Interview with Bisi Lalemi (Deutsch) PDF Drucken E-Mail

 Interview with Bisi Lalemi

Psychodynamische Beraterin und Gruppentherapeutin

 

Talk Together: Als Gruppentherapeutin organisierst du Counselling Groups speziell für Frauen. Mit welchen Problemen sind Frauen konfrontiert und was sind deren Ursachen?

Bisi: Das größte Problem für viele Frauen, die Unterstützung in einer Gruppe suchen, sind ein geringes Selbstwertgefühl und der Eindruck, nicht anerkannt zu werden. Diese wurzeln oft in ihrer Kindheit und ihrer Familiensituation. Ein anderes Problem hängt mit dem Körperideal zusammen, wie es von der Gesellschaft vermittelt wird, und zu Essstörungen wie Bulimie führen kann. Viele Frauen haben auch Probleme mit ihrer Mutterrolle. Sie haben das Gefühl, nicht genug für ihre Kinder zu tun, und sind oft überfürsorglich. Weit verbreitet sind auch Depressionen; viele Frauen fühlen sich isoliert und haben niemanden, mit dem sie über ihre Probleme sprechen können. Sie scheuen sich, über solche Themen mit Familienmitgliedern oder Menschen, die ihnen nahe stehen, zu reden. Viele versuchen, die Probleme mit Medikamenten zu vertreiben, doch bietet das keine wirkliche Lösung.

Talk Together: Wie funktionieren Counselling Groups?

Bisi: Wenn wir Unbewusstes bewusst machen, können wir Erklärungen dafür finden, wie wir uns verhalten, und über unsere Beziehungen mit anderen. Viele Teile des Unbewussten beinhalten Gefühle und Erfahrungen, die unterdrückt wurden, und viele Menschen scheuen sich, diese Gefühle aus dem „Keller“ zu lassen. Counselling Groups sind ein sicherer Ort für Frauen, um sich über ihre Probleme und Gefühle auszusprechen. Die anderen können sich darauf beziehen, und so fühlen sich die Frauen nicht mehr allein mit ihren Problemen. Die Reise, zu der sie sich aufmachen, wenn sie Teil der Gruppendynamik werden, kann eine sehr schwierige sein, aber die Gruppe kann sie tragen und mit den Gefühlen, die erweckt werden, arbeiten.
Meine Aufgabe dabei ist vor allem, zuzuhören, Teilnehmerinnen zu motivieren, am Gespräch teilzunehmen und zu respektieren, was die anderen zu sagen haben. Die Gruppe funktioniert wie ein Behälter, in dem die schwierigen Gefühle, Äußerungen und Emotionen eingeschlossen bleiben, und ich leite die Gruppe an, das zu tun. Normalerweise haben wir Sitzungen zu eineinhalb Stunden, 12 Wochen werden als Minimum angesehen.
In Salzburg habe ich Frauen getroffen, die auf der Suche nach einer solchen Gruppe waren, aber keine gefunden haben. Ich habe den Verdacht, dass in einer kleinen Stadt wie Salzburg die Angst besteht, Leute zu treffen, die man kennt und mit denen man nicht über persönliche und vertrauliche Dinge reden möchte. Deshalb entscheiden sich manche dafür, sich von einem Arzt Medikamente verschreiben zu lassen. Aus diesem Grunde ist Diskretion von höchster Wichtigkeit, was gesagt wird, bleibt in der Gruppe.

Talk Together: Was sind die Bedürfnisse der Frauen und was bekommen sie von der Gesellschaft?

Bisi: Frauen müssen sich selbst achten, doch die Gesellschaft achtet sie zu wenig. Die Arbeit der Frauen wird unterschätzt und unterbezahlt, Frauen bekommen nicht genug Unterstützung bei der Kindererziehung, z.B. in Form von Kinderkrippen am Arbeitsplatz. In der nigerianischen Kultur werden Kinder von einer Großfamilie erzogen und die Verantwortung liegt nicht allein bei der Mutter. In Afrika gibt es einen Ausspruch: „Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“. Es ist irrational zu glauben, dass eine einzelne Person (die Mutter) die alleinige Verantwortung für ein Kind hat. Da ist es kein Wunder, dass viele Frauen an Depressionen leiden.
Frauen brauchen auch eine positive Selbstwahrnehmung. Von der Gesellschaft wird ihnen das Bild vermittelt, dass eine Frau schlank und schön sein muss, und das verursacht vielen Frauen Probleme, die glauben, diesem Ideal entsprechen zu müssen, um Anerkennung zu bekommen.

