Ngugi Wa Thiong'o: Ihr beißt zweimal zu und ich beiße viermal PDF Drucken E-Mail

Ihr beißt zweimal zu und ich beiße viermal

Denn das Reich dieser Welt ist gleich einem Herrscher, der voraussah, dass der Tag kommen würde, an dem ihn die aufgebrachten Massen und ihre Freiheitskämpfer zwingen würden, ein gewisses Land zu verlassen. Er war sehr bekümmert und sann über Mittel und Wege nach, seine Güter, die er in jenem Land erworben hatte, zu bewahren; auch suchte er nach Möglichkeiten, wie er seine Herrschaft über die Eingeborenen aufrecht erhalten könnte.

Was soll ich tun, angesichts der Tatsache, dass diese Leute, über die ich von jeher geherrscht habe, mich jetzt von den Plantagen und Fabriken, die ich ihnen einst weggenommen habe, verjagen wollen? fragte er sich. Warte ich, bis sie auf mich schießen und mich aus dem Land hinausprügeln, so wird mir dieser Schandfleck stets anhaften – habe ich ihnen nicht über die unbesiegbare Macht meiner Panzer und Bomben erzählt? Habe ich nicht stets versucht, ihnen klarzumachen, dass die weiße Rasse niemals der schwarzen unterlegen sein wird? Sollten nun die Guerillas den Kampf gewinnen und den Schlüssel zum Land erobern, werde ich nie wieder in den Besitz dieser Plantagen und Industrieanlagen gelangen. Aller Tee, aller Reis, aller Kaffee, alle Baumwolle und Edelsteine, alle Hotels, Läden und Fabriken, alle Früchte ihres wertvollen Schweißes – all das und noch mehr, wird für mich auf immer verloren sein. Eines Tages werde ich dieses Land durch die Vordertür verlassen und in mein eigenes Land zurückkehren – nun weiß ich jedoch, was ich tun werde, damit ich zurückkommen und das Land durch die Hintertür wieder betreten kann, damit ich willkommen geheißen werde und tiefer reichende und fester gründende Wurzeln schlagen kann als je zuvor.

Er rief seine treuen Sklaven und Knechte zu sich. Er lehrte sie alle Ränke und Machenschaften dieser Welt, und insbesondere lehrte er sie, Raub und Diebstahl mit den süßesten Düften zu umhüllen, Gift in zuckrige Blätter zu verpacken und noch vieles mehr. Alles mit dem Ziel, durch Bestechung und durch Betonung der Stammes- und Religionsunterschiede Spaltung und Uneinigkeit zu säen. Nachdem er seine Vorbereitungen abgeschlossen hatte, ließ er sie wissen, dass er demnächst nach Hause, in ein anderes Land, reisen würde.

Als sie hörten, dass ihr Herr und Meister sie verlassen wollte, zerrissen die treuen Sklaven und Knechte ihre Kleider, streuten sich Asche aufs Haupt, knieten nieder und schrieen:

„Warum gehst du fort von hier und lässt uns als arme Waisen zurück? Du weißt sehr wohl, dass wir in deinem Namen die Menschen verfolgt und viele Verbrechen begangen haben. Hast du nicht geschworen, dass du dieses Land niemals verlassen würdest? Wie kannst du uns nun auf Gnade und Ungnade den nationalistischen Freiheitskämpfern ausliefern?“

Und der Herr, ihr Meister, sprach zu ihnen:

„Ihr Kleingläubigen! Bekümmert eure Herzen nicht, denn ihr glaubt an den Gott, den ich euch einst verkündet habe; glaubt nun auch an mich, den Verkünder seines Willens. Ich kenne viele Mittel und Wege, um meine Wünsche in diesem Land erfüllt zu sehen. Wäre dem nicht so, so hätte ich es euch wissen lassen, damit ihr Zeit gehabt hättet zu fliehen oder euch Stricke zu besorgen, um euch zu erhängen, ehe die Patrioten Hand an euch gelegt hätten. Aber nun will ich euch Plätze bereiten, die euch zur Führerschaft befähigen werden; ich will den Brocken, die für euch von meinem Tische gefallen sind, noch ein weniges hinzufügen. Und nachdem ich gegangen bin, werde ich zurückkehren, und ich werde viel Geld und viele Banken mit mir bringen, dazu eine Vielzahl von Panzern, Gewehren, Bomben und Flugzeugen, und ich werde bei euch sein, und ihr bei mir, wir werden in beständiger Liebe beieinander wohnen und das Mahl miteinander halten – ich werde ausgewählte Gerichte zu mir nehmen, und ihr könnt euch die wertvollen Überreste aussuchen.“

