Wenn sie diesen Fisch nicht retten können... PDF Drucken E-Mail

von: A World to Win News Service, 12. Oktober 2009


Wenn sie diesen Fisch nicht retten können,

vertraut ihnen nicht den Planeten an!


Wer Hoffnungen in die bald stattfindende Kopenhagener Konferenz oder andere internationale Organisationen der heutigen kapitalistischen Welt setzt, damit sie Wege finden unseren Planeten zu retten, dem möge das folgende Beispiel des atlantischen Blauflossenthunfischs als Exempel dienen.

Der Atlantik war einst voll von ihnen, doch sie pflanzen sich nur im Golf von Mexiko und im Mittelmeer fort. Heute hat ihre Zahl drastisch abgenommen und das Mittelmeer ist ein gefährlicher Ort für ihr Überleben geworden. Dennoch hat es die Europäische Union abgelehnt, einen Plan zu unterstützen, die jährliche Fangquote auf ein Niveau zu senken, womit die Ausrottung des Fisches verhindert werden könnte.

Der Blauflossenthunfisch ist ein außergewöhnliches Lebewesen. (Beim Thunfisch, der in Dosen verkauft wird, handelt es sich um eine andere Art.) Aufgrund seiner einzigartigen Beweglichkeit, seiner Muskelstruktur und seines fast perfekten hydrodynamischen Körperbaus kann er seinen gewaltige Körper (der eine Länge bis zu vier Metern und ein Gewicht bis zu einer Dreivierteltonne erreichen kann) von einem Ende des Atlantiks zum anderen befördern, mit Spitzengeschwindigkeiten von 80 km/h, und in eine Tiefe von einem halben Kilometer abtauchen. Die alten Griechen und Römer hielten ihn für schön und bewundernswert. Seit dieser Zeit wurde er aber nur von Sportfischern als nützlich betrachtet, bis er vor ein paar Jahrzehnten, in die Fänge des globalen Marktes geriet. Heute erzielt ein gewöhnliches Exemplar den Preis eines Autos, ein großes wird für den Preis eines Rolls Royce gehandelt.

© OCEANA/ Keith Ellenbogen - www.oceana.org

Sein rohes Fleisch, das ein besonders gesundes Fett enthält, wird von Feinschmeckern als besonders deliziös betrachtet. Bitte schieben Sie nicht die Schuld für seine Popularität, die sich so fatal auf die Art ausgewirkt hat, auf überlieferte Geschmacksvorlieben. Aristokratische Japaner waren sich mit Amerikanern darüber einig, dass dieser Fisch des Verzehrs nicht würdig sei. Die Nachfrage für diesen Fisch beruht vielmehr auf der Tatsache, dass die Liebe zu einem bestimmten Geschmack geweckt werden kann, aber auch auf seinem Prestige als eines der teuersten Nahrungsmittel - verursacht durch den boomenden Luxuskonsum in den Zentren der kapitalistischen Weltökonomie.

Tatsächlich spielte weniger die Tradition, als die Verbreitung von Kühlschränken im wohlhabenden Nachkriegsjapan und anderen Ländern die entscheidende Rolle für die wachsende Vorliebe für frische Seefische, weil sie den Konsum von rohem Fisch bei einer breiten Bevölkerungsschicht überhaupt erst ermöglichte. Moderne Fischfangausrüstungen und Kühlschiffe machten den Fang und Transport des Blauflossenthunfisches in großen Mengen zu einer äußerst profitablen Industrie. Diese Bedingungen bildeten den Grundstein für die Popularität von Sushi und Sashimi (Speisen mit rohem Fisch), die dank ihrer Gewinnträchtigkeit auch andere wohlhabende Länder im Sturm eroberte.

Weil heute die Bestände von ausgewachsenen Blauflossenthunfischen im Mittelmeer drastisch gesunken sind, ging man dazu über, sie zu fangen, solange sie noch klein und jung sind, und sie dann in Salzwasserbecken groß zu ziehen, bevor man ihnen einen Nagel ins Gehirn treibt und sie auf Eis gekühlt verkauft. Ein paar Jahre lang wurde diese Idee propagiert, weil man glaubte, durch das kapitalintensive „Fisch-Farming“ die Art vor dem Aussterben retten zu können. Tatsächlich wurde das Problem aber dadurch noch verschlimmert, weil immer weniger ausgewachsene und fortpflanzungsfähige Fische in Freiheit überlebten, während sich der Blauflossenthunfisch hartnäckig weigerte, sich in Gefangenschaft zu vermehren.

