Gespräch mit Anthony PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Anthony, Flüchtling aus Afrika:
“Frieden ist wichtig, aber er kann den Hunger nicht stillen“


Talk Together: Wer ist für dich ein Flüchtling?

Anthony: Ein Flüchtling ist für mich jemand, der aus verschiedenen Gründen nicht in seiner Heimat leben kann und deswegen gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen. Ich muss hinzufügen, dass diese Menschen ihre Freunde, ihre Familie und alles was sie gern haben, hinter sich lassen, und hoffe, dass ihr euch vorstellen könnt, was das heißt.

Talk Together: Aus welchen Gründen verlassen diese Menschen ihre Länder?

Anthony: Es gibt eine Vielzahl von Fluchtgründen, die größte Zahl der Flüchtlinge flieht vor Krieg, Gewalt und Verfolgung oder aus wirtschaftlichen Gründen. Es muss erwähnt werden, dass die verschiedenen Fluchtgründe nicht leicht voneinander zu trennen sind, weil oft der eine den anderen mitbringt.   

Talk Together: Ist Flucht die einzige Lösung? In Europa leben und arbeiten die Flüchtlinge meist unter sehr schlechten Bedingungen. Denkst Du nicht, dass die Menschen sich in ihren Ländern anstrengen müssten, um dort etwas aufzubauen, anstatt nach Europa zu fliehen?

Anthony: Das ist einfacher gesagt, als getan. Zuerst müssen wir die Hauptgründe der Flüchtlinge genauer ansehen. Nehmen wir einmal die Kriegsflüchtlinge: Diese Flucht kann man nicht vermeiden. Diesen Menschen fehlt die grundlegendste Sicherheit und deswegen kann man zu ihnen nicht sagen: Wir unterstützen euch, um in eurem Land etwas aufzubauen. Denn es wird getötet, vergewaltigt und geplündert. Daher ist für sie die Flucht die einzige Hoffnung, und deswegen brauchen sie Schutz vor Gewalt und Unterstützung für die Zukunft. Wie und wo man sie unterstützt, ist von der Situation abhängig. Sie brauchen aber nicht nur Essen und ein Dach über dem Kopf, sondern die Kinder brauchen eine Schule und die Erwachsenen Beschäftigung.

Die zweite andere Gruppe nennt man Wirtschaftsflüchtlinge. Sie werden nicht als Flüchtlinge akzeptiert, sondern ihnen wird Asylmissbrauch vorgeworfen, daher schiebt man sie mit Gewalt zurück und sie sterben zwischen den Händen unbarmherziger Schlepper und Politiker. Aber wir wissen, dass die Menschen, um zu leben, mehr als nur Frieden brauchen. Der Hunger ist ein Feind der Menschen und tötet genau wie eine Waffe. Die Perspektivlosigkeit ist ein weiterer Fluchtantrieb. Wenn jemand keine Lebensgrundlage hat, kann er nicht warten, bis er vor Hunger stirbt, darum geht er, solange er sich noch auf den Beinen halten kann. Frieden ist wichtig, aber er kann den Hunger nicht stillen.

Natürlich werden viele Flüchtlinge in Europa von skrupellosen Firmen ausgebeutet, trotzdem haben sie die Hoffnung, sich eine Existenz aufbauen und Geld an ihre Familien schicken zu können. Wir müssen uns fragen, welche Möglichkeiten hätten sie dort gehabt, woher sie geflohen sind? Gibt es dort Arbeit und können sie von dieser Arbeit leben? Diese Menschen sehen es als einzige Hoffnung an, nach Europa zu fliehen, aber eine wirkliche Lösung für die Probleme in ihren Ländern ist das natürlich nicht.

Talk Together: Welche Alternativen könntest du dir vorstellen?

Anthony: Bei einer Flucht handelt es sich um eine Entscheidung zwischen Leben und Tod. Deshalb ist es nicht nur ein Problem bestimmter Bevölkerungsgruppen, sondern ein globales humanitäres Problem. Die einzige Alternative ist meiner Meinung nach: Die Völker müssen zusammenkommen, sich solidarisieren und die Regierungen in Afrika und in der EU zwingen, die Menschen in ihren jeweiligen Staaten zu unterstützen. Auch in Afrika ist Wohlstand möglich, wo die afrikanischen Länder doch so reich an natürlichen Ressourcen sind!

Talk Together: Wie könnten Regierungen gezwungen werden, den Reichtum gerechter zu verteilen?

