Sumeeta Hasenbichler: Mein Leben in Österreich PDF Drucken E-Mail

Mein Leben in Österreich

von Sumeeta Hasenbichler

Als ich vor 10 Jahren über ein Stipendium nach Salzburg kam, ist mein Traum, meine Deutschkenntnisse in einer schönen Stadt zu verbessern, in Erfüllung gegangen. Bald kam jedoch die Ernüchterung, als ich merkte, dass mein 5-jähriges Germanistikstudium in Indien und ein Mastertitel mich auf den Dialekt nicht vorbereitet hatten. So hörte ich oft Sprüche, Hast du deutsche Lehrer gehabt? Du spricht zwar hervorragend Deutsch, aber kein Deitsch! Somit fing mein Abenteuer mit dem Dialekt an. Kein leichtes Unterfangen, zumal es keine mir bekannten Lehrbücher gab, die Dialekt ausführlich behandelten. Ich habe zwar später meine Doktorarbeit über ein fachdidaktisches Thema, nämlich über interkulturelle Prüfungen für Deutsch-als-Fremdsprache geschrieben, habe aber wenig über Dialekt gefunden. Die vielen Dialekte in der öster-reichischen Landschaft waren für mich am Anfang nur grob unterscheidbar. Inzwischen verstehe ich zwar Pongauerisch sehr gut, spreche es oba immer no net guat gnuag. Dies führt oft dazu, dass Leute mit mir angestrengt Hochdeutsch sprechen und wo ich nicht sicher bin, wem es unbehaglicher ist, mir oder meinen GesprächspartnerInnen, weil wir uns beide oh so anstrengen miassen - sie in das für sie fremde und (vielleicht) verhasste Hochdeutsch und ich in meinem Mischmasch aus in inzwischen aus norddeutschem Akzent ummodulierte Salzbur-gerisches Hochdeutsch mit pongaurischer Würze.

Sie werden sich fragen, warum eine Inderin zehn Jahre lang in Salzburg stecken bleibt und warum sie sich ausgerechnet mit Pongauerisch plagt. Sie haben es erraten. Der Liebe wegen bin ich in Salzburg "hängen" geblieben. Ich habe während der Studentenzeit meinen Mann kennengelernt. Mittlerweile sind wir seit sechs Jahren verheiratet und haben zwei Kinder. Mit beiden spreche ich meine Muttersprache, Hindi, und beide antworten konsequent auf Deutsch. Aber ein Mutterherz gibt nicht so schnell auf, ich bleibe hartnäckig und will, dass meine Kinder sich auch mit ihren indischen Verwandten verständigen können. Inzwischen spricht meine Tochter mit mir Hochdeutsch und mit dem Opa und Papa Dialekt...

Viele fragen sich, wie es so ist, in einer Multikulti Ehe. Natürlich brauchen wir mehr Kommunikation und müssen oft ausreden und Dinge verbalisieren, besonders Erwartungen, die von unserer Kultur und Geschichte sehr stark geprägt sind. Zum Beispiel habe ich am Anfang nicht verstanden, warum mein Mann immer wieder frische Luft mit mir schnappen wollte und warum wir immer in der Freizeit etwas "Anständiges" wie Wandern oder im Winter Langlaufen mussten, statt gemütlich daheim fernzusehen. Bis ich bemerkt habe, dass fast alle hier von dem Virus - ich muss mich in der Freizeit körperlich in der frischen Luft, am besten am höchsten Gipfel, betätigen - befallen sind. Ich konnte auch nicht verstehen, wieso man etwas Süßes wie Schwarzbeernocken oder Grießschmarren als Hauptspeise essen kann oder schlimmer noch etwas Kaltes an einem klirrend kalten Winterabend. Inzwischen verlangt mein Mann immer was Saures = Salziges (indisches Filter salziges, wir Inder unterscheiden zwischen süß, sauer, salzig, herb und bitter) und WARMES am Abend und fühlt sich gestresst, wenn ich ihn dränge, wir sollen endlich mal wandern, weil ich in den vier Wänden ersticke.

