Gespräch mit Ogi aus Bulgarien PDF Drucken E-Mail

 Gespräch mit  Ogi aus Bulgarien

Talktogether: Du verkaufst heute Zeitungen – auch Talktogether  – vor dem Sparmarkt in Nonntal und im „Das Kino“. Welche Pläne und Wünsche hast du für die Zukunft?

Ogi: Vor dem Sparmarkt Zeitungen zu verkaufen ist keine Perspektive, aber es ist die einzige Tätigkeit, die ich zurzeit legal machen darf. Als Asylwerber muss ich von 290 Euro im Monat leben, davon sind 110 Euro für die Miete, dass man damit nicht leben kann, das weiß jeder. Ich wünsche mir einen richtigen Beruf oder ein Geschäft zu haben, und natürlich eine Wohnung. Aber ich bin Asylwerber und habe keine Papiere. Ohne Papiere habe ich aber keine Möglichkeit zu arbeiten. All die Jahre, die ich mit Warten verbringe, sind aber für mich eine verlorene Zeit. Ich bin ja nicht mehr jung. Die Jahre, die ich arbeiten hätte können, werden mir für die Pension abgehen.

Talktogether: Du kommst aus Bulgarien, bist also EU-Bürger.

Ogi: Ja, EU-Bürger! Das höre ich immer wieder. Aber was habe ich davon? Als ich Bulgarien verlassen habe, war ich noch kein EU-Bürger. Jetzt ist Bulgarien EU-Mitglied, trotzdem darf ich in Österreich nicht arbeiten. Die EU kann mich auch nicht vor meinen Problemen schützen.

Talktogether: Welche Probleme hast bzw. hattest du?

Ogi: Meine Probleme begannen an meinem Arbeitsplatz, und zwar als der Betrieb privatisiert wurde. Nach einem Streik wurde ich zusammen mit einer Gruppe von elf Leuten auf die Straße gesetzt. Ich lebte damals in Troyan, wo ich bei der Firma Elma arbeitete, die Elektromotoren herstellt. Ich war in der Gießerei beschäftigt, wo die Zylinderköpfe hergestellt wurden.

Talktogether: Warum habt ihr gestreikt?

Ogi: Früher war mein Arbeitsplatz in der Fabrik, die sich in der Stadt befand. Doch dann wurde die Gießerei aus dem Betrieb ausgelagert und in ein Gefängnis außerhalb der Stadtgrenze verlegt. Nicht die gesamte Produktion wurde ausgelagert, die anderen Produktionsschritte wie die Montage, die Verkabelung verblieben am alten Standort. Meine Kollegen und ich mussten nun plötzlich zusammen mit Gefangenen arbeiten. Wir fragten uns: Warum müssen wir als Zivilpersonen plötzlich in einem Gefängnis arbeiten? Die Arbeitsbedingungen haben sich zudem massiv verschlechtert. Früher arbeiteten wir in einer gut ausgestatteten Produktionshalle mit Maschinen, jetzt fand die Produktion unter primitiven und auch gefährlichen Bedingungen statt. Wir verstanden das nicht: Jetzt wo Bulgarien ein Mitglied der EU geworden war, sollten wir arbeiten wie in einem rückständigen Land?  

Talktogether: Warum war die Arbeit gefährlich?

Ogi: Früher floss das geschmolzene Metall automatisch in eine Rinne, die das flüssige Metall zu den Formen führte und wo es eingefüllt wurde. Jetzt mussten wir alles mit der Hand machen, das heißt, wir mussten das heiße geschmolzene Metall mit den Händen zu den Formen tragen. Es passierte oft, dass etwas davon ausspritzte und auf unsere Füße oder Hände tropfte. Unsere Schuhe waren ganz durchlöchert.

Talktogether: Was geschah dann?

Ogi: Die Leute waren alle unzufrieden. Ich redete mit ihnen und wir entschlossen uns, eine Demonstration zu organisieren. Die Leute haben mir vertraut und mich zum Sprecher für ihre Anliegen gemacht. Ich wartete aber noch zu, weil ich ganz sicher sein wollte, ob sie wirklich zu dem Schritt bereit waren, auf die Straße zu gehen und zu streiken. Ein Künstler, ein Bekannter von mir, verfasste einen Artikel  über unseren Protest, der in der Zeitung Trojanski Glas veröffentlicht wurde. Nach dieser Aktion wurden wir jedoch alle entlassen. Der Chef sagte, wir hätten unseren Arbeitsplatz unerlaubt verlassen, deshalb wurden wir gekündigt. Aber in Wahrheit, denke ich, hatten sie nur darauf gewartet, uns los zu werden, denn sie brauchten uns nicht mehr. Die Leute im Gefängnis waren billige Arbeitskräfte, die sich über diese Möglichkeit freuten, sie hatten ja gar keine andere Chance, ein bisschen Geld zu verdienen.

Talktogether: Was habt ihr dann gemacht?

Ogi: Wir haben den Fall vor das Arbeitsgericht gebracht. Doch der Richter war ein guter Freund des Fabrikdirektors, eine Seilschaft aus der kommunistischen Zeit. In der ersten Instanz wurden wir schuldig gesprochen. Später ging das Verfahren in die zweite Instanz. Die Gewerkschaft Podkrepa stellte uns einen Rechtsanwalt zur Seite. Als der Prozess begann, erschien dieser aber nicht im Gerichtsaal! Ich suchte ihn und fand ihn im letzten Moment in der Kantine, wo er gerade im Gespräch war mit jemandem von der Fabriksleitung! Trotzdem haben wir den Prozess gewonnen. Die Fabriksleitung wurde verpflichtet, uns wieder einzustellen und mir und meinen Kollegen 30.000 Lev Entschädigung für die ungerechtfertigte Entlassung zu bezahlen. Eineinhalb Jahre waren zwischen dem ersten und dem zweiten Prozess vergangen. Diejenigen Kollegen, die nicht in der Zwischenzeit einen anderen Job gefunden hatten, nahmen daraufhin ihre Arbeit wieder auf.

