Eindrücke einer Afrikareise PDF Drucken E-Mail

Von Abènè bis Dakar

Eindrücke einer Afrikareise von Michaela Sturmayr

Manchmal wünscht man sich mehr, mehr an Erfahrungen fernab unserer Alltäglichkeit. Darum Afrika zum Kennenlernen, Erleben, Spüren, Schmecken, Riechen. Wie fühlt sich so etwas ganz anderes an, bestätigen sich Vorstellungen, Vorurteile und erworbenes „Wissen“? „Da unten“ begegnen Euch Schmutz, Krankheiten, Elend und Kriminalität, warum nicht Griechenland, sind wohlgemeinte Ratschläge und Vermutungen, die unsere Reisevorbereitungen begleiten.

Dann tauchen wir ein in eine Welt, anders, anziehend und befremdend zugleich. Gambia, Banjul Airport, 10 Euro für die touristische Entwicklung des Landes, werden pro Ankommenden lautstark verlangt. Daran schließt sich die emsige wie auch zahlreiche Hilfe der Taxifahrer, die sich um die Fahrgäste bemühen. Eigeninitiative ist angesagt, will man nicht für jeden Handgriff bezahlen. Hinaus in die Nacht, die Einsamkeit der Straßen wird durch die Aktivitäten der Menschen unterbrochen: Lagerfeuer, Essen kochen, kleine Läden mit Petroleumlampen erhellt. Wir fühlen uns, als hätte eine Zeitmaschine das Jahrhundert gewechselt. Das Hotel soll nur für eine Nacht Quartier sein, wir wollen Afrika so richtig erleben, mit Rucksack, privaten Kontakten und vor allem hautnah. Es lässt uns aber gleich spüren, dass Komfort für uns zu selbstverständlich geworden ist. Um Mitternacht treiben uns Hunger und Durst auf die Strasse. Ein Krämer nimmt unsere Dollar nicht, und eine Tankstelle kann uns nur mit einem Malzgetränk aushelfen. Am nächsten Tag lernen wir die sprichwörtliche Gelassenheit der AfrikanerInnen kennen, das Wechseln unserer Reiseschecks auf der Bank dauert fast zwei Stunden. Dafür entschädigt der größte Markt in der Stadt für alle Mühen. Fremde Gewürze, Gerüche, verschlungene Gassen, wir lassen uns führen und fühlen uns wie Anfänger.

Die Garage hat nichts mit seinem europäischen Namensvetter gleich und dient als Sammelplatz für Taxis. Von dort aus wollen wir unsere Expedition beginnen. Die Strassen entpuppen sich selbst für Einheimische Lenker als Herausforderung, sandige Dschungelwege als abwechslungsreiche Alternative. Die ersten Termitenhügel lassen uns wissen, wir sind mitten drinnen im Abenteuer. Wir passieren Dörfer, Polizeikontrollen und Militärstützpunkte, wir haben die Grenze zum Senegal passiert und sind mittendrin im Rebellenland. Die Casamance, flussreiche Region im Süden des Landes, kämpfte Mitte der 1990er um ihre Unabhängigkeit, die besiegten Rebellen scheuen eine Rückkehr in ihre Dörfer. Seit der blutigen Niederschlagung der Freiheitsbewegung ziehen ihre Akteure plündernd durchs Land.

Endlich sind wir am Ziel unserer kurzen Reise, Abènè, ein Fischerdorf am Atlantik, weitab uns bekannter Zivilisation. Die ersten Minuten dämpfen unsere Euphorie, schilfbedeckte Lehmhütten und fehlende Stromleitungen lassen eine Frage wie eine Regenwolke über unseren Köpfen schweben: „Wie werden wir hier die nächsten drei Wochen leben?“

Die nächsten Tage machen uns behutsam bekannt mit den Alltäglichkeiten und Traditionen unserer neuen Freunde. Fisch, Reis und Gemüse, schon lange nicht mehr haben wir uns so gesund ernährt, Kerzenlicht ist romantisch und Wasserholen aus dem tiefen Brunnen kein Kinderspiel. Duschen im Freien ist ein Erlebnis für die Sinne und das Loch im Boden ein täglicher Kampf mit Gerüchen und Fliegen. Bin ich so verwöhnt oder wirklich an der Grenze meiner Belastbarkeit? Mein Körper wartet eine Antwort nicht ab und verweigert für die erste Zeit seine Verdauungsfunktionen.