Talk Together: Du bist in Europa aufgewachsen. Wie stark ist deine Verbindung mit Afrika und der afrikanischen Kultur?

Bisi: Auch wenn ich in Europa aufwuchs, wurde ich von nigerianischen Eltern erzogen. Deshalb war meine frühe Kindheit von afrikanischen Traditionen dominiert. Obwohl meine Verbindungen zu Afrika heute nicht sehr stark sind, bleibe ich doch aufgrund meiner frühen Erfahrungen mit afrikanischen Traditionen und der afrikanischen Kultur verbunden, was sich vor allem beim Kochen sowie in meiner Einstellung zur Kindererziehung und zu nigerianischen Ritualen äußert.

Talk Together: Kannst du uns etwas über die Rolle der Frau in afrikanischen Gesellschaften erzählen?

Bisi: Natürlich kann ich nur über meine eigenen Erfahrungen und über meine nigerianische Kultur sprechen. Obwohl die nigerianische Gesellschaft auf der Oberfläche sehr von Männern dominiert wird, glaube ich, dass es darunter anders aussieht und die Frauen in der Familie viel zu sagen haben. In einer nigerianischen Familie sind vor allem die Frauen verantwortlich für die Erziehung der Kinder, und die Männer spielen dabei nur eine sekundäre Rolle. Die Rolle der Mutter ist allgemein sehr geachtet.
Probleme mit dem Schönheitsideal oder Essstörungen sind bei afrikanischen Frauen relative neue Phänomene, die noch vor zehn Jahren unbekannt waren. Das kommt daher, weil wohlgenährt auszusehen in Afrika nicht als etwas Negatives angesehen wird, Essen wird mehr geschätzt, denn man ist dankbar, es zu haben. Aber dieses Bild ändert sich auch, weil die Menschen in Afrika auch immer mehr denselben Phänomenen ausgesetzt sind, die Essstörungen bei Frauen im Westen verursachen.

Talk Together: Wie ist das Leben für schwarze Frauen in Europa? Welchen Problemen sind sie ausgesetzt?

Bisi: Schwarze Frauen leiden unter doppelter Unterdrückung, aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe. In England haben schwarze Frauen heutzutage aufgrund des Antidiskriminierungsgesetzes mehr Chancen auf bessere Jobs. Doch in Österreich herrscht noch das Stereotyp, das schwarze Frauen als Putzfrauen arbeiten müssen, dass sie nicht gebildet sind. Ich z.B. bin eine hoch qualifizierte Expertin, doch in den fünf Jahren, in denen ich hier lebe, ist es mir nicht gelungen, eine meiner Ausbildung entsprechende Stelle zu finden.
Doch die Situation in England ist eine andere. Die meisten AfrikanerInnen sind nach England gekommen, um zu arbeiten oder zu studieren, nicht als AsylwerberInnen. Meine Eltern kamen nach England, weil die Regierung Staatsbürger aus den Commonwealth-Staaten suchte, die sie als ArbeiterInnen brauchte, weil es nicht genug englische Arbeiter gab, die bereit waren, die schlecht bezahlten Arbeiten wie z.B. im Gesundheits- und Transportsystem auszuführen.
Trotzdem arbeiten auch in England noch viele schwarze Frauen in unterbezahlten Jobs, vor allem in Sozialberufen, viele von ihnen als Altenpflegerinnen oder Behindertenbetreuerinnen. Afrikanerinnen haben viel Erfahrung mit älteren Menschen, weil das afrikanische Familiennetzwerk viel stärker ist und ältere Menschen mehr geachtet werden als in Europa. Sie werden als weiser und als nützlicher Teil der Gesellschaft angesehen, die wertvolle Unterstützung in der Kindererziehung oder wichtige Beratung z.B. bei Partnerschaftsproblemen bieten können.

Talk Together: Welche Erfahrungen hast du mit Rassismus in Europa und speziell in Österreich gemacht?

