Serbien: ArbeiterInnen kämpfen für ihre Selbstbestimmung PDF Drucken E-Mail

ArbeiterInnen kämpfen für ihre Selbstbestimmung

Seit 2002 wurden Tausende Unternehmen in Serbien privatisiert. Viele dieser Betriebe wurde von den neuen Besitzern, die nur an Profitmaximierung interessiert sind, in den Bankrott getrieben, um die ArbeiterInnen, die gleichzeitig auch Kleinstaktionäre und somit TeileigentümerInnen der Unternehmen sind, loszuwerden. Doch die ArbeiterInnen der Pharmafabrik Jugoremedija in Zrenjanin haben sich gegen die Enteignung gewehrt und den Betrieb 2007 in  Selbstverwaltung übernommen. Jetzt müssen sie sich erneut gegen die Pläne der Regierung wehren, das Unternehmen zu privatisieren.

 


Früher war die Selbstverwaltung ein Markenzeichen der jugoslawischen Wirtschaftspolitik. 2002 wurde von der Politik ein Kurswechsel eingeleitet und ein rasanter Privatisierungsprozess begonnen, der vielfach mit Korruption, Arbeitsplatzabbau und sozialen Konflikten verbunden war. Während ausländische Unternehmen und eine neu entstandene Elite vom Verkauf der ehemals verstaatlichten und selbst verwalteten Unternehmen profitierten, verloren die ArbeiterInnen nicht nur ihre Jobs, sondern auch ihr Kapital. Eine ganze Region wurde regelrecht deindustrialisiert, so dass vielen Menschen aufgrund fehlender Erwerbsmöglichkeiten keine andere Perspektive bleibt als die Emigration. Heute gehört das monatliche Durchschnittseinkommen in Serbien zu den niedrigsten in Europa und die Arbeitslosigkeit beträgt nach offiziellen Angaben 19 Prozent, die reale Zahl wird viel höher eingeschätzt.

Diese Entwicklung blieb nicht ohne Widerstand. Eines der konsequentesten Beispiele von Arbeiterselbstorganisation können wir in der Pharmafabrik Jugoremedija beobachten. Dort haben 200 ArbeiterInnen nicht hingenommen, nur Objekte der Privatisierung zu sein, die schweigen und gehorchen sollten, sondern haben sich aktiv eingemischt, erzählt der Arbeiter und Verwaltungsrat Branislav Markuš. Im August 2002 verkaufte die serbische Regierung seine Anteile am Betrieb. Die Stimmen der Mehrheitseigentümer - das waren mit 58 Prozent die Arbeiter - wurden ignoriert.

Der Weg durch die staatlichen Institutionen

Die Belegschaft wehrte sich, ging vor Gericht und führte jahrelang einen erbitterten Kampf gegen den neuen Mitbesitzer, dem nun 42 Prozent der Aktien gehörten. Von nun an war die Belegschaft von Jugoremedija zahlreichen Angriffen ausgeliefert, teils in subtiler Form, teils durch direkte Gewalt. Von den Medien wurden die kämpfenden ArbeiterInnen als „Stalinisten“ beschimpft, widerspenstige ArbeiterInnen wurden entlassen und Streikführer verhaftet. Trotzdem gaben sie nicht auf. Sie kämpften mit bezahlten Security-Kräften, die im Auftrag des Besitzers Medikamente und Maschinen abtransportieren wollten, bewachten die Fabrik drei Monate lang Tag und Nacht und mussten ihre Fabrik sogar mit einem Bagger erstürmen[1]. 30 Tage lang besetzten sie den Sitzungssaal des Stadtparlaments. Die Solidarität und die Ausdauer der ArbeiterInnen haben sich ausgezahlt.