Und da der Herrscher auszog, um in sein Land heimzukehren, geschah es, dass er wiederum all seine Knechte zu sich rief, und er vertraute ihnen den Schlüssel des Landes an. Alsdann sprach er zu ihnen:

„Die patriotischen Freiheitskämpfer und die Masse des Volkes in diesem Land werden nun einer Täuschung unterliegen, denn ihr seid ebenso schwarz wie sie. Sie werden singen und sagen: ‚Seht, unsere eigenen schwarzen Leute halten nun den Schlüssel zu unserem Land in Händen! Seht, unsere eigenen schwarzen Leute sitzen am Steuer! Für nichts anderes, als dass dies geschehen möge, haben wir gekämpft. Lasst uns die Waffen niederlegen, lasst uns singen und unsere schwarzen Herren loben und preisen’.“

Dann vertraute er ihnen seinen Besitz und seine Güter an, damit sie sie wohl verwalten und vermehrten; und einem gab er fünfhunderttausend Shilling, dem anderen zweihunderttausend Shilling und dem dritten einhunderttausend Shilling, einem jeden nach seiner Tüchtigkeit, mit der er dem Herrn gedient, und nach seiner Treue, mit der er dem Glauben und den Vorstellungen des Herrn nachgefolgt war. Und so zog der Herrscher aus und verließ das Land durch die Vordertür.

Und der Knecht, der fünfhunderttausende Shilling erhalten hatte, zögerte nicht, er ging hin und kaufte zu einem niedrigen Preis bei den Bauern auf dem Land ein, dann verkaufte er die so erworbene Ware zu einem höheren Preis an die Arbeiter in der Stadt, auf diese Weise erbrachte sein Kapital einen Gewinn von fünfhunderttausend Shilling. Der, welcher zweihunderttausend Shilling erhalten hatte, tat desgleichen: Er kaufte billig bei den Herstellern ein und verkaufte teuer an die Verbraucher, und so erzielte er aus seinem Kapital einen Gewinn von zweihunderttausend Shilling.

Der aber, welcher nur einhunderttausend Shilling erhalten hatte, hielt sich selbst für klug. Er überdachte sein Leben und das Leben der Menschen im ganzen Land und auch das Leben des Herrschers, der eben in ein fremdes Land gezogen war. Und er sprach zu sich: dieser Herr und Meister hat stets damit geprahlt, dass er alleine dieses Land entwickelt habe, und zwar nur mit dem wenigen Geld, das er mitgebracht, und mit dem beständigen Ruf: Kapital! Kapital! Nun will ich sehen, ob dieses Kapital irgendetwas bringt, auch wenn es nicht mit dem Schweiß der Bauern und Arbeiter begossen wird, und wenn es nicht selbst hingeht und für wenig Geld den Schweiß der Bauern und Arbeiter aufkauft. Bringt es ohne mein Zutun etwas hervor, dann werde ich über alle Zweifel wissen, dass Geld allein ein Land entwickeln kann. Und so ging er hin und legte die einhunderttausend Shilling in eine Büchse, die er sorgfältig verschloss; dann hob er unter einem Bananenbaum ein Loch aus und begrub die Büchse dort.

Und ehe viele Tage vergangen waren, geschah es, dass der Herr zurückkehrte. Er betrat das Land durch die Hintertür und überprüfte, was aus seinem zurückgelassenen Besitz geworden war. Er rief seine Knechte zu sich, damit sie ihm Rechenschaft über die Güter und das Geld ablegten, das er einem jeden gegeben hatte.

Da trat der hervor, der die fünfhunderttausend Shilling erhalten hatte und sagte:

„Mein Herr und Meister, du hast mir ein Kapital von fünfhunderttausend Shilling anvertraut. Ich habe es verdoppelt“.

