Nawal El Saadawi: Ärztin und Feministin aus Ägypten PDF Drucken E-Mail

 Nawal El Saadawi:

Ein Leben für die Frauenrechte 

 

Als ich im Jahr 1980 den Buchladen „Hannibal“ betrat, sprang mir das Buch mit dem Titel „Tschador“ sofort ins Auge. Frauen im Islam? Damit verbindet eine Europäerin meist tief verschlei­erte Frauen, die ohne Ehemann das Haus nicht verlassen dürfen. Ich schlug die erste Seite auf und begann zu lesen: „Dass Frauen unterdrückt, dass sie ausgebeutet und sozialen Zwängen unterworfen sind, ist keines­wegs eine Besonderheit der arabischen Länder oder des Nahen Ostens. Ebensowenig handelt es sich um ein typisches Merkmal der „Dritten Welt“. Der politische, wirtschaftliche und kulturelle System­zusammenhang, in dessen Rahmen diese Phäno­mene auftauchen, ist vielmehr fast überall auf der Welt anzutreffen – sei es in eher rückstän­digen und feudalen Formen oder in der Gestalt moderner Industriegesellschaften…“ beginnt das Vorwort des Buches.

Eine arabische Feministin

Eine arabische Feministin, noch dazu eine, die sich gegen die Nachahmung westlicher Ideen und Wertvorstellungen wehrt? In den westlichen Ländern wird hartnäckig die Auffassung genährt, dass es vor allem die Eigenheiten und religiö­sen Werte des Islam seien, die für die Unterdrückung der Frauen verantwortlich sind. Als ob Unterentwicklung demnach nichts mit Politik und Ökonomie zu tun hätte; als gäbe es keine Ausbeutung und Plünderung der materiellen Ressourcen und des natürlichen Reichtums dieser Länder durch fremde Interessensmächte. Gegen diese einseitige Sichtweise tritt Nawaal El Saadawi mit aller Entschlossenheit auf, und auch gegen die Auffassung derer, die die anhaltenden Kämpfe der Frauen um ihre Emanzipation von jener anderen Bewegung gern trennen würden, die Männer und Frauen vereint: der weltweiten Auflehnung der Völker gegen die bestehenden Strukturen von Ausbeutung und Klassenherrschaft. Das Buch „Tschador“ (Schleier) erschien 1980 als erstes ihrer Bücher auch in deutscher Sprache. Die Ärztin Nawal El Sadaawi praktizierte lange Jahre in Städten und ländlichen Gebieten Ägyptens. Dort war sie mit den psychi­schen und sexuellen Problemen von Männern und Frauen konfrontiert, die Tag für Tag an ihrer Haustür läuteten. Eines der schlimmsten Erlebnisse der meisten jungen Frauen ist die Genitalbeschneidung, ein Trauma, das auch Nawaal am eigenen Leib erfahren musste. Diese Erfahrungen brachten sie dazu, die Ursachen für die Unterdrückung und Gewalt an den Frauen zu untersuchen.

Islam und Imperialismus

Gegenwärtig steckt der Kapitalismus in der Klemme: Jahrzehnte lang wurden orthodoxe und fanatische Tendenzen des Islam als Gegengewicht zu sozialistischen und fortschrittlichen Kräften vom Westen mit großen Geldsummen gefördert. Doch weil der Islam im Laufe seiner Geschichte verschiedentlich zu einer wichtigen Kraft der Befreiung geworden ist und diese Rolle im Kampf gegen die imperialistische Unterdrückung auch heute spielen kann, wurde er seit dem Fall des Sowjetimperialismus zum Feind von Demokratie und Menschenrechten hochstilisiert. Man muss sich jedoch klar machen, dass für die Frauen in den islamischen Ländern der Dritten Welt die wichtigsten Kampflinien nicht zwischen „Religion“ und „Gedankenfreiheit“ oder zwischen „Frauenrechten“ im westlichen Sinne und „männlichem Chauvinismus“ verlaufen, es geht ihnen auch nicht um jene Art von oberflächlicher Modernität, die charakteristisch ist für die Überflussgesellschaft des Westens. Erst wenn die Völker den Besitz ihrer Rohstoffquellen und Wirtschaftspotenziale zurückgewonnen haben, werden sie ihre spezifischen Möglichkeiten und Fähigkeiten eigenständig weiterentwickeln, ihre Ursprünge in der Geschichte entdecken und ihre kulturelle Identität finden können.

