Die Formen der weiblichen Genitalverstümmelung PDF Drucken E-Mail

Die Formen der weiblichen Genitalverstümmelung

von Sahra Mohamed Ibrahim

Die Wurzeln der Praxis von FGM reichen weit in die Vergangenheit zurück und sind stark mit Tradition und Mythen verknüpft. Frauen selbst nahmen es als eine Notwendigkeit auf sich und behaupteten, dass es wegen der Tradition erforderlich ist. FGM ist traditionell von Tabus und Geheimhaltung umrankt und wird von Gene­ration zu Generation weitergegeben. Deshalb gibt es nur wenige geschichtliche Quellen darüber. Dennoch gibt es von Reisenden, Abenteurern und Ärzten des 19. und 20. Jahrhunderts aus Ostafrika, Ägypten und dem Sudan Berichte über solche Praktiken in diesen Regionen. Einige der Quellen zeigen auf, dass FGM schon weitaus früher, etwa 163 vor Christus existierte. Andere Quellen behaupten, dass die Praktik von FGM sogar bis in die Zeit des Propheten Abraham zurückreichte. Sie wurde in Afrika vor der Islamisierung praktiziert und noch früher bei den Kopten in Ägypten und Äthiopien durchgeführt.

Es gibt drei Formen der weiblichen Beschneidung, die abhängig von den lokalen Gebräuchen, den Fähigkeiten der meist ungeschulten BeschneiderInnen und von dabei benutzten Geräten, durchgeführt werden.

1. Die Sunna Beschneidung ist die mildeste Form und beschränkt sich auf die Ausschneidung (Excision) der Klitorisspitze.

2. Die Excision oder Klitoridectomie ist die gebräuch­lichste Form und besteht aus dem Entfernen der Klitoris und benachbarter Teile und aller äußeren Genitalien. Das Ausmaß der Operation – wie viel Fleisch entfernt wird – hängt von lokalen Gebräuchen ab. Dabei werden zur Operation Instrumente wie Messer oder Rasierklingen verwendet. Die Excision wird quer durch Afrika von Ägypten, Äthiopien, Somalia und Kenia in Ostafrika zur westafrikanischen Küste bis Sierra Leone und Mauretanien und allen dazwischenliegenden Ländern einschließlich Nigeria ausgeübt.

3. Die Infibulation oder Pharaonische Beschneidung wurde traditionell in Ägypten durchgeführt und ist die schwerste Form. Nach dem Entfernen der Klitoris und der benachbarten Teile, werden die zwei Seiten des äußeren Schambereichs über die Scheide zusammen­geschlossen und die blutenden Seiten der großen Schamlippen zugenäht. Dabei wird nur eine schmale Öffnung zum Entleeren von Urin und Menstruations­blut offen gelassen. Diese wird heute noch hauptsäch­lich bei der moslemischen Bevölkerung im Sudan und in Somalia praktiziert, um einen sexuellen Verkehr unmöglich zu machen. Infibulierte Frauen müssen für den sexuellen Verkehr und die Geburt eines Kindes aufgeschnitten werden. Die Re-Infibulation nach der Geburt wird an allen Frauen in Somalia und bei Somalierinnen, die in benachbarten Ländern leben, im Sudan, in Ägypten und Teilen Äthiopiens sowie entlang der Küste des Roten Meeres durchgeführt.

Das Alter für die Operation reicht von neugeborenen Babys – wie in Äthiopien und Nigeria – bis in die Pubertät. In Ostafrika findet sie in der Hochzeitsnacht statt. Traditionell war es in Afrika ein Pubertätsritus zwischen dem 12. und 15. Lebensjahr. Heute wird sie in immer jüngeren Jahren durchgeführt. Sowohl die Excision als auch die Infibulation werden meist unter unhygienischen Bedingungen mit unsauberen Messern oder oft verwendeten Werkzeugen durchgeführt. Sie wird meist an unhygienischen Plätzen, unter einem speziellen Baum außerhalb des Dorfes, in einer Hütte oder einem Hinterhof ausgeübt, und trägt somit zur Verbreitung von Krankheiten, wie auch Aids, bei. Heute wird die Opera­tion in vielen afrikanischen Städten unter besseren sanitä­ren Umständen in Gesundheitszentren durchgeführt. Unter dem Druck der Modernisierung sind viele traditio­nelle Zeremonien um dies Praktizierung herum aufgege­ben worden.

Verschiedenste Motive, die von Mythen bis zu wirtschaftlicher Unterstützung reichen, helfen FGM aufrechtzuerhalten. Einer der am häufigsten angeführten Gründe für FGM ist, die Lust der Frauen am Sex zu verringern und sie vor Versuchungen zu schützen um ihre Keuschheit zu bewahren. Viele Mütter fürchten, dass ihre Tochter, wenn sie nicht beschnitten ist, keinen Ehemann finden würde und betrachten es als ihre Pflicht, ihren Töchtern möglichst gute Chancen zu verschaffen. FGM ist aber ein Verbrechen, das Frauen in vielen Lebensbereichen beeinträchtigt. Die Auswirkungen betreffen die körperliche und seelische Gesundheit von Frauen und Kindern. Unmittelbare Folgen können unkontrollierbare Blutungen während oder nach der Operation, Schmerzen, Blutvergiftung, Wundinfektion und Verhinderung von Wundheilung sein und können tödlich enden. Chronische Infektionen können zu Harn- und Menstruationsproblemen führen. Zu den gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Frau kommen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und eine Behinderung des lustvollen Erlebens der Sexualität.

