Südafrika: Unerfüllte Träume PDF Drucken E-Mail

Unerfüllte Träume

Alexandra, Memeloid, Atteridgeville, Thokoza und Tembisa. Diese Namen haben Geschichte gemacht. Die staubigen Straßen dieser abgetrennten südafrikanischen Townships waren in den 1980er Jahren Schauplatz der unermüdlichen Rebellion junger Menschen gegen das verhasste rassistische Apartheid-Regime.

Dieses Jahr sind diese Namen wieder in die Schlagzeilen der Weltnachrichten geraten. Aber dieses Mal aus einem beschämenden Grund. Am 11. Mai brachen grauenvolle gewalttätige Übergriffe auf den Straßen von Alexandra aus. Die Opfer waren Menschen aus Zimbabwe, aus Mozambique, Burundi, Angola, Kongo, Äthiopien, Nigeria, Sudan, Somalia und Malawi. Innerhalb kurzer Zeit breitete sich der Pogrom auf die Townships und Slumsiedlungen rund um Johannesburg, Durban und Kapstadt aus.

Wütende Meuten attackierten, terrorisierten und jagten alle ImmigrantInnen, die sie finden konnten – egal ob es sich um Nachbarn oder den Ladeninhaber an der Ecke handelte – während andere zusahen und manche sogar jubelten. Die wütenden Horden machten nicht einmal vor Kindern und schwangeren Frauen halt und zerstörten und plünderten ihre Wohnungen. Laut Medienberichten wurden bis zum Ende des Monats 62 Menschen getötet, 670 verwundet und Zehntausende vertrieben. Mehr als 1400 Südafrikaner wurden wegen der Teilnahme an den Pogromen verhaftet.

Viele Menschen in Südafrika und auf der ganzen Welt, die vom mutigen und heldenhaften Kampf gegen das Apartheid-Regime inspiriert waren, fühlten einen stechenden Schmerz in ihrer Brust, als sie von diesen Vorfällen erfuhren. Sie fragen sich: Wie ist es möglich, dass sich die Orte, wo die Menschen einst von revolutionärer Begeisterung entflammt waren, in Schauplätze grauenhafter Gewalt verwandeln?

Südafrika unter dem Knüppel der Apartheid

Das Apartheid-System wurde 1948 eingeführt und war eines der grausamsten Kolonialregime der modernen Geschichte, das den kapitalistischen Ausbeutern höchste Profite sicherte. Unter der Herrschaft der weißen Siedler besaßen und kontrollierten 10 Prozent der Bevölkerung praktisch alles, während die Schwarzen systematisch all ihrer Menschen- und Bürgerrechte beraubt wurden: Sie wurden in abgegrenzte Townships und ländliche Bantustans verdrängt, die als verarmte Reservoirs für afrikanische Wanderarbeiter dienten, die die „weißen Zonen“ nur betreten durften, um zu arbeiten.

Die Wirtschaft war um den Export von Gold und Diamanten und anderer Minerale organisiert, die Autoproduktion und kommerzielle Landwirtschaft bedienten sowohl den Binnenmarkt als auch den Exportmarkt. Während die weißen Siedler einen Lebensstandard genossen, der mit Europa vergleichbar war, lebte die schwarze Bevölkerung meist in bitterer Armut. Die Firmen heuerten schwarze Arbeiter an, die oft hunderte Kilometer entfernt wohnten und in die Townships abwandern mussten. Diese ArbeiterInnen, die den Reichtum Südafrikas schufen, mussten in den Townships in Barackenlagern ohne fließendes Wasser, Strom oder Kanalisation hausen. Wenn sie in den „weißen Zonen“ ohne Papiere aufgegriffen wurden, wurden sie eingesperrt und in die Bantustans abgeschoben.

Doch die südafrikanische Bevölkerung verzehrte sich nach Befreiung. Anfang der 1990er Jahre hatte ihre Rebellion das Apartheid-Regime bis auf seine Grundmauern erschüttert. Auch die Versuche der Regierung, die Aufstände mit brutaler Gewalt nieder zu schlagen, konnten die Krise nicht mehr überwinden. Für die imperialistischen Investoren stellte das Land keinen sicheren und stabilen Platz mehr dar. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde das südafrikanische Regime auch strategisch für den Westen wertlos.

Der Fall des Apartheid-Regimes

Als das Apartheid-Regime die Unterstützung des Westens verlor, sah es sich gezwungen, Nelson Mandela, der 27 Jahre im Gefängnis verbracht hatte, in die Freiheit zu entlassen und mit dem ANC Verhandlungen aufzunehmen. 1994 war die schwarze Bevölkerung Südafrikas das erste Mal berechtigt zu wählen. Von der Presse als „tief greifender und viel versprechender“ Wandel zur Demokratie“ bejubelt, hat diese Wahl jedoch die Stellung Südafrikas als abhängigen Kolonialstaat faktisch nur verfestigt – in einer neuen Form und in demokratischem Gewand. Harmonie und nationale Versöhnung lautete die neue Botschaft, welche das Ziel hatte, die Unterschiede zwischen Unterdrückern und Unterdrückten zu verschleiern. Wenn Südafrika auch eines der brutalsten und rückständigsten Systeme der Herrschaft der Weißen los geworden ist, hat sich für die Bevölkerung nicht viel geändert. Der ANC-Regierung ist es zwar gelungen, eine schwarze Mittelschicht und ein paar schwarze Magnaten zu erschaffen, aber die tiefe Kluft in der Bevölkerung und und die bittere Armut der Mehrheit der Menschen blieben nicht nur bestehen, sondern nahmen sogar noch zu.