Die Religion und die Frauen

Reaktionäre Kräfte versuchen ihre Missachtung gegenüber den Frauen mit dem Koran zu rechtfertigen. Tatsächlich gewährt der Koran den Frauen einige ökonomische Rechte, etwa das Recht auf Lohn für die Hausarbeit, die jedoch in der Praxis kaum umgesetzt werden (können). Auch sind Geburtenkontrolle und Empfängnisverhütung keineswegs die Erfindung der westlichen Wissenschaft, sondern wurden von arabischen Ärzten schon in der Frühzeit des Islam praktiziert. In Fragen wie Empfängnisverhütung und Abtreibung erlaubt die Interpretation von Koranversen aber höchst unterschiedliche und teilweise sogar gegensätzliche Auslegungen, je nachdem welche Absicht verfolgt wird. Außerdem vertritt Nawal El Saadawi die Meinung, dass Gesetze an die ökonomische Realität angepasst werden müssen. Sie wehrt sich deshalb dagegen, dass Frauen nach islamischem Recht nur die Hälfte dessen erben, was den Männern zusteht, mit dem Argument, dass heute in Ägypten über 30 Prozent der Haushalte vom Einkommen der Frauen abhängig sind. Dass die Stellung der Frau in der arabischen Welt und im Islam aber keineswegs immer eine so untergeordnete war, wie oft dargestellt wird, widerlegt Nawal El Saadawi durch Beispiele aus der Frühzeit des Islam.


Die Ärztin, Schriftstellerin und Feministin Nawal El Saadawi ist in den arabischen Ländern und vielen anderen Teilen der Welt sehr bekannt. Sie wurde 1931 in Kafr Tahla im unteren Nildelta, geboren. Ihre Bücher über die Situation der Frau in Ägypten und den arabischen Ländern hatten während der letzten drei Jahrzehnte großen Einfluss auf viele junge Frauen. Aufgrund ihrer scharfen Kritik und ihres Engagements war sie zahlreichen Gefahren und Bedrohungen ausgesetzt. 1972 verlor sie ihren Posten in der ägyptischen Regierung, 1981 ließ sie Präsident Sadat verhaften und heute steht  sie auf der Todesliste von einigen fanatischen Terror-Organisationen. Ihre Werke aber wurden in über 30 Sprachen übersetzt und werden an Universitäten auf der ganzen Welt diskutiert. Als Vorsitzende lädt Nawal El Saadawi vom 21. bis 23. Mai zur 7. Internationalen Konferenz der „Arab Women’s Solidarity Association“ in Kairo ein, das heuer unter dem Titel: „Creativity, Dissidence and Women” steht.
Mehr Infos: http://www.nawalsaadawi.net


Frauen in der arabischen Geschichte

(Auszug aus dem Buch „Tschador“)

Bei der Lektüre von Arbeiten über die vorislamische Zeit habe ich immer wieder mit Verblüffung feststellen können, dass in den frühen Stammesgesellschaften die Frauen offen­bar eine führende Rolle spielten. So gab es eine ganze Reihe weiblicher Persönlichkeiten der Geschichte, und die Frauen nahmen ganz allgemein einen bedeutenden Platz im wirt­schaftlichen und gesellschaftlichen Leben ein: besonders in der Literatur und in der Kunst – auch in der Kunst der Liebe. Einige Frauen erwarben sich Ruhm, weil sie entschei­denden Anteil an politischen Auseinanderset­zungen, an Kriegen und wichtigen Schlachten hatten. Bis in die Frühzeit des Islam, als der Prophet Moham­med noch lebte, sind solche Fälle zu verzeich­nen.

