Gespräch mit Anna und Jerry PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Anna und Jerry

(Österreich / Nigeria)

„Arroganz und Ungerechtigkeit machen mich wütend. Ich wünsche mir, dass die Menschen einander mit Offenheit begegnen. Im Prinzip muss ich hier immer noch dasselbe tun wie in Nigeria für mein Recht kämpfen.“


Talk Together: Anna, wie hast du Jerry kennengelernt?

Anna: Wir haben uns in einem Lokal kennengelernt. Durch die Musik haben wir zusammengefunden. Wir haben uns verliebt. Mir war klar, dass ich mit Jerrys Problemen konfrontiert sein werde, doch das akzeptierte ich und hatte niemals Zweifel. Da wir uns lieben, sind wir bereit, gemeinsam gegen die Probleme und Hindernisse anzukämpfen.

Talk Together: Mit welchen Problemen seid ihr konfrontiert?

Anna: Als ich schwanger wurde, beschlossen wir zu heiraten. Jerry wollte arbeiten, um für mich und das Kind sorgen zu können. Beim Magistrat wurde uns gesagt, dass Jerry den Asylantrag zurückziehen müsse, sonst könne er kein Visum beantragen. Er tat, was ihm gesagt wurde, und ging zum Bundesasylamt um seinen Asylantrag zurückzuziehen. Niemand warnte uns oder gab uns eine Information, was passieren könnte. Als wir wieder zum Magistrat gingen, um das Visum zu beantragen, wurde uns von derselben Person, die uns geraten hatte, den Asylantrag zurückzuziehen, mitgeteilt, dass Jerry nun illegal in Österreich sei. Zwei Wochen liefen wir in jedes Amt und jedes Büro, doch niemand interessierte sich für unsere Geschichte. Wegen all der Aufregung erlitt ich eine Fehlgeburt. Die Sache schien aussichtslos und eine Abschiebung unausweichlich, bis sich die Situation in Jerrys Heimatdorf Brutu, Nigerdelta, drastisch verschlechterte. Ein Flüchtlingsberater riet uns, aufgrund dessen noch mal erneut um Asyl anzusuchen.

Talk Together: Wie ist es euch dann ergangen?

Anna: Am 24. Jänner fuhren wir nach Thalham und suchten um eine Neuaufnahme an. Was wir dort erfuhren, war Verachtung, die Beamten nutzten ihre Machtposition aus. Wenn man schon verzweifelt ist und am Boden liegt, wird man noch mit Füßen getreten. Sie zerrissen das Antragsformular, weil ich Jerry beim Ausfüllen geholfen hatte, niemand hatte mir aber gesagt, dass dies nicht erlaubt sei. Es gab zahllose sinnlose Prozeduren. Als ich protestierte, weil der Dolmetscher falsch übersetzte, wollten sie mich rausschmeißen. Der Fall sei eine entschiedene Sache, wurde gesagt, es gäbe keine Chance. Die Fremdenpolizei wurde geholt und Jerry wurde vor die Wahl gestellt, entweder zuzustimmen, das Land freiwillig zu verlassen, oder sofort in Schubhaft überstellt zu werden. Es gelang uns, aufgrund unserer Ehe eine Frist von zwei Monaten auszuhandeln, in welcher er sich alle zwei Tage bei der Polizei melden müsse. Außerdem musste er 20 Tage im Aufnahmelager Thalham bleiben, was in seinem Zustand eine Qual war. Schließlich war er wegen der Fehlgeburt und der drohenden Abschiebung sehr mitgenommen. Es gab dort ständig Konflikte mit Mitbewohnern und der Leiterin der Firma Homecare (Privatfirma, die das Flüchtlingslager leitet). Er wurde von einem Zimmer ins andere geschickt, in ein Kellerloch verbannt usw. Schließlich machte eine Ärztin eine Traumauntersuchung, bei der sie die Narben von der Folter und der Schusswunde – die übrigens das erste Mal ignoriert worden waren – registrierte. Sie stellte auch eine Traumatisierung fest, was aber nach dem neuen Gesetz keinen Schutz vor Abschiebung mehr gewährt. Zum Glück erreichte unser Anwalt dann doch, dass Jerry wieder in das Asylverfahren aufgenommen wurde.

Talk Together: Jerry, warum musstest du dein Land verlassen?

Jerry: Ich musste Nigeria verlassen, weil ich von der nigerianischen Regierung verfolgt wurde und meines Lebens nicht mehr sicher war. Ich wurde wegen meiner regierungskritischen Einstellung mehrmals verhaftet und verbrachte sechs Jahre in verschiedenen Gefängnissen.

Talk Together: Warum wurdest du verhaftet? Warst du Mitglied einer politischen Organisation?

