Nepal: Straße in die Zukunft PDF Drucken E-Mail

Straße in die Zukunft

 

 

NEPAL: Während wir in den Fernsehnachrichten sahen, wie die nepalesische Polizei in Katmandu auf Menschen schoss, die gegen die Ausschaltung des Parlaments durch den nepalesischen König protestierten, arbeiten Zehntausende in den befreiten Gebieten Nepals am Bau einer 90 km langen Straße, die Sahid Marg (die Straße der Märtyrer) genannt wird. Jugendliche aus Australien, Europa, Nordamerika, Kolumbien, Iran und Afghanistan sind hingefahren, um beim Straßenbau zu helfen. Das ist der Bericht eines jungen Teilnehmers an der internationalen Straßenbaubrigade.

 

Wo auch immer wir hinkamen, wurde der Arbeitsbeginn mit einer gemeinsamen Versammlung eingeleitet. Mit gehissten Fahnen und dem Schlagen der Trommeln begannen an die 100 Straßenbauer ihr Tageswerk. Am zweiten Tag sahen wir eine junge Mutter mit einem Säugling auf dem Rücken, die ihre Hacke nur ablegte, um ihr Kind zu stillen. In einer Arbeitspause erklärte ein Führer den Nepalesen, dass wir aus aller Welt gekommen waren, um uns an der Arbeit zu beteiligen. Obwohl die Verständigung wegen der Sprachbarrieren schwierig war, kamen die Leute mit einem breiten Lächeln und geballten Fäusten als Zeichen der Solidarität auf uns zu. Trotzdem schafften wir es, ein paar kurze Diskussionen zu führen und erfuhren, dass viele im Laufe des revolutionären Krieges geliebte Menschen verloren hatten, meist durch die Angriffe der Königlichen Armee. Einmal sprachen wir mit Lila Darpun, einem 65 Jahre alten Mann aus Corshavan. Als wir ihn fragen, warum er gekommen sei, sagte er: „Wir sind alle hier, weil wir uns die Arbeit Freude bereitet. Die Straße wird uns das Leben erleichtern. Obwohl ich schon alt bin, kann ich doch noch ein paar Steine heben. Es macht mich glücklich, etwas beitragen zu können. Als ich jung war, habe ich sehr hart gearbeitet, aber diese Arbeit hier ist anders, sie ist etwas Besonderes.“ Obwohl die Arbeit körperlich sehr anstrengend war, beteiligten sich viele Frauen daran. Als ich dieselbe Frage an Ima Kumari, eine 43-jährige Frau, richtete, erklärte sie mir: „Ich bin leider noch immer Analphabetin. Ich weiß nicht viel über Bücher. Aber ich weiß, dass diese Straße eine gute Sache ist. Wir bauen unser Land neu auf. Man brauchte früher Tage um Salz und Kleider zu bekommen, mit der neuen Straße wird es nur ein paar Stunden dauern.“ In den Medien wird der Straßenbau oft als „Zwangsarbeit“ diffamiert und Vergleiche mit dem Pol-Pot-Regime in Kambodscha werden angestellt. Doch was wir sahen und von den Menschen zu hören bekamen, die gekommen waren, um ihren Teil beizutragen, machte es für uns unvorstellbar, dass diese einzigartige Verbindung von guter Laune und ernsthafter Hingabe etwas mit Zwang zu tun haben könnte. Wahrscheinlich ist es für die Herrschenden unbegreiflich, dass die Menschen, die sie unterdrücken und verachten, sich zu einem kollektiven Einsatz zusammenschließen. Aber die gemeinsame Anstrengung, die Straße in das steinige Gelände einzuschneiden, hat die Menschen zusammengeschweißt. Alle Regierungen haben immer wieder versprochen, diese Straße zu bauen, doch das Geld hat nie gereicht oder ist in den tiefen Taschen korrupter Politiker verschwunden. Wer würde schon davon profitieren? Bloß ein paar Bauern im Hinterland – und das war kaum eine ausreichende Motivation für Katmandus Elite zu handeln. Was keine dieser vom Westen unterstützten Regierungen geschafft hat, trotz aller Kredite und Hilfsgelder, haben nun die Menschen selbst in Angriff genommen.

Oft wurde unser Team über die Situation in unseren Heimatländern befragt, vor allem die Frauenfrage erweckte Interesse. Die Menschen hörten aufmerksam zu, was wir zu berichten hatten. Stolz auf ihre neuen Errungenschaften wollten uns die Leute auch andere Projekte zeigen, eine Modell-Gemeinde und zwei Schulen nicht weit weg von hier. Aber „nicht weit weg“ im nepalesischen Bergland bedeutet dennoch viele Stunden Fußmarsch, wegen unseres kurzen Aufenthaltes waren diese Besuche leider nicht möglich. Auch eine Fischzucht gab es, eine Neuheit in diesem Teil des Landes, die mit der Hilfe von Leuten aus einer anderen befreiten Region aufgebaut wurde. Wir hatten das Glück, davon direkt profitieren zu können – ein Mitglied unserer Brigade meinte, es sei der beste Fisch gewesen, den er jemals gegessen habe, zur großen Freude unserer Gastgeber.

