100 Jahre Internationaler Frauentag PDF Drucken E-Mail


Bild: Farah Notash, www.farah-notash.com

1911-2011: 100 Jahre Internationaler Frauentag

Der Internationale Frauentag geht auf die ArbeiterInnenbewegung der zweiten HĂ€lfte des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts zurĂŒck. Seit Beginn der Industrialisierung stieg der Anteil der Fabrikarbeiterinnen. Sie bekamen fĂŒr die gleiche Arbeit aber nur einen Bruchteil des Lohnes der MĂ€nner. Bereits 1858 streikten Textilarbeiterinnen in New York. Als Ausgangspunkt fĂŒr den Frauentag gilt der Streik von Tabak- und Textilarbeiterinnen im Jahre 1908 in Manhattan. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte in Nordamerika in der Textilerzeugung ein Subkontraktsystem vor, wobei die Fabrikanten AuftrĂ€ge an Unterfirmen vergaben, die so viel Arbeit wie möglich aus ihren Arbeiterinnen herauspressten. Die NĂ€herinnen in den sog. Sweatshops, großteils Frauen aus Europa, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Amerika gekommen waren, arbeiteten bis zu 75 Stunden in der Woche, manchmal bis zum Morgengrauen. Oft waren sie verpflichtet, das Arbeitsmaterial wie Nadeln, Zwirn, Messer und BĂŒgeleisen selbst zu kaufen. Danach kehrten sie zurĂŒck in ein Zuhause, das von bitterer Not geprĂ€gt war.

1909 traten in New York die Textilarbeiterinnen in einen Generalstreik. 13 kalte Winterwochen lang kĂ€mpften 30.000 NĂ€herinnen fĂŒr höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen, fĂŒr kĂŒrzere Arbeitszeiten und gegen unzumutbare Wohn- und Lebensbedingungen und wehrten sich damit gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung.

Rufe in Italienisch, Polnisch, Jiddisch und nur manchmal Englisch, hallten wie ein Donner durch die eisigen Straßen New Yorks. Eine Arbeiterin erzĂ€hlte: "Wir trugen billige Kleider, lebten in schĂ€bigen HĂŒtten, aßen billiges Essen. Es gab nichts, worauf man sich freuen konnte und nichts zu erwarten fĂŒr den nĂ€chsten Tag!" "Obwohl ein eiskalter Wind wehte und die Frauen keine warmen Kleider hatten, gingen sie weiter, ohne daran zu denken, was kommen wird. Sie wussten nicht, was sie antrieb, sie wussten nur, es war IHR Tag", schilderte ein Zeuge seinen Eindruck.

Schon 1908 hatten Frauen auf dem Parteitag der sozialistischen Partei der USA ein Frauenkomitee gegrĂŒndet. Am 20. Februar 1909 war zur UnterstĂŒtzung der Wahlrechtsforderungen in den USA der erste nationale Frauentag begangen worden.

1910: Das Frauenwahlrecht stand auch bei der II. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen im Mittelpunkt. Am 27. August beschlossen mehr als 100 Delegierte aus 17 LĂ€ndern auf Initiative von Clara Zetkin und KĂ€te Duncker die EinfĂŒhrung eines jĂ€hrlichen Internationalen Frauentages nach Vorbild der amerikanischen Genossinnen. Die Themen waren neben dem Frauenwahlrecht der Kampf gegen die Kriegsgefahr, die steigenden Lebensmittelpreise und vor allem das Recht der Frauen auf ErwerbstĂ€tigkeit und gewerkschaftliche Organisierung. Denn, so Clara Zetkin, „mit Frauen, die den Reichtum ihrer GefĂŒhle in einem Fingerhut oder in einem Kochtopf gefangen halten, lĂ€sst sich keine Revolution machen“. Die Idee, dass sich Frauen selbstĂ€ndig politisch organisieren, entfachte heftige Kontroversen innerhalb der sozialistischen Bewegung. Manche sahen darin eine unnötige Spaltung der Arbeiterbewegung, wĂ€hrend andere wie Clara Zetkin und Alexandra Kollontai fĂŒr die Anerkennung der Frauenbewegung als notwendigen Teil des sozialistischen Programms kĂ€mpften.