Ein Teil der herkömmlichen Weisheit hinter dem Programm des ANC ist die Ansicht, dass der Imperialismus weltweit so mächtig und so tief verwurzelt im herrschenden System ist, dass ein Entrinnen undenkbar und unrealistisch sei. Aber ist es realistisch zu erwarten, dass aus solch einer Situation etwas Gutes entspringen könnte? Und wie realistisch ist es zu hoffen, dass die tiefen ökonomischen, sozialen und politischen Probleme Südafrikas gelöst werden könnten, ohne dieses System zu bezwingen?

Immigration in Südafrika

Arbeitsmigration hat eine lange Geschichte in Südafrika, die mit der Entdeckung von Diamanten- und Goldvorkommen in den 1880er Jahren begann. Damals wurde ein Arbeitsvertragssystem eingeführt, das eine massive Einwanderungswelle zur Folge hatte. Die angrenzenden Länder wurden zu einem schier grenzenlosen Reservoir für verarmte billige Arbeitskräfte, die in den Minen um Johannesburg und Kimberly schonungslos ausgebeutet wurden. Im Gegenzug dazu wurden viele Staaten wirtschaftlich abhängig von diesem Arbeitstausch.

Nach dem Fall des Apartheid-Regimes hofften die SüdafrikanerInnen auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation. Doch ihre Erwartungen wurden bitter enttäuscht. Zwischen 1995 und 2000 sank das durchschnittliche Haushaltseinkommen für die arme schwarze Bevölkerung sogar noch um 19 Prozent, während das der Weißen und der Mittelschicht um 15 Prozent anwuchs. Doch während die Situation für den Großteil der Bevölkerung immer hoffnungsloser wurde, strömten immer mehr afrikanische ImmigrantInnen, die vor Hunger, Verfolgung und Krieg in ihren Heimatländern flohen, ins Land.

Die Situation auf dem afrikanischen Kontinent heute ist das Ergebnis von exzessiver Ausbeutung und Unterdrückung. Heute arbeiten die imperialistischen Mächte auf dem Kontinent mit unterschiedlichen Mitteln: von völliger Vernachlässigung bis zur rücksichtlosesten Ausbeutung oft mit der Hilfe von Bürgerkriegsarmeen, die von ihnen finanziert werden. Menschen, die verzweifelt versuchten, sich vor Völkermord und Hungersnöten in ihren Heimatländern zu retten, und vor allem viele, die vor der Unterdrückung von Mugabes Regierung in Zimbabwe geflüchtet waren, haben Zuflucht in Südafrika gesucht. Und diese Menschen, die mit der Hoffnung auf Frieden und Sicherheit gekommen waren, sind wieder Opfer der Gewalt geworden.

Enttäuschte Hoffnungen

Geleitet von der Vision von Freiheit und Gerechtigkeit trotzten die Menschen der brutalen Unterdrückungsmaschinerie des Apartheid-Regimes, während sie sich heute enttäuscht und machtlos fühlen. Die Aussagen jener, die an den Ausschreitungen teilgenommen haben, besagen, dass ihnen die ImmigrantInnen die Jobs oder Häuser weggenommen hätten, oder, die ImmigrantInnen seien kriminell. Klingen diese Aussagen nicht sehr bekannt? Die schrecklichen Ereignisse liefern uns eine Botschaft, nämlich die, wie wichtig es für die Menschen ist, Träume zu haben. Wir haben in der Geschichte bei verschiedenen Ereignissen erlebt, wie die Menschen über sich hinauswachsen können, wenn sie die Aussicht auf ein besseres Leben vor Augen haben. Wir haben gesehen, zu welchem Mut, zu welcher Kraft, Liebe und Selbstlosigkeit Menschen fähig sind, wenn sie für ein höheres Ziel kämpfen. Wir haben aber auch wieder einmal gesehen, zu welch gefährlicher Frustration es führt, wenn die Menschen diese Hoffnung verloren haben.

Globale Apartheid heute

Betrachten wir die globale Situation heute, können wir feststellen, dass die Apartheid immer noch lebendig ist. Während die BürgerInnen der reichen Länder dieser Erde, die Freiheit haben, grenzenlos zu reisen, vor allem aber die global agierenden Konzerne keine Grenzen akzeptieren, wurde ein neuer „eiserner Vorhang“ zwischen den reichen und den armen Ländern dieser Erde aufgebaut. Die Aussichtslosigkeit bringt täglich neue Menschen, die Ersparnisse ihrer Familien Schlepper zu übergeben und in unsichere Boote zu steigen, um den afrikanischen Kontinent zu verlassen und zu versuchen, nach Europa einzureisen. Dort kurbeln sie die Wirtschaft Europas neuerlich an, während ihre eigenen Länder in Resignation und Stagnation versinken. Wann wird es den Menschen in Afrika gelingen, aus diesem Kreislauf auszubrechen?

erschienen in: Talktogether Nr. 26/2008