Palästina: Erinnerung an Rachel Corrie PDF Drucken E-Mail

 Mein Name ist Rachel Corrie

Am 16. März 2003 starb die 23-jährige amerikanische Friedensaktivistin Rachel Corrie in Rafah, Gazastreifen, als sie versuchte, israelische Armee-Bulldozer davon abzuhalten, ein palästinensisches Heim zu zerstören. Weil Rachel es nicht mehr ertragen konnte, der täglichen Gewalt und Ungerechtigkeit tatenlos zuzusehen, hat sie ihre Heimatstadt Olympia in den USA verlassen und sich einer Gruppe Freiwilliger von der „Internationalen Solidaritätsbewegung“ angeschlossen um nach Palästina zu reisen. Gemeinsam mit anderen „Internationalen“ beteiligte sie sich an gewaltlosen Widerstandsaktionen gegen die Angriffe der israelischen Besatzungsarmee. Einige Monate verbrachte sie in Rafah, im südlichen Gaza-Streifen, wo sie bei einer palästinensischen Familie lebte.

Am 16. März 2003 setzte sich Rachel mit anderen AktivistInnen vor ein Haus, dass ein israelischer Bulldozer niederreißen wollte. Der Augenzeuge Joseph Smith konnte beobachten, wie die 23-jährige Rachel ermordet wurde. Er gab an, dass der Fahrer des Bulldozers Rachel deutlich sehen konnte, dennoch habe er mit dem Abriss des Hauses weitergemacht. Er habe Sand und schwere Trümmerteile auf die junge Frau gehäuft, sie anschließend zu Boden geworfen und sei dann einfach über sie hinweg gefahren. Dabei wurden Rachel beide Arme, Beine sowie der Schädel gebrochen. Man brachte sie ins Krankenhaus, wo sie später starb. Für die israelische Armee handelte es sich um „einen bedauerlichen Unfall“. Doch Vorfälle dieser Art ereignen sich im besetzten Palästina Tag für Tag. Zur selben Zeit, als Rachel starb, wurden im Nusseirat-Flüchtlingslager sechs PalästinenserInnen von israelischen Panzern getötet, darunter ein zweijähriges Mädchen.

Aus den E-mail-Botschaften, die Rachel an ihre Familie nach Hause schickte, haben Künstler das Theaterstück „My Name is Rachel Corrie geschrieben, das erfolgreich in London aufgeführt wurde. In New York wurde dieses Stück aber bereits vor der Premiere abgesetzt. Offenbar hatte man Angst vor einer kritischen Auseinandersetzung.


 

Auszüge aus Rachels E-mails an ihre Familie und Freunde:

7. Februar 2003:

Ich bin jetzt 14 Tage und eine Stunde in Palästina und ich habe noch immer kaum Worte gefunden, um zu beschreiben, was ich sehe. Es ist sehr schwierig für mich, darüber nachzudenken, was hier abläuft, wenn ich einen Brief in die USA schreibe.... Ich weiß nicht, ob viele Kinder hier jemals ohne Raketen-Löcher in den Wänden ihrer Wohnungen gelebt haben und ohne Türme einer Besatzungsarmee, die sie ständig aus nächster Nähe beobachtet. Ich denke, bin mir aber nicht ganz sicher, dass selbst die kleinsten Kinder begreifen, dass das Leben nicht überall so ist. (...)