Mit Gerichtsbescheid wurde die Privatisierung rückgängig gemacht, die Arbeiter und Arbeiterinnen wurden als rechtmäßige Mehrheitseigentümer anerkannt und konnten in die Fabrik zurückkehren und ihren eigenen Vorstand wählen. Zdravko Deurić, der beim Protest an der Spitze stand, wurde zum Direktor gewählt. In den Vorstand wurden ein Pharmazeut, ein Ökonom und drei langjährige Fabrikarbeiter aus verschiedenen Produktionsbereichen gewählt. Die Situation war schwierig. Die Schulden, die der illegale Besitzer angehäuft hatte, waren hoch und die Maschinen veraltet. Die Arbeiter verzichteten auf Lohnerhöhungen und die Auszahlung der Dividenden und konnten so nicht nur die Schulden zurückzahlen, sondern durch wichtige Investitionen den Standard auf europäisches Niveau heben und die Produktionskapazitäten erhöhen.

„Unser Kampf war ein Vorbild für andere ArbeiterInnen in ähnlichen Situationen“, sagt Markuš, „denn niemand sonst kann sie retten, wenn sie nicht selbst für ihre Rechte und Interessen kämpfen“. In Zrenjanin wurde das Aktionskomitee „Ravnopravost“ (Gleichheit) gegründet, das anderen bedrohten Belegschaften materiell und persönlich beisteht und bei den Kommunalwahlen vier Abgeordnete und einen Stadtrat gewinnen konnte. Inspiriert vom Kampf der ArbeiterInnen von Jugoremedija haben sich auch andere Belegschaften in Zrenjanin ihren Kampf radikalisiert, um sich gegen eine neue Strategie zu wehren, die gegen die ArbeiterInnen und Kleinaktionäre gerichtet ist, nämlich die Produktion zu verringern und Betriebe in den Konkurs zu steuern, um die unliebsamen Miteigentümer loszuwerden.

2011: Ein neuer Kampf beginnt

Doch trotz des Erfolgs der Selbstverwaltung will der Staat heute wieder seinen Aktienanteil von 42 Prozent der Fabrik verkaufen und leider hat sich auch ein Teil der KleinaktionärInnen dazu überreden lassen, ihre Anteile zu verkaufen. Doch die ArbeiterInnen wollen ihre Fabrik, für die sie so viel eingesetzt haben, nicht verlieren. Trotz aller Beschimpfungen, physischen Angriffen, Polizeischikanen und Anzeigen sind sie nicht bereit aufzugeben. Also haben sie ihre Aktien gebündelt und Geld zusammengesammelt, indem sie ihre Autos verkauft oder Kredite aufgenommen haben. Damit haben sie ein Grundstück erworben, auf dem sie nun ihre eigene Fabrik errichten wollen, von der auch die anderen AktionärInnen profitieren werden, weil ein Teil dieser neuen Fabrik aufgrund der verwendeten Pharmalizenzen ihnen gehört. Arbeiten wie die Betonierung und Kanalisierung führen sie selbst aus, um die Baukosten niedrig zu halten und schneller fertig zu werden.

Selbstverwaltung – Notlösung oder Modell für die Demokratisierung von Arbeit und Produktion?

Ob aufgrund von Konkursen oder der bewussten Reduktion von Anbietern, genannt Marktbereinigung, sehen sich Lohnabhängige immer öfter gezwungen, sich mit drastischen Mitteln gegen Arbeitsplatzabbau und Betriebsschließungen zu wehren. Den ArbeiterInnen des KAP-Aluminiumwerks in Podgorica, Montenegro, der Pressmaschinenfabrik INNSE in Mailand, der Eisenbahnwerkstatt der Schweizer Bundesbahnen Officine in Bellinzona, ihnen ist es mit Betriebsbesetzungen gelungen, Massenentlassungen abzuwenden.

Immer wieder wird uns suggeriert, wir seien von den Unternehmen abhängig, damit sie uns Arbeitsplätze geben. Mit solchen Argumenten wird auch versucht, Lohnabhängige zu erpressen, Flexibilisierungen und den Abbau von Arbeiterrechten hinzunehmen. Aber sind wir wirklich abhängig von den Unternehmen, nur weil sie Kapital haben und wir nicht? In Wirklichkeit sind es die Arbeiter und Arbeiterinnen, die mit ihrer lebendigen Kraft den Reichtum produzieren und dem Kapital zum Profit verhelfen, weil, wie Karl Marx festgestellt hat, die Arbeitszeit die schaffende Substanz des Reichtums ist. Kurz gesagt, der Unternehmer braucht die ArbeiterInnen und nicht umgekehrt. Was Marx in der Theorie aufgezeigt hat, beweist uns das Beispiel von Jugo-remedija in der Praxis, nämlich dass die ArbeiterInnen nicht machtlos sind, ihre Stärke aber nur dann wirksam einsetzen können, wenn sie sich ihrer bewusst sind und sich solidarisch zusammenschließen. Wie viel mehr könnte erreicht werden, wenn dieser Zusammenschluss nicht nur isoliert und auf einzelne Unternehmen beschränkt stattfindet, sondern breite Teile der Gesellschaft ergreift?

