Gespräch mit Brigitte Neumayer PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Brigitte Neumayer

„Integration ist ein langer Prozess des gegenseitigen Kennenlernens. Der ist nur möglich, wenn die EinwanderInnen nicht in Ghettos abgeschoben werden. Sie sollten in unserer Gesellschaft sichtbar anwesend sein …“

Talk Together: Was ist deine Motivation, Flüchtlinge zu unterstützen?

Brigitte: Inzwischen gehören die Flüchtlinge zu meinem Leben. Ich sehe gar nicht, dass ich es bin, die ihnen hilft. Wenn ich sie längere Zeit nicht sehen kann, habe ich richtiges Heimweh und ich vermisse sie. Ich habe mit ihnen eine so starke Beziehung aufgebaut, dass sie Heimat für mich geworden sind.

Talk Together: Aber du unterstützt die AsylwerberInnen bei Amtswegen, bei der Wohnungssuche, du suchst Kindergarten und Schulplätze für die Kinder, du gibst Deutschkurse … Wie kommen die Leute zu dir?

Brigitte: Wenn sie mich z.B. anrufen und mich um Unterstützung bitten für ihre dringendsten Grundbedürfnisse, wie könnte ich da nein sagen? Wenn ein Mensch auf der Straße steht und keinen Platz hat, wo er hingehen kann, ist er auf Unterstützung angewiesen. Die Flüchtlinge haben meist weder Geld, noch ausreichende Deutschkenntnisse, wie könnten sie es allein schaffen? Ich bin dann sehr traurig und verzweifelt, wenn ich nicht helfen kann, wenn ich Erfolg habe und die Menschen glücklich sind, ist es auch für mich eine große Freude.

Talk Together: Wäre das nicht eigentlich die Aufgabe der staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen, die mit der Flüchtlingsbetreuung beauftragt sind?

Brigitte: Wenn ich als Privatperson solche Aufgaben übernehmen, z.B. einen Kindergartenplatz für ein Flüchtlingskind zu suchen, ist es mir schon öfters passiert, dass ich gerügt wurde, weil ich meine Kompetenzen überschreite, was ja auch stimmt. Aber ich sehe, dass die SozialarbeiterInnen schlecht bezahlt und teilweise überfordert sind und sich deshalb nicht um alle Probleme kümmern können. Außerdem habe ich eine ganz andere Rolle, als wenn ich einen bezahlten Job hätte. Dann würde ich nur das tun, was innerhalb meiner Arbeitszeit möglich ist. Aber die Probleme enden nie, es ist ein Fass ohne Boden. Die Organisationen können diese Aufgaben nicht ausreichend erfüllen, es ist kein Freiraum vorhanden, dass sie sich auf den einzelnen Menschen einlassen könnten.

Talk Together: Man hat das Gefühl, dass meistens über die Flüchtlinge, aber selten mit den Flüchtlingen gesprochen wird. Welche Erfahrungen hast du?

Brigitte: Ich habe auch festgestellt, dass bei vielen Sitzungen über die Menschen gesprochen, aber nicht konkret mit den Menschen gearbeitet wird. Die Flüchtlinge werden nicht einbezogen und nicht gefragt, welche Bedürfnisse sie haben, oft wird über ihren Kopf hinweg entschieden. Es gibt auch unter den Flüchtlingen viele kompetente Personen mit guten Sprachkenntnissen, aber man ist nicht bereit, sich auf die Menschen einzulassen. Menschen auf der Flucht sind zwar mittellos doch sie werden oft auch als rückständig und ungebildet angesehen. Viele dieser Menschen sind aber hochgebildet und waren in ihrem Heimatland angesehen. Das habe ich selbst auch erst aus der Erfahrung gelernt, früher konnte ich mir das auch nicht vorstellen. Heute begegne ich Menschen ganz anders, sogar meine eigene Familie hat festgestellt, dass ich verständnisvoller geworden bin, seitdem ich mit den Flüchtlingen arbeite.

Talk Together: Es gibt viele Menschen in Österreich, die Flüchtlinge als Belastung, als SozialschmarotzerInnen ansehen. Wie gehst du mit solchen Ressentiments um?

Brigitte: Ich kann diese Menschen schon verstehen, weil ich früher auch diesen Argumenten machtlos ausgeliefert war. Man hört Geschichten, denen geht es gut, sie bekommen alles, während wir uns abplagen müssen. So hörte ich einmal in einem Wartezimmer beim Arzt eine Frau sagen: „Wir müssen wegen unserer Medikamente zum Chefarzt gehen, während die Flüchtlinge nicht einmal einen Krankenschein brauchen.“ Diese Frau weiß nicht, dass Asylwerber überhaupt nie zu einem Chefarzt kommen. Aber wenn man keine anderen Informationen als diese Medienpropaganda hat, ist das natürlich beängstigend. Jetzt sehe ich aber, wie schlimm die Situation für AsylwerberInnen ist, sie sind total abhängig und können kaum etwas selbst bestimmen. Heute kann ich diesen Vorurteilen entgegentreten und ihre Argumente entkräften, weil ich Informationen aus erster Hand habe.

Talk Together: Die Flüchtlinge werden in politische und Wirtschaftsflüchtlinge eingeteilt, wobei Wirtschaftsflüchtlinge keine Chance haben, Asyl zu bekommen. Was sagst du dazu?

