Gespräch mit Joe Kojo Taylor, PANAFA Wien PDF Drucken E-Mail

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 Gespräch mit Joe Kojo Taylor

PANAFA, Pan African Forum in Austria

Talktogether: Zahlreiche afrikanische Länder feiern heuer den 50. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Gibt es Grund zu feiern?

Kojo: Das muss man von zwei Seiten betrachten. Dass wir Afrikaner und Afrikanerinnen unsere Würde zurück gewonnen haben, ist durchaus ein Grund zu feiern. Man kann sagen, dass wir diese Würde, die uns aufgrund von Sklavenhandel und Kolonialismus gestohlen wurde, durch die politische Unabhängigkeit wieder erlangt haben. Andrerseits, angesichts der Probleme – wir sehen viele Umbrüche und viel Instabilität in Afrika – gibt es keinen Grund zu feiern.

Talktogether: Man hört über Afrika meist über Katastrophen, über Hungersnöte, Kriege und Flüchtlingsströme. Ist die Lage so schlecht, oder gibt es auch positive Entwicklungen?

Kojo: Natürlich gibt es positive Entwicklungen. Das Schulwesen hat sich verbessert seit der Unabhängigkeit und wirtschaftlich können wir in manchen Ländern Afrikas Zuwächse feststellen, wenn diese auch nicht so groß sind. Das Problem, das wir jetzt haben, ist dass wir eine schlechte Regierungsform haben. Europäische politische Systeme, europäische Regierungsformen, das europäische Wirtschaftssystem wurden eins zu eins importiert. Weil diese Systeme aber nicht eins zu eins übertragen werden können, stehen wir vor den Schwierigkeiten, mit denen wir jetzt zu kämpfen haben wie Instabilität, Kriege und Hungersnöte. Wir haben gesehen, wie sehr sich Lumumba unmittelbar nach der Unabhängigkeit bemüht hat, das Land zu vereinen, aber der Imperialismus hat es nicht zugelassen. Und diese ewige Einmischung des westlichen Imperialismus ist der Grund, warum Afrika zurzeit solche Schwierigkeiten hat. Wenn die Menschen aber in Afrika keine Perspektive sehen, versuchen sie woanders ihr Glück, deshalb sehen wir in Europa diesen Zustrom von ImmigrantInnen aus Afrika.

Talktogether: Was hat sich beim Schulwesen verbessert?

Kojo: Was sich verbessert hat ist, dass es viel mehr Schulen mit afrikanischen Komponenten gibt als während der Kolonialzeit. Heute sehen wir fast in jedem Dorf eine Schule, wo die Kinder ausgebildet werden können. Wenn man Ghana als Beispiel nimmt, gab es damals kaum Schulen. Aber ich sage immer – salopp formuliert: Die importierte europäische Ausbildung in Afrika gleicht einer kulturellen Kastration. Die Lehrinhalte sind nicht an unsere kulturellen Gegebenheiten angepasst. In Ghana hatten wir unmittelbar nach der Unabhängigkeit eine weitaus höhere Zahl von Zahnärzten im Vergleich zu Allgemein-Medizinern. An diesem Beispiel kann man sehen, unter welchen Verhältnissen Kolonialismus funktioniert hat. Das System war auf die europäischen Bedürfnisse zugeschneidert, denn, ihr könnt mir glauben, AfrikanerInnen haben nicht so viele Probleme mit den Zähnen, dass sie so viele Zahnärzte brauchen.

Talktogether: Welche Auswirkungen hat die wirtschaftliche Globalisierung auf Afrika? Manchmal hat man den Eindruck, dass afrikanische Regierungen ihre Länder zum Ausverkauf anbieten.

Kojo: Das Problem ist, dass die Wirtschaft in Afrika nicht auf lokalen Leistungsprinzipien basiert, sondern auf europäischen. Wenn du mit viel Geld kommst, stehen die Türen weit offen, aber wenn du kein Geld hast, sind die Türen verschlossen. Wir können nicht mit einem Steuersystem operieren, das Investoren erlaubt, ihre Gewinne eins zu eins ins Ausland abzuziehen. Wir sehen, wie sehr die Mikroökonomie Ghanas unter dieser Wirtschaftspolitik leidet. Die Investitionen kommen den Menschen nicht zugute und auch das Wissen wird ins Ausland transferiert. Die Regierung baut eine schöne Straße von Accra nach Kumasi, damit die Investoren von Accra nach Kumasi kommen können und von dort weiter nach Obuasi, wo das Gold abgebaut wird. Die Menschen aber können mit dem Geld nicht arbeiten, weil es nicht im Land bleibt. Das Wirtschaftssystem ist auf die Wünsche der europäischen Investoren ausgerichtet.