Die Zahlen sprechen deutlich genug, so dass man glauben sollte, dass sie als Argumente genügen würden. Die Fangquote in diesem Jahr betrug 22.000 Tonnen. Doch die wirkliche Summe wird auf das Dreifache geschätzt, weil registrierte Fischereischiffe kaum kontrolliert werden, ganz zu schweigen von illegalen Fangflotten. Wenn die Quote nur auf 15.000 Tonnen reduziert und der Fang auf Exemplare mit einer bestimmten Mindestgröße eingeschränkt würde, könnte sich die Fischpopulation erholen, dann könnten laut Angaben der NGO Oceana in Zukunft wieder jährlich 45.000 Tonnen gefangen werden und das ohne absehbares Ende, was den Erträgen von vor einem Jahrzehnt entsprechen würde.

Dennoch hat die EU es abgelehnt, einen Vorschlag zu unterstützen, den Fang auf ein nachhaltiges Niveau zu senken.

Die Organisation ICCAT (International Commission for the Conservation of Atlantic Tuna) wurde sogar vom Businessmagazin „The Economist“ mit dem Spitznamen „International Conspiracy to Catch All Tuna“ bezeichnet (30. Oktober 2008), weil sie in Wirklichkeit die globale Fischereiindustrie repräsentiert. Die EU selbst war, genau wie man es vermuten konnte, gespalten: die Thunfisch fangenden Mittelmeerländer forderten die Freiheit zu fischen (inklusive Frankreich, dessen Präsident Sarkozy sich kürzlich in einer Rede als der beste Freund der Thunfische bezeichnete), während Länder wie das Vereinigte Königreich und Deutschland, in deren Gewässern der Blauflossenthunfisch bereits ausgerottet ist, für die neuen Quoten stimmten.

Das ist nicht nur das Ergebnis des Drucks von kommerziellen Fischereiunternehmern, wenn auch dieser eine entscheidende Rolle spielt. Eine tiefere Erklärung liefern die Natur des Kapitals und die Gesetze des Marktes, die entscheidender sind als der Wille aller Beteiligten.

Zum Ersten handelt es sich hier um eine Frage der Zeit. Blauflossenthunfische werden einige Jahrzehnte alt und können sich erst ab einem Alter von acht Jahren fortpflanzen. Die Fische, die heute meist gefangen werden, sind aber selten älter als zwei Jahre. Deshalb würde es einige Zeit dauern, bis sich die Bestände erholen. Zweitens, weil viel Geld auf illegale Weise gemacht wird, können Quoten schwer durchgesetzt werden. Dieser Faktor steht in Wechselwirkung mit einem anderen: Das Kapital ist national verwurzelt, deshalb steht jede Regierung unter dem Druck, die eigenen Fangflotten gleich viel fangen zu lassen wie die des Nachbarlandes. Vielleicht könnte nur ein totales Fangverbot Wirkung zeigen. Reduzierte Quoten wären langfristig zwar gut für die Fischerei, doch die Fischereiindustrie zu retten ist keine abstrakte Frage. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass bei einem Schrumpfen der Fischereiindustrie, das investierte Kapital keine Erträge liefert.

Drittens, für die kapitalistische Produktion werden solche Fragen als externe Faktoren betrachtet. Die Kosten, die für die Gesellschaft und den Planeten entstehen werden, wenn die Fischereiquoten nicht gesenkt werden – gar nicht zu reden von anderen Umweltschäden – sind zwar enorm, doch werden diese Kosten nicht von einem einzelnen Unternehmen oder einer Kapitalgesellschaft getragen. Also ist es vom Standpunkt der Profitlogik aus für die Fischereiindustrie, die Banken, die diese finanzieren (inklusive der größeren Kreisläufe von Kapital, die in den Handel mit Schiffen und anderer Ausstattung investiert werden), und die verschiedenen nationalen Monopolökonomien, in denen diese Industrien operieren, das Allervernünftigste, die Fische zu fangen, solange, bis es keine mehr gibt.

Diese kurzsichtige Herangehensweise ist wahnsinnig, selbst aus der Sicht des langfristigen kapitalistischen Profits, ganz zu schweigen von den Interessen der Menschen und des Planeten. Die versenkten Milliarden der Weltbank und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen zeigen, dass, je mehr Geld in die Fischerei investiert wird, desto mehr Fische gefangen werden und desto weniger Bestände übrig bleiben, so dass sogar noch mehr Kapital eingesetzt werden muss (für mehr Fischerboote, längere Perioden, etc.), was aber dazu führt, dass die Profitträchtigkeit der Industrie insgesamt abnimmt. Das muss sich aber nicht notwendiger Weise auf die Profite eines einzelnen Unternehmens auswirken, das gedeihen kann, indem es Konkurrenten ausschaltet oder schluckt. „Wenn die Fischbestände wieder aufgebaut würden, könnten die heutigen globalen Fangerträge mit der Hälfte des derzeitigen Aufwandes erreicht werden“, schließt der Bericht. Tatsächlich ist einer der Gründe, warum Fischereifirmen heute Subventionen von den Regierungen benötigen, um profitabel wirtschaften zu können, dass viel zu viel Kapital in die Fischereiindustrie investiert wird. (Andere sind z.B. auch die Globale Erwärmung, ein anderes Problem, das nicht unabhängig vom Diktat des Profits und des Marktes zu sehen ist.)

