Gespräch mit Uschi Liebing PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Uschi Liebing,

Projekt MIdA, Plattform für Menschenrechte

Talktogether: Im Rahmen deiner Arbeit im Projekt MIdA berätst du Frauen mit Migrationshintergrund. Kannst du uns etwas über dieses Projekt erzählen?

Uschi: Dieses Projekt, das von der Frau & Arbeit GmbH getragen wird, hat im Jänner 2010 begonnen, läuft zwei Jahre lang und wird vom Europäischen Sozialfonds, vom TEP Salzburg und vom Land Salzburg gefördert.

In diesem Projekt gibt es zwei Programme: Erstens, ein Mentoring-Programm für Frauen mit Migrationshintergrund, die sich beruflich weiterentwickeln möchten: Ziel ist es, die Frauen dabei zu unterstützen, Qualifikationen, die sie entweder im Heimatland oder hier erworben haben, einsetzen zu können, also eine Tätigkeit zu finden, die zu den Qualifikationen passt oder die Qualifikationen gezielt zu ergänzen. Gemeinsam mit den Frauen arbeiten wir einen Plan aus, welche Ziele sie innerhalb von ca. acht Monaten verwirklichen können, vermitteln einen fachlich passenden Mentor/eine Mentorin, ein Experte oder eine Expertin, der/die die Frau unterstützt, und begleiten die Mentoring-Beziehung. Daneben versuchen wir auch, den Frauen eine Orientierung zu erleichtern, welche zu ihren Fähigkeiten passende Berufe es gibt, und welche Qualifikationen sie dafür benötigen, sowie erfolgreiche Bewerbungsstrategien zu entwickeln. Außerdem bieten wir ein individuelles Sprach-Coaching zur Optimierung der Sprachkenntnisse, z.B. für eine telefonische Bewerbungen oder ein Bewerbungsgespräche, sowie Workshops für Präsentationstechniken und interkulturelle Kommunikation an, und unterstützen die Frauen bei der Erstellung eines individuell gestalteten Portfolios. Immer wieder unterstützen wir Frauen auch bei Fragen, die sie im Vorfeld einer Arbeit klären müssen: beispielsweise, was sie mit ihren Kindern machen sollen.  Teilnahmevoraussetzungen für die Aufnahme in das Programm sind eine abgeschlossene Berufsausbildung, gute Deutschkenntnisse und eine Arbeitsbewilligung oder die Aussicht darauf.

Zweitens bieten wir einen Lehrgang für Integrationslotsinnen an. Die Idee dahinter ist, dass viele Frauen Scheu davor haben, sich an Beratungseinrichtungen zu wenden oder sie gar nicht kennen, und daher Beratungs- und Qualifizierungsangebote nicht nutzen. Hier kommen die Integrationslotsinnen ins Spiel: Das sind Frauen, die selbst Migrationshintergrund haben und sich ehrenamtlich sozial engagieren wollen, indem sie anderen Frauen als Ansprechpartnerinnen zur Seite stehen. Diese Frauen erhalten in einem Lehrgang die nötigen Qualifikationen, Informationen und Kontakte, damit sie andere Frauen unterstützen können. Sie werden über Frauen- und Integrationsberatungsangebote informiert und mit ReferentInnen aus diesen Einrichtungen in Kontakt gebracht. In Salzburg haben wir gerade den ersten Lehrgang für Integrationslotsinnen abgeschlossen, gemeinsam mit einem sehr engagierten Netzwerk von Frauen- und Integrationsberatungseinrichtungen. Ein weiterer Lehrgang ist im Lungau geplant.

Talktogether: Wie viele Frauen nehmen bei MIdA teil?

Uschi: Wir haben gerade einen Lotsinnen-Lehrgang mit 18 Frauen beendet, und der erste Durchlauf des Mentoring mit 22 Frauen läuft noch bis Ende Mai. Wir beginnen parallel dazu Ende Februar mit einer zweiten Staffel des Mentoring, die dann bis Ende September oder Anfang Oktober dauern wird. Interessierte Frauen können sich noch im Laufe des Februars bewerben.