Dennoch, weder das Lesen, noch die Teilnahme an Konferenzen, das Ansehen von Dokumentarfilmen oder irgendeine Erzählung hätten mich auf die Realität dieser Situation vorbereiten können. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, bis man es selbst erlebt - und selbst dann erkennt man, dass die eigene Erfahrung nicht die ganze Realität ist: mit welchen Schwierigkeiten wären israelische Soldaten konfrontiert, wenn sie eine unbewaffnete US-Bürgerin erschießen, die Tatsache, dass ich Geld habe, um mir Wasser zu kaufen, wenn die Armee Brunnen zerstört, und vor allem dass ich die Option habe, abzureisen. Keiner in meiner Familie ist in meiner Heimatstadt bei der Fahrt zur Arbeit oder zur Schule von einer Rakete getötet worden. Ich habe ein Heim. Mir ist es erlaubt, das Meer zu sehen. Wenn ich zur Schule oder in die Arbeit aufbreche, kann ich relativ sicher sein, dass kein schwer bewaffneter Soldat zwischen Mud Bay und dem Stadtzentrum von Olympia auf mich wartet, mit der Macht zu entscheiden, ob ich meinen Geschäften nachgehen darf oder nicht, und ob ich danach wieder nach Hause darf. (…) Ich bin ich hier in Rafah, einer Stadt mit ca. 140.000 Einwohnern, von denen an die 60 Prozent Flüchtlinge sind - viele von ihnen schon zum zweiten oder dritten Mal.


20. Februar 2003 an ihre Mutter:

Nun hat die israelische Armee die Straße nach Gaza blockiert, beide Checkpoints sind zu. Das heißt, die StudentInnen können sich nicht für das nächte Semester auf der Universität inskribieren. Die Leute können nicht zu ihrer Arbeitsstelle, und die, die auf der anderen Seite gefangen sind, nicht nach Hause. „Die Internationalen“, die morgen ein Meeting in den West Banks haben, können dort nicht hin. Vielleicht könnten wir versuchen, die Privilegien der Weißen auszunützen, um unser Ziel zu erreichen, doch damit würden wir eine Festnahme und Abschiebung riskieren, auch wenn wir nichts Illegales getan haben. (...) Hier gibt es ein paar nette Menschen, die sich um mich kümmern. Ich habe eine Grippe eingefangen und bekomme heißen Tee mit Zitrone. Die Frau, die den Schlüssel zum Bunker hat, wo wir noch immer schlafen, fragt mich oft nach dir. Sie spricht kein einziges Wort Englisch, doch sie fragt mich ständig nach dir, damit ich nicht vergesse, dich anzurufen.


27. Februar 2003 an ihre Mutter:

Ich musste viel darüber nachdenken, was du am Telefon gesagt hast, dass Gewalt den Palästinensern in ihrer Situation nicht hilft. 60.000 Menschen haben vor zwei Jahren in Israel gearbeitet, heute dürfen nur mehr 600 zu ihrem Job nach Isreal. Viele von denen mussten umziehen, weil die Strecke, für die sie früher 40 Minuten brauchten, heute eine Reise von 12 Stunden mit drei Checkpoint-Kontrollen bedeutet. Zusätzlich sind alle Grundlagen für die Wirtschaft völlig zerstört, der internationale Flughafen (Landebahnen zerstört, geschlossen), die Grenze nach Ägypten (ein gigantischer israelischer Wachturm blockiert den Übergang), der Zugang zum Meer (durch einen Checkpoint und die Gush-Katif-Siedlung komplett abgeriegelt). Die Zahl der Wohnungen, die in Rafah zerstört wurden, beträgt 600, großteils von Menschen, die mit dem Widerstand überhaupt nichts zu tun hatten und nur zufällig an der Grenze wohnten. Vielleicht ist es inzwischen schon offiziell, dass Rafah der ärmste Ort der Welt ist. Früher gab es eine Mittelklasse hier - früher. Wir haben gehört, dass in der Vergangenheit Blumenlieferungen nach Europa zwei Wochen lang aufgehalten wurde. Kannst du dir den Wert von zwei Wochen alten Blumen auf dem europäischen Markt vorstellen? Dann kamen die Bulldozer und machten Gemüsefarmen und Gärten dem Erdboden gleich. Was bleibt für die Menschen übrig? Sag mir, wenn dir etwas einfällt, mir nicht.