Da war sein Herr wahrhaft erstaunt, und er rief aus:

„Hundert Prozent Gewinn? Phantastische Profitrate! Du hast wohlgetan, du guter und treuer Knecht. Du hast bewiesen, dass du über wenigem getreu sein kannst, nun will ich dich über vieles setzen. Gehe ein zu deines Herrn Freude und Wohlstand. Ich ernenne dich zum Direktor der Zweigstellen meiner Banken hier im Lande, und ich werde dich außerdem zum Direktor einer meiner Gesellschaften ernennen. Du wirst auch einige Aktien dieser Gesellschaften erhalten. Vom heutigen Tag an werde ich mein Gesicht nicht mehr allzu oft zeigen. Du sollst mein Gefolgsmann hier in deinem Lande sein.“

Und der, der die zweihunderttausend Shilling erhalten hatte, trat hervor und sagte:

„Mein Herr und Meister, du hast mir zweihunderttausend Shilling anvertraut. Siehe, mit deinem Kapital habe ich weitere zweihunderttausend Shilling gewonnen“.

Und der Herr sprach und sagte: „Großartig, einfach großartig diese steigende Profitrate! Ein sicheres Land für Investitionen. Du hast wohlgetan, du guter und getreuer Knecht. Du hast bewiesen, dass du über wenigem treu sein kannst, nun will ich dich über vieles setzen. Gehe ein zu deines Herrn Freude und Wohlstand. Ich werde dich zum Verkaufsdirektor der Zweigstellen meiner Versicherungsgesellschaften machen und außerdem zum Direktor der Niederlassungen meiner Industriebetriebe hier im Lande und vieler anderer Gesellschaften, die ich dir noch zeigen werde. Vom heutigen Tage an werde ich mein Gesicht verbergen. Ich werde mich hinter den Kulissen aufhalten – du aber stehe unter der Tür und am Fenster, so dass dein Gesicht stets allen sichtbar ist. Du sollst der Aufpasser über meine Investitionen in deinem Lande sein.“

Und der, der die einhunderttausend Shilling erhalten hatte, trat hervor und sagte:

„Du Herr und Meister, Angehöriger der Weißen Rasse! Ich habe deine Machenschaften aufgedeckt! Ich habe deinen richtigen Namen erfahren. Imperialist ist dein Name, und du bist ein sehr grausamer Herrscher. Warum? Du erntest, wo du nicht gesät hast, du greifst nach Dingen, für die du keinen Tropfen Schweiß vergossen hast, du hast dir angemaßt, Güter zu verteilen, an deren Produktion du keinen Anteil hattest. Warum? Nur weil du über Kapital verfügst. Und so bin ich hingegangen und habe dein Geld in die Erde vergraben, um zu sehen, ob sich dein Geld ohne meinen Schweiß oder ohne den Schweiß eines anderen Mannes vermehren würde. Sieh, hier hast du deine einhunderttausend Shilling, genau so, wie du sie hiergelassen hast. Ich gebe dir dein Kapital zurück. Zähle es, und du wirst sehen, dass kein einziger Cent fehlt. Über eines aber habe ich mich am meisten verwundert – mein Schweiß verschaffte mir Nahrung zum Essen, Wasser zum Trinken und ein Dach über dem Kopf zum Schlafen. He! Nie wieder werde ich vor dem leblosen Gott Kapital niederknien! He! Ich werde nicht mehr länger Sklave sein! Meine Augen sind sehend geworden! Reichte ich heute all denen die Hand, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Herren ihres eigenen vergossenen Schweißes zu sein, dann wäre dem Reichtum, den wir für unser Volk und unser Land hervorbringen könnten, keine Grenzen mehr gesetzt!“

Der Herr aber schaute ihn mit schmerzerfülltem Herz und mit bitterem Blick an und sprach:

„Du böser, ungetreuer und fauler Knecht, Angehöriger einer aufrührerischen Sippe! Du hättest mein Geld zur Bank bringen müssen, oder es den Wechslern übergeben, so hätte ich bei meiner Rückkehr das Meine mit Zins zurückbekommen. Weißt du nicht, welche Schmerzen es mir bereitet, wenn ich erfahren muss, dass du mein Geld wie einen Leichnam vergraben hast? Wer hat dir das Geheimnis meines Namens verraten? Wer hat dir geraten, mir untreu zu werden, weil ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und weil ich nach Dingen greife, für die ich keinen Schweiß vergossen habe? Wer hat dir gesagt, dass Ernten und sich der Dinge zu bemächtigen keine schwere Arbeit sei? Nein! Ihr Schwarzen seid solcher aufrührerischen Gedanken nicht fähig! Nein! Ihr Schwarzen seid unfähig, euch Mittel und Wege auszudenken, wie ihr die Stricke, die euch an eure Herren binden, durchschneiden könntet. Deshalb müssen dich die Kommunisten verführt haben... Diese gefährlichen Gedanken können nur von der Partei der Arbeiter und Bauern stammen... Ja… dein Denken ist mit kommunistischen Ideen vergiftet… Kommunismus…