Bald schon schließen wir Kontakte und werden umringt von jungen Menschen, die ihr Wissen über Europa auffrischen und neue Erkenntnisse erwerben wollen. Ein neues Leben im „gelobten“ Land, dort, wo es Arbeit gibt, und die Straßen aus Gold sind. Visa und die Flucht nach Europa sind zentrales Thema vieler AfrikanerInnen, und wir fühlen uns zur Aufklärung verpflichtet. Unsere Berichte von Arbeitslosigkeit, Rassismus, Inhaftierungen und Abschiebungen stoßen teils auf Ungläubigkeit oder lassen Träume zerbrechen. Es wird uns schwer ums Herz angesichts dieser Fakten, und wir suchen Ablenkung am Strand. Wenngleich der kalte Atlantik selten zum Schwimmen einlädt, so zaubern uns die „badenden“ Kühe wieder ein Lächeln ins Gesicht. Bunte Tiere mit imposanten Hörnern suchen Abkühlung im Wasser und genießen die Brise.

Bald schon sind wir ein Teil des Dorfes und unserer Erkundungen sind nicht mehr von Horden junger Leute begleitet. Gerne aber sitzen wir zusammen auf der Terrasse unseres Bungalows (aus Stein mit Schilf- und Wellblechdach) und tauschen Erfahrungen aus. Wir machen bei einem Batikworkshop mit und lassen uns neue Kleider schneidern aus wunderschönen Stoffen mit kraftvollen Farben. Mittlerweile läuft die tägliche Speisefolge nach dem immer gleichen Schema ab. Morgens Weißbrot mit Streichkäse und Tomaten, mittags Reis und Fisch und abends süße Bällchen (vergleichbar mit gebackenen Mäusen). Gekocht und gegessen wird draußen, zusammen sitzend und redend, schon bald können wir uns ein anderes Leben nicht mehr vorstellen. Alles spielt sich im Freien ab, drinnen wird nur geschlafen, das Klima würde auch nichts anderes erwarten. Weiters besuchen wir zwei Konzerte, einmal für Einheimische und einmal für Touristen. Ersteres bringt uns richtig in Stimmung und das zweite lehrt uns einiges über die Afrikanische Kultur.

Doch nicht alles ist so romantisch, wie es scheint. Am Weg zum Meer müssen wir immer ein ausgetrocknetes Flussbett passieren, wo die Kleider der Verstorbenen warten, vom Regen ins Meer gespült zu werden. Malaria, Cholera, Aids und andere Krankheiten fordern ihren Tribut. Besonders in der Regenzeit (Mai bis September) ist das Leben für die Menschen hier sehr hart. Jugendarbeitslosigkeit und Armut nähren die Träume der Jungen und enden nicht selten in den Fluten vor Spanien.

Nach eineinhalb Wochen reißt uns die Abenteuerlust aus der Beschaulichkeit des Dorfes. Wollten wir nicht mehr, vor allem neue Eindrücke gewinnen? Auf nach Dakar, die Hauptstadt des Senegal. Die ganze Zeit wollen wir doch nicht im Dorf bleiben. Von Abènè im Morgengrauen mit dem Taxi nach Ziguinchor, wo in der Garage die Überlandtaxis warten. Dort werden wir umringt von fliegenden Händlern, Fahrern und bettelnden Kindern. Vor allem die großen, dunklen Augen der Kleinen sollen mich noch über den Urlaub hinaus begleiten. Gut dass wir nicht mehr nur zu zweit sind, mit anderen Reisenden zusammen klappt das Preisfeilschen gleich viel besser. Wenngleich zwei Frauen alleine hier nichts Ungewöhnliches sind. Weibliche Händlerinnen sind oft alleine unterwegs. An die ehemalige französische Kolonie erinnern nicht nur die Amtssprache, sondern auch die unzähligen Peugeots, die hier eingesetzt werden. Diese sind meist Kombis und fahren erst los, wenn der letzte Platz verkauft ist. Eingeengt sitzen wir zwischen den anderen Fahrgästen und wünschen uns Flügel. Wieder sind die Strassen nur teilweise oder gar nicht vorhanden, und nicht selten wird erst kurz vor dem Passieren Sand in ein Loch geschüttet. Wir entdecken Affen in den Bäumen und Berge aus Erdnüssen. Die endlose Savanne gibt plötzlich den Blick frei auf weiße Buckelrinder und seltene Vogelarten.

