Gekommen um zu bleiben? Gedanken zur Diskussion am 13.11.2010 PDF Drucken E-Mail

Gekommen um zu Bleiben

Gedanken zur Diskussion am am 13.11.2010, Open Mind Festival Talktogether/ARGEkultur

von Ogi aus Bulgarien

Erst wollte ich nichts darüber schreiben, aber jedes Mal, wenn ich mit meinem Fahrrad nach Elsbethen fahre, rede ich mit mir selbst. Die Leute denken: „Kein Problem, noch ein Verrückter!“ In Salzburg gibt es genug Verrückte, aber vielleicht spricht er ja mit seinem Mobiltelefon. Ich denke heute an die Konferenz im ARGE-Kulturzentrum. Das Thema ist Bleiberecht und Menschenrecht. Ein Spiel mit Sado und Maso. Als ich ein Kind war und mit meinen Eltern in einem Zimmer wohnte, hörte ich regelmäßig ein Ach und Oh in den späten Abendstunden. Ich dachte, mein Vater malträtiert meine Mutter, aber dann schaute ich zu meiner Mutter und sie sah nicht sehr traurig aus. Wo ich jetzt wohne, in Elsbethen, lebt eine Familie mit drei Kindern in einem kleinen Zimmer. Jeden Abend bläst der Vater eine große Luftmatratze auf, darauf schläft die ganze Familie. Ich glaube, es ist nicht möglich, dass Kinder unter solchen Umständen gut aufwachsen können und eine richtige Kultur kennenlernen. Hier gibt es kaum eine Chance auf Hygiene und Ordnung.

Bei uns im Sozialismus gab es ein strenges Strom-Programm: zwei Stunden gab es Strom, zwei Stunden nicht. Wenn der Strom weg war, setzten sich die Leute ins Auto und fuhren in ein anderes Viertel, in dem es gerade Strom gab. In der Zeit, in der es keinen Strom gab, waren meine Landsleute gerne sexuell aktiv. Und dann kamen viele Babys auf diese heile Welt. Aber viele der Kinder hatten oft Probleme mit den Augen. Liegt das am Stress der Eltern oder am Regime? Sobald es dunkel war, weil der Strom abgeschaltet wurde, standen die Kriminellen schon bereit. Viel Vandalismus war die Folge, viele wurden Opfer von unbekannten Einbrechern in privaten Haushalten, Lagern, Büros, Fabriken mit Warenlagern. Die Miliz hatte keine Chance, weil die Einbrecher überall waren und einfach zu viele, um sie alle zu erwischen. Die normalen Bürger dachten, die Miliz und die Kriminellen stecken unter einer Decke. Sie glaubten, das ist alles vom Regime eingefädelt. Ein weiteres Problem war, dass auch in den Krankenhäusern der Strom abgeschaltet wurde. Oft mitten unter der Operation. Oft passierten Arbeitsunfälle oder Autounfälle, weil es auf einmal dunkel war. Das Notfallaggregat konnte oft nicht schnell genug aktiviert werden. Alles musste händisch gemacht werden, oft waren auch nicht genug Diesel oder andere Antriebsstoffe darin. Die Ärzte konnten bei diesen Unterbrechungen oft nicht mehr so genau auf die Hygiene achten, was schlimme Folgen haben konnte.

Und jetzt sagen Sie: Ist es hygienisch, in einem Zimmer zu kochen, zu schlafen, zu lernen, aufs Klo zu gehen, mit einem, zwei oder drei Kindern? Manchmal sogar im Keller, wo es nur einen Lichtschacht gibt. Nur für Kakerlaken ist das Leben frei bei uns in der Pension Brandelik, ohne Grenze und Papiere, gut integriert.

Manipulieren mit Worten wie Menschenrecht und Bleiberecht. Asylgesetze ohne richtige Jobs sind nur ein grausames Spiel und eine Manipulation von Leuten, aber kein Menschenrecht. Die Leute sind anfällig für Kriminalität, wenn es kein richtiges soziales Engagement wie Arbeit gibt. Viele arbeiten schwarz im Restaurant, auf dem Bau, in der Stadt und am Land. Viele arbeiten auch bei Putzfirmen oder als Pizzabote mit dem Privatauto. Ich glaube, das hat System, weil ohne die Schwarzarbeiter das System zusammenbrechen würde. Österreich braucht die billigen Arbeitskräfte. Österreichische Arbeiter sind Spezialisten in verschiedenen Branchen, die wissen, was ihre Arbeit wert ist und was sie gelernt haben. Aber die Frage ist, was kriegt der österreichische Arbeiter über seinen Lohn hinaus? Wie viel Geld wird aus der Schwarzgeldkasse ausgezahlt? Dadurch kann sich der österreichische Arbeiter viel mehr leisten, wohnt in einer besseren Wohnung und fährt ein größeres Auto. Wer macht die Finanzkontrolle bei den Firmen? Wer kontrolliert, wer wie viele Stunden arbeitet, wann er zur Arbeit geht und wann nach Hause? Die Politik diskutiert diese Fragen nur, wenn es wieder einen Skandal gibt.

Arigona, ihre Mutter, ihre Brüder und ihr Vater – die Frauen und Kinder sind in Österreich, der Vater und die beiden älteren Brüder im Kosovo. Dem Vater gefällt die Kultur im Kosovo besser, die Mutter und Arigona möchten lieber in der österreichischen Kultur leben, in einer anderen Mentalität. Jetzt kommt die Idee der Innenministerin, dass Arigona doch einen Österreicher heiraten könnte. Ja, das ist schön, das wissen auch andere Rechtsanwälte, das ist ein „tolles“ Modell zur Integration. Aber wie viele Familien funktionieren auf so einem Grundstein? Die meisten solcher Familien sind schon kaputt und die Kinder sind zerrissen und zwischen zwei Kulturen. Mentalität, Kultur, Arbeit, Liebe und Vertrauen sind das Fundament. Eine Familie darf nicht auf Tricks und Lüge aufgebaut sein.

Die Europäische Union sucht arme und naive Menschen, es geht nicht um den Kulturaustausch auf Augenhöhe. C’est la vie Asyl. Heute Morgen habe ich in den Himmel geschaut und habe fünf Schwäne gesehen, die laut geschrieen haben und in einer Dreieck-Form geflogen sind. Sie fliegen frei zu einem anderen Kontinent. Sie fliegen raus aus dem europäischen Kontinent; der Winter kommt.

erschienen in Talktogether Nr. 35/2011