Wenn es die Europäer bzw. die westlichen Länder ernst meinen würden mit Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden, würden diese drei Komponenten mit der Globalisierung auch nach Afrika kommen. Doch für Afrika gilt das nicht. Mein Vorschlag wäre, dass wir bei der Jugend ansetzen und ein neues Unterrichtssystem entwickeln sollen, damit wir lernen: „To eat what we grow and to grow what we eat“, also für die Bedürfnisse der Menschen zu arbeiten und zu produzieren.

Talktogether: Früher haben Sklavenhändler die Menschen mit Gewalt aus Afrika geholt, heute verlassen viele auch gut ausgebildete Menschen freiwillig den Kontinent. Aber wer soll dann Afrika entwickeln?

Kojo: Ich halte das für eine gezielte Strategie, um die afrikanische Wirtschaft zu schwächen. Es hängt aber auch mit dem Bildungssystem zusammen. Ein Afrikaner wird dazu erzogen, zu denken wie ein Europäer. Wenn ich aber wie ein Europäer denke und mir die Infrastruktur in meinem Heimatland nicht die Möglichkeit gibt, diese Denkart auszuleben, suche ich einen anderen Ort, wo ich diese Möglichkeit finde. Früher hat man die Menschen mit Zwang weggeholt, heute erzieht der Neokolonialismus die Menschen dazu, von selbst hierher zu kommen. Deshalb verstehe ich manchmal die Integrationsdebatte in diesem Land nicht. Wie kann man verhindern, dass Menschen in die Festung Europa herein kommen, wenn die Rahmenbedingungen in unseren afrikanischen Ländern wie Good Governance, Demokratie, Menschenrechte usw. nicht funktionieren? Statt zu schreien: „Stopp Immigration“ wäre es besser, diese Rahmenbedingungen in den Entwicklungsländern zu verbessern, damit die Menschen dort eine Chance haben.

Talktogether: Könntest du kurz beschreiben, was Panafrikanismus heißt?

Kojo: Panafrikanismus heißt als Mensch Afrikas zu leben. Afrika hat viele verschiedene Kulturen. Wir sehen, dass die europäische Wirtschaft und Politik auf den einheimischen Kulturen basieren. Der Panafrikanismus sagt, dass wir stolz sein sollten, auf das, was wir haben, um darauf aufzubauen und uns weiterzuentwickeln. Wirtschaftliche und technologische Entwicklungen sollen auf die Bedürfnisse der Menschen abgestimmt werden. Es bringt nichts, drei- oder vierstöckige Häuser zu bauen, wenn man keine Klimaanlage bauen kann. Wenn wir uns aber auf unsere eigenen Traditionen zum Vorbild nehmen und sie weiterentwickeln, gibt es Möglichkeiten, Häuser zu bauen, die nicht unbedingt eine Klimaanlage brauchen.

Die Idee war, durch den Panafrikanismus ein supranationales Gebilde zu installieren und Strukturen zu schaffen, die garantieren, dass wir eine einheitlichen Wirtschaftspolitik, eine einheitliche Währung und eine einheitlichen Militärpolitik betreiben, mit dem Ziel einer gleichberechtigte Partnerschaft zwischen der westlichen Hemisphäre und den afrikanischen Ländern. Solange der Panafrikanismus aber nicht gelebt wird, werden weiterhin die Investoren das Geld aus Afrika abziehen. Es gibt viele, die den Panafrikanismus bekämpfen, weil sie wissen, dass nur die Einigkeit Afrikas Grundlage für eine nachhaltige und unabhängige Wirtschaft in Afrika sein kann.

Talktogether: Vor 50 Jahren waren Hoffnungen groß. Was ist heute aus der Idee Panafrikanismus geworden?

Kojo: Heutzutage glauben viele gelehrte AfrikanerInnen, dass der Panafrikanismus passé sei. Dabei vergessen sie aber, dass die Wiedererlangung unserer Unabhängigkeit durch den Panafrikanismus überhaupt erst ermöglicht wurde. Er hat es möglich gemacht, dass wir als Menschen gleichwertig angesehen sind. Denn die Kolonialherren hatten uns gelehrt: Wenn du nicht mit Messer und Gabel isst wie Engländer und Franzosen, bist du ein Mensch zweiter Klasse. Der Panafrikanismus hat es ermöglicht, unsere Würde wieder zu erlangen.

