Die Geschichte des Ersten Mai PDF Drucken E-Mail

Die Geschichte des Ersten Mai

Der Kampf fĂĽr den 8-Stunden-Arbeitstag

Im Jahre 1885 wurde ein Flugblatt von Hand zu Hand gereicht, das die gesamte Arbeiterschaft der Vereinigten Staaten zu einer Aktion für die Einführung des 8-Stunden Arbeitstags am 1. Mai 1886 aufrief: „Ein Tag des Aufstands – nicht der Ruhe. Ein Tag, nicht bestimmt von prahlenden Sprechern der Institutionen, die die Arbeiterklasse in Knechtschaft halten. Ein Tag, an dem die Arbeiter ihre eigenen Gesetze machen und die Macht haben, sie auszuüben. Und das ohne die Genehmigung oder Zustimmung derer, die regieren und uns unterdrücken! Ein Tag, an dem sich die ungeheure Kraft der Armee von Werkstätigen vereinigt gegen die Mächte, die heute das Schicksal der Völker aller Nationen beherrschen. Ein Tag des Protests gegen Unterdrückung und Tyrannei, gegen Unwissenheit und Krieg. Der erste Tag, an dem wir beginnen werden, die Regelung: acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf und acht Stunden Freizeit zu genießen“.

Vor 117 Jahren, am 1. Mai 1886 brach ein Generalstreik aus, der sich über die ganze USA erstreckte und in den Ereignissen am Chicagoer Haymarket zum Höhepunkt kam. 1889 wurde dieser Tag zum Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse ausgerufen. 1871 hatte sich das Proletariat in Paris erhoben und erstmals gewagt, die Macht im Namen der Besitzlosen zu ergreifen. Die „Pariser Commune“ wurde von den Armeen der herrschenden Klasse in Europa mit aller Brutalität und Gründlichkeit niedergeschlagen. In Preussen wurden strenge Anti-Sozialistische Gesetze eingeführt und die sozialistische Partei in die Illegalität getrieben. In Großbritannien waren die Führer der Arbeiterbewegung durch Korruption erstarrt. Es sah so aus, als wäre das Feuer von Paris verlöscht.

Doch dann kam am 1. Mai 1886 eine neue Bewegung in den Kampf – aus einer ganz unerwarteten Ecke, einer im Aufschwung begriffenen Industriestadt am Rand der nordamerikanischen Prärie, die damals kaum zur „zivilisierten Welt“ gezählt werden konnte. Ein Großteil der Arbeiter in Städten wie Chicago, waren Einwanderer aus Europa: aus Deutschland, Irland, Böhmen, Frankreich, Polen und Russland. Eine Einwanderungswelle folgte auf die andere, und die Menschen wurden in Ghetto-artige Slums gedrängt. Die meisten von ihnen waren ungebildete Bauern, die in der Fremde ums Überleben kämpften – „barbarische Ausländer“ für die Presse des US-Bürgertums. Aber unter ihnen waren auch Proletarier mit politischem Bewusstsein, vor allem aus Deutschland, die erbitterte Feinde der herrschenden Weltordnung waren.

Bereits im Winter 1872 hatten Tausende Obdachlose und Hungernde in Chicago demonstriert. Sie trugen Schilder: „Brot oder Blut!“ Blut bekamen sie. Sie wurden in einen Tunnel getrieben, geschlagen und erschossen. 1877 brach ein Streik der Eisenbahner aus. Eine neue Führung der Arbeiterschaft hatte sich gebildet. Unter ihnen war Albert Parsons, ein gebürtiger Amerikaner. Die politische Erfahrung der neuen Arbeiterbewegung stammte aus zwei Kontinenten, aus der Arbeiterbewegung in Europa und der Anti-Sklaverei- Bewegung in den USA. Albert Parsons war ein radikaler Verfechter der Sklavenbefreiung und hatte eine Schwarze geheiratet, Lucy Parsons, die selbst eine herausragende Aktivistin war. Der Streik 1877 wurde von der Polizei mit brutaler Waffengewalt niedergeschlagen.

