Gespräch mit Beriwan aus Kurdistan PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Beriwan* aus Kurdistan (Türkei)

„Ich wünsche mir, dass AsylwerberInnen in Österreich von den Behörden nicht
so viele Hindernisse in den Weg gelegt werden ...“

*Name wurde von der Redaktion geändert

TALK TOGETHER: „Wie lange lebst du mit deiner Familie schon in Österreich?"

Beriwan: „Ich lebe seit 1991 in Salzburg.“

TALK TOGETHER: „Wie war deine Kindheit in der Türkei?“

Beriwan: „Ich wurde im türkischen Teil von Kurdistan in einem Dorf in der Nähe der Stadt Malatya geboren. Meine Familie hatte keinen Besitz und war sehr arm. Vater, Mutter und Kinder haben alle auf den Feldern eines Großgrundbesitzers gearbeitet. Zwei Jahre lang bin ich im Dorf in die Schule gegangen. Es war sehr schwer für mich, denn in meiner Familie wurde kurdisch gesprochen, meine Eltern konnten kaum türkisch. In der Schule wird aber nur in türkisch unterrichtet und ich musste türkisch lernen. Leider habe ich inzwischen die kurdische Sprache fast verlernt, denn in der Türkei darf man in der Öffentlichkeit weder kurdisch sprechen noch schreiben und die Sprache darf nicht unterrichtet werden. Wenn einem in der Schule ein kurdisches Wort herausrutschte, wurde man bestraft, man musste eine Stunde auf einem Bein stehen und wurde mit einem Stock auf die Finger geschlagen. Man fängt an, sich zu schämen und Angst zu haben, seine eigene Muttersprache zu sprechen. Wenn ich besser kurdisch könnte, würde ich auch meine Kinder die kurdische Sprache lehren.

Wir sind dann nach Malatya gezogen. Meine Mutter hat weiterhin auf den Feldern gearbeitet. Die Frauen wurden um 7 Uhr in der Früh von einem Lastwagen abgeholt und mussten bis es am Abend dunkel wird, das waren 10-12 Stunden, oft in der schlimmsten Hitze arbeiten. Und das Geld, das sie dafür bekam, reichte nicht einmal, die Familie mit Essen zu versorgen. Ich fing in Malatya mit der dritten Klasse an. Aber ich konnte nicht genug türkisch und ich hatte Angst vor meiner Lehrerin, die die Kinder schlug, bis sie aus der Nase bluteten. Jeden Tag in der Früh mussten wir stramm stehen und einen Spruch aufsagen: „Ich bin eine richtige Türkin, ich bin ehrlich und fleißig,...“ Ich verstand nicht, warum ich als Kurdin so etwas sagen musste. Ich wollte nicht mehr in die Schule gehen. Mit neun Jahren hörte ich mit der Schule auf und bin dann mit meiner Mutter aufs Feld zum Arbeiten gegangen. Die Arbeit war sehr hart, zum Spielen hatte ich überhaupt keine Zeit mehr. Ich bin sehr froh, dass es meinen Kindern heute besser geht.“

TALK TOGETHER: „Welche Probleme gab es in der Türkei?“

Beriwan: „Nachdem ich geheiratet hatte, blieb ich in Malatya, wo mein Mann als Schuster arbeitete und bekam zwei Töchter. Da wir wenig Geld hatten, wollte ich auch gerne arbeiten, aber es gab keine Arbeit für mich. In Malatya wurden alle Kurden ständig von den Soldaten kontrolliert und ihre Wohnungen durchsucht. Jeder Kurde und jede Kurdin war von vornherein verdächtig, die Guerilla zu unterstützen, ihnen Unterschlupf zu gewähren oder Essen zu geben. Ich hätte die Freiheitskämpfer auch gerne unterstützt, aber da wir so arm waren, konnten wir ihnen gar nichts geben. In den Dörfern war es noch viel schlimmer. Die Soldaten kamen und nahmen willkürlich junge Menschen mit, um sie zu verhören. Die sind aber niemals wieder zurückgekommen. Sie waren einfach verschwunden und ihre Familien wurden nicht einmal informiert, was mit ihnen geschehen war. Viele junge Frauen wurden von den Soldaten vergewaltigt. Aus meinem Heimatdorf sind heute fast alle ehemaligen Bewohner weggegangen. Viele Dörfer wurden umbenannt und bekamen türkische Namen.