Talktogether: Wie könnte Panafrikanismus in der heutigen Zeit umgesetzt werden?

Kojo: PANAFA setzt sich dafür ein, dass die Idee weiterentwickelt wird. Eine wesentliche Forderung lautet: Wir brauchen ein afrikanisches Erziehungssystem. Wir müssen in unserer Sprache lernen. Ich glaube nicht, dass ich mich über die komplexe Thematik, über die wir jetzt reden, in meiner Sprache so blendend ausdrücken kann. Und das ist ein Problem. Denn nur wenn ich die Sprache verwende, die meine Eltern und Großeltern sprechen, kann ich das Wissen, das ich erworben habe, auch mit ihnen teilen. In meiner Heimat Ghana kann ich nur eine gute Schulausbildung bekommen, wenn ich Englisch spreche. Das muss geändert werden, die Kinder sollen in ihrer Muttersprache unterrichtet werden. Bevor ich mit in einer Fremdsprache über komplexe Dinge unterhalte, sollte ich vorher meine eigene Sprache gut beherrschen.

Panafrikanismus bedeutet auch, dass ich in der Schule zuerst über den Baum lerne, der in meinem Hof steht, damit ich verstehen kann, was dieser Baum tut, bevor ich über den Buckingham Palace oder New York lerne.

Die zweite Strategie ist, eine politische und wirtschaftliche Einheit zu bilden. Heute wird daran gedacht, die OAU in eine afrikanische Union umzuwandeln. Man sieht, die Europäer sind uns einen Schritt voraus. Die Idee der Europäischen Union ist ja eine Idee, die Kwame Nkrumah schon 50 Jahre vorher entwickelt hat. Wir können nur mithalten, wenn wir imstande sind, unsere kleinen Ökonomien zu einem großen Wirtschaftsmarkt zusammenschließen.

Talktogether: Haben auch Nicht-AfrikanerInnen Platz im Panafrikanismus?

Kojo: Natürlich. Im Panafrikanismus gibt es keinen Platz für Sklaverei und Kolonialismus, das heißt aber nicht, dass er gegen Weiße gerichtet ist, sondern dass die Menschen die Möglichkeit haben sollten, auf gleichberechtigter und partnerschaftlicher Ebene zu kommunizieren. Statt Chancengleichheit brauchen wir Chancengerechtigkeit. Chancengerechtigkeit bedeutet: Die Bedürfnisse, die Talente und Kompetenzen der einzelnen, sollen gefördert werden und so sollte auch jeder die Möglichkeit haben, seinen Fähigkeiten entsprechend einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten.

Talktogether: Was sind die Ziele der Vereinigung PANAFA?

Kojo: Wir sehen uns als Kommunikationsplattform für hier lebende Menschen, die aus verschiedenen afrikanischen Ländern stammen, damit wir das Gefühl der Ohnmacht ablegen und gemeinsam unsere Stimme erheben können und unsere Forderungen an die politischen Entscheidungsträger formulieren können. Wir versuchen Menschen zu mobilisieren, damit wir hier auf allen Ebenen mitwirken können. Wir setzen uns dafür ein, dass AfrikanerInnen gleich wie alle anderen BürgerInnen betrachtet und behandelt werden.

Auf der anderen Seite wollen wir einen Beitrag zu einer selbstbewussten und nachhaltigen afrikanischen Entwicklung leisten. PANAFA beschäftigt sich mit sozialpolitischen Studien und Forschungen afrikanischer Entwicklungsprobleme und will in Österreich ein Stück Afrika präsentieren um zu zeigen, dass schwarze Menschen nicht so sind, wie es oft über die Medien kolportiert wird, sondern Fähigkeiten und Kompetenzen haben. PANAFA organisiert Seminare, Workshops, Podiumsdiskussionen u.ä. sowie das Panafrican Festival. Wer sich für unsere Aktivitäten interessiert, kann uns eine E-Mail schicken, wir senden gerne Informationen zu.

Talktogether: Vielen Dank für das Gespräch!

Pan African Forum in Austria - PANAFA
Wiedner Haupstrasse 8-10, 1040 Wien

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Internet: http://www.panafa.net



erschienen in: Talktogether Nr. 33/2010