Anthony: Auch wenn das vielleicht naiv klingen mag, so bin ich doch der Überzeugung, dass es möglich sein muss, Einfluss auf die Regierungen in Afrika auszuüben. Aber leider sind die europäischen Politiker, vor allem was die Frage der Flüchtlinge betrifft, kein bisschen besser als die afrikanischen. Deshalb kann ich nur auf die Zivilgesellschaft hoffen, dass sich die Menschen sowohl in Afrika als auch in Europa zusammenschließen und die regierende Klasse unter Druck setzen, damit die Menschen überall eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben bekommen. In Europa sind die afrikanischen Ressourcen willkommen, aber die Menschen nicht. Die Verantwortlichen der EU müssen aber verstehen: Solange sich die ungerechte Situation nicht ändert, wird es immer neue Flüchtlingsströme geben. Ein Beispiel: Rohstoffe werden mit Schiffen von Afrika nach Europa transportiert, und die Fracht kommt pünktlich und friedlich zur vorgesehenen Zeit im Hafen an, denn die Waren werden hier erwartet und gebraucht. Die Menschen, die von diesen Ressourcen leben sollten, bleiben aber mit leeren Händen zurück.

Wenn sie sich dann unfreiwillig für die Flucht entscheiden, dann werden Zäune gebaut, militärische Truppen eingesetzt, afrikanische Politiker und Privatfirmen bezahlt, um die Flüchtlinge zu stoppen oder wieder zurück zu transportieren. Trotzdem riskieren immer mehr Menschen ihr Leben, weil sie denken, sie hätten nichts zu verlieren. Sie verkaufen ihr Hab und Gut und bezahlen einen Verbrecher, der ihnen verspricht, sie nach Europa zu bringen. Der Schlepper transportiert sie wie eine Fracht mit kaputten oder alten Booten über das Meer. Wenn sie im Meer ertrinken, erkennen alle, dass sie doch etwas zu verlieren hatten, nämlich ihr Leben, aber dann ist es zu spät. Wenn die Leichen im Meer versinken, sagen alle: arme Flüchtlinge, wie tragisch.

Ich, als ehemaliger Flüchtling, verlange, dass Fabriken in Afrika gebaut werden und die Rohstoffe, die in den Plantagen angebaut werden, vor Ort verarbeitet und erst nach der Verarbeitung in die EU transportiert werden. Damit wäre ein wirtschaftliches Überleben für die Menschen in Afrika möglich, und die europäische Bevölkerung kann ihren Kaffee und andere Produkte aus Afrika oder anderen Ländern des Südens mit gutem Gewissen genießen. Gleichzeitig müsste damit aufgehört werden, dass billige Überschussprodukte aus der EU (Milchpulver, Tomaten, Hühnerfleisch usw.) die afrikanischen Märkte überschwemmen und damit einheimische Produzenten in den Ruin getrieben werden.

Talk Together: Aber bedeutet das nicht auch weniger Arbeitsplätze in der EU?

Anthony: Warum? Ich verlange ja nicht, dass BMW und Renault in Bamako produziert werden, sondern dass die Rohstoffe, die aus Afrika kommen, wie Kaffee, Kakao, Bauwolle usw. dort verarbeitet werden. Wenn man die Flüchtlinge nicht hier haben will, muss man ihnen in Afrika ein Leben ermöglichen. Ich bin nämlich sicher, dass die Menschen auf dieser Erde genug zum Leben hätten, wenn eine gerechte Verteilung der Ressourcen geschaffen würde. Die Ungerechtigkeit ist aber so groß, dass manche soviel haben und die anderen gar nichts.

Talk Together: Aber du siehst, das Leben der Menschen wird in Europa auch schlechter, aufgrund der Finanzkrise zum Beispiel.

Anthony: Wenn man immer mehr haben will, dann kommt eines Tages der Zeitpunkt, an dem man nichts mehr bekommt. Oder anders gesagt, der Kapitalismus verlangt immer mehr und mehr, weil er das Wort „genug“ nicht kennt. Die Gier des Kapitalismus nimmt weder Rücksicht auf die Menschen noch auf die Umwelt. Jetzt, wo wir vor Umwelt- und Wirtschaftskatastrophen stehen, werden alle Menschen aufgefordert, die Krise mitzutragen. Aber wenn ihr mich fragt, sage ich, die Reichen sollten zahlen und büßen für das, was sie bis jetzt angerichtet haben, aber weder die Bevölkerung in Afrika, noch die Bevölkerung in Europa oder sonst irgendwo, weil sie nicht dafür verantwortlich ist.

Talk Together: Danke für das Gespräch!

erschienen in: Talktogether Nr. 28/2009