Jerry: Als ich im Jahr 1990 das erste Mal verhaftet wurde, gab es viele Widerstandsbewegungen, weltweit bekannt wurde die Ogoni-Bewegung wegen der Ermordung des Schriftstellers und Menschenrechtsaktivisten Ken Saro Wiwa 1995. Die Ursache für den Widerstand der Bevölkerung war die große Ungerechtigkeit. Der Ölreichtum im Nigerdelta hat Nigeria reich gemacht, doch die Regierung kümmert sich nicht um die Menschen in dieser Region, sondern steckt das  Geld in die eigene Tasche. Ich war Führer einer Jugendgruppe und hielt Reden und verteilte Flugblätter, um gegen die Ungerechtigkeit, mit der das Regime die Bevölkerung behandelte, zu protestieren. Man kann die Situation von einem Land wie Österreich nicht mit Nigeria vergleichen, in Nigeria wird einer friedlichen Demonstrationen oft mit Waffengewalt begegnet und auf unbewaffnete Menschen geschossen.

Es gab auch eine Widerstandsbewegung, die von Ogboru angeführt wurde. Dieser kam aus Abraka Town ganz in der Nähe von dem Dorf, wo meine Mutter lebt. Als er sah, wie der damalige Präsident Babagida sein Volk betrog, entschied er sich, gegen die Regierung zu kämpfen, und baute eine Widerstandsgruppe auf. Ich selbst war nicht Mitglied der Bewegung, ich sympathisierte aber mit ihr. Ich arbeitete damals als D.J. in einem Club in Lagos, wo ich regierungskritische Musik auflegte. Ich war mit Ogboros Bruder Felix befreundet. Der nahm mich einmal mit einem Auto mit, in dem sich Waffen befanden, was ich aber nicht wusste. Das Auto wurde angehalten und wir wurden alle verhaftet.

Talk Together: Wie lange warst du im Gefängnis und wie ist es dir ergangen?

Jerry: Ich verbrachte zwei Jahre im Kirikiri-Gefängnis, ohne jemals vor einem Gericht zu stehen. Manche meiner Freunde sind bis heute dort. Es machte mich sehr wütend, dass ich eingesperrt war, obwohl ich nichts verbrochen hatte, deshalb beschloss ich, mich dem Kampf anzuschließen, sobald ich wieder in Freiheit sein würde. Ein paar Leute planten einen Fluchtversuch, der jedoch verraten wurde. Danach wurde ich geschlagen, an Händen und Füßen gefesselt verbrachte ich neun Tage in einer Einzelzelle und wurde anschließend in ein Hochsicherheitsgefängnis verlegt. Nach zwei Jahren wurde ich jedoch durch eine Amnestie befreit. Doch schon zwei Wochen nach meiner Entlassung gab es im Dorf meiner Mutter wieder Kämpfe. Ken Saro Wiwa war verhaftet worden, außerdem hatte die Polizei Pa Rewanda, einen angesehenen Stammesältesten aus dem Nigerdelta, getötet. Ich wurde wieder verhaftet, als Grund wurde der Verdacht auf Raub und Mord angegeben. Vier Jahre verbrachte ich dann im Ikoy-Gefängnis, ohne Gerichtsverfahren, ohne jegliche Beweise und isoliert von der Außenwelt. Im Gefängnis überließ man viele Menschen dem Tod, weil man ihnen die medizinische Versorgung verweigerte. Als eine Cholera-Epidemie ausbrach, starben manchmal bis zu 15 Menschen an einem Tag. Deshalb kam es zu einem Gefängnisaufstand. Da wurde eine Richterin auf unsere Situation aufmerksam. Sie war empört über die Tatsache, dass Leute viele Jahre ohne Verfahren eingesperrt waren, und nahm sich dieses Falles an. Wegen dieser skandalösen Vorgangsweise – manche waren schon neun bis elf Jahre ohne Verfahren inhaftiert – wurde ein (!) Polizist angeklagt, und ich wurde aus dem Gefängnis entlassen.

Talk Together: Wann und warum hast du dich entschlossen, das Land zu verlassen?

