Nigeria - 50 Jahre Unabhängigkeit PDF Drucken E-Mail

Happy Birthday Nigeria!

Die nigerianische Gemeinde in Salzburg feiert den 50. Geburtstag ihres Heimatlandes

„Unser Land ist voller Reichtümer, doch die Menschen können sie nicht für sich nützen, manche sind noch nicht einmal entdeckt. Ich bitte Gott um die Kraft, uns den richtigen Weg zu zeigen und unheilsamen Kräften zu widerstehen!“ Mit diesen Worten eröffnete ein Pastor die Feier zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Nigerias. Obwohl sich weder die gesamte nigerianische Bevölkerung noch die ganze nigerianische Gemeinde in Salzburg zum Christentum bekennt, war die Zustimmung einstimmig und von Religionskonflikten nichts zu spüren. Anschließend gedachten die Festgäste in einer Schweigeminute der Opfer des grausamen Terroranschlags, der in der nigerianischen Hauptstadt Abuja während der Feierlichkeiten zum „Golden Jubilee“ mehrere Menschen in den Tod gerissen hatte.

Am 1. Oktober vor 50 Jahren erlangte die einstige britische Kolonie die politische Unabhängigkeit. Wie alle anderen afrikanischen Länder ist die Republik Nigeria ein Staat, dessen Grenzen von den Kolonialherren auf der Landkarte gezogen wurden. Mit 150 Millionen Einwohnern ist Nigeria das bevölkerungsreichste Land Afrikas, in dem über 400 Sprachen gesprochen werden und das Menschen unterschiedlichster Kulturen beheimatet. Das Land, das einer der großen Ölexporteure der Welt ist und 1960 noch ein vergleichsweise hohes Pro-Kopf-Einkommen hatte, ist heute ein halbes Jahrhundert später von Armut und Instabilität gekennzeichnet. Neben der großen Kluft zwischen Arm und Reich durchziehen auch regionale, ethnische und religiöse Differenzen das Land. Was bewegt Menschen, die nicht einmal in Nigeria leben, trotz alledem ein Fest zu diesem Anlass zu organisieren?

Er wolle ein Zeichen der Einigkeit trotz sprachlicher und kultureller Vielfalt setzen, sagt Jubril, der das Fest gemeinsam mit Freunden organisiert hat. Die Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen, ein Erbe der „Teile-und-Herrsche“-Politik der Kolonialmächte, wurden auch nach der Unabhängigkeit durch politische Machtkämpfe und die ungleiche Verteilung des Reichtums immer wieder hervorgerufen und teilweise auch geschürt. „Mir ist es wichtig, Menschen zusammenzubringen, die verschiedene Sprachen sprechen und aus unterschiedlichen Volksgruppen stammen“, sagt der 43-jährige Taxifahrer, der in seiner Freizeit nicht nur Musiker ist, sondern auch an der Universität Salzburg Politikwissenschaft studiert. „Die Hoffnungen, die die Menschen in die Unabhängigkeit gesetzt haben, wurden nicht erfüllt. Um politisch und wirtschaftlich wirklich unabhängig zu werden, ist es noch ein weiter Weg.“ Vor allem das Misstrauen zwischen den Bevölkerungsgruppen, das seine Schatten manchmal auch auf die nigerianische Gemeinde in Salzburg wirft, sieht Jubril als eines der größten Probleme seines Heimatlandes an. „Um unsere Probleme überwinden zu können, müssen wir im Kleinen beginnen und sollten unsere Hoffnungen nicht nur in Politiker und Staatsführer setzen, wir sind selbst die Führer unseres Landes! Wir haben die Möglichkeit und auch die Verantwortung, unsere Familien und unseren Umkreis in die richtige Richtung zu führen,“ appelliert der Gastgeber an die Gäste.  

„Hier gemeinsam zu feiern ist schön“, sagt Paul, der aus der von der Ölpest verwüsteten Nigerdeltaregion stammt. „Der Zusammenhalt hier ist wichtig, doch die Einigkeit in Nigeria und ganz Afrika ist noch wichtiger. 50 Jahre Unabhängigkeit ist eine lange Zeit, doch was ist erreicht worden? Unsere Politiker haben das Land ins Elend und ins Chaos gestürzt. Meiner Meinung nach haben sie die Unabhängigkeit verraten. Denn die herrschende Klasse in Nigeria unterstützt ein System, durch das unser Land in Rückständigkeit gehalten wird und das dem Westen erlaubt, unsere Reichtümer zu stehlen.“ Doch trotz seiner Enttäuschung über die Regierung und die Politik, die in Nigeria gemacht wird, sieht Paul einen Grund zu feiern. „Ich möchte den Menschen meine Anerkennung und meinen Respekt erweisen, die für die Freiheit und die Unabhängigkeit gekämpft haben. Das ist der Grund, warum ich feiere!“

Die Biologiestudentin Temitope, die eine Aufschrift „Future Now“ auf ihr T-Shirt geheftet hat, sagt: „In meinem Land gibt es leider kaum Entwicklung und die Mehrzahl der Menschen lebt in Armut. Was mit dem Geld geschieht, das durch die Ölförderung eingenommen wird, weiß kaum jemand. Die Regierung tut nichts für die Leute. Wahrscheinlich ist die Regierung das Hauptproblem. Nur die großen Konzerne und die regierende Klasse profitieren von den Einnahmen, und das Geld fließt nicht weiter zu den Massen.“ Ein weiteres Problem ist ihrer Meinung nach, dass die Menschen nicht viel Zeit haben, sich mit Politik zu beschäftigen, da die meisten damit zu tun haben, ums tägliche Überleben zu kämpfen. Die Menschen stehen unter dem Druck, ihre Kinder zu ernähren und ihnen eine Zukunft zu sichern.

Doch Resignation kann sich die Jugend in Nigeria nicht leisten. „Immer mehr junge Menschen haben begonnen, sich zu organisieren“, erzählt die Biologiestudentin. Meist in kleinen lokal agierenden Gruppen, die mit Protestaktionen und Demonstrationen eine Lösung für die alltäglichen Probleme wie der schlechte Zustand der Straßen, schmutzige Abwässer oder die fehlende Müllentsorgung fordern. „Die Jugend heute hat mehr Hoffnung und blickt optimistisch in die Zukunft. Die Regierung kann uns nicht länger ignorieren, sie muss uns wahrnehmen und unsere Stimmen hören. Wir sind die Zukunft und werden die ältere Generation ablösen. Wir sind überzeugt, dass unsere Zukunft besser sein wird und wir sind entschlossen, dafür etwas zu tun. Ich weiß, dass Gott uns dabei helfen wird.“

Und obwohl keiner der Befragten bei dieser kleinen Feier, wo neben Tanz und Trommelvorführungen auch köstliches Essen aufgetischt wurde, klar definieren konnte, was die BewohnerInnen Nigerias trotz aller Unterschiede verbindet, sind wir zur Überzeugung gelangt, dass die Gemeinde stolz auf ihr Land ist. „I love Nigeria“ wurde in verschiedenen Sprachen vorgetragen, die Nationalhymne gesungen und grün-weiße Flaggen geschwenkt. Was hält die Bevölkerung zusammen? Ist es die gemeinsame koloniale Vergangenheit oder der Fußball? „Was uns verbindet ist die Loyalität und der Respekt gegenüber den anderen“, meint Temitope. Und wohl auch der Wille, die Probleme anzugehen und gemeinsam für eine bessere Zukunft zu kämpfen.

erschienen in: Talktogether Nr. 34/2010