Bis vor kurzem wurde FGM in vielen Ländern stark verteidigt und Eliten und Führungskräfte hatten einen Mantel des Schweigens über diese Angelegenheit ausgebreitet. Nichtsdestotrotz haben einige mutige afrikanische Frauen begonnen, ihre Opposition gegen diese schädliche Praktik zu äußern. Außerdem wurden Aktivitäten zur Bewusstseinsbildung begonnen, um FGM auf längere Sicht zu verhindern. Diese Bemühungen haben in einigen Gebieten einen gewissen Erfolg gezeigt. Aber es gibt auch reaktionäre Kräfte, die versuchen, diese Fortschritte wieder zunichte zu machen. Außerdem ist diese Praktik durch ImmigrantInnen auch in Amerika, Europa und Australien eingeführt worden. Wir dürfen deshalb nicht aufhören, mittels Aufklärungskampagnen gegen diese Form der Gewalt an Frauen zu kämpfen.

Die Rolle der somalischen Frau in der Gesellschaft

Die Nomadenfrauen: Das Nomadenleben eines weibli­chen Kindes beginnt im Alter von sechs Jahren. In die­sem Alter ist es ihre Aufgabe, die Schafe und Ziegen zu hüten. Im Alter von 8 bis 12 Jahren ist zusätzlich ihre Aufgabe, Wasser vom Brunnen zu holen. Im Alter von 12 Jahren wird sie mit ihrem zukünftigen Ehemann verlobt, bis zur Heirat – mit 14 oder 15 Jahren - bleibt sie zu Hause bei den Eltern und macht Hausarbeit. Wenn sie verheiratet ist, ist ihre Aufgabe, die Hütte für sich und ihren Mann zu bauen. Die Männer hüten die Kamele und kaufen Nahrung. Die Frauen machen die Hausarbeit und hüten Schafe und Ziegen.

Die Städterinnen: In der Stadt leben gebildete und ungebildete Frauen. Noch vor 50 Jahren war es Frauen nicht erlaubt, in die Schule gehen. Heute dürfen Mädchen die selben Schulen besuchen wie Jungen. Gebildete Frauen üben alle Berufe aus und sind auch im Parlament vertreten. Auf Grund von UN-Kampagnen werden die meisten Frauen in der Stadt heute nicht mehr beschnitten und es finden keine „Jungfrau-Aufschneide“-Zeremonien mehr statt. Aber bis heute sind auch Städterinnen den traditionellen und kulturellen Zwängen unterworfen und obwohl Frauen  vor dem Gesetz heute die selben Rechte wie Männer ha­ben, nehmen viele Frauen die Möglichkeiten, die sie gesetzlich haben, nicht wahr.

Bürgerkriege in Afrika

Bevor der Bürgerkrieg in Somalia ausbrach, haben Frauen mit Schulbildung sich mit anderen Frauen organi­siert und Frauenvereine gegründet, wo sie sich gegen­seitig Lesen und Schreiben, sowie andere handwerkliche Fähigkeiten beigebracht haben. Diese Frauenvereine begannen auch mit anderen Frauenorganisationen in verschiedenen anderen Teilen der Welt Kontakt aufzu­nehmen. Doch als der Bürgerkrieg ausbrach, war alles zu Ende. Was ist mit den Frauen, die als das organisiert hatten, passiert? Viele sind aus dem Land geflohen um ihr Leben zu retten, andere, die da geblieben waren, wurden getötet, vergewaltigt, eingesperrt und missbraucht in den sogenannten „Friedens-Camps“. Diese Frauen benötigen unsere Hilfe heute am meisten. Wir müssen sie unterstützen und ihnen helfen, neue Lernzentren gründen, damit sie fortsetzen können, was sie vor dem Bürgerkrieg begonnen hatten. Das kann ihre Zukunft und die ihrer Kinder verbessern. Niemand darf ihnen ihr Recht zu lernen verwehren.

Ich kann hier gar nicht alles über die katastrophale Menschenrechtsituation in Afrika berichten. Aus der Erfahrung wissen wir, dass in jedem Konflikt oder Krieg, die Frauen und Kinder die hauptsächlichen Opfer sind. Viele internationale Beobachter haben ein grausames Beispiel nach dem anderen präsentiert. Man kann nur feststellen, dass die afrikanischen Regierungen für die zahllosen „Säuberungskampagnen“ gegen Frauen und Kinder sowie gegen ethnische Minderheiten von der „internationalen Gemeinschaft“ nicht mehr als einen Klaps auf den Handrücken bekommen haben. Es fehlt eindeutig am politischen Willen, etwas dagegen zu tun. Die Konflikte und die Menschrechtskatastrophen in Afrika bleiben ein interne Affären, die selbst von der Organization of African Unity (OAU) zynisch als Ange­legenheit der Regierungen abgetan werden. Diese inter­nationale Gleichgültigkeit ist besonders unerträglich, da die Konflikte in Afrika gegenwärtig zu den langandau­erndsten und grausamsten Bürgerkriege der Welt zählen. Und ich fürchte, dass die Tatsache, dass die Hauptleid­tragenden Frauen und Kinder sind, ein Grund für diese Gleichgültigkeit ist. Wenn diese Gleichgültigkeit fortge­setzt wird, dient sie dazu, die unmenschliche Situation dieser Frauen und Kinder zu verlängern. Heute müssen sich alle Frauen der Welt vereinigen, um gemeinsam gegen alle Formen des Missbrauchs und der Diskriminie­rung gegen Frauen und Kinder zu kämpfen. Die Ereignisse haben gezeigt, dass niemand sicher sein kann, nicht selbst einmal ein Flüchtling zu sein.

 

erschienen in: Talktogether Nr. 2/2003