Talktogether: Wie ist deine Sicht zum Thema Integration?

Uschi: Die Diskussion, wie sie in den letzten Jahren geführt wird, halte ich für sehr problematisch und schädlich, weil die Themen Zuwanderung und Asyl bzw. MigrantInnen und Flüchtlinge fast immer in einem negativen Kontext, z.B. mit Asylmissbrauch und Kriminalität, auftauchen. Dadurch wird das gesellschaftliche Klima sehr negativ beeinflusst.

Zur Integration gehören immer zwei, die Gesellschaft muss ZuwanderInnen auch eine Chance bieten, sich zu integrieren. Wenn die Menschen am Zugang zum Arbeitsmarkt behindert werden, wird ihnen die Integration sehr schwierig gemacht. Ich glaube, dass die Rede von den integrationsunwilligen Menschen maßlos übertrieben ist. Ich habe im Gegenteil die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen mit einer sehr großen Bereitschaft sich zu integrieren hierher kommen und bereit sind, dafür auch sehr viel tun. Aber wenn Menschen jahrelang in Warteposition gehalten werden, nicht arbeiten dürfen und am kulturellen und gesellschaftlichen Leben nicht teilhaben können, wenn sie ständig mit Misstrauen beobachtet werden und sich rechtfertigen müssen, warum sie da sind, erzeugt das irgendwann Resignation, Angst und auch Rückzug.  

In unserem Projekt habe ich viele tolle Frauen kennengelernt, die als Integrationslotsinnen sehr bereit sind, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere etwas zu tun. Die Frauen wollen auch viel voneinander wissen und lernen, in der Gruppe finden immer sehr spannende Diskussionen statt. Es sind Frauen zwischen 25 und über 50 Jahren, manche haben ihr ganzes Leben gearbeitet und stehen kurz vor der Pension. Alle sind sehr motiviert, andere Frauen zu unterstützen, damit sie es leichter haben als sie selbst.

Talktogether: Welche Bedeutung hat der Internationale Frauentag für dich?

Uschi: Der Frauentag ist ein guter Anlass, daran zu erinnern, dass auch in Österreich Frauen immer noch benachteiligt sind, und um gegen die strukturelle Benachteiligung zu kämpfen. Dabei halte ich die Solidarität zwischen Frauen mit und ohne Migrationshintergrund für sehr wichtig, weil wir längerfristig nur etwas verändern können, wenn wir uns nicht durch die unterschiedliche Herkunft auseinanderdividieren lassen.   

Talktogether: Steht in dieser Auseinandersetzung das Geschlecht im Vordergrund?

Uschi: Es ist nach wie vor gesellschaftliche Realität, dass wir in einer patriarchalischen Gesellschaft leben, in der die Chancen entlang der Geschlechterlinie vergeben werden. Viele Männer haben zwar nicht das Gefühl oder die Absicht, Frauen zu benachteiligen, und doch bestehen die Strukturen fort, die die Frauen benachteiligen. Innerhalb der Hierarchien in unserer Gesellschaft, die Männer und Frauen treffen, gibt es noch einmal eine Geschlechterhierarchie. Somit sind Frauen in doppelter Weise betroffen. Ob du Frau oder Mann bist, hat einen wesentlichen Einfluss darauf, welche Chancen zu hast, dich zu verwirklichen, eine angemessene Arbeit zu finden, wie viel Freizeit dir in deinem Leben bleibt und wie viel Bezahlung du bekommst. Es geht nicht nur um die Lohnarbeit und gleiche Löhne, sondern um die gerechte Verteilung der gesamten gesellschaftlich notwendigen Arbeit: Frauen leisten zwei Drittel der unbezahlten Arbeit, nicht nur der Haushalt, auch zu pflegende Angehörige und auch die Kinder werden nach wie vor mehrheitlich und überwiegend von den Frauen versorgt.

