Frauentag 2010: Her mit dem ganzen Leben! PDF Drucken E-Mail

 

Her mit dem ganzen Leben!

Gedanken zum Internationalen Frauentag


„Brot und Rosen“ forderten die streikenden Textilarbeiterinnen in den USA vor 100 Jahren, an die wir uns erinnern, wenn wir am 8. März den Internationalen Frauentag feiern. Die Frauen drückten damit aus, dass sie nicht nur für gerechte Löhne und bessere Lebensbedingungen kämpften, sondern für „…alle Möglichkeiten, die uns das Leben bietet“.

Wenn der Ursprung der Unterdrückung der Frau darin liegt, von sozialen Aktivitäten abgeschnitten zu sein, ist es unbestreitbar, dass der Zugang zur gesellschaftlichen Arbeit die Voraussetzung für ihre Emanzipation bildet. Aber wie befreiend ist Arbeit für uns, in der wir eintönige und ermüdende Tätigkeiten wiederholen und von jeglicher Teilnahme an Entwicklung und Gestaltung ausgeschlossen bleiben? Die bürgerliche Antwort auf die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in der Arbeitswelt nennt man heute Gender-Mainstreaming: Frauen sollen gefördert und ermutigt werden, sich für hoch qualifizierte und leitende Funktionen zu bewerben. Sollte es uns gelingen, einen Posten als Managerin oder Direktorin zu bekommen, wer putzt dann unser Büro? Vermutlich eine andere Frau, wahrscheinlich eine Migrantin.

Ist es überhaupt eine Befreiung, unsere Arbeitsbedingungen denen der Männer anzugleichen? Oder wollen wir alle monotonen und ermüdenden Aspekte aus unserer Arbeit verbannen oder sie zumindest in gerechter Weise aufteilen? Wer weiß besser über Arbeitsprozesse Bescheid, als die ArbeiterInnen, die sie täglich ausführen? Dennoch werden Entscheidungen meist über ihre Köpfe hinweg von so genannten Experten getroffen, die auf ihren Schreibtischen von der praktischen Erfahrung abgeschnitten sind, und die Rolle der ArbeiterInnen beschränkt sich darauf, „mysteriöse“ Anweisungen zu befolgen. Welch ungeheure Vergeudung von Kreativität!

Könnte unsere Arbeit nicht anders aussehen?

Wollen wir nicht beim scheinbar unüberwindbaren Antagonismus von Mann und Frau stehen bleiben, muss die Kritik am Patriarchat auch notwendiger Weise die Kritik an allen Gegensätzen beinhalten, die Unterdrückung produzieren und reproduzieren, wie die Herrschaft der Experten und Technokraten. Unsere Arbeit könnte ganz anders aussehen, wenn es gelänge, nicht nur die vielfältigen hierarchischen Strukturen zu überwinden, die unsere Weiterentwicklung hemmen, sondern letztlich auch die Trennung zwischen intellektueller und manueller Arbeit. Eine Utopie, werden manche meinen, denn für technische Innovationen benötigt man Fachwissen, das man sich nur durch jahrelanges Studium aneignen kann.

Claudie Broyelle: „Nehmen wir zum Beispiel die radikale Kritik am Genius. Abgesehen von der Tatsache, dass ‚Genies’ überall meistens Männer sind, ist das Konzept des Genies, die angeborene und überwältigende Veranlagung für bestimmte Aufgaben auf Kosten anderer, eine Wurzel aller theoretischen Systeme, die die Diskriminierung von Frauen stützen. Es ist deshalb einleuchtend, dass Frauen viel zu sagen und viel zu gewinnen haben, wenn sie die Idee des ‚Genies’ verwerfen.“(1)

Utopisch mutet daher das Beispiel einer Baumwollspinnerei in Peking an, in der die Textilarbeiterinnen selbst fahrbare elektrobetriebene Arbeitsstühle herstellten und damit ihre Arbeitsbelastung drastisch verringern konnten. In den 1960er und 1970er Jahren hat in China ein gesellschaftliches Experiment stattgefunden, das heute selbst bei Linken aus der Mode gekommen zu sein scheint. Es hatte das Ziel, nicht nur die Wirtschaft umzugestalten, sondern alle gesellschaftlichen Gegensätze zu überwinden, nicht nur die zwischen den Klassen, sondern auch jene zwischen Mann und Frau oder zwischen Stadt und Land, sowie die Trennung von Theorie und Praxis aufzuheben.