Wir sahen viele Dinge, die unter dem alten Regime unmöglich gewesen wären. Als ein Mitglied unserer Brigade eines Abends erkrankte, wanderten unsere Gastgeber durch die Dunkelheit, um einen sog. „Barfuss-Arzt“ zu holen, einen jungen Mann aus dem Dorf, der in den grundlegendsten Kenntnissen der Medizin ausgebildet worden ist. Er kam um vier Uhr in der Früh, verabreichte dem Kranken eine Infusion und wachte so lange an seinem Bett, bis es ihm wieder besser ging. Unter dem alten System zogen es die meisten Ärzte vor, in Katmandu zu leben, wo das Leben leichter ist, und Patienten aus der Mittelklasse zu behandeln. Doch die neue Regierung hat an die Erfahrungen im revolutionären China angeknüpft und eine neue Gesundheitspolitik entwickelt, die der Mehrheit des nepalesischen Volkes, den armen Bauern auf dem Land, dienen soll, und die Menschen mobilisiert, die Probleme mit eigenen Kräften zu lösen. Angesichts dieser Erfahrungen fühlten wir Brigade-Mitglieder die Verantwortung, die internationale Solidarität mit den Kämpfen des Nepalesischen Volkes zu stärken, eine Revolution, die für uns nun nicht mehr nur mit Zeitungsberichten, sondern mit Gesichtern, Namen und Stimmen verbunden war. Jene, die aus westlichen imperialistischen Ländern gekommen waren, erschauderten beim Gedanken daran, dass ihre Regierungen wie zB. die Britische - Waffen an die RNA (Königliche Armee) liefert. Werden demnächst Splitterbomben und „Bunker Busters“ (nukleare Minibomen) gegen die Leute eingesetzt, mit denen wir zusammen waren, um sie für das „Verbrechen“ zu bestrafen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und eine unabhängige Gesellschaft und eine eigenständige Wirtschaft aufzubauen? Diese Gedanken erzeugten einen bitteren Geschmack als wir erfuhren, dass kurz nach unserer Abreise, der Genosse Sunyil, der PLA (Volksbefreiungs-Armee)-Kommandant der Region, der uns einen so herzlichen Empfang bereitet hatte, von einer Bombe getötet wurde, die von einem Helikopter abgeworfen worden war. Wir erinnern uns an die kameradschaftliche Wärme und den großen Respekt, mit dem er überall, wo er hinkam, von der Dorfbevölkerung begrüßt wurde. Die Nachricht von seinem Tod hat uns tief getroffen und unsere Entschlossenheit bestärkt, die Neuigkeiten über den Kampf des nepalesischen Volkes gegen das unterdrückerische Regime von König Gyanendra zu verbreiten.

Wir dachten auch viel darüber nach, was zukünftige Gruppen von jungen Leuten, die in Nepal bei der Aufbauarbeit mithelfen, erreichen könnten. Im Gegensatz zum Vorurteil, dass die Jugend im Westen nur „für den Augenblick lebt“, gibt es viele, die am Schicksal ihrer Brüder und Schwestern in den unterdrückten Ländern Anteil nehmen. Denn die Länder der Welt sind in zwei Lager aufgeteilt, in eine Handvoll wohlhabende Länder und in die große Mehrheit von Ländern, die von den imperialistischen Mächten in Armut und Abhängigkeit gehalten werden, welche dann von so genannten Lösungen für die „Dritte Welt“ reden. Das Problem ist nur, dass diese den verarmten Massen nicht wirklich helfen. Viele haben an den G8-Protesten in Edinburgh teilgenommen, und ihnen ist klar geworden, dass Leid und Verarmung der Menschen z.B. in Afrika fast direkt proportional zu dieser so genannten Entwicklungshilfe zunehmen. Doch was wir beim Bau dieser Straße beobachten konnten, ist ein völlig anderer Weg: Ein paar der ärmsten Menschen der Welt brechen mit uralten Traditionen und entwickeln eine Strategie, ihre Zukunft aus eigener Kraft aufzubauen. Wir haben daran teilgenommen und konnten die Potenziale erkennen, die dieser Weg beinhaltet. Viele der jungen Menschen, die sich auch gewünscht haben an dieser Reise teilzunehmen, konnten nicht mitfahren, weil sie keine Freistellung von ihrer Schule bekamen – doch hier haben wir eine Erfahrung gemacht, die uns keine Schule und kein Lehrer jemals vermitteln könnte.

erschienen in: Talktogether Nr. 17/2006