Früher waren die Lebensbedingungen in Amerika, selbst für die verarmten EinwanderInnen, besser als in den Ländern, die sie verlassen hatten. Durch den schnellen Wachstum der Industrie und der systematischen Eroberung des Landes von der eingeborenen Bevölkerung, waren Arbeitskräfte rar und die Löhne relativ hoch. Außerdem versprach das freie (= gestohlene) Land selbst der arbeitenden Klasse Aussicht auf Besitz. Doch diese „Amerikanischen Träume“ wurden in den 1880er Jahren zerstört. Die Kapitalisten hatten die Sklavenbesitzer der Südstaaten erst 1870 besiegt und die nun „befreiten“ Sklaven waren weiterhin rechtlos und an die Grundbesitzer gebunden. 1886 endete der letzte „Krieg der Indianer“ mit der endgültigen Kapitulation Geronimos, und damit auch die freie Verfügbarkeit über das Land. 1873 brach eine Wirtschaftskrise aus und löste eine Welle der Arbeitslosigkeit aus. Durch die Mechanisierung verloren viele ausgebildete Facharbeiter ihre Arbeit. Armut und schreckliches Elend nahmen noch nie da gewesene Formen an.

Die Bourgeoisie sah den Konflikt bereits herannahen. Die Nationalgarde wurde mit modernen Waffen aufgerüstet und in jeder Industrieregion rüsteten die Kapitalisten Privatarmeen auf. Aber auch die Arbeiterklasse bereitete sich vor. Vereine, Gewerkschaften und Arbeiterparteien wurden gegründet, in denen diskutiert wurde, was die Unterdrückten tun könnten, um auf die Verschlechterungen zu reagieren. Immer wieder wurden Versammlungen der Arbeiter von der Polizei aufgelöst und die Organisatoren verhaftetet. Ein Streik bedeutete damals in den Krieg zu treten mit der ganzen Macht des Systems. In Chicago hatte sich eine radikale Szene entwickelt und die Arbeiter waren gut organisiert. Albert Parsons’ Zeitung „Alarm“ hatte ca. 3000 englischsprachige LeserInnen, August Spies’ deutschsprachige „Arbeiterzeitung“ 5000 und es gab zahlreiche Flugblätter und Broschüren in fünf verschiedenen Sprachen. 1885 rief die Chicago Central Labor Union die Arbeiter auf, sich zu bewaffnen.

Alle Hoffnungen der Arbeiterklasse, einen Wechsel durch demokratische Wahlen herbeiführen zu können, wurden durch Wahlbetrug, Bestechung und Polizeiangriffe zerstört. Bereits 1883 hatte sich ein Bündnis organisiert, das im Pittsburgh Congress ein Manifest herausgab in dem es hieß: "Dieses System ist ungerecht, verrückt und mörderisch. Es ist deshalb notwendig, es mit allen Mitteln und Anstrengungen zu be­kämpfen von allen, die durch es leiden und die sich nicht durch Inaktivität mitschuldig machen wollen für seine Weiterexistenz." Der Weg zur Revolution wurde in einem entschlossenen Generalstreik gesehen. Sie schlugen vor, am 1. Mai 1886, den 8-Stunden Arbeitstag zu erkämpfen. Die Arbeiter begrüßten diesen Plan mit großem Enthusiasmus. Die Mitgliederzahl der Arbeiterorganisationen stieg unaufhörlich. Die Arbeiter marschierten durch die Straßen und sangen Kampflieder.

1886 wurde ein turbulentes Jahr. Bereits zwei Monate vor dem 1. Mai begannen landesweite Streiks. Verschiedene politische Strömungen hatten sich gebildet und bei den Versammlungen gab es intensive Debatten. Den radikalen Anarchisten war die Forderung nach dem 8-Stundentag zu wenig, ihr Ziel war letztlich die Abschaffung der Lohnarbeit überhaupt. Doch der 8-Stundentag war für die durch Schlafmangel und Hunger ständig erschöpften Arbeiter ein existenzielles Bedürfnis und hat die Bewegung vereinigt. Erstmals war die Arbeiterbewegung nicht von Bürgerlichen dominiert (wie etwa in der Anti-Sklave­rei-Bewegung). Am Vorabend des 1. Mai warnte die „Arbei­terzeitung“, dass Genossen in New York verhaftet worden waren. Um sich verteidigen zu können, solle kein Arbeiter an diesem Tag sein Haus unbewaffnet verlassen.