Wenn einem von uns Lebensquellen und Wohlstand völlig abgewürgt würden, wenn wir mit unseren Kindern in einem untergehenden Ort leben und damit rechnen müssten, dass jeden Moment Panzer und Bulldozer kommen und alle Glashäuser zerstören, während einige von uns geschlagen und für viele Stunden eingesperrt werden - glaubst du nicht, dass wir versuchen würden, zu allen Mitteln zu greifen, die uns zur Verfügung stehen, um zu schützen, was übrig geblieben ist? Ich denke besonders an dich, wenn ich die Gemüsegärten, Obstbäume und Glashäuser -  die Arbeit und Pflege von Jahren - vernichtet sehe? Ich denke an dich und wie lange es dauert, bis die Pflanzen wachsen und wieviel Arbeit und Liebe man hineinsteckt. Ich glaube, dass sich in einer ähnlichen Situation, die meisten Leute verteidigen würden, so gut sie können. Ich glaube, Onkel Craig würde es tun. Ich glaube Großmutter, würde es tun. Ich glaube, ich auch. (...)

Wenn ich von Palästina zurückkomme, werde ich wahrscheinlich Alpträume haben und mich ständig schuldig fühlen, nicht hier zu sein, aber ich kann das in mehr Arbeit kanalisieren. Hierher zu kommen war eines der besten Dinge, die ich jemals getan habe. Wenn ich verrückt klinge, oder wenn das israelische Militär mit ihrer rassistischen Ideologie brechen und aufhören würde, weiße Menschen zu verschonen, dann denke daran, dass ich mich hier mitten in einem Völkermord befinde, den ich auch indirekt mittrage, und für den meine Regierung zum großen Teil verantwortlich ist.


27. Februar 2003 an ihre Mutter:

Kürzlich erteilte mir Großmutter eine pantomimische Arabisch-Lektion, die aus Blasen und Deuten auf ihren schwarzen Schal bestand. Ich bat Nidal, ihr zu übersetzen, dass meine Mutter zweifellos dankbar wäre, wenn sie wüsste, dass mir hier jemand einen Vortrag darüber hält, wie das Rauchen meine Lungen schwarz färbt.(...) Nidals Englisch wird jeden Tag besser. Er nennt mich "meine Schwester". Er lehrt nun seine Großmutter, wie man auf Englisch sagt "Hello. How are you?" Man kann die Panzer und Bulldozer ständig vorbeifahren hören, trotzdem sind all diese Menschen aufrichtig freundlich zueinander und zu mir. (...) Ich bin immer wieder erstaunt, dass die Menschen hier die Kraft haben, ihre Menschlichkeit - Lachen, Großzügigkeit und Familienleben - gegen den unglaublichen Horror zu verteidigen, der ihr ständiger Begleiter ist. Heute früh fühle ich mich besser. Ich verbrachte viel Zeit mit Schreiben, über die Erkenntnis, zu welcher Gemeinheit wir Menschen fähig sind. Ich habe aber auch entdeckt, dass die Menschen auch in der scheußlichsten Situation fähig sind, ihre Menschlichkeit bewahren. Ich glaube, das Wort ist Würde. Ich wünschte, du könntest diese Menschen kennenlernen. Vielleicht, hoffentlich, wirst du das eines Tages. (...) Ich hoffe, dass ich einen palästinensischen Staat oder einen demokratischen israelisch-palästinensischen Staat erleben werde. Ich glaube, dass die Freiheit für das palästinensische Volk eine unglaubliche Hoffnung für alle kämpfenden Menschen auf der Welt sein würde. Ich glaube auch, dass dies eine unglaubliche Inspiration für alle arabischen Menschen im Nahen Osten sein könnte, die unter undemokratischen von den USA unterstützten Regimes leiden. Ich hoffe darauf, dass eine zunehmende Zahl von Menschen aus der Mittelklasse wie du und ich, die Strukturen erkennen, die unsere Privilegien schützen, und beginnen die Arbeit derer zu unterstützen, die nicht privilegiert sind, um diese Strukturen zu entlarven.

erschienen in: Talktogether Nr. 18/2006