Faschismus – eine Bedrohung im 21. Jahrhundert? PDF Drucken E-Mail

9. November: Internationaler Tag gegen Faschismus und Antisemitismus


Der Faschismus –

eine Bedrohung im 21. Jahrhundert?

Spätestens das Attentat in Norwegen hat uns etwas ins Bewusstsein gerufen, was wir lieber verdrängen würden, nämlich dass der Faschismus kein Relikt der Vergangenheit, sondern eine reale Bedrohung in Gegenwart und Zukunft ist. Nicht nur dass rechte und reaktionäre Bewegungen immer mehr Zulauf bekommen, sollte uns als Alarmzeichen dienen, sondern auch die Krise des globalen Kapitalismus, auf die etablierte politische Kräfte keine Antworten mehr zu haben scheinen. Der 9. November gibt uns deshalb nicht nur Anlass, der Verbrechen des Nazi-Regimes zu gedenken, sondern auch die aktuelle Situation zu beleuchten und uns die Frage zu stellen, welche Faktoren einen Nährboden für den Faschismus bieten und was wir dieser Entwicklung entgegensetzen können.

Der US-amerikanische Soziologe William I. Robinson erkennt in der aktuellen Krise des globalen Ka­pitalismus Faktoren, die auf eine Entwicklung in Richtung Faschismus hinweisen[1]. Seit den späten 1990er Jahren, so Robinson, sei das System in eine chronische Krise der Überakkummulation[2] getreten, die welt­weit zu einer extremen Polarisierung zwischen Arm und Reich geführt hat. Die Verarmung großer Teile der Mensch­heit bedeutet aber, dass das transnationale Kapital keine pro­duktiven Absatzgebiete finden kann.

Robinson identifiziert drei Mechanismen, die das Transnatio­nale Kapital anwendet, um sich trotz der Krise zu erhalten. Erstens seien das militärische Interventionen und Kriege (z.B. in Afghanistan, im Irak oder aktuell in Libyen), die durch Zerstörung und Wiederaufbau enorme Gewinne für den ständig wachsenden Militär- und Sicherheitskomplex er­zeugen. Eine weitere Strategie sei die Plünderung öffentli­cher Haushalte. Das transnationale Kapital setze seine finan­zielle Macht ein, um die Kontrolle über die Staatsfinanzen zu übernehmen und der Bevölkerung Sparmaßnahmen aufzu­zwingen, die zu immer größeren sozialen Ungerechtigkeiten führen. Ein dritter Mechanismus sei die weltweite Finanz­spekulation, die die Weltwirtschaft in ein riesiges Casino verwandelt habe.

Anzeichen einer zunehmenden Faschisierung sind nach Robinson in den USA die Verbindung von Teilen des Kapitals mit reaktionären Bewegungen (wie der Tea-Party, die durch Unternehmerkapital finanziert wird), die fortschreitende Mili­tarisierung und eine Sündenbockstrategie, die gegen Einwan­derer und Muslime gerichtet ist.

Global gesehen werden immer größere Teile der Weltbevöl­kerung ungefähr ein Drittel der Menschheit marginalisiert und von der produktiven Teilnahme an der kapitalistischen Weltwirtschaft ausgesperrt. Das System versuche gar nicht, diese „überschüssige“ Bevölkerung einzugliedern, meint Robinson, sondern isoliere ihre tatsächliche oder potenzielle Re­bellion, durch die Kriminalisierung der Entrechteten. Als Beweis für seine Behauptung können wir die Reaktionen auf die Jugend­unruhen in England und die Jagd auf ImmigrantInnen ansehen.

Robinson konstatiert eine strukturelle Krise, die das Potenzi­al besitzt, eine systemische Krise zu werden. Er kommt zu dem Schluss, dass alle Bedingungen und Prozesse vorhanden seien, die zu einer faschistischen Mobilisierung führen könn­ten. Der Faschismus des 21. Jahrhundert könne aber in einer anderen Erscheinungsform auftreten als wir sie bisher kannten, und müsse nicht notwendig zu einem Bruch mit Wahlen und der verfassungsmäßigen Ord­nung führen.

Seine soziale Massenbasis finde der moderne Faschismus, in einer weißen/europäischen Arbeiterklasse, die historisch ein „Rassen-Kaste-Privileg“ genoss, aber nun eine Entwurzelung und einen sozialen Abstieg erlebte oder davon bedroht ist. Der Faschismus des 21. Jahrhunderts ruhe auf dem Versprechen, für Sicherheit und die Wiederherstellung der Stabilität zu sorgen, das aber emotional und nicht rational begründet ist.

