Somalia: Starlin Abdi Arush ist tot PDF Drucken E-Mail

Du warst unsere Hoffnung,

jetzt bist du unser Vorbild.

Starlin Abdi Arush, eine Heldin f√ľr den Frieden ist tot.

von Abdullahi Osman und Beate Wernegger

"Wir m√ľssen auf die Frauen z√§hlen, sie machen den Krieg nicht, aber sie zahlen den h√∂chsten Preis. Sie sind es, die Gewalt und Unterdr√ľckung ausgesetzt sind, die alleine zur√ľck bleiben, die fliehen und Hunderte Kilometer mit ihren Babys auf dem R√ľcken zur√ľcklegen m√ľssen, die die Toten begraben und die verwundeten S√∂hne pflegen, die ihre Kinder ern√§hren m√ľssen. Sie sind die Lebenszellen der somalischen Gesellschaft. Sie arbeiten mehr als die M√§nner, w√§hrend diese die Zeit mit Kat-Kauen und ihren Waffen zu spielen, verbringen. Es sind die Frauen die die Wirtschaft und Verwaltung aufrecht erhalten. Sie sind es, die eine Verst√§ndigung zwischen den verfeindeten Parteien erm√∂glichen und den Friedensprozess aufrecht erhalten.‚Äú Starlin Abdi Arush

Am 25. Oktober 2002 wurde die somalische Friedensaktivistin Starlin Abdi Arush in Nairobi ermordet. W√§hrend viele damit besch√§ftigt sind, den B√ľrgerkrieg in Somalia weiter zu sch√ľren, hat Starlin es geschafft, aus der K√ľstenstadt Merka eine Oase des Friedens und des relativen Wohlstands zu machen. Sie nahm den Miliz-Kriegern die Waffen ab und versperrte sie in einem Raum, f√ľr den nur sie einen Schl√ľssel hatte. Als Ausgleich daf√ľr bot sie ihnen Unterkunft, Ern√§hrung und eine Ausbildung an.

In Somalia gibt es keinen Staat und keine Regierung mehr. Hunderttausende sind gefl√ľchtet und leben in Fl√ľchtlingslagern. Als die m√§chtigen Clanchefs gnadenlos um die Macht k√§mpften, verloren viele Kinder ihre Eltern oder sogar Teile ihres K√∂rpers. Die gehen konnten, griffen zur Waffe und nahmen am Krieg teil. Denn die Clanchefs brauchen Kinder, die f√ľr sie k√§mpfen, w√§hrend sie ihre eigenen Kinder nach Europa oder Nordamerika geschickt hatten. Wenn man Feuer machen will, braucht man Brennholz und wenn man Krieg in Afrika f√ľhren will, braucht man machtlose Kinder. Alle sahen oder sehen heute noch, wie in Somalia die Zahl der Kinder, die auf der Strasse leben, zunimmt. Ende der Neunziger Jahre war es Elman Ahmed Ali, der sagte: ‚ÄěLass der Gewehr liegen und nimm den Kugelschreiber‚Äú. Er war Elektriker und hatte Gesch√§fte in Mogadischu. Er richtete Schulen, Berufsschulen und Besch√§ftigungsm√∂glichkeiten f√ľr Jugendliche ein und gab den Stra√üenkinder Hoffnung. Doch den Kriegsherren gingen die Kindersoldaten aus, deswegen haben sie ihn umbringen lassen. Vor drei Jahren war es Elman der ermordet wurde, Anfang dieses Jahres war es eine Schweizer Krankenschwester in Merka, gestern war es Starlin. Wie lange wird dieser Terror noch weitergehen?

Demobilisierung

W√§hrend die meisten Intellektuellen das Land verlassen haben und darauf warten, dass sich die Situation verbessert, gab Starlin ihren gut bezahlten Job in Mailand auf und kehrte in ihr Heimatland zur√ľck. Gemeinsam mit der italienischen Organisation COSV startete sie das einzige Demobilisierungsprojekt Somalias. In einem ehemaligen Hotel am s√ľdlichen Stadtrand Merkas verwahrte sie die abgegebenen Waffen ‚Äď russische Kalaschnikows, amerikanische M-16 Sturmgewehre, asiatische SAR-80 ‚Äď in einem Raum, der mit einer schweren Eisent√ľr und mehreren Schl√∂ssern gesichert ist. Die jungen M√§nner, die diese Waffen einst benutzten, werden zu Fischern, Bauern und Maschinenschlossern ausgebildet. In dem von Starlin gegr√ľndeten Schulungszentrum lernen sie Lesen und Schreiben und au√üerdem, dass Angeh√∂rige anderer Clans ihre Freunde sein k√∂nnen. Inzwischen gibt es mehr Interessenten als im Projekt aufgenommen werden k√∂nnen. Mit Starlins Hilfe wurden verschiedene Initiativen gegr√ľndet und Schulen betrieben. Als in Merka eine Hungersnot ausbrach, organisierte sie mit Hilfe der UNO ein Ern√§hrungsprogramm. Um sicherzustellen, dass das Essen nicht in die falschen H√§nde kommt, bot sie den Armen die Nahrungsmittel als Lohn f√ľr die Reinigung der Stra√üen des H√ľttenviertels an. Durch Starlins Engagement hat sich das Leben in Merka normalisiert: eine Wochen¬≠zeitung und ein Fu√üballclub wurden gegr√ľndet, wichtige Zufahrtsstra√üen in Eigeninitiative repa¬≠riert und sogar das √∂rtliche Krankenhaus trotz Wegfall der EU-Hilfe selbstverwaltet weitergef√ľhrt.

