Italienisch-somalische Freundschaften PDF Drucken E-Mail

Italienisch-somalische Freundschaften

In der Geschichte sind die Beziehungen zwischen Italien und Somalia vom Verhältnis von Kolonialherren und Kolonialisierten geprägt. Doch das ist die politische Ebene. Auf der anderen Ebene gibt es in keinem anderen europäischen Land so viele freundschaftliche Beziehungen mit Somalia und der somalischen Kultur wie bei der italienischen Bevölkerung.

Ayuub, ein Dorf jenseits der Mauern

Als die Warlords nach dem Zusammenbruch des Regimes von Siad Barre einen blutigen und bis heute andauernden Kampf um die Vorherrschaft begannen, waren die Straßen der Hafenstadt Merka überfüllt von verlassenen Frauen und Kindern, die vor Krieg und Hunger flohen. Die 1953 geborene Mana Sultan Abdirahmaan, Tochter des letzten Sultans der Stadt, öffnete ihnen die Türen ihres Hauses. Zu den Geborgenen gehörte auch der kleine Ayuub, der neben der Leiche seiner vor Tagen verstorbenen jungen Mutter aufgefunden wurde. Nach ihm wurde später das Dorf in der Nähe der Stadt benannt, das nach dem Modell der österreichischen SOS-Kinderdörfer errichtet wurde, um den Mitgliedern der Gemeinschaft Schutz und Unterhalt zu bieten.

In ihrem unermüdlichen Einsatz wurde Mana Sultan vom Trentiner Geologen und Priester Elio Sommavilla unterstützt, der Somalia schon vor vielen Jahren zu seiner zweiten Heimat auserkoren hatte. 1976 war der Geologieprofessor mit einem Lehrauftrag nach Mogadischu gekommen, um an der dortigen Universität zu unterrichten. Dort hatte er zusammen mit jungen Somalis Projekte zur Wasserbeschaffung in Angriff genommen. Mit einfachen Techniken und unter Beachtung der Traditionen des Landes suchte er nach Wasser, ohne das bestehende fragile Wasserversorgungssystem zu stören oder zu beinträchtigen.

Das Dorf Ayuub wuchs schnell und die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Schutz, vor allem aber die Hoffnung auf eine bessere Zukunft brauchten, stieg zusehends. Um ihnen Bildung und eine berufliche Ausbildung zu ermöglichen, wurden mehrere Schulen, eine Berufsschule und Werkstätten im gesamten Distrikt gebaut und eröffnet. Dass die Schülerinnen bis heute in der Mehrzahl sind, zeigt, um welch innovatives, ja revolutionäres Projekt es sich dabei handelt.

Um die wachsende Einwohnerzahl zu ernähren, wurden 300 km Bewässerungskanäle wieder in Stand gesetzt. Das Dorf Ayuub, das in der Wüste erbaut wurde, ist heute eine Grünzone mit Gemüsegärten, Blumen, Bäumen und einem kleinen Wald, der zur Holzproduktion dient und in dem Futtermittel für die Ziegen und Kühe produziert werden, die die Gemeinschaft auf genossenschaftlicher Basis züchtet. Seit sechs Jahren hat das Dorf Ayuub eine demokratische Verwaltung. Damit versucht man, die in der somalischen Gesellschaft tief verankerten Klüfte zwischen den Clans und ethnischen Gruppen zu überbrücken.

Als Mana am 14. Dezember 2007 völlig unerwartet im Alter von nur 54 Jahren starb, beschlossen ihre Mitarbeiter, das Projekt weiter zu führen, wobei sie neue Herausforderungen zu meistern hatten, da immer  neue Flüchtlinge aus Mogadischu eintrafen. Die lange und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der Muslimin Mana Sultan und dem katholischen Priester Elio Sommavilla wurde dadurch jäh unterbrochen. Das Dorf Ayuub aber bleibt weiterhin für Männer und Frauen ein Ort der Hoffnung auf Frieden und Gemeinschaft auch unter schwierigsten Bedingungen: trotz des Krieges und gegen den Krieg!

Xoriyad – Freiheit!

Unter dem Slogan „Xoriyad“, dem somalischen Wort für Freiheit, stand die diesjährige Euromediterranea, die Verleihung des Internationalen Preises der Alexander-Langer-Stifung in Bozen/Südtirol, zu der das Talk Together Team mit Freunden eingeladen war. Der Preis der Stiftung wurde heuer an das Projekt „Water for life – Acqua per la vita“, ein Bewässerungsprojekt in Ayuub, Somalia verliehen. Doch das Fest wurde von einem schrecklichen Ereignis überschattet, der Entführung von drei leitenden MitarbeiterInnen des Projekts, darunter Faduma, die Schwester der verstorbenen Gründerin des Dorfes, Mana Sultan Abdurahman, die auf dem Weg zum Flughafen Mogadischu waren, um an der Preisverleihung teilzunehmen.

Trotz dieser erschütternden Nachricht beschlossen die OrganisatorInnen der Preisverleihung, das Fest dennoch stattfinden zu lassen und damit ein Zeichen zu geben, dass der Wille, eine friedliche und gerechte Zukunft zu schaffen, auch durch Verbrechen und Gewalt nicht aufgehalten werden können.

„Xoriyad“ stand auf den bedruckten T-Shirts, welche die OrganisatorInnen des Festes in letzter Minute drucken ließen, um die Freilassung der Entführten zu fordern. Ebenso lautete der Titel eines kleinen somalischen Liedes, das von den Gästen aus Österreich spontan komponiert wurde.

Neben zahlreichen Ansprachen und Workshops in Bozen, Salurn und Trient beeindruckte vor allem der Auftritt der italienischen Weltmusikgruppe „Irdo Furan“, die auch fünf somalische Lieder in ihrem Repertoire hatte, die sie bei einem zweiwöchigen Aufenthalt in Hargeysa, Nordsomalia, zusammen mit somalischen Musikern einstudiert hatte.

Quelle: www.alexanderlanger.org

erschienen in: Talktogether Nr. 25/2008