Claudie Broyelle hat China 1971 gemeinsam mit elf Frauen - Studentinnen, Arbeiterinnen, Mütter und Großmütter - aus Paris besucht, und schildert in ihrem Buch einige der kühnen und aufregenden Experimente, die es in jener Zeit gab. Sie berichtet über eine Fabrik in Peking, die in einer Nachbarschaftsinitiative von Hausfrauen gegründet wurde, die weder Lesen noch Schreiben gelernt hatten. Am Anfang stellten die Frauen einfache Dinge für den Haushalt her wie Kessel und Ofenrohre. Mit der Zeit lernten sie, medizinische Apparate herzustellen, deren Qualität so gut war, dass sie vom Staat gekauft wurden. Es wäre aber falsch zu glauben, dass solche Experimente allgegenwärtig oder unumstritten gewesen seien, denn die Frauen mussten hart um ihre Fabrik kämpfen. 1961 entschieden einige Manager der Fabrik den Direktiven der Stadtverwaltung folgend, die Produktion zu rationalisieren. Sie befanden es als uneffizient, weiterhin Kessel und Rohre herzustellen. Eine solche Neuorganisierung hätte für viele der Frauen die Rückkehr nach Hause bedeutet.

Die Frauen wehrten sich gegen diese Verachtung gegenüber ihren Kesseln. Denn die Arbeit der Frauen war nützlich, auch wenn sie nicht profitabel war. Für die Frauen bedeutete die Arbeit in der Fabrik viel mehr als Broterwerb, sie bedeutete die Möglichkeit, die gesellschaftliche Entwicklung mitzugestalten. Und diese Entwicklung betraf nicht allein die Arbeit im Betrieb, sondern das ganze Stadtviertel. In der Nachbarschaft der Fabrik blieb buchstäblich niemand zu Hause, der nicht krank oder bewegungsunfähig war. Gemeinschaftseinrichtungen für die Kinderbetreuung, die Versorgung von Kranken und Pflegebedürftigen, Gemeinschaftsküchen und Dienstleistungszentren für Hausarbeiten, sowie das ganze kulturelle und politische Leben im Distrikt wurden von den BewohnerInnen organisiert.

Claudie Broyelle berichtet auch über ein Vorzeigebeispiel für Partizipation: Als die Erdölförderung in Taching, ein Gebiet, das von Schafhirten und Bauern bewohnt war, erschlossen wurde, sollten Zehntausende Menschen in der Region angesiedelt werden. Weil die Errichtung einer großen Stadt die Kluft zwischen der Stadtbevölkerung und den Bauern und Hirten verstärkt hätte, entschied man sich für eine dezentrale Planung der Wohn- und Arbeitsstätten. Ein Komitee bestehend aus Architekten, Arbeitern, Technikern, Schafhirten und Hausfrauen wurde gebildet, um die Bebauung eines Raumes in der Größe von einer Million Quadratmeter zu planen. Auf Initiative der Frauen wurden die Wohnhäuser für mehrere Familien zusammengelegt, so dass es sowohl gemeinschaftliche als auch private Räume für alle gab. Dazwischen wurden Gemüsegärten und Getreidefelder angelegt und Schulen, Kindergärten, Volkskantinen sowie kleine Werkstätten für die Erzeugung von Konsumgütern errichtet.

Die bürgerliche Demokratie wird uns als die beste aller möglichen Gesellschaftsformen präsentiert. Wirkliche Demokratie bedeutet jedoch die volle Teilhabe an Entscheidungsprozessen auf allen Ebenen. Aber welche Möglichkeiten der konkreten Mitbestimmung haben die Bürger und Bürgerinnen wirklich? Haben wir die Möglichkeit, an der Planung unserer Wohnanlagen oder unseres Arbeitsplatzes teilzuhaben? Haben wir die Wahl zu entscheiden, welche sozialen Einrichtungen wir benötigen, oder wie die lokale Versorgung mit Konsumgütern aussehen sollte?

Familie und Kinder

Die Sache der Frauen kann nicht unabhängig von Familie und Kindern gesehen werden. Die eigene berufliche Entfaltung mit einer Familie zu vereinbaren, ist für Frauen eine Doppelbelastung, die sie oft vor schier unüberwindbare Hürden stellt. Als Mütter lastet viel Verantwortung auf unseren Schultern und wir sind voller Sorge um die Zukunft unserer Kinder, gleichzeitig sind wir Mütter auch unterdrückerisch und behindern ihre Selbständigkeit. Ist es eine Lösung, auf Kinder zu verzichten, weil sie Arbeit, Sorgen und Belastung bedeuten? Eine traurige Perspektive.