Bisi: Der hauptsächliche Unterschied zwischen England und Österreich ist jener, dass es in England ein Antidiskriminierungsgesetz gibt. In allen öffentlichen Stellen gibt es eine Quote, die für schwarze Menschen reserviert ist. Schwarze werden in den Ausschreibungen sogar bestärkt, sich zu bewerben. Deshalb ist es dort heute leichter, einen guten Job zu finden. Doch das war nicht so, als ich jung war. Damals war es sehr schwierig für schwarze Menschen, in einer weißen Organisation eine Anstellung zu bekommen. Trotzdem gibt es auch dort noch immer Rassismus, aber versteckter.
In den 1960er Jahren hielten EinwanderInnen aus Afrika das staatliche Gesundheitssystem aufrecht. Doch sie waren vielen Schikanen ausgesetzt und wurden oft nicht in höhere Positionen befördert. Doch in der Zwischenzeit hat man erkannt, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben und man Leute braucht, die in der Rassenproblematik sensibilisiert sind. Viele „Cultural Awareness“- und antirassistische Kurse und Workshops wurden für Angestellte und Arbeitgeber in verschiedenen Berufen und Arbeitsplätzen organisiert.
Doch hier in Salzburg ist es für mich sehr schwierig gewesen, eine Stelle zu finden, die meinen Qualifikationen und Erfahrungen entspricht. Das AMS hat mir nur Jobs als “Küchenhilfe” angeboten und keine Anstrengungen gemacht, eine Stelle zu finden, die zu meiner Karriere passt. Sicherlich gibt es das Sprachproblem. Doch selbst bei Stellen, wo meine Englischkenntnisse und meine interkulturellen Kompetenzen ein Vorteil wären wie in der Arbeit mit AsylwerberInnen wurden meine Bewerbungen nicht berücksichtigt.
Vor kurzem machte ich eine sehr schlechte Erfahrung mit Kontrolleuren im Obus, die mich gestoßen und meine Arme gezogen haben, obwohl ich keine strafbare Handlung begangen habe. Ich wollte meinen Fahrschein 10 Sekunden nach dem Einsteigen entwerten. Ich bin sicher, dass sie sich nicht getraut hätten, eine einheimische Frau meines Alters in so einer Weise zu behandeln. Eine Österreicherin hat heftig gegen das Vorgehen der Buskontrolleure protestiert.
Zum Glück hatte ich in Salzburg aber nie Probleme mit Polizeibeamten. Das ist aber in Wien anders. Dort stand ich mit zwei Afrikanern auf einer Haltestelle und wir warteten auf den Bus, als ein Polizeiauto vorbei fuhr. Als uns die Polizisten sahen, stoppten sie sofort und beobachteten uns. Das hat mich sehr schockiert.
Eine Sache, mit der ich noch ein Problem habe, ist der Gebrauch des Wortes „Neger“, der sehr verbreitet ist. Viele Leute meinen, es sei in Ordnung, dieses Wort zu verwenden. Sogar Freunde wollen mich manchmal nicht verstehen, wenn ich ihnen klarzumachen versuche, dass die Wurzeln dieses Ausdrucks aus der Sklaverei stammen, und versuchen seinen Gebrauch zu rechtfertigen. Und es gibt auch noch ein anderes Problem. Ich habe festgestellt, dass viele Männer in Österreich schwarze Frauen als Sexobjekte betrachten. Bei vielen Gelegenheiten – z.B. im Fitness-Studio oder an der Bushaltestelle – wurde mir Geld für Sex angeboten.
Was mir hilft in Österreich zu überleben, ist, dass ich viele ÖsterreicherInnen getroffen habe, die ich als „besondere Menschen“ betrachte, die mir jenseits aller Unterschiede und Hautfarben als menschliche Wesen begegneten und mir gegenüber eine große Menschlichkeit bewiesen haben. Ich war aber sehr enttäuscht über den Ausgang der Wahlen und den zunehmenden Griff rassistischer Parteien (FPÖ und BZÖ) auf das Parlament, und über die Tatsache, dass viele junge Leute sie gewählt haben. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es dort, wo es extremen Hass (Rassimus und Nazismus) gibt, auch eine „große Liebe“ existiert, die ich von Freunden und manchmal auch von Fremden erfahren habe.

Talk Together: Welche Strukturen verursachen deiner Meinung nach Rassismus?