Weil wir die Schikanen nicht mehr aushalten konnten, gingen wir von Malatya weg nach Istanbul, wo wir uns in der Anonymität der Großstadt etwas sicherer fühlten. Viele Menschen, die aus ihren Dörfern geflüchtet waren, leben in den Elends­vierteln in Istanbul, wo sie ohne Genehmigung Hütten bauen. Auch wir lebten illegal in so einer Hütte. Dort waren so viele Ratten, so dass ich ständig Angst hatte, dass sie meine Kinder beißen würden. In Istanbul wurde mein Sohn geboren. Weil wir in der Türkei immer unterdrückt waren und keine Rechte hatten, flüchteten wir nach Österreich. Wir dachten, dass es in Europa mehr Freiheit und Menschenrechte gibt. Ich wollte nach Österreich, denn ich hatte gehört, dass Österreich noch sozialer wäre, als andere Länder wie Deutschland oder Italien.“

TALK TOGETHER: „Wie ist deine Situation in Österreich?“

Beriwan: „Materiell geht es mir in Österreich im Vergleich zur Türkei viel besser und ich habe jetzt Arbeit. Aber als Asylwerberin habe ich auch hier sehr wenige Rechte. Obwohl ich schon fast 12 Jahre hier lebe, habe ich noch immer keine richtige Aufenthaltsgenehmigung. Ich habe das Gefühl, dass KurdInnen auch in Österreich benachteiligt werden. Ich kenne fast keine Leute aus der Türkei, die als Flüchtlinge anerkannt worden sind. Die österreichische Regierung verschließt die Augen vor dem, was in der Türkei passiert. Ich bin gerne in Österreich und ich möchte hier bleiben. Meine Kinder sind hier aufgewachsen, meine jüngste Tochter ist hier geboren und sie sprechen Deutsch wie ihre Muttersprache. Sie fühlen sich als ÖsterreicherInnen und können sich überhaupt nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Da niemand in unserer Familie einen Pass hat, waren wir seit 12 Jahren in keinem anderen Land.

Ich habe mich acht Jahre vergeblich um eine Arbeitserlaubnis bemüht. Mein Mann hatte Arbeit, verdiente aber sehr wenig. Meine Anträge auf Arbeitsgenehmigung wurden vom Arbeitsamt abge­lehnt mit der Begründung, dass ich am selben Tag wie mein Mann nach Österreich eingereist bin. Was soll das bedeuten? Will der österreichische Staat, dass die Frauen von ihren Ehemännern abhängig sind? Dann habe ich es zum Glück geschafft, dass eine Firma für mich eine Arbeitsgenehmigung beantragte. Jetzt arbeite ich in einer Reinigungs­firma, wir sind fast alle Ausländerinnen. Wir werden ständig unter Druck gesetzt, mehr Arbeit in kürzerer Zeit zu verrichten, verdienen aber sehr wenig. Viele Frauen haben Angst, die Arbeit zu verlieren. Wenn die Arbeitsgenehmigung von der Firma abhängt, ist man leicht erpressbar. Es gibt keinen Betriebsrat, der sich für die Rechte der Arbeiterinnen einsetzt, weil wir Nicht-EU-BürgerInnen nicht kandidieren dürfen. Die Firma nützt diese rechtliche Ungleichstellung aus, um die Arbeiterinnen ungehindert auszubeu­ten.“

TALK TOGETHER: „Was wünschst du dir für die Menschen in der Türkei?“

Beriwan: „Wenn die Leute in der Türkei für ihre Rechte kämpfen, z.B. wenn Studenten eine Demonstration machen, werden sie ohne Grund von der Polizei verhaftet. Es gibt keine Demokratie. Viele Menschen sind bitter arm und haben nicht genug zum Essen. Alle Minderheiten, d.h. Menschen, die eine andere Religion haben oder eine andere Sprache sprechen, werden unterdrückt. Das macht mich sehr traurig. Ich wünsche mir, dass es in der Türkei Demokratie gibt, die Menschenrechte geachtet werden und die Menschen der verschiedenen Nationalitäten friedlich und mit gegenseitigen Respekt zusammenleben können.“

TALK TOGETHER: „Was wünschst du dir in Österreich?“

Beriwan: „Ich wünsche mir, dass alle Menschen, die in Österreich bleiben wollen und vor allem die Flüchtlinge und AsylwerberInnen die Staatsbürger­schaft leichter bekommen können. Für mich wünsche ich, dass ich in die Türkei fahren könnte um meine Verwandten zu besuchen. Jetzt kann ich nicht mal nach über die Grenze nach Deutschland fahren. Besonders leiden meine Kinder an dieser Situation, weil sie nicht an Klassenfahrten teilnehmen können. Ich wünsche mir, dass AsylwerberInnen in Österreich von den Behörden nicht so viele Hindernisse in den Weg gelegt werden und sie die Rechte bekommen, die für ein menschenwürdiges Leben notwendig sind.“

TALK TOGETHER: „Danke für das Gespräch!“

erschienen in: Talktogether Nr. 1/2003