Massenpsychologie des Faschismus

Ökonomische Erklärungen allein liefern uns aber keinen Ausweg. Ökonomische Ursachen können aktueller Anlass für eine faschistische Machtübernahme sein, sie erklären aber nicht, warum Menschen bereit sind, der faschistischen Macht zu folgen. Der Psychoanalytiker und Soziologe Wilhelm Reich, der zwei Weltkriege und den Aufstieg des Faschismus erlebte, stellte sich die Frage, was Menschen dazu bringt, oft irrational und im Widerspruch zu ihren realen Interessen zu handeln. Wenn ein hungriger Arbeiter streikt oder Lebensmittel stiehlt, sei das eine rationale Handlung und von der ökonomischen Situation bestimmt. Zu erklären sei deshalb vielmehr, weshalb die Mehrheit der Hungernden nicht stiehlt und die Mehrheit der Ausgebeuteten nicht streikt, warum Menschen auch in der größten Not passiv bleiben oder ihren Unterdrückern bereitwillig und sogar mit Begeisterung folgen.

Wir sind den Gegebenheiten nicht willenlos ausgeliefert, sondern die Geschichte wird von Menschen gemacht. Hier kommen der Geist und die Seele der Menschen ins Spiel. Mit seiner „Massenpsychologie des Faschismus“ hat sich Reich zum Ziel gesetzt, die ökonomische Analyse von Marx mit der Analyse des menschlichen Charakters zu ergänzen, und damit den subjektiven Faktor der Geschichte näher zu beleuchten. In seinem richtungweisenden Werk setzt sich Reich mit dem Wesen der faschistischen Ideologie auseinander, die in seinen Augen in einer historisch entwickelten Charakterstruktur des Menschen wurzelt, die auch im dritten Jahrtausend noch weiterbesteht.

Warum lassen sich die Massen verraten? Die Massen sind nicht verführt oder manipuliert worden, sagt Reich: „Es würde bedeuten, die Massen gering einzuschätzen, wenn man sie einer bloßen Vernebelung für zugänglich hält. Es geht darum, dass jede Gesellschaftsordnung sich in den Massen ihrer Mitglieder diejenigen Strukturen erzeugt, die sie für ihre Hauptziele braucht.“ Schließlich habe nicht der Faschismus den Rassismus erfunden, sondern der im Volk verwurzelte Rassismus den Faschismus erschaffen.

Die häufige Auffassung, den Faschismus als Diktatur einer reaktionären Clique zu erklären, ist für Reich schädlich für jede echte Freiheitsbebestrebung und entspringe aus der Angst vor der Erkenntnis, dass er eine internationale Erscheinung ist, die sämtliche Körperschaften der menschlichen Gesellschaft aller Nationen durchsetzt. Der Faschismus ist eine von den Massen getragene und vertretene Bewegung.

Die Bereitwilligkeit breiter Teile der Bevölkerung, die faschistische Ideologien aufzusaugen, sei nach Reich in einer Charakterstruktur begründet, die durch die Unterdrückung der elementarer Lebenstriebe – worunter wir jedoch nicht nur die biologische Sexualität, sondern im weiteren Sinne auch das Streben nach Liebe, Glück und schöpferischer und selbstbestimmter Arbeit zählen sollten – deformiert wurde. Unterdrückte Triebe können dann in pervertierter Form als Neid, Missgunst oder Sadismus an die Oberfläche dringen[3].

Da der Faschismus stets und überall als eine von Menschenmassen getragene Bewegung auftritt, verrät er alle Züge und Widersprüche der Charakterstruktur des Massenmenschen: Er ist nicht, wie allgemein geglaubt wird, eine rein reaktionäre Bewegung, sondern er stellt ein Amalgam dar zwischen rebellischen Emotionen und reaktionären sozialen Ideen.“ Der Faschismus erkennt bewusst oder unbewusst diese Charakterstruktur, die er jedoch als unveränderbar annimmt. Er spricht an, was die Massen fühlen und trifft somit auf fruchtbaren Boden.

Der brasilianische Pädagoge Paulo Freire[4] erklärte diese Tatsache damit, dass die Menschen die Unterdrückung bereits so weit verinnerlicht haben, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen können, dass ihr Leben auch anders sein könnte. Weil ihnen die Verantwortung weggenommen wurde, sehen sie sich selbst als unfähig an, eine Änderung herbeizuführen. Wenn sich die Menschen aber unfähig fühlen, selbst zu handeln, sind sie frustriert und leiden und möchten ihre eigene Ohnmacht abschütteln. Deshalb sind sie auf der Suche nach einem charismatischer Führer, der diese Aufgabe für sie übernimmt. Durch ihn bekommt der Unterdrückte das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können.