Talktogether: Du engagierst dich ehrenamtlich in der Plattform für Menschenrechte. Wer seid ihr und was sind eure Ziele?

Uschi: Wir sind ein Netzwerk aus ca. 30 Organisationen und Einzelpersonen. Wir dokumentieren die Menschenrechtssituation in Salzburg, zeigen Einzelfälle und strukturelle Probleme auf und versuchen, Öffentlichkeit zu schaffen und auch EntscheidungsträgerInnen auf Probleme aufmerksam zu machen. Durch unsere Kampagne „Ja zu Asyl in Salzburg“ haben sich viele Salzburger Persönlichkeiten positiv zum Recht auf Asyl geäußert. Wir versuchen unsere Kritik so kontinuierlich zu äußern, dass sie nicht untergeht, und von unseren GesprächspartnerInnen ernst genommen wird. Außerdem organisieren wir Veranstaltungen zu verschiedenen Themenbereichen - aktuell zum Thema Religionsfreiheit, das dieses Jahr einen Schwerpunkt unserer Arbeit darstellt, weil wir meinen, dass dieses zurzeit eines der besonders gefährdeten Menschenrechte ist. Wir führen auch immer wieder Projekte durch. Vor zwei Jahren haben wir das Projekt Menschenrechtsstadt Salzburg begonnen, das die Integrationsbeauftragte Daiva Döring gemeinsam mit Josef Mautner von der Plattform geleitet hat.

Talktogether: Kann durch solche Projekte die Menschenrechtssituation tatsächlich verbessert werden und inwiefern?

Uschi: Insgesamt ist die Verbesserung der Situation ein mühseliger Prozess, bei dem man nur Schritt für Schritt voran kommt. Aber ich bin überzeugt, dass innerhalb der Stadt das Bewusstsein, was Menschenrechte in der kommunalen Umsetzung bedeuten, sehr gewachsen ist. Wir haben im Projekt Menschenrechtsstadt mit 150 Betroffenen und ExpertInnen einen Bericht mit über 100 Maßnahmenvorschlägen erarbeitet, z.B. Bildungsmaßnahmen zum Thema Menschenrechte oder eine Anlaufstelle für Diskriminierungsopfer, und freuen uns, dass einige im nächsten Jahr bereits umgesetzt werden sollen.

Talktogether: Wann wird ein Menschenrecht verletzt?

Uschi: Menschenrechte sind die Rechte, die einem Menschen zustehen, einzig und allein, weil er ein Mensch ist, und sie sind an keine anderen Voraussetzungen geknüpft: Beispielsweise das Recht auf Leben, das Recht, eine Religion oder auch keine Religion zu haben bzw. diese so auszuüben, wie man es richtig findet, das Recht auf Meinungsfreiheit und sich zu versammeln, das Recht, nicht ohne ein faires Gerichtsverfahren ins Gefängnis geworfen und nicht gefoltert zu werden, oder das Recht, in einem anderen Staat um Asyl anzusuchen. Der Staat hat die Pflicht, die Rechte des Individuums nicht nur zu achten und zu schützen, sondern auch zu gewährleisten, also sicherzustellen, dass die Rechte für den Einzelnen zugänglich sind. Was wir erleben, ist nicht, dass Menschenrechte grundsätzlich verweigert werden, sondern dass den Menschen der Zugang zu ihren Rechten schwer gemacht wird. Wer in Österreich beispielsweise um Asyl ansucht, ist mit Behörden konfrontiert, die ihm/ihr von vornherein mit großem Misstrauen begegnet. Vielen Asylsuchenden wird der Zugang zu diesem Recht verwehrt, weil sie die formalen Voraussetzungen nicht mitbringen oder ihre Fluchtgründe nicht in einer Art und Weise formulieren können, dass diese von den Behörden wahrgenommen zu werden. Oder wenn Familien, mit Kindern, die lange Jahre hier gelebt haben, zwangsweise aus dem Land gebracht werden, ist das aus meiner Sicht etwas ganz Inhumanes, Kinder sollten ein eigenständiges Recht haben, zu bleiben, wenn sie hier aufgewachsen und sozialisiert worden sind. Das Problem ist, dass das staatliche Interesse an einem „geordneten Fremdenwesen“ höher angesehen wird als das individuelle Menschenrecht.

