Der Widerstand der Türkan Albayrak PDF Drucken E-Mail

Der Widerstand der Türkan Albayrak

Eine Reinigungsarbeiterin in Istanbul kämpft in einem Zelt
gegen ihre Entlassung

Entlassen, weil sie der Gewerkschaft beitrat

Sie blieb hartnäckig und ließ sich nicht unterkriegen. Obwohl sie allein war, entschloss sich die Reinigungsarbeiterin Türkan Albayrak, für ihre Rechte zu kämpfen und in den Streik zu treten. Sie hatte als Reinigungsarbeiterin im Pasabahce-Krankenhaus in Istanbul gearbeitet. Weil sie der Gewerkschaft beitrat und für bessere Arbeitverhältnisse kämpfen wollte, wurde sie gekündigt. Das wollte sie nicht hinnehmen und sie beschloss, sich dagegen zu wehren.

 Nach ihrer Kündigung verbrachte Türkan Albayrak 118 Tage in einem Zelt vor dem Krankenhaus, wo sie mit Transparenten und auf Kartons geschriebenen Parolen auf die ihr widerfahrene Ungerechtigkeit aufmerksam machte. Allein ist sie nicht lange geblieben. Sie erhielt Unterstützung von politischen Organisationen, KünstlerInnen, Intellektuellen, GewerkschaftsvertreterInnen und JournalistInnen, die sie regelmäßig besuchten und über ihren Kampf berichteten.

Während ihres Widerstands besuchte Türkan ArbeiterInnen einer TEKEL-Fabrik, die schon seit Monaten gegen Massenentlassungen kämpfen. Seit der Privatisierung des Alkohol- und Tabakmonopols sind in der Türkei 12.000 ArbeiterInnen vom Verlust ihrer Jobs oder von Kurzarbeit mit erheblichen Lohneinbußen und Verlust aller erworbenen sozialen Rechte bedroht. In ihrem Tagebuch schreibt sie:

„Die Umgebung, die ich bei meinem Besuch bei den
TEKEL-Arbeiterinnen gesehen habe, bewerte ich als Zeichen eines tiefgreifenden Widerspruchs. Gegenüber ein Gewerkschaftsgebäude, im Hof Polizisten. ArbeiterInnen dürfen das Gebäude der Gewerkschaft nicht betreten, welche sie unter Einsatz ihres Lebens  geschaffen haben. Sie haben die Häuser der ArbeiterInnen den Schlössern von Fürsten gleichgemacht. Sie werfen jene, die ihr eigenes Haus betreten wollen, geradezu den Krokodilen zum Fraß vor.“ Bei dieser Fahrt hat Türkan nach mehreren Monaten wieder mit dem Bus die lange Strecke zurückgelegt, die sie fünf Jahre lang täglich hin und her gefahren ist. Dabei wurde ihr einmal mehr ins Bewusstsein gerufen, welche Mühen ArbeiterInnen auf sich nehmen müssen, um ihr Brot zu verdienen.

Sieg nach 118 Tagen Widerstand

Nicht selten wurde sie von Schikanen ihrer ehemaligen ArbeitgeberInnen ausgesetzt, die Räumungstrupps auf sie hetzten. Doch Türkan Albayrak blieb hartnäckig und ließ sich von ihrem Zeltplatz nicht vertreiben. Zuletzt begab sich die Arbeiterin in einen Hungerstreik, den sie nach sieben Tagen beendete, nachdem ihr vom Gesundheitsministerium eine Arbeitsstelle in der Nähe ihrer Wohnung angeboten worden war. Sie nahm das Angebot an. In einem Fernsehinterview erklärte sie, dass ihr Widerstand nicht der Leihfirma, sondern direkt dem Gesundheitsministerium gegolten habe.

Türkan betonte aber auch, dass es ihr bei ihrem Protest nicht nur um die eigene Arbeitsstelle gegangen ist, sondern dass sie beispielhaft sein und den anderen KollegInnen und ArbeiterInnen zeigen wollte, dass es sich lohnt, sich zu wehren. Mit den Worten: „Das Zelt war das Symbol für meinen Widerstand. Ich baue mein Zelt ab, weil ich meine Arbeit zurück gewonnen habe. Wir haben gemeinsam Widerstand geleistet und gemeinsam gesiegt. Deshalb lade ich alle ein, die mich während meines Widerstands nicht allein gelassen und unterstützt haben, gemeinsam mit mir  mein Zelt abzubauen“, beendete sie ihren Streik.

Kampf gegen Prekarisierung und Isolierung

Unsichere Arbeitsverhältnisse wie Leiharbeit, geringfügige Arbeit oder Scheinselbständigkeit erfassen immer mehr Teile der Gesellschaft. Zeitarbeitsverhältnisse bedeuten Verunsicherung und machen nicht nur die Lebensplanung immer schwieriger, sondern erschweren auch den Zusammenschluss der Lohnabhängigen. Das Beispiel von Türkan Albayrak ist deshalb sehr wertvoll für uns. Der Sieg mag auf den ersten Blick klein erscheinen, doch ist es bei diesem Kampf um weit mehr gegangen als nur um den Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes – nämlich um das Recht, sich zu organisieren. Diese mutige Frau hat mit ihrer Entschlossenheit aufgezeigt, dass es Sinn macht, sich zu wehren, und dass wir Lohnabhängigen nicht machtlos sind und auch unter widrigen Umständen gewinnen können, wenn wir nicht resignieren. 

erschienen in Talktogether Nr. 35/2011