Du bist zu einer echten Bedrohung für den Frieden und die Stabilität geworden, die es einstmals in diesem Land für mich gab, und für meine hiesigen Vertreter, die Aufpasser  über meinen Besitz… Du wirst so viel Feuer zu sehen bekommen, dass du meinen wahren Namen für immer vergessen wirst. Nehmt ihn fest, ehe er diese giftigen Gedanken den anderen Arbeitern und Bauern weitergibt und ihnen zeigt, dass die Macht ihrer organisierten Einheit stärker ist als alle meine Bomben und Panzerwagen.

Nehmt von ihm das wenige, das er hat, und verteilt es unter euch. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Das ist das höchste meiner Gebote. Worauf wartet ihr noch? Geht und ruft die Polizei und das Militär, dass sie diesen Mann festnehmen, der die kommunistische Kühnheit besessen hat, sich gegen die Sklaverei aufzulehnen. Werft ihn ins Gefängnis oder übergebt ihn der ewigen Finsternis, so wird die Ernte seiner Familie nur Zähneknirschen und Tränen sein.

Ausgezeichnet! Ihr habt gute Arbeit geleistet, Leute! Verfahrt ebenso mit allen anderen Rebellen. Schüchtert die Arbeiter ein, damit sie sich ducken und es nicht wagen werden zu streiken und höhere Löhne zu verlangen, oder gar zu den Waffen zu greifen, um die Ketten der Sklaverei zu sprengen.

Und was euch betrifft, so werde ich euch in der Öffentlichkeit nicht mehr Sklaven oder Knechte nennen. Ihr seid nun wahrhaft meine Freunde. Warum? Selbst nachdem ich euch die Schlüssel zu eurem eigenen Land zurückgegeben hatte, behieltet ihr meine Gebote bei und schütztet meinen Besitz und mehrtet ihn so, dass er eine höhere Gewinnrate abwarf als zu den Zeiten, da ich selbst die Schlüssel in der Hand hielt. Deshalb will ich euch nicht mehr Knechte nennen. Denn ein Knecht weiß nicht um die Gedanken und Absichten seines Herrn. Aber ich habe euch zu meinen Freunden gemacht, weil ihr über alle meine Pläne, die ich für dieses Land habe, Bescheid wisst, und so werde ich es auch in Zukunft halten. Von meinen Einnahmen werde ich euch etwas abgeben – es soll euch Stärkung und Ansporn sein, um denen das Genick zu brechen, die von den ‚Massen’ reden.

Lang lebe Frieden, Liebe und Einigkeit zwischen uns – zwischen mir und euch, meinen Vertretern hier im Lande! Was soll da Schlechtes daran sein? Ihr beißt zweimal zu und ich beiße viermal, so führen wir die leichtgläubigen Massen hinters Licht… Ein Hoch auf die Stabilität, die zum Fortschritt führt… Ein Hoch auf den Fortschritt, der zum Gewinn führt…“


Ngȗgȋ wa Thiong’o: Der gekreuzigte Teufel

Der Roman (orig. Titel: Caitaani muthara-Ini), aus dem dieser Ausschnitt stammt, wurde 1980 in Kenia als erster Roman in der einheimischen Sprache Gikuyu veröffentlicht. Geschrieben hat ihn Ngȗgȋ heimlich im Gefängnis auf Toilettenpapier. Es war nicht seine erste Arbeit in Gikuyu, das war ein Theaterstück gemeinsam, welches er mit Ngȗgȋ wa Mirii und DorfbewohnerInnen im Kamiriithu Community Centre entwickelte hatte und das ihn geradewegs ins Gefängnis brachte. Ohne Verurteilung verbrachte er ein Jahr im Maximum Security Prison. 1981 erschien sein Gefängnistagebuch „Detained“ (Kaltgestellt), in dem er über seine Erfahrungen dort berichtete. Aufgrund der politischen Verfolgung verließ er Kenia 1982.

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erschienen in: Talktogether Nr. 33/2010