Man könnte nun einwenden, dass sich die Einstellung zur Sexualität seit der Zeit, in der Reich sein Werk schrieb, verändert hat. Aber mehr Sex mit wechselnden Partnern zu haben, ist nicht gleichzusetzen mit Befreiung. Untersuchungen zeigen auf, dass durch die Warenförmigkeit der Sexualität das Gefühl der Intimität verloren geht, die vollständige Hingabe gehemmt wird und die Menschen unbefriedigt zurück bleiben, was uns auch eine Erklärung für den Zulauf zu religiös-fundamentalistischen Bewegungen liefern könnte.

„Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen.“

Wilhelm Reich

Die zentrale Rolle der Verantwortung

„Versteht man unter Revolutionärsein die rationale Auflehnung gegen unerträgliche Zustände in der menschlichen Gesellschaft, den rationalen Willen, allen Dingen auf den Grund zu gehen und sie zu bessern, dann ist der Faschismus nie revolutionär. Er mag zwar im Gewande revolutionärer Emotionen auftreten. Aber man wird nicht den Arzt revolu-tionär nennen, der gegen eine Krankheit mit ausgelassenen Schimpfworten vorgeht, sondern denjenigen, der still, mutig und gewissenhaft die Ursachen der Krankheit erforscht und bekämpft. Faschistisches Rebellentum entsteht immer dort, wo eine revolutionäre Emotion durch Angst vor der Wahrheit in die Illusion umgebogen wird.“ (Wilhelm Reich 1942)

Wie können wir einen Ausweg finden? Dass veränderte Eigentumsverhältnisse nicht automatisch zu Freiheit und Selbstbestimmung führen, konnten wir nach der Entwicklung nach der russischen Revolution erleben. Weil sich die Umgestaltung auf ökonomische Reformen beschränkte, führte sie zu einem Staatskapitalismus, der mit einer Demokratie für die Massen unvereinbar war und so notwendiger Weise repressiv werden musste (vgl. Bettelheim 1979[5]).

Für Wilhelm Reich kann eine Befreiung nur durch die Massen herbeigeführt werden, indem diese selbst Verantwortung übernehmen. Befreiung kann nur mit dem Volk, aber niemals für das Volk gelingen, sagt auch Paulo Freire, weil sonst die Unterwerfbarkeit des Menschen die politische und soziale Revolution überleben wird und die Herren in den Sklaven auferstehen.

Was können wir tun? Wir haben es hier nicht nur mit 200 bis 300 Jahre Kapitalismus zu tun, sondern mit dem seit Jahrtausenden wirkenden autoritären Patriarchat. Deshalb ist zu bezweifeln, dass Argumente, Parolen, Anklagen oder die Schilderungen von Not und Ungerechtigkeit allein imstande sind, wirksame Strategien zu liefern. Praktisches Tun, empfiehlt Wilhelm Reich. Keiner, der praktisch arbeitet, könne seine Aufgabe durch lange Reden und Versprechungen oder mittels irgendeiner Ideologie leisten. In diesem Sinne können wir sagen, dass jede Initiative förderlich ist, die dazu beiträgt, Menschen aus der Isolation zu holen und sie dazu ermutigt und ermächtigt, selbst zu handeln und Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen.

Schließlich sollten wir es auch wieder wagen, Wünsche zu formulieren und Utopien zu entwickeln, die unsere alltägliche Praxis und unseren unmittelbaren Lebensbereich betreffen. Stellen wir uns die Frage: Wie möchten wir arbeiten und leben, Was hindert uns daran und wie können wir die Hindernisse beseitigen? Abschließend könnten wir sagen: Wo Freude, Gemeinschaft, Verantwortung, Selbstbewusstsein und ehrliche Begeisterung herrschen, ist kein Klima, in dem der Faschismus gedeihen kann.

von Beate Wernegger


[1] William I. Robinson: Global Capitalism and 21st century fascism, Al Jazeera 08.05.2011, http://english.aljazeera.net/ indepth/opinion/2011/04/201142612714539672.html

[2] Überakkumulation: Ausdruck und Ergebnis des aus der Profitproduktion erwachsenen Widerspruchs zwischen der Tendenz zur schrankenlosen Ausdehnung der Produktion, also der Vergrößerung der Masse des fixen Kapitals, und den Grenzen, die der Entwicklung des Marktes gesetzt sind (wirtschaftslexikon24.net)

[3] Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus, 1942

[4] Paulo Freire: Die Pädagogik der Unterdrückten, 1970