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Das Kamel

von Abdullahi A. Osman

„Geelleyga ku dhaartey – ich schwöre bei meinem Kamel!“

In Somalia schwört man nicht nur– wie auch in anderen Ländern - bei Gott, sondern auch beim Kamel. In der somalischen Nomadengesellschaft ist nur ein Mensch wertvoller als das Kamel.

Obwohl alle Nutztiere für die Menschen wichtig sind, gibt es auch Tiere, die für das Leben der Menschen unersetzlich sind. So ein Tier ist das Kamel bei den somalischen Nomaden und das hat das Denken der somalischen Gesellschaft geprägt. Wie in den westlichen Ländern jemand hoch angesehen ist, der viel Geld oder Firmen besitzt, ist in Somalia jemand hoch angesehen, wenn er viele Kamel besitzt. Früher waren Kamele das Hauptvermögen in Somalia. Deshalb wird dieses Tier mit größtem Respekt behandelt. Wenn somalische Leute sehen, dass in anderen Ländern Kamele an Touristen vermietet, in einem Zoo eingesperrt oder vor einen Wagen gespannt werden, sind sie empört und finden, dass das Kamel missbraucht wird und mehr Respekt verdient hätte.

Das Kamel wird wie eine Mutter angesehen, weil es die Menschen mit Nahrung versorgt, und zugleich wie ein Vater, weil es harte und wichtige Arbeit tut und gebraucht wird, um Wasser oder Waren über weite Strecken durch Wüste und Steppe zu transportieren. Ein Kamel liefert Milch, Fleisch, Leder, Wolle und Arbeitskraft; andere Haustiere haben das auch, aber das Kamel hat mehr davon. Weil es so viel Milch gibt, wird gesagt, dass vier Hände benötigt werden, um ein Kamel zu melken und deshalb wird es von zwei Männern gleichzeitig gemolken.

Manchmal kann ein Kamel aber auch einen Krieg auslösen. Es gibt ein Sprichwort das sagt, dass nur die Stärkeren Kamele haben können oder dürfen, denn Kamele müssen verteidigt werden. Denn um Kamele hat es immer Kämpfe gegeben. Wenn man viele Kamele besitzt, muss man keine Angst vor Hunger haben, aber dafür muss man Angst vor Krieg haben. Wenn mehrere Kamelherden zu einer Wasserstelle kommen, kommt es oft zum Streit zwischen den Männern, wer als erster seine Kamele tränken darf. Je stärker und mächtiger jemand ist, desto früher bekommen seine Kamele Wasser.

Bei den Nomaden in Somalia ist das Kamel das wichtigste Zahlungsmittel, aber nur bei höheren, lebensentscheidenden Anlässen, zum Beispiel beim Brautpreis oder beim Blutgeld. Wenn ein Mann eine Frau heiraten will, können bis zu hundert Kamele als Brautpreis verlangt werden. Wenn man Brautpreis hört, klingt es, als ob die Frauen verkäuflich wären, aber in der traditionellen Gesellschaft hat er eine ganz andere Bedeutung. Der Grund dafür ist, die Frau für den Fall einer Scheidung abzusichern. Wenn eine Frau heiratet und nach ein paar Tagen, Monaten oder Jahren geschieden ist und wieder nach Hause kommt, mit Kindern oder ohne, was nun? Der Brautpreis ist dazu da, damit die Frau später versorgt ist und um zu vermeiden, dass auf den Boden fällt. Ob tatsächlich mit Kamelen bezahlt wird, kommt auf die Gegend und die Gesellschaftsstruktur an. Bei Ackerbauern, Rinder-, Ziegen- oder Schafzüchtern wird nicht mit Kamelen bezahlt, aber es wird trotzdem in Kamelpreisen gerechnet, sogar in der Stadt. Auch wenn jemand getötet wird, wird die Wiedergutmachung dafür in Kamelen ausgehandelt. Entweder wird der Mörder getötet, oder wenn die Familie des „Clans“ des Opfers einverstanden ist, werden hundert Kamele als Entschädigung bezahlt.

Das Kamel verbindet aber auch die Gesellschaft, denn wenn eine Familie „Rati“, männliche Kamele hat und sie zu neuen Weidegründen weiterziehen muss, dann nehmen sie ihr Kamel, laden ihren Hausrat auf, und ziehen fort. Aber, wenn die Nachbarfamilie keine Kamel hat, sollen sie einfach zurück bleiben? Nein, eine Person aus der „kamellosen“ Familie begleitet sie und, sobald das Ziel erreicht und das Kamel abgeladen ist, kehrt sie mit dem Kamel zurück, und holt ihre Familie nach. Oder, wenn eine lange Dürre ausbricht, und die anderen Tiere nicht überleben, dann helfen die, die Kamel haben denen, die gar keine besitzen. Durch diese gegenseitige Hilfe wird der soziale Zusammenhalt gestärkt. Rinder, Ziegen oder Schafe werden zu verschiedenen Anlässen geschlachtet, aber ein Kamel nur, wenn es sein muss, bei Trauerfeiern, wenn ein Kamel alt und krank ist, oder in Notzeiten. Sobald ein Kamel geschlachtet wird - aus welchem Grund auch immer - kommen die Menschen zusammen und alle aus dem Ort oder der Siedlung bekommen etwas von dem Fleisch. So kann man auch sagen, dass das Kamel ein Band ist, das die Menschen zusammenhält.

erschienen in: Talktogether Nr. 2/2003