Die Hochseefischerei ist nur eine Produktivkraft wie Ackerland, Rohstoffe, Maschinen und Technologie, sowie die Arbeit der Menschen und ihre Fertigkeiten, die Reichtum erzeugen. Die Fischerei hat aber die ungewöhnliche Eigenart, dass es sich hier um ein Gemeinschaftseigentum der Menschheit handelt, wie es auch das Land vor der Entwicklung der Klassengesellschaft und speziell des Kapitalismus gewesen ist. Fisch hat das Potenzial, der Menschheit als enorm wichtige Quelle hochwertiger Eiweißnahrung zu dienen, ebenso wie zu ihrem Genuss. Doch weder der kollektive Besitz noch die gemeinsame lebendige Arbeit von Menschen auf der ganzen Welt können nutzbringend für die Menschheit und ihren Planeten eingesetzt werden, solange der Planet vom Monopolkapitalismus beherrscht wird, der auf privatem Profit beruht, und solange die Klasse der Monopolkapitalisten die politische Macht innehält.

Das Problem liegt darin, dass das, was der Kapitalismus benötigt, im Widerspruch steht mit den Interessen der Menschheit und des Planeten. Die Regierungen müssen auf das Diktat des Profits reagieren, andernfalls wird das Ergebnis wirtschaftliches Chaos sein. Ob Politiker, die das Kapital repräsentieren, den Wunsch haben, den Blauflossenthunfisch zu retten oder nicht, gibt es da weit mächtigere Kräfte als ihr individuelles Bewusstsein. Selbst wenn Gesetze erlassen würden, um lokale geliebte Arten durch restriktive Fangbeschränkungen zu retten (wie die Aale in Holland oder der Königslachs in Alaska, die beide für die wenig kapitalintensive Fischerei Bedeutung haben), so zeigen solche Maßnahmen jedoch aufgrund des internationalen Charakters der Lebenszyklen der Fische und der globalen Umwelteinflüsse durch den Kapitalismus und den Weltmarkt meist nur eine geringe Wirkung.

Friedrich Engels schrieb in seiner „Dialektik der Natur“: „Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben…“

„Und in der Tat lernen wir mit jedem Tag ihre Gesetze richtiger verstehn und die näheren und entfernteren Nachwirkungen unsrer Eingriffe in den herkömmlichen Gang der Natur erkennen. Namentlich seit den gewaltigen Fortschritten der Naturwissenschaft in diesem Jahrhundert werden wir mehr und mehr in den Stand gesetzt, auch die entfernteren natürlichen Nachwirkungen wenigstens unsrer gewöhnlichsten Produktionshandlungen kennen und damit beherrschen zu lernen. Je mehr dies aber geschieht, desto mehr werden sich die Menschen wieder als Eins mit der Natur nicht nur fühlen, sondern auch wissen…“

„Aber auch auf diesem Gebiet lernen wir allmählich, durch lange, oft harte Erfahrung und durch Zusammenstellung und Untersuchung des geschichtlichen Stoffs, uns über die mittelbaren, entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen unsrer produktiven Tätigkeit Klarheit zu verschaffen, und damit wird uns die Möglichkeit gegeben, auch diese Wirkungen zu beherrschen und zu regeln.“

"Um diese Regelung aber durchzuführen, dazu gehört mehr als die bloße Erkenntnis. Dazu gehört eine vollständige Umwälzung unserer bisherigen Produktionsweise und mit ihr unsrer jetzigen gesamten gesellschaftlichen Ordnung."

Wenn es um etwas derart Komplexes, Langfristiges und die ganze Erde Betreffendes wie die Bedrohung durch die globale Klimaerwärmung geht, dann sollte uns das Schicksal des Blauflossenthunfisches, der ja schließlich nur ein Fisch ist, als Warnung dienen.

Quelle: "If they can't save this fish, don't trust them with the planet", übersetzt aus dem Englischen,
http://www.aworldtowin.org/wordpress/?m=200912

erschienen in: Talktogether Nr. 30/2009