Talktogether: Wie lange hast du in dieser Fabrik gearbeitet?

Ogi: Ich kehrte 1990 von Russland zurück, wo ich in Sibirien gearbeitet hatte. Ich zog nach Troyan, wo meine Frau wohnte. Ich bin ausgebildeter Mechaniker und Elektrotechniker. Ich habe in dieser Fabrik eine Stelle gefunden. Ein paar Jahre danach jedoch kam die Privatisierung und unsere Gießerei wurde in das Gefängnis ausgelagert. Dadurch haben sich nicht nur die Arbeitsbedingungen verschlechtert, sondern auch die Qualität der hergestellten Produkte. Früher produzierte die Fabrik nur ein bis zwei Prozent Ausschuss, später, als wir im Gefängnis produzierten, betrug der Ausschuss 10 bis 20 Prozent! Das kam daher, weil das Metall auf dem Weg, bis es in die  Formen kommt, stärker abkühlt. Doch die Qualitätsminderung hat man in Kauf genommen, weil die Arbeit im Gefängnis billiger war. 

Talktogether: Was passierte mit den Maschinen?

Ogi: Die wurden alle zerstört. Es wurde gesagt, dass die Gießerei an einen Standort außerhalb der Stadt verlegt werden musste, weil sie zu viel Smog erzeugte. Ich glaube aber, dass dies ein abgekartetes Spiel war und der Betrieb bewusst zerstört wurde, damit gewisse Leute ihn nach der Privatisierung billig kaufen konnten. Was mit den Arbeitern passierte, war ihnen egal. Ein paar der Arbeiter, die eine andere Stelle fanden, kündigten freiwillig. Doch die  meisten standen kurz vor der Pensionierung und hatten keine Aussicht, eine andere Arbeit zu finden. 

Talktogether: Was passierte nach dem zweiten Prozess?

Ogi: Die Betriebsleitung erhob Einspruch gegen den Gerichtsbeschluss und das Verfahren wurde vor den Obersten Gerichtshof gebracht. In diesem Verfahren hat uns der Gewerkschaftsanwalt leider schlecht beraten. Er versicherte uns immer, wir würden bestimmt gewinnen und wir haben uns auf ihn verlassen. Doch er hatte Unrecht. Das Verfahren wurde wieder in die Erste Instanz zurückgestellt. Das bedeutete, dass wir unsere Jobs wieder verloren und das Geld zurückzahlen mussten. Ich wurde als Streikführer verhaftet und ins Gefängnis gebracht, wo ich geschlagen wurde.

Die Leute standen auf der Straße und waren verzweifelt. Sie konnten das Geld nicht zurückzahlen. Sie hatten das Geld, das sie als Entschädigung bekommen hatten, schon längst ausgegeben, ein Auto gekauft oder in den Hausbau investiert. Ich selbst musste mir das Geld von einem Freund ausborgen. Die meisten der Kollegen waren keine ausgebildeten Leute, viele von ihnen waren Roma, und hatten, wie die Lage nun war, keine Chance mehr, irgendwo Arbeit zu finden. Sie gaben nun mir die Schuld für ihre Misere, weil ich den Streik initiiert und in ihren Augen das Unglück verursacht hatte. 

Talktogether: Wann hast du dich entschlossen, das Land zu verlassen?

Ogi: Nachdem ich auf der Straße bedroht und beschimpft wurde und sie sogar zu meinem Haus kamen und an der Türe klopften, wurde die Situation für mich unerträglich. Ich war psychisch sehr mitgenommen und litt unter Depressionen. Auch meine Ehe ging kaputt. Ich war an die Grenze gelangt, dass ich keinen anderen Ausweg mehr sah, als aus dem Land zu flüchten. Ich wollte in die Schweiz, doch auf dem Weg dorthin wurde unser Bus an der Grenze kontrolliert und ich wurde nach Österreich geschickt, wo ich in Schubhaft kam.

Talktogether: Wie ist die Situation heute in Bulgarien?

Ogi: Nachdem ich so gut wie keinen Kontakt mehr mit meiner Heimat habe, weiß ich das nicht so genau. Manche haben vom Umbruch vielleicht profitiert, aber die Schwächeren werden heute an den Rand gedrängt. Es ist ja bekannt, wie schlimm die Situation der Roma in Südosteuropa gworden ist, und die Ereignisse in Frankreich, wo so viele Menschen aus Rumänien und Bulgarien wieder zurückgeschoben werden, sagen eigentlich viel aus über die heutige Situation. Es gibt einen sehr guten Dokumentarfilm von Hermann Peseckas und Andreas Kraus, er heißt „Im Ghetto“ und zeigt die katastrophale Lebenssituation in Stolipinowo, einem Roma-Ghetto in Plowdiw, wo über 40.000 Menschen leben.

Talktogether: Würdest du gerne wieder in dein Land zurück, wenn die Lage für dich sicher wäre?

Ogi: Da ich keine Familie und keine Kinder habe, habe ich mit allem gebrochen und möchte nicht zurück, sondern nach vorne schauen. Ich war schon 40 Jahre, als ich nach Österreich gekommen bin. Es ist nicht leicht, in meinem Alter noch einmal ganz von vorne beginnen zu müssen. Das Warten macht mich müde. Ich brauche einfach eine Chance, verstehst du?

Talktogether: Danke für das Gespräch!

erschienen in: Talktogether Nr. 34/2010