Am Beispiel von Jugoremedija haben wir auch gesehen, zu wie viel Einsatz und zu wie vielen Opfern die Menschen bereit sind, um ihren Arbeitsplatz zu erhalten. Aber werden arbeitslose Menschen nicht auch zur Selbständigkeit ermutigt, um sich selbst einen Arbeitsplatz zu schaffen, wobei hier der Einzelne alle Risiken persönlich trägt und nicht selten unter prekären Bedingungen arbeitet? Wir kennen auch Beispiele, wo ArbeiterInnen marode Betriebe übernehmen, um sie vor dem Konkurs zu bewahren, Kredite aufnehmen und ihr eigenes Geld investieren, nur um nicht arbeitslos zu werden. Aber auch wenn ArbeiterInnen die Kontrolle über ihren Betrieb übernehmen, bleiben sie den Gesetzen des „freien Marktes“ gnadenlos ausgeliefert und sind somit gezwungen, ihre eigene Ausbeutung zu organisieren. Und ist es überhaupt sinnvoll, jede Produktion zu erhalten, auch wenn sie möglicherweise ineffizient ist, Energie verschwendet oder die Umwelt schädigt? Solange die Menschen abhängig von der Lohnarbeit sind, haben sie aber keine andere Wahl, als ihre Arbeitsplätze zu verteidigen. Es stellt sich die Frage, unter welchen Voraussetzungen Selbstverwaltung eine gesellschaftliche Alternative aufzeigen kann oder nur eine Notlösung bleibt.

Beispiele für erfolgreiche Arbeiterselbstverwaltung gibt es in der Geschichte mehrere: Im spanischen Bürgerkrieg, während des Ungarnaufstands 1956, in Frankreich 1968, in Chile 1973, in Polen 1980 und in Argentinien 2001 haben ArbeiterInnen die Kontrolle über ihre Betriebe selbst übernommen und damit gezeigt, dass sie sich auch ohne Manager selbst organisieren können. Die ArbeiterInnen von Jugoremedija haben eindrucksvoll bewiesen, dass sie auch in der Lage sind, ihre Fabrik verantwortungsbewusst in den Fortschritt zu führen. Was vor allem Bedeutung hat ist, dass sie nicht länger bereit waren, Objekt zu sein, sondern ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen haben. Durch ihren solidarischen Kampf haben die Menschen ihre Stärke erkannt und Selbstvertrauen gewonnen, aber auch die hierarchische Trennung zwischen Planenden und Ausführenden überwunden. So lange Selbstverwaltung jedoch nur auf einzelne Betriebe beschränkt ist, haben diese Beispiele nur Modellcharakter. Wenn die Erfahrungen jedoch eingebunden werden in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext, können sie dazu beitragen, eine Debatte über die demokratische Kontrolle der Menschen über die Produktion, die Wirtschaftsweise und alle Lebensbereiche auszulösen.

Quellen:
Branislav Markuš: Die „Wir“-AG (übers. Senad Lačević), 10.07.2010, diezukunft.at
Branislav Markuš: Die ArbeiterInnen von Jugoremedija gehen ihren eigenen Weg, 02.02.2011, www.labournet.de
Ivan Zlatić: The Battle of Jugoremedija, 09.03.2009, www.pokret.net



[1] Der Bagger hat in Serbien Symbolcharakter: Bei der Erstürmung des Parlaments und dem Sturz von Slobodan Milošević am 5. Oktober 2000 stand ein Bagger an der Spitze.

  erschienen in Talktogether Nr. 36/2011