Wir kaufen entgegen besseren Wissens Sandwichs an der Strasse, weil wir uns schon so einheimisch fühlen. Bald schon sollen wir eines Besseren belehrt werden. Wir erreichen Dakar in der Nacht und verbringen die nächsten Tage im Zimmer. Mich retten ein paar Schlucke Whisky vor dem Schlimmsten, meine Begleitung kann nichts mehr bei sich behalten. Zum Glück macht sich bald die große Medikamententasche bezahlt. Wieder zu Hause erfuhren wir, dass sie wahrscheinlich eine Fleischvergiftung hatte.

Doch bis dahin gibt es noch viel zum sehen, erleben, erfühlen und besichtigen. Dakar hat einen eigenen Charme, eine Großstadt nach europäischen Vorstellungen sucht man vergeblich. Wieder locken uns Märkte, fliegende Händler und exotische Gewürze. Manchmal wird uns fast die Luft abgedrückt, so werden wir bedrängt. Doch eines wiederholt sich immer wieder: Die Menschen hier sind hilfsbereit, freundlich und wissbegierig, nie sind wir in Gefahr, nie werden wir ausgeraubt, immer höflich behandelt. Wie wiederum gehen wir mit diesen Menschen um, ich bin oftmals beschämt und traurig. Wir wechseln das Quartier und wohnen nun im „Village des Arts“, einer richtigen Künstlerkolonie. Die nächste Zeit verbringen wir mit Malen und Besichtigungen, ach, hier könnten wir noch länger bleiben!

Île de Gorée, die Insel ist ein malerisches Kleinod mit schwerer Vergangenheit. Im „Maison des Esclaves“ wurden die Sklaven vor ihrer Verschiffung nach Amerika gefangen gehalten. In den Kellerverliesen meint man noch die Stimmen der Verlore­nen zu hören. Ein Frauen­museum auf der Insel zeichnet die geschichtliche Bedeutung der Afrikanerinnen auf. Vom Haushalt über Kunst und Politik sind sie ein wichtiger Teil der hiesigen Geschichte. Nicht nur einmal verlangen sie mir in ihrer imposanten Erscheinung und ihren wallenden Gewändern Respekt und Bewunderung ab.

Die Insel Ngor erreichen wir mit spitzen Pirogen und schätzen schon einmal vorsichtshalber die Entfernung zum Festland. Wir besichtigen auch den Zoo in der Hauptstadt, sehen zum ersten Mal Hyänen und Stachelschweine, aber die artfremden Haltungsbedienungen lassen uns bald wieder gehen. Der letzte Tag führt uns noch in die Österreichische Botschaft. Wir wollen am Samstag Geld wechseln und werden Opfer unserer sprachlichen Barrieren. So stehen wir Samstagmittag vor den verschlossenen Türen der Bank und raufen uns die Haare. Wir irren stundenlang mit einem Taxi durch die Stadt und suchen eine Geldwechselmöglichkeit. Als letzter Ausweg bleibt uns das Privathaus des österreichischen Botschafters. Wir erhalten den Gegenwert unserer Reiseschecks in Bar und geloben sofortige Überweisung, wenn wir in Österreich sind.

Nach einer Abschiedstour durch Dakar und seinen Märkten feiern wir auch Abschied im Village des Arts. Freunde geben uns zu Ehren eine „Fisch-Grillparty“ und noch einmal genießen wir kulinarische Köstlichkeiten, Freundschaft und die letzte unserer afrikanischen Nächte. Unser Herz ist schwer, jetzt erst recht wünschen wir uns, noch lange zu bleiben. Aber am nächsten Tag müssen im Morgengrauen aufbrechen, denn wieder haben wir eine lange Fahrt vor uns. Wir passieren zwei Busunfälle mit Verletzten und Toten.

An der Grenze werden wir abgesetzt und lernen, dass wir wieder ein neues Gefährt brauchen. Jugendliche reißen zudem die Autotüren auf und wollen sich um unser Gepäck „kümmern“, ich verliere fast die Nerven. Doch wir nehmen es mit Humor, tragen unsere Taschen selbst und ignorieren die eifrigen „Geldwechsler“. Weiter geht es in einem Taxi bis zur Fähre über den Gambia River. Es ist heiß und wir sind müde, richtige Voraussetzungen für hilfreiche Jugendliche. In Banjul lassen wir uns ein Restaurant zeigen und laden als Dank zum Essen ein. Den Rest des Abends verbringen wir am Flughafen, noch einmal schaue ich mir den Sonnenuntergang an und träume bereits vom Wiedersehen. Die Maschine befördert uns in ein paar Stunden nach Hause. Das Eintauchen in eine andere Welt ist zu Ende und ich habe ein Stück von meinem Herz in Afrika zurückgelassen.

erschienen in: Talktogether Nr. 17/2006