Der 1. Mai

„Am 1. Mai 1886“, schrieb eine Chicagoer Zeitung, “kam kein Rauch aus den Schornsteinen der Fabriken, es herrscht eine Sabbath-ähnliche Ruhe…”, während die Philadelphia Tribune schrieb: „Die Arbeiterschaft scheint von einer Tarantel gestochen worden zu sein“. In Detroit marschierten 11.000 ArbeiterInnen in einer 8-stündigen Parade, in New York marschierten 25.000 Menschen mit Fackeln, während 40.000 ArbeiterInnen streikten. In Cincinatti beschrieb ein Arbeiter die Demonstration: „Überall wurden nur rote Fahnen getragen und das einzige Lied war die Arbeiter-Marseillaise“. In Louisville, Kentucky marschierten mehr als 6.000 ArbeiterInnen, schwarze und weiße gemeinsam. In Chicago, dem Zentrum der Rebellion, waren mindestens 30.000 auf der Straße. Alle Eisenbahnen standen still, die Schlachthöfe waren geschlossen, die Häfen blockiert. Die Familien der Arbeiter marschierten in ihren Sonntagskleidern. Doch die Ruhe täuschte und war nur vorübergehend. Auf den Dächern und in Straßenecken waren bereits bewaffnete Polizisten versteckt, bereit zum Krieg. Tausende Soldaten der Nationalgarde waren mobilisiert und mit Maschinengewehren ausgerüstet. Die herrschende Klasse war entschlossen, die Bewegung zu zerschlagen. Der Umbruch fand im McCormick Mähmaschinenwerk statt. Seit dem Winter hatten hier Aussperrungen stattgefunden.

Am 2. Mai erschien ein erschöpfter August Spies um eine der zahlreichen Reden vor den versammelten Arbeitern zu halten, als man plötzlich Schüsse in der Nähe der Fabrik hörte. Die Polizei hatte das Feuer eröffnet und die Arbeiter wehrten sich mit Steinen. Einige Arbeiter wurden getötet und zahlreiche verletzt, unter ihnen auch Kinder. Innerhalb einer Stunde ging ein Flugblatt, das die Arbeiter zu den Waffen rief, durch die Slums. Am nächsten Tag, am 3. Mai, weitete sich der Streik aus. Landesweit waren 340.000 Arbeiter auf der Straße, 190.000 streikten. Allein in Chicago waren es 80.000. Die Näherinnen der Textilfabriken schlossen sich den Demonstrationen an. Für den Abend des 4. Mai wurde zu einer Massenversammlung auf dem „Haymarket“-Platz aufgerufen. Dieser weite offene Platz wurde ausgewählt, weil er im Falle eines Angriffs verschiedene Fluchtmöglichkeiten bot.

Der Vorfall auf dem Haymarket

Schon am Morgen des 4. Mai griff die Polizei eine Gruppierung von Streikenden an. Am Abend versammelten sich die Menschen am Haymarket. Eine Rede nach der anderen wurde gehalten. Als Regen einsetzte, löste sich die Versammlung auf. Als nur mehr ein paar Hundert Leute anwesend waren, erschien eine Kompanie mit schwer bewaffneten Polizisten und wollte die Versammlung auflösen. Doch die Arbeiter antworteten, dass es sich um eine friedliche und legale Versammlung handle und weigerten sich, den Platz zu verlassen. Plötzlich explodierte eine Bombe in den Reihen der Polizei. Daraufhin wurde der Haymarket zur Feuerzone erklärt und die Polizisten schossen in die Menge und töteten einige und verletzten Hunderte Arbeiter. Auch ein paar Polizisten wurden getötet, die meisten durch die eigenen Kugeln. Dieser Vorfall gab den Herrschenden den Vorwand für die geplante Offensive auf den Straßen, in den Gerichtshöfen und in der Presse. In Milwaukee antwortete die Polizei mit einem Massaker, in Chicago wurden Tausende verhaftet und gefoltert unter ihnen die gesamte Belegschaft der „Arbeiterzeitung“.

Der Haymarket Prozess

Mitte Mai 1886 fand der Prozess statt. Die Anklage lautete: die Ermordung eines Polizisten. Die Angeklagten waren alle prominente Führer der Bewegung: August Spies, Michael Schwab, Samuel Fielden, Albert R. Parsons, Adolf Fischer, George Engel, Louis Lingg, und Oscar Neebe. Ohne Zweifel war dies alles andere als ein fairer Prozess. Sieben der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt. Bei zweien wurde das Urteil in lebenslänglich umgewandelt und Louis Lingg wurde tot in seiner Zelle aufgefunden. Am 11. November 1886 wurden Spies, Engel, Parsons and Fischer hingerichtet. Spies sprach, als sie die Kapuze über seinen Kopf zogen: „Es wird eine Zeit kommen, da wird unser Schweigen machtvoller sein als die Stimmen, die ihr heute zum Schweigen bringen wollt!“

Quelle: http://revcom.us/a/may1/haymark.htm


Haymarket, 1. May 1886, die Haymarket Martyrer August Spies, Albert Parsons, Adolf Fischer, George Engel und Lous Lingg. Bilder: http://revcom.us/i/graphpage/haymark.htm

erschienen in: Talktogether Nr. 3/2003