Die Namen dieser Frauen strahlen wie Klein­ode im reich durchwirkten Stoff der arabi­schen Geschichte. Ich kann nur wenige von ihnen hier ins Gedächtnis rufen: Nessiba Bint Kaab zum Beispiel, die an Mohammeds Seite in der Schlacht von Ahad kämpfte und dreizehn Verwundungen davontrug, ehe sie ihr Schwert senkte. Moham­med sprach mit großer Achtung von ihr: „Ihr gebührt ein Rang, der sie über die Männer erhebt.“ Zur Gefolgschaft Mohammeds gehörte auch Om Solayem Bint Malhan – sie gürtete ein Schwert um ihren schwangeren Leib, um für den Propheten in die Schlacht zu ziehen. Und auch unter den Gegnern Mohammeds waren berühmte Frauen: Hind Bint Rabia vor allem, die in Helm und Rüstung in die Schlacht von Ahad zog und eine tödliche Klinge gegen ihre Feinde führte. Sie kann als Beispiel dafür gelten, wie eine arabische Frau ihr Leben in die eigenen Hände nahm und ihre Freiheit bewahrte. Zu ihrem Vater sagte sie: „Ich bin eine Frau, die weiß, was sie will und ihr Leben selbst bestimmt!“ Und er gab zur Antwort: „So sei es denn!“ (…)

Natürlich verloren die arabischen Frauen ihre Unabhän­gig­keit und die Möglichkeit, zur selbstbewussten Persönlich­keit zu werden, nicht mit einem Mal, sondern im Verlauf einer langsamen und allmählichen Entwicklung, die den sozio-ökonomischen Wandlungen der Gesellschaft folgte. Die Frauen verteidigten ihre alten Rechte ausdauernd und oftmals erfolgreich, aber auf lange Sicht konnten sie nicht gewinnen: der Kampf endete mit dem vollständigen Sieg der patriar­chalischen Herrschaft.

Es scheint mir an der Zeit, dass sich die moderne arabi­sche Frau ihrer Schwestern entsinnt, die vor rund 1300 Jah­ren über die gleiche Erde gingen und die gleiche Luft atme­ten – und die den Mut hatten, ihre Stimme zu erheben und Wider­stand zu leisten: Frauen wie Zeinab Bint Gahsh, eine Frau Mohammeds, die so kühn war, ein Geschenk des gottge­sandten Propheten zurückzuweisen. Den Bericht darüber verdanken wir abermals Aisha, die das Leben Mohammeds aufgezeichnet hat: „Der Prophet Allahs schlachtete, damit wir Fleisch zu essen hatten, und er gab mir den Auf­trag, es unter seinen Frauen aufzuteilen. Als er Zeinab Bint Gahsh ihren Anteil sandte, wies sie ihn zurück. Er sprach: ‚Gib ihr einen größeren Teil!’ Aber sie lehnte seine Gabe abermals ab. Ich sagt zu ihm: ‚Diese Weigerung bedeutet, dass sie dich nun hasst!’“

Aisha selbst ist, trotz ihrer Jugend, ein gutes Beispiel für die selbstbewusste Sicherheit, die eine außergewöhnliche arabische Frau jener Zeit in vielen Fragen entfalten konnte. Man rühmte ihre Willenstärke, ihre Beredsamkeit, die Schärfe ihres Verstandes und ihre geistige Beweglichkeit. In ihrer Klugheit war sie oft sogar dem begnade­ten Propheten ebenbürtig und sie zögerte nicht, ihm, dessen Wort unter den Moslems Gesetz war, zu widersprechen. Und wie sie ihn gelegentlich zur Rede stellte, so verfuhr sie mit allen anderen Männern – offen und mit großer Klarheit des Denkens. Als Mohammed eines Tages mit ande­ren Männern beisammensaß, zeigte er auf Aisha und sagte: „Zur Hälfte könnt ihr euren Glauben bei der Roten dort lernen!“ Sie kämpfte in vielen Kriegen und Schlachten und nahm so intensiven Anteil an politischen, kulturellen und literarischen Fragen, dass Orwa Ibn El Zobeir, der moslemi­sche Kirchenlehrer, von ihr sagte: „Ich kenne niemandem, der in Theologie, Medizin und Dichtung solche Kenntnisse besitzt, wie Aisha.“ Und dies, obwohl sie bei Mohammeds Tod noch nicht einmal achtzehn Jahre als war.

Die Tradition Aishas und all jener, die selbstbewusst für ihre Rechte eintraten, lebt heute in vielen arabischen Frauen. Die Mehrheit aber wird von der schweren Bürde der patriar­chalischen Klassengesellschaft niedergehalten: Sie sind zu Gefangenen ihrer Familien, des Schleiers und jenes Herr­schaftssystems geworden, das sie hindert, am wirtschaftli­chen und sozialen Leben teilzunehmen.

erschienen in: Talktogether Nr. 12/2005