China: ArbeiterInnen kämpfen um ihre Rechte PDF Drucken E-Mail

Investor’s Paradise Lost?

ArbeiterInnen in China kämpfen um ihre Rechte

„Vor vier Monaten habe ich mein Zuhause verlassen, jetzt lebe ich in einer Fabrik. Ich vermisse meine Eltern, meine Schwester, meine Großmutter und meine Katze. (…) Meine Freunde und ich haben diese Jeans für Dich hergestellt. Ich hoffe, Du magst die Hose. Liping sorgt für die Gesäßtaschen, Orchid näht die Reißverschlüsse ein und ich schneide lose Fäden ab. Uns wird gesagt, wir könnten glücklich sein, diesen Job zu haben. Ich bin froh, dass ich meine Familie unterstützen kann.“ (China Blue)


Diese Botschaft hat die Textilarbeiterin Jasmin in einer Jeans versteckt, die sie im Auftrag von Wal-Mart herstellt. Der Film „China Blue“ dokumentiert die unmenschlichen Arbeitsbedingungen junger Arbeiterinnen in einer chinesischen Jeansfabrik. Die Mädchen, manche von ihnen erst 14 Jahre alt, arbeiten sieben Tage pro Woche und bekommen oft nur vier Stunden Schlaf in der Nacht. Um zu verhindern, dass sie während der Arbeit einschlafen und sich verletzten, versuchen sie ihre Augenlider mit Wäscheklammern offen zu halten.

Ein Großteil der chinesischen Arbeiterinnen ist jedoch schon lange nicht mehr nur froh, einen Job zu haben. Die chinesische Arbeiterklasse hat ihre Macht erkannt und weiß um ihre Bedeutung in den globalen Produktionsketten. Streiks gibt es in China schon seit Jahren, dieses Jahr jedoch erreichten sie ein Ausmaß, das die Produktion empfindlich eingeschränkte. Der Streik in einer südchinesischen Zulieferfabrik für Honda legte die Produktion des ganzen Konzerns fast zwei Wochen lang lahm. Die ArbeiterInnen entgegneten der Repression mit Entschlossenheit und neuen Strategien. Weil sie wussten, das man zwar eine Person, aber nicht alle ArbeiterInnen gleichzeitig verhaften kann, gab es keine StreikführerInnen. So hielt die Belegschaft allen Einschüchterungsversuchen stand und nahm die Arbeit erst wieder auf, nachdem ihr von der Betriebsleitung eine 30-prozentige Lohnerhöhung zugesichert worden war.

Meist wird über Unruhen in China ausführlich in den Nachrichten berichtet und mit dem Finger auf das chinesische Regime gezeigt. Die Streikwelle in China wurde aber in den Mainstream Nachrichten selten erwähnt, nur die internationale Finanzpresse reagierte alarmiert und berichtete über jede neue Entwicklung. Mangelnde Demokratie hat ja westliche Investoren noch nie davon abgehalten, von den niedrigen Löhnen der ArbeiterInnen zu profitieren. China hat sich in den letzten Jahrzehnten buchstäblich zu einer Fabrik für die Welt entwickelt. Jeans, I-Phones, Barbie-Puppen, es gibt heute kaum noch Konsumartikel, die nicht einer chinesischen Fabrik entstammen. Konzerne weltweit sind abhängig von den Profiten geworden, die sie aus der Ausbeutung der chinesischen ArbeiterInnen ziehen.

Eingeleitet wurde diese Politik nach dem Tod Maos von Deng Xiao Ping, der unter dem Motto „Es ist egal ob eine Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache sie fängt Mäuse“ das Wirtschaftswachstum zum vorrangigen Ziel erklärte. Das Land wurde für ausländische Investoren geöffnet, die von den niedrigen Löhnen angezogen wurden. Wo einst ein paar Fischerdörfer waren, stehen heute gigantische Industriekomplexe. Die Größe der chinesischen Arbeiterklasse hat sich verdreifacht.

In China profitierte von dieser Entwicklung vor allem die aufstrebende neue Mittelklasse in den Städten. Eine Überwindung des Unterschiedes von Stadt und Land hatte keinen Platz mehr in der neuen Wirtschaftspolitik. Die Menschen in den vernachlässigten Landregionen sahen sich gezwungen, in die Industriezentren abzuwandern. Sie schlafen in elenden Massenquartieren auf den Fabrikgeländen und genießen außerhalb ihres Wohnbezirks keine Bürgerrechte. Doch jetzt ist die chinesische Arbeiterklasse eindrucksvoll aufgestanden und hat damit ein Zeichen gesetzt, dass sie nicht mehr bereit ist, ihre Lebenszeit und Gesundheit zu opfern und die grenzenlose Ausbeutung hinzunehmen.

Bedeutet diese Entwicklung ein Ende des Billiglohnlandes China? Werden Unternehmen mit Verlagerungen in Regionen mit noch niedrigeren Löhnen reagieren, nach Kambodscha, Afrika oder Nordkorea? Man darf nicht vergessen, dass diese Entwicklung es den ArbeiterInnen in den Metropolen erlaubt hat, billig zu konsumieren - als Ausgleich für fehlende Lohnerhöhungen. Widerstand regt sich auch in anderen Teilen der Welt. In Europa sind die ArbeiterInnen seit der Krise in der einen oder anderen Weise mit einem verschärften Angriff auf ihren Lebensstandard konfrontiert, oft von den selben Konzernen. So ist in Österreich ein sprunghafter Anstieg von Leiharbeitsverhältnissen festzustellen, die Zahl der LeiharbeiterInnen ist seit Jahresanfang von 50.000 auf 80.000 gestiegen. Um in ihren Kämpfen erfolgreich zu sein, ist es für die Werktätigen mehr denn erforderlich, eine gemeinsame Strategie über alle nationalen Grenzen hinweg zu entwickeln.

Foto: China Blue

erschienen in: Talktogether Nr. 33/2010