensiv daran, das Land zu destabilisieren und Leute in der Armee und in der Regierung fĂŒr sich zu gewinnen. Einer ihrer MĂ€nner war Joseph-DesirĂ© Mobuto, ein frĂŒherer Sergeant der Kolonialpolizei, dem die neue Regierung das Kommando ĂŒber die Armee ĂŒbertrug.

WĂ€hrenddessen hatten die Minengesellschaften sichergestellt, dass die Regionen mit den wertvollen BodenschĂ€tzen in ihren HĂ€nden blieben. Einen Monat nach dem Amtsantritt von Lumumba in Leopoldville, erklĂ€rte ihre Marionette MoĂŻshe TshombĂ© die Abspaltung der Provinz Katanga. Die belgische Regierung versuchte diese Destabilisierung auszunĂŒtzen und erneut ihre Truppen ins Land zu schicken. Doch gegen diesen Versuch regte sich eine Welle des Widerstands. Verzweifelt wandte sich Lumumba an die UNO und an die Sowjetunion. Doch vergeblich: Die Sowjetunion schickte zwar Berater und Agenten, aber eine wirkliche  UnterstĂŒtzung wurde ihm verweigert. Die verschiedensten reaktionĂ€ren und imperialistischen KrĂ€fte kĂ€mpften nun um die Macht im Kongo und Lumumba fand sich mehr und mehr isoliert.

Ende September 1960 startete Colonel Mobuto mit der Hilfe des CIA einen Putsch und unterdrĂŒckte alle politischen Organisationen in der Hauptstadt. Kurz danach wurde Lumumba unter Hausarrest gestellt. Am 27. November schaffte er es nach Stanleyville zu fliehen. Die UNO-Truppen sahen tatenlos zu, als Lumumba am 2. Dezember erneut von den Truppen Mobutos gefangen und verschleppt wurde. Er wurde zuerst nach Leopoldville geflogen und den versammelten Journalisten vorgezeigt. Ein Monat spĂ€ter wurde er nach Katanga geflogen und der Tshombe Marionettenregierung zur Exekution ĂŒbergeben. Am 15. JĂ€nner 1961 wurde Lumumba und zwei seiner engsten VerbĂŒndeten, Mpolo und Okito von einem Exekutionstrupp unter der FĂŒhrung eines belgischen Captain erschossen. Lumumba war 35 Jahre alt, als er starb. Er war nur wenige Monate im Amt gewesen. Sein Tod erfĂŒllte Millionen von freiheitsliebenden Menschen auf der ganzen Welt mit Trauer.

Tshombe fĂŒhrte die neue pro-imperialistische Regierung an, nur um dann von General Mobuto ersetzt zu werden, der sein Land Jahrzehnte lang gnadenlos ausbeutete. Die imperialistischen MĂ€chte arbeiten weiterhin daran, die reichen BodenschĂ€tze in ihren HĂ€nden zu behalten. Die Intrigen und VerteilungskĂ€mpfe haben das Land wieder einmal zerstört und gespalten hinterlassen. Heute, wo sich so viele Menschen auf der Welt nach Befreiung sehnen, können die Tage Patrice Lumumbas als Lehre ĂŒber die Erbarmungslosigkeit von Imperialismus und Neokolonialismus dienen.

erschienen in: Talktogether Nr. 4/2003