Bisi: Ich bin überzeugt, dass die Gesellschaft in ihren Wurzeln rassistisch ist, und wir den Rassismus „verlernen“ müssen. Der Rassismus wurde und wird uns von den Medien, durch die Erziehung und durch vergangene Regierungen eingeimpft, so dass wir lernen müssen, „ihn loszuwerden“. Niemand kann sagen, dass er oder sie nicht rassistisch ist, die Gesellschaft hat ihn uns wie einen Stempel aufgedrückt. Ich denke aber auch, dass der Rassismus eine Ursache darin hat, dass wir uns selbst hassen. Wir hassen die dunklen, negativen und beunruhigenden Gefühle in uns. Und wenn wir etwas sehen, das uns fremd erscheint, assoziieren wir damit diese negativen Gefühle, die wir gerne verstecken. Wir projizieren unsere negativen Gefühle auf diejenigen, die wir als „anders“ betrachten: Sie sind es, die unzivilisiert sind, die uns die Jobs und Wohnungen wegnehmen usw. Man könnte das mit einer Familiensituation vergleichen: Als Kind hast du deinen Bruder oder deine Schwester gehasst, weil du den Eindruck gehabt hast, dass sie mehr von deinen Eltern bekommen haben als du, während sie in Wirklichkeit genauso gekämpft haben wie du.
Die Wurzeln des Rassismus liegen in der Sklaverei, die Mythen und Lügen, die erfunden wurden, dienten zur Rechtfertigung dafür, dass menschliche Wesen wie Tiere behandelt werden können, und diese Mythen blieben in der Psyche weiter bestehen.
In Österreich spielt aber auch die Nazi-Vergangenheit eine große Rolle, die niemals wirklich diskutiert worden ist. In psychotherapeutischer Sicht stellt es ein großes Problem dar, wenn etwas derart Schreckliches nicht aufgearbeitet wird, dann wird es nämlich unbewusst auf die nächste Generation übertragen. Meiner Meinung nach gibt es in Österreich eine Menge schwieriger und schmerzvoller Fragen in Bezug auf die Vergangenheit, die nie aufgearbeitet wurden. Eines der Symptome für nicht aufgearbeitetes Material kann der Alkoholismus sein, den ich für ein großes Problem in Österreich halte, weil auch schon Jugendliche hart trinken.
In Österreich habe ich auch eine „Kellermentalität“ beobachtet. Es ist eine interessante Tatsache für mich, dass zwei „Kellergeschichten“ innerhalb kürzester Zeit aufgedeckt wurden: nämlich Amstetten und Natascha Kampusch. Die Leute leben in schönen Häusern, alles erscheint sauber und perfekt, doch tief unten im Keller entdeckt man, was sich wirklich abspielt. Ich habe die Erfahrung gemacht (und Freunde haben es mir auch gesagt), dass viele Österreicher nicht gerne über diese „tiefen Dinge“ reden. Es ist eine interessante Tatsache, dass Freud, der so viel über das Unterbewusste schrieb, ein Österreicher war. Nun verstehe ich, woher er das Material für seine Theorien hatte. Ich denke, dass der Keller eine Metapher für das „Unbewusste“ ist.

Talk Together: Es gibt Leute, die die westliche Kultur für überlegen halten – und sie argumentieren oft, dass die Frauen hier befreit seien, während sie in anderen Kulturen unterdrückt seien. Was denkst du über eine solche Haltung?

Bisi: Das Patriarchat dominiert die ganze Welt. Ich sah die Angelobung der neuen Regierung im Fernsehen an, und was sah ich da: Kaum eine Frau! Nur Männer mit grauen Haaren und in grauen Anzügen, die das Land regieren. Es liegt noch ein langer Weg vor uns, um die Gleichberechtigung der Frauen zu erreichen. Sicher, Frauen haben das Recht zu wählen, das Recht zu arbeiten, auf die Universität zu gehen und es gibt Dinge, die ich hier tun kann, aber in Afrika nicht tun könnte. Doch ich denke, dass die afrikanischen Völker so viele Kämpfe auszufechten haben: sie müssen die Auswirkungen des Kolonialismus bekämpfen, sie kämpfen um Nahrung und um die Verteilung des Reichtums, deshalb mag die Frauenbefreiung nicht erste Priorität haben.
Ich glaube aber, dass „feministische“ Bewegungen in Afrika oft von westlichen Feministinnen nicht beachtet werden. Sie sehen in den Afrikanerinnen Opfer von Beschneidung, übersehen aber, dass es viele Frauen in Afrika gibt, die für eine Abschaffung dieser Tradition kämpfen. Sie vergessen auch, dass in Europa ähnliche Traditionen geherrscht haben, wie z.B. der Keuschheitsgürtel im Mittelalter, der den weiblichen Sexualorganen auch großen Schaden zugefügt hat.In Afrika hat es immer starke und mutige Frauen gegeben, die sich gegen die Männerherrschaft gewehrt haben. Funmilayo Ransome Kuti, die Mutter des berühmten nigerianischen Musikers Fela Kuti, ist ein prominentes Beispiel. Sie hat bereits in den 1940er Jahren in Nigeria Frauengruppen aufgebaut, in einer Zeit lange vor dem Aufkommen des Feminismus in Europa. Sie wurde 1970 mit dem Lenin-Friedenspreis ausgezeichnet, ist aber außerhalb Afrikas kaum bekannt.

Theresa Bisi Lalemi (BscPsyHons; ADPC London),

Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots gesch├╝tzt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Übersetzung: Beate Wernegger

erschienen in: Talktogether Nr. 27/2009