Talktogether: Woher kommen Rassismus und Ausgrenzung?

Uschi: Die öffentliche politische Diskussion driftet immer mehr nach rechts und das ist ein Problem, weil dadurch Rassismus salonfähig wird. Das trägt dazu bei, dass auch unpolitische Menschen glauben, sie hätten das Recht, andere auszugrenzen oder offen zu diskriminieren. Andererseits herrscht Angst vor dem sozialen Abstieg. Die Menschen erleben eine Krise und sehen ihr wirtschaftliches Wohlergehen und ihren Lebensstil bedroht. Von vielen Politikern bekommen sie dann vermittelt, dass diese Bedrohung mit der Migration zusammenhängt. Ihr Arbeitsplatz sei bedroht, weil zu viele Menschen nach Österreich kommen, ihre soziale Sicherheit sei bedroht, weil zu viele Asylanten in Österreich sind, oder die Zukunft ihrer Kinder sei bedroht, weil es zu viele Kinder mit Migrationshintergrund in den Schulen gibt. Unsicherheit schafft einen fruchtbaren Nährboden für rassistische oder rechtspopulistische Parolen.

Häufig wird so getan, als ob es nur zwei Gruppen gäbe, nämlich InländerInnen und MigrantInnen. Aber das kulturell homogene Österreich, das immer beschworen wird, gibt es nicht, das ist eine Fiktion. Die Tatsache, dass es vor allem soziale Unterschiede, dass es Klassenunterschiede gibt, wird außer acht gelassen. Tatsächlich sind aber die sozialen Unterschiede bzw. die sozialen Positionen und unterschiedlichen Chancen der Menschen für einen Großteil der Probleme ausschlaggebend. Man sollte aufhören, alle Probleme unter einer ethnischen oder kulturellen Perspektive zu betrachten.

Talktogether: Was sind aktuelle Forderungen der Plattform?

Uschi: Eine wichtige Forderung wäre, dass Asylsuchende einen Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen und eine Ausbildung machen können, damit sie während der Zeit, in der sie auf ihr Asylverfahren warten, ein menschenwürdiges Leben führen können. Es gibt zahlreiche Menschen, die ehrenamtlich Deutschkurse für Flüchtlinge anbieten, dolmetschen oder sie beim Asylverfahren unterstützen. Es ist schön, dass es so viele Menschen gibt, die sich engagieren, aber dieses Engagement sollte nicht dazu dienen, die Lücken des Staates zu füllen. Es ist Sache des Staates zu gewährleisten, dass Flüchtlinge, wenn sie nicht arbeiten dürfen, ausreichend Geld haben und nicht Schwarz arbeiten müssen, sondern Deutschkurse besuchen können.

Dringend notwendig ist auch eine Neuregelung des Niederlassungs- und Aufenthaltsrecht, ein echtes Bleiberecht müsste geschaffen werden. 120.000 Menschen haben mit ihrer Unterschrift in der Kampagne „gegen Unrecht“ für einen Neuanfang im Bleiberecht plädiert, doch ihre Stimmen werden von der Politik bisher nicht berücksichtigt. Wir müssen beharrlich bleiben, und uns überall dort zur Wehr setzen, wo wir Ungerechtigkeit und Diskriminierung sehen und erleben. 

erschienen in Talktogether Nr. 35/2011