Clara Zetkin begrĂŒndete Sinn und Zweck des Frauentages: „Sein Ziel ist das Frauenrecht als Menschenrecht, als Recht der Persönlichkeit, losgelöst von jedem sozialen Besitztitel. Wir mĂŒssen Sorge tragen, dass der Frauentag nicht nur eine glĂ€nzende Demonstration fĂŒr die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts, sondern darĂŒber hinaus der Ausdruck einer Rebellion gegen den Kapitalismus, eine leidenschaftliche Kampfansage all den reaktionĂ€ren Maßnahmen der Besitzenden und ihrer willfĂ€hrigen Dienerschaft, der Regierung, ist.“

1911: Am 19. MĂ€rz fand der erste internationale Frauentag in DĂ€nemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Mehr als eine Million Frauen gingen auf die Straße und brachten damit zum Ausdruck, dass sie „es satt hatten, sich als Gleichverpflichtete, aber Minderberechtigte zu mĂŒhen“. Die russische RevolutionĂ€rin und Feministin Alexandra Kollontai, die sich zu der Zeit in Deutschland aufhielt und bei der Organisierung des Tages half, schrieb:

„Ein kochendes bebendes Meer von Frauen. Treffen wurden ĂŒberall organisiert 
 in kleinen StĂ€dten und sogar in den Dörfern waren die Hallen so vollgestopft, dass Arbeiter gebeten werden mussten, den Frauen Platz zu machen. Die MĂ€nner blieben zur Abwechslung mit ihren Kindern zu Hause und die eingesperrten Hausfrauen gingen zu den Treffen. WĂ€hrend der grĂ¶ĂŸten Straßendemonstration, an der 30.000 teilnahmen, entschied die Polizei, den Demonstrantinnen die Transparente wegzunehmen, auf denen stand: ‚Die Arbeiterinnen stehen auf!‘ In dem Handgemenge, das folgte, konnte Blutvergießen nur mithilfe von sozialistischen Parlamentsabgeordneten verhindert werden.“

1917 wurde der unzweifelhaft denkwĂŒrdigste Frauentag von den Textilarbeiterinnen in St. Petersburg begangen, trotz Ablehnung der Partei. Man argumentierte, die Frauen könnten die Arbeiterbewegung spalten, und dass sie die Löhne der MĂ€nner durch Billigarbeit drĂŒckten. Darauf erwiderte Alexandra Kollontai, dass nicht die Arbeiterinnen fĂŒr die Billiglöhne verantwortlich seien, sondern der Kapitalist durch die Spaltung zwischen weiblichen und mĂ€nnlichen Arbeitern doppelt profitiere.

Ein Zeuge erzĂ€hlte: Die Arbeiterinnen, angetrieben von der Verzweiflung ĂŒber Hunger und Krieg, fegten wie ein Hurrikan ĂŒber alles hinweg, der mit einer elementaren Kraft alles vorher Bestehende zerstört. Der revolutionĂ€re Marsch der Arbeiterinnen, voll mit dem Hass auf Jahrhunderte der UnterdrĂŒckung, war der Funke, der die Flamme der Februarrevolution, der Revolution, die den Zaren stĂŒrzte, entzĂŒndete.“

1921 wurde auf der Zweiten Internationalen Konferenz kommunistischer Frauen in Moskau der 8. MĂ€rz zu Ehren der Rolle der Frauen in der russischen Februarrevolution von 1917 als internationaler Gedenktag eingefĂŒhrt.

1922 wurde der Internationale Frauentag erstmals in verschiedenen LĂ€ndern einheitlich begangen und dazu genutzt, auf soziale Probleme der Frauen aufmerksam zu machen. Frauen kĂ€mpften fĂŒr ArbeitszeitverkĂŒrzungen ohne Lohnabzug, die Senkung der Lebensmittelpreise, eine regelmĂ€ĂŸige Schulspeisung fĂŒr Kinder und den legalen Schwangerschaftsabbruch.

Zwischen 1933 und 1945 wurde der Weltfrauentag in Deutschland verboten, da er sozialistische Wurzeln hatte, und stattdessen der Muttertag eingefĂŒhrt und zu einem offiziellen Feiertag erklĂ€rt. Das Bild der aufopfernden Mutter entsprach wesentlich mehr dem nationalsozialistischen Ideal als die arbeitende, kĂ€mpferische, selbstbewusste Frau, die fĂŒr ihre Rechte eintritt.