Ausbruch aus der Rolle

Eine Frau in dieser Rolle war in Somalia sehr selten. Die traditionelle Rolle der Frau beschr√§nkt sich auf Haushalt und Kinderversorgung. Bekannt sind somalische S√§ngerin¬≠nen oder vielleicht Top Models wie Iman oder Waris Diiriye geworden. Aber Starlin Abdi Arush Jimcaale brach aus dieser Rolle aus und wurde Vorbild f√ľr alle Menschen, die sich nach Gerechtigkeit sehnen, vor allem f√ľr die Frauen. Was Starlin Abdi Arush f√ľr das somalische Volk getan hat, hat mehr Bedeutung als Tau¬≠sende Somalische Kriegm√§nner. Sie schaffte es, das Vertrauen der be¬≠waffneten Jugendlichen zu gewin¬≠nen, dass sie ihre Waffen abgaben, w√§hrend die Warlords ihre Leute nur durch Angst und Abh√§ngigkeit an sich binden k√∂nnen. Starlin gab den Menschen Selbstwertgef√ľhl und eine Zukunftsperspektive. Sie war eine von wenigen, die wusste, was den Menschen fehlt, und die ihr Leben der Arbeit f√ľr das Volk gewidmet hat. Sie k√§mpfte gegen Krieg, die grausame Ungerechtigkeit, Hunger und Armut. Die Menschen, die von ihr betreut wurden, kamen meist aus sozial benachteiligten Familien und sie war die einzige Hoffnung, die sie hatten. Sie fragte nicht, woher je¬≠mand stammt, aus welchem Clan oder aus welcher Familie. Alle, die den Willen hatten, etwas beizutragen f√ľr eine bessere Zukunft, waren bei Ihr willkommen.

Wer sind die Mörder?

Am 25. Oktober um 8 Uhr abends, als sie ihr aus ihrem Auto aussteigen wollte, er√∂ffneten mit Maschinenpistolen bewaffnete M√§nner das Feuer und nach zwei Sch√ľssen fiel sie auf den Boden und blutete, kurz danach war Starlin Abdi Arush Jim¬≠caale tot, ihr Chauffeur wurde verletzt. Wer hat sie umgebracht und warum? Die Zeitungen sprechen von einem Raub√ľber¬≠fall. Wahrscheinlich sind aber Neid und Missgunst die wahren Hintergr√ľnde, und die M√∂rder haben im Auftrag gehandelt. Daf√ľr spricht die Tatsache, dass die T√§ter nichts geraubt haben. W√§hrend Starlin von den Armen geliebt und verehrt wurde, hatte sie auch erbitterte Feinde. Sie stand denen im Weg, die Inte¬≠resse am Krieg haben und am Chaos profitieren. Jetzt, nachdem sie tot ist, beeilen sich alle, sie zu loben. Als sie noch lebte, wurde ihr vorge¬≠worfen, dass sie mit der Entwaff¬≠nung der M√§nner ihren eigenen Clan schw√§che. Sie w√§re selbst eine Kriegsherrin und w√ľrde nur den Leuten aus ihrem eignen Clan hel¬≠fen, behaupteten die anderen. Seit¬≠dem sie Morddrohungen bekommen hatte, verlie√ü sie in Merka ihr Haus niemals ohne Leibgarde. Es erregte wohl die Eifersucht der Clanchefs und Kriegsherren, dass Starlin bei dem von IGAD (Intergovernmental Authority for Development) organi¬≠sierten Treffen in Nairobi nach ihren Ideen gefragt wurden, viele andere, die sich f√ľr wichtig halten, aber nicht. So manchen M√§nnern war es wohl ein Dorn im Auge, dass die Meinung einer Frau der ihren vorgezogen wurde.

erschienen in: Talktogether Nr. 2/2003