Jerry: Das war nach einem großen Volksaufstand im Jahr 2004, der alle Menschen in der Region betroffen hat. Es begann, nachdem eine rostige Öl-Pipeline in der Nähe unseres Dorfes geborsten war. Die Rohre werden nicht gewartet und deshalb rinnt viel Öl aus, das den Boden und das Grundwasser verseucht. Die Lebensgrundlagen der Bauern und Fischer werden dadurch zerstört, außerdem werden durch die giftigen Dämpfe viele Krankheiten verursacht. Nachdem das Öl auslief und die Leute ihre Behälter zu füllen begannen, kam die Polizei und das Militär mit Hubschraubern, sie gaben den Leuten zu verstehen, dass das Öl nicht für sie sei und sie vorsichtig sein sollten. Jedoch sprachen sie nur Englisch, die Dorfbewohner aber sprechen nur den hiesigen Dialekt und verstanden sie nicht. Dann entzündete sich ein Funken, der durch eine Unachtsamkeit entstand, das Feuer und die Tragödie nahmen ihrem Lauf, und es starben mehr als 1000 Menschen in dem Feuer. Das ganze Dorf wurde zerstört und meine zwei Schwestern kamen bei diesem Unglück ums Leben. Doch die Polizei behauptete dann, es wäre ein Anschlag gewesen und das Rohr wäre absichtlich zerstört worden, und jagte die Menschen. Ich wurde innerhalb eines Monats sechsmal verhaftet. Jedes Mal musste ich wieder Geld bezahlen, um freizukommen. Als es zu einem Aufstand in Warri Town kam, das ist die Gegend, wo Shell Öl fördert, wurden drei Amerikaner getötet. Es kam zu einem erbitterten Kampf zwischen den Menschen und der Polizei, viele wurden getötet. Ich wurde verhaftet und auf einen Lastwagen abtransportiert. Ich wusste, wenn es mir nicht gelänge, zu fliehen, würde ich nicht überleben. Ich dachte, wenn sie sogar berühmte Menschen wie Ken Saro Wiwa ermordet haben, welche Chance hätte ich dann? Deshalb sprang ich vom Lastwagen und lief davon, sie schossen auf mich, doch es gelang mir, zu entkommen und unterzutauchen, nicht einmal meine Mutter durfte wissen, wo ich war. Drei Monate versteckte ich mich in einem Caravan bei den Bohrinseln, bevor ich das Land verlassen konnte.

Talk Together: Was sind die Ursachen der Ungerechtigkeit in Nigeria?

Jerry: In Nigeria gibt es einen Geheimbund, der nennt sich Ogboni, der ist meiner Meinung nach, die Ursache für die ganze Korruption im Land. Er ist wie eine Mafia, wenn du etwas erreichen willst, wenn du Macht und Erfolg haben willst, musst du dabei sein. Die Mitglieder dieser Vereinigung schützen und helfen sich gegenseitig, schanzen sich gegenseitig Geld und Verträge zu. Auch mein Vater war Mitglied dieser Vereinigung gewesen, aber meine Geschwister und ich haben uns immer geweigert, da mitzumachen. Wenn du dich aber weigerst mitzumachen, bekommst du immer Probleme.

Talk Together: Wie ist es dir ergangen, als du nach Österreich kamst?

Jerry: Die ersten Monate war ich glücklich, in Sicherheit zu sein. Doch beim Bundesasylamt glaubte man mir zuerst nicht einmal, dass ich aus Nigeria komme, man sagte mir, ich müsse dafür Beweise liefern. In Nigeria hatte ich all meine Unterlagen und Akten zu Hause aufbewahrt, hatte jedoch keine Möglichkeit, sie mitzunehmen.  Jetzte sind die Akten in den Händern der Polizei, die meine Wohnung nach meiner Flucht durchsuchte. Nun sollte ich meine Mutter beauftragen, Dokumente von mir zu schicken. Doch in Nigeria geht nichts ohne Geld, sie braucht ein Busticket nach Lagos usw. Da ich als Flüchtling überhaupt kein Einkommen habe, musste ich mir 70 Euro von der Caritas ausborgen, dafür wurden mir dann jede Woche die 5 Euro, die man als Taschengeld bekommt, zurückbehalten.

Talk Together: Was hast du dir von Europa erwartet, und wie sieht die Realität aus?

Jerry: Als ich in Europa angekommen war, hatte ich das Gefühl, dass man sich hier um die Flüchtlinge kümmert. Doch bald wurde ich des Gegenteils belehrt. In Nigeria habe ich keine Gerechtigkeit erfahren, aber auch hier ignoriert man meine Probleme und hört mir nicht einmal zu. Man wird gleich abgestempelt, man hört, als Nigerianer hast du keine Chance auf Asyl. Als ob jeder dieselben Gründe hätte. Arroganz und Ungerechtigkeit machen mich wütend. Ich wünsche mir nur, dass die Menschen einander mit Offenheit begegnen. Im Prinzip muss ich hier immer noch dasselbe tun wie in Nigeria, für mein Recht kämpfen. Ich habe weder einen Euro Sozialhilfe bekommen, noch gab man mir die Möglichkeit zu arbeiten. Ich fühle mich dafür bestraft, dass ich Probleme hatte und verfolgt wurde. Ich hatte nicht erwartet, dass es in Europa so sein würde. Normal 0 21 false false false MicrosoftInternetExplorer4

erschienen in: Talktogether Nr. 17/2006