Die Individualisierung der Gesellschaft hat uns scheinbar Entscheidungsfreiheit gegeben. Uns wird gesagt, wir hätten alle Möglichkeiten und seien für unser Glück selbst verantwortlich. Doch wie weit können wir wirklich selbst über unseren Lebensstil entscheiden? Diese scheinbare Entscheidungsfreiheit setzt uns auch gehörig unter Druck: Gleichgültig ob wir Professorinnen oder Putzfrauen sind, hetzen wir nach der Arbeit zum Kindergarten oder Hort, um unsere Kinder abholen oder sie zum Sportverein zu bringen, weil wir ihnen ja die besten Möglichkeiten bieten wollen. Oder wir machen uns auf dem Weg zum Supermarkt, der gerade die günstigsten Angebote hat.

Stellen wir uns vor, wir hätten die Möglichkeit, unsere Wohnumgebung selbst zu planen. Wie viel stressfreier könnte unser Alltag sein, wenn uns gleich in unmittelbarer Nachbarschaft Kinderbetreuungsstätten und Gesundheitseinrichtungen zur Verfügung stünden? Und Freizeiteinrichtungen, Gemeinschaftsgärten und Volksküchen, in denen frisches und gesundes Essen angeboten wird? Wie viel reicher wäre unser Gemeinschaftsleben, wenn wir das kulturelle und politische Leben unseres Viertels selbst gestalten könnten? Wir müssten auch kein schlechtes Gewissen mehr haben, unsere Angehörigen zu vernachlässigen, wenn Kinder, Senioren, Kranke und Pflegebedürftige von der Gemeinschaft in der unmittelbaren Wohn- oder Arbeitsumgebung versorgt würden.

Erziehung

Weshalb verharren die Unterdrückten in Passivität oder verfolgen politische Einstellungen, die ihren realen Interessen widersprechen? Müssen wir uns wundern, dass die Jugend in Apathie verharrt in einer Gesellschaft, in der Freizeit mit Konsum gleichgesetzt wird? Der brasilianische Pädagoge Paulo Freire hat festgestellt, dass Menschen, die ihre Unterdrückung verinnerlicht haben, sich unfähig fühlen, selbst zu handeln. Sie sind frustriert und leiden, ihre Rebellion äußert sich häufig in der Identifikation mit charismatischen Führern (2).

Kinder sind fähig zu außerordentlichem politischem Bewusstsein, doch werden sie durch ihre Abhängigkeit von den Erwachsenen behindert. Sie werden von der Realität der Gesellschaft ferngehalten und stattdessen mit einer künstlichen Welt konfrontiert. In Claudie Broyelles Worten verkrüppelt die bürgerliche Erziehung die Menschen, um ihnen dann Krücken anzubieten. Eine Umgestaltung dieser Verhältnisse bedeutet nicht nur Erziehung zu reformieren, sondern die Grenzen zwischen Schülern und Lehrenden - ja zwischen Erwachsenen und Kindern - in Frage zu stellen, und Kinder von klein an als selbstverantwortliche und unabhängige Menschen zu behandeln.

Ich überlasse es den Experten, die Durchführbarkeit der politischen Konzepte der chinesischen Revolution oder die Gründe für ihr Scheitern zu beurteilen. Diese Epoche ist vorbei und wir müssen uns den Fragen und Herausforderungen unserer Zeit stellen. Doch was sollte uns das daran hindern, uns von den Erfahrungen inspirieren zu lassen? Ist die Bedeutsamkeit von Ideen nur danach zu messen, ob sie erfolgreich waren oder nicht, oder liegt ihre Bedeutung auch darin, die Fragen gestellt zu haben? Naive Träume, werden manche meinen. Doch welche Bedeutung hat unser Leben, wenn wir keine höheren Ziele haben, als unser eigenes kleines Glück - ein Ziel, das zudem nur allzu oft an den harten Bedingungen der Realität scheitert?

Wollen wir unsere Lebenszeit in langweiligen Jobs vergeuden, oder wollen wir Arbeit, die uns nicht nur den Lebensunterhalt sichert, sondern auch persönliche Weiterentwicklung ermöglicht? Wollen wir die Entscheidung über unsere Lebensbedingungen dem Diktat des Kapitals überlassen oder die Kontrolle über unser Leben zurück gewinnen? Wir könnten ein ganz anderes Leben führen, deshalb sind Träume wichtig. Wir haben eine Welt zu gewinnen.

„Wir kämpfen ums Brot, und wir wollen die Rosen dazu…“ sangen die amerikanischen Textilarbeiterinnen in ihrem berühmten Lied, „…her mit dem ganzen Leben!“



  • (1) Quelle: Claudie Broyelle, 1973: Die Hälfte des Himmels: Frauenemanzipation und Kindererziehung in China (Women's liberation in China)
  • (2) Paulo Freire, 1970: Pädagogik der UnterdrĂĽckten

erschienen in: Talktogether Nr. 31/2010