Brigitte: Die Unterscheidung in politische und Wirtschaftsflüchtlinge lehne ich ab. Wenn jemand in seinem Land nicht überleben kann, weil er aller Existenzmöglichkeiten beraubt ist und weil die korrupten Regierungen die Ungerechtigkeit dulden, ist das ein genauso lebensbedrohendes Problem. Wenn z.B. in Nigeria/Biafra fruchtbares Land, Flüsse und das Grundwasser wegen der Ölverschmutzung vergiftet sind und die Menschen dort nichts mehr anbauen können, haben sie keine Überlebensmöglichkeit in ihrem Land. Oft wird auch gesagt, dass die Flüchtlinge lügen. Doch wenn man verfolgt wird, muss man aufpassen und darf vieles nicht sagen. Wie war es früher bei uns in der NS-Zeit? Da konnte man ja auch nicht offen die Wahrheit sagen. Auch haben viele die Erfahrung gemacht, dass sie bei den Befragungen von den Behörden unter Druck gesetzt werden. Sie haben gelernt, dass es oft nichts nützt, wenn man die Wahrheit sagt.

Talk Together: Die österreichische Regierung fordern von den Eingewanderten Anpassung, manche ÖsterreicherInnen haben Angst, dass ihre eigene Kultur untergehen würde. Was verstehst du unter Integration?

Brigitte: Ich denke, dass man seine eigenen Wurzeln nicht verleugnen soll. Integration ist für mich ein langer Prozess des gegenseitigen Kennenlernens. Der ist aber nur möglich, wenn die EinwanderInnen nicht in Ghettos abgeschoben werden. Sie sollten in unserer Gesellschaft sichtbar anwesend sein, es sollte aber auch Raum da sein, wo sie ihre eigene Kultur leben können. Auch die österreichische Kultur hat sich durch die Einflüsse anderer Kulturen entwickelt. Man weiß ja inzwischen aus Erfahrung, dass durch aktive Einbindung von ZuwanderInnen in Jugend-, Schul- und Wohnprojekten in schwierigen Stadtvierteln, die Polizei weniger oft einschreiten muss. Integration bedeutet freiwilliges Annehmen, nicht Zwang. Die Abkapselung manche Einwanderer, dass sie mit der einheimischen Kultur nichts zu tun haben wollen und die eigenen Traditionen um jeden Preis verteidigen müssen, ist unter anderem eine Reaktion auf die Ausgrenzung und Diskriminierung.

Talk Together: Gibt es auch innerhalb der Flüchtlinge Konflikte?

Brigitte: An einem Ort wie dem Caritas Heim, wo Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen und Generationen so eng zusammenleben müssen, sind Konflikte vorprogrammiert. Ich werde als neutrale Person angesehen und versuche zu vermitteln. Es ist ja auch oft so, dass die Flüchtlinge keine gemeinsame Sprache haben und so ihre Konflikte nicht durch Diskussion lösen können. Aber auch unter den Flüchtlingen existiert Rassismus. Es ist eine menschliche Schwäche, die zu unterdrücken, die noch schwächer sind als man selbst. Und wenn man sich selbst in einer Situation der völligen Abhängigkeit befindet, ist es noch schwieriger.

Talk Together: Wie können solche Konflikt gelöst werden?

Brigitte: Worte allein genügen nicht, Solidarität muss man vorleben. Ich kann von einem Flüchtling nicht verlangen, dass er Verständnis für ein ihm fremdes Verhalten aufbringt, wenn ich selbst kein Verständnis für andere Lebensansichten, Lebensformen habe und mich nicht neugierig und respektvoll anderen Kulturen, Religionen etc. gegenüber verhalte. Früher hatte ich den Drang, unbedingt jedem helfen zu müssen. Ich habe aber gelernt, dass es zwar wichtig ist, jedem Menschen Respekt zu erweisen, aber dass ich auch akzeptieren muss, wenn jemand nichts mit mir zu tun haben will. Es ist notwendig, auch die eigenen Aktivitäten stets kritisch zu hinterfragen, mir ist bewusst, dass ich auch blinde Flecken habe und meine Fehler nicht immer erkenne. Kritik kann man aber nur annehmen, wenn man sich von einer Person angenommen fühlt, weil sie mit mir respektvoll umgeht. Man muss auch dem/der anderen einräumen, Fehler machen zu dürfen, auch Flüchtlingen. Die Gefahr ist bei mir manchmal, dass ich die Leute vor schlechten Erfahrungen schützen will. Dass ist aber weder möglich noch hilft es den Flüchtlingen. Auch schmerzliche Erfahrungen gehören zur Integration.

Talk Together: Was sind deine Forderungen an die Politik?

Brigitte: Integration braucht Raum und Zeit. Mein Wunschprojekt wäre zum Beispiel, eine „lange Nacht der Kulturen“ zu veranstalten, und damit in die Öffentlichkeit und auch in die etablierte Gesellschaft zu gehen, Berührungspunkte über die verschiedenen Kulturen zu ermöglichen, wo ein gegenseitiges Kennenlernen in neugieriger und stimmungsvoller Atmosphäre möglich ist und vielleicht Impulse für einen weiteren Weg des gegenseitigen Verstehens und Annehmens gesetzt werden. Aber es gibt ja viele, die gute Ideen für Projekte haben. Meine Forderung an die Politik ist, dass sie die guten Ideen, die an der Basis entwickelt werden, unterstützt, damit sie auch umgesetzt werden können.

Talk Together: Danke für das Gespräch!

erschienen in: Talktogether Nr. 13/2005