Oft entstehen Missverständnisse, weil man davon ausgeht, die anderen werden sich nach unseren Normen verhalten. Nur stehen diese Verhaltens- und Erwartungsmuster in keinem Lehrbuch. Wenn Fremde aus südlichen Ländern hier her kommen, erwarten sie, sie werden, wie es in ihrem Land üblich ist, sofort angesprochen, mit offen Armen empfangen und in das Leben hier eingeführt. Die ÖsterreicherInnen informieren sich hingegen über das fremde Land, wenn sie es bereisen, und sind mit allen möglichen Führern und Rategebern ausgerüstet. Das gleiche erwarten sie auch von den Fremden hier, dass sie sich aktiv hier um alle Infos kümmern. Nur ist in vielen kollektiven Gesellschaften das überhaupt nicht der Fall, es gibt keine Fahrpläne und keine Infos über das Land, Fremde werden sofort an die Hand genommen und die neu gewonnenen Freunde erledigen alles. Die Dankbarkeit zeigt man/frau in Form von Einladungen zum Essen, Geschenken und mit Freundschaft.

Aber wenn man/frau über die Enttäuschungen und Erwartungen ehrlich und offen mit einander redet, kommt es zu sehr wertvollen Begegnungen. Eine Fremdsprache zu lernen und sich in fremden Kulturen aufzuhalten ist wie eine Pilgerschaft, man/frau gewinnt Erkenntnisse über sich und über die Welt. Mit der deutschen Sprache tauchte ich in eine total neue Denkweise und eine neue Weltanschauung ein. Dinge kritisch betrachten und hinterfragen, über Sachen reflektieren, aber auch jammern und über die Piefkes schimpfen habe ich hier gelernt. Philosophieren kann ich am Besten auf Deutsch. Es war für mich wie eine Psychotherapie, über in Indien tabulisierte Themen mit völlig fremden Leuten auf Deutsch zu reden - eine Befreiung von meinen alten Gespenstern.

Die Begegnungen mit vielen lieben katholischen Mönchen im Kapuziner Kloster haben in mir das Interesse an meiner eigenen Religion geweckt. Ich musste mich damit auseinander setzen, was das Hinduistische in mir war und welche Werte und welches Gedankengut des Hinduismus mich überhaupt geprägt haben. Ich habe zwar eine katholische Privatschule in Indien besucht aber nicht den katholischen Religionsunterricht und einen hinduistischen gab es nicht. Ich habe daher immer mehr über Christentum gewusst als über Hinduismus, mein ganzes Wissen über Hinduismus beruhte auf Fernsehserien und religiösen Filmen über indische Mythologie. Das führte dazu, dass ich in Salzburg einen Workshop über Hinduismus-Christentum Dialog besuchte und dort viel über meine Religion erfuhr.  

Ich genieße hier die Freiheit, mitten in der Nacht ohne Angst allein auf der Straße gehen zu können, vermisse aber oft meine Freunde, mit denen ich die indischen Lieder so leidenschaftlich gesungen habe. Ich liebe die prachtvolle und bunte Landschaft hier und vermisse die Gerüche auf indischen Straßen und die bunte Kleidung dort. Ich liebe die Natur hier und vermisse das Leben dort. In meiner Gedankenwelt fühle ich mich bei österreichischen Themen österreichisch und bei indischen Themen indisch. Es tut weh, wenn Leute mich und meine Kinder als Ausländer bezeichnen, wo das Wort fast zu einem Schimpfwort degradiert ist. Mir wäre es lieber, die Leute würden weltweit aufhören, in Katgorien zu denken, nicht die Hautfarbe, die Herkunft, die Religion, das Geschlecht machen einen Menschen aus - dazu sind wir alle viel zu einzigartig.

erschienen in: Talktogether Nr. 32/2010