Welche Bedeutung hat der Internationale Frauentag heute?

Die Rechte, fĂŒr die Frauen vor 100 Jahren auf die Straße gegangen sind, haben wir heute – zumindest in den meisten LĂ€ndern der Welt – erreicht: Frauen haben das Recht zu wĂ€hlen, zu studieren und an der gesellschaftlichern Arbeit teilzunehmen. Sogar das Prinzip „gleicher Lohn fĂŒr gleiche Arbeit“ ist in der Gesetzgebung verankert. Manche fragen deshalb, ob wir den Internationalen Frauentag heute noch brauchen. Doch Statistiken belegen, dass die Ungleichheit trotz rechtlicher Gleichstellung nicht aufgehoben wurde. In den letzten Jahrzehnten hat sie sich sogar wieder verstĂ€rkt. Die neoliberale Globalisierung hat weltweit zu einer Zunahme von ArbeitsverhĂ€ltnissen gefĂŒhrt, die von Überausbeutung und UnterdrĂŒckung von Frauen gekennzeichnet sind. In den reichen LĂ€ndern bilden Frauen aufgrund der Ausbreitung von Teilzeitarbeit und prekĂ€ren ArbeitsverhĂ€ltnisse die Mehrheit der „Working Poor“. Die Arbeitsbedingungen in Leihfirmen und bei Diskontern wie Kik, Schlecker und Lidl erinnern an die Arbeitsbedingungen der Sweatshops vor 100 Jahren. VorwĂŒrfe der Gewerkschaften reichen von unvorhersehbaren Arbeitszeiten, Lohndumping, Ausspionierung des Privatlebens und Druck auf die VerkaufsmitarbeiterInnen.

"Offenbar beruhen die Arbeitsbedingungen auf einem System, das auf Angst und Druck basiert, (
)Die fast ausschließlich weiblichen BeschĂ€ftigten stehen offensichtlich fast immer alleine im GeschĂ€ft und sind fĂŒr Kundenberatung, Kassa, Nach- und Einschlichten der Waren und auch fĂŒr das Saubermachen zustĂ€ndig. Sie machen sich Sorgen, ĂŒberfallen zu werden, und können oft auch kaum auf die Toilette gehen“, bei der Arbeitszeit ist "von Vereinbarung und Planbarkeit keine Spur, obwohl dies rechtlich eindeutig nötig ist. Besonders Frauen leiden unter diesem Problem, da die Betreuungsaufgaben von Kindern schwierig zu organisieren sind“. (Quelle: GPA-djp)

In den abhĂ€ngigen LĂ€ndern des SĂŒdens haben sich die Lebensbedingungen der Frauen durch die Privatisierung des Bildungs- und Gesundheitssystems dramatisch verschlechtert. Durch die EinfĂŒhrung kapitalistischer Strukturen werden Frauen im Zugang zu landwirtschaftlich nutzbarem Land benachteiligt. Viele LohnabhĂ€ngige wurden durch die Entlassungen im öffentlichen Sektor und den Konkurs von nationalen Unternehmen in den informellen Sektor abgedrĂ€ngt. Die erbitterte Konkurrenz um billigere ArbeitskrĂ€fte und die Beseitigung von Handelsschranken hat auch dazu gefĂŒhrt, dass zahlreiche Unternehmen ihre Produktionen in BilliglohnlĂ€nder ausgelagert haben, wobei auch hier wieder die Frauen unter den schwierigsten Bedingungen und fĂŒr die niedrigsten Löhne arbeiten. Dennoch trĂ€gt diese Entwicklung - trotz aller Unsicherheit und negativer Folgen - auch dazu bei, traditionelle Geschlechterrollen in Frage zu stellen und aufzubrechen. So gibt in der Eintritt in LohnabhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnisse, so ausbeuterisch diese auch sind, den Frauen mehr Bewegungsfreiheit und eröffnet ihnen Möglichkeiten, sich zu organisieren und fĂŒr ihre Rechte einzutreten, was die Beteiligung von Frauen an zahlreichen ArbeitskĂ€mpfen und sozialen Bewegungen auf der ganzen Welt